Politik



Frauen im politischen Leben der Stadt

Minna Faßhauer

Carla Amalie Mathilde „Tilla” von Praun

Martha Fuchs









Frauen im politischen Leben der Stadt

Häufig gab es auch in Braunschweigs Geschichte Versuche von Seiten der Frauen, politisch aktiv zu werden, Frauenrechte durchzusetzen oder einfach nur Mitspracherecht zu erkämpfen. Zwar der Wunsch zu Veränderungen vorhanden, doch ließ häufig die berufliche und private Situation kaum noch Platz für Selbstverwirklichung und aktive Frauen-Politik. Hinzu kam ein „Politik-Verbot“ für Frauen und eine Art selbstverständlicher Unmündigkeit, aus der sich „frau“ erst befreien musste.

Als das Sozialistengesetzes (Verbot von sozialdemokratischen, sozialistischen und kommunistischen Vereinen, u.a. auch Gewerkschaften, unter Bismarck am 21. Oktober 1878 beschlossen - aufgehoben 1890) aufgehoben wieder aufgehoben war, gewann die gewerkschaftliche Organisation Braunschweiger Frauen an Bedeutung. Man setzte sich für Arbeiterinnenschutz ein, neue Tarifverträge wurden unter anderem durch Streiks durchgesetzt, um nur einige der politischen Aktionen von Frauen zu nennen. Im folgenden werden drei in Braunschweiger Frauen vorgestellt, die maßgeblich an Veränderungen dieser für Frauen recht misslichen Situation hinsichtlich der Politik beteiligt waren.



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Minna Faßhauer






Minna Faßhauer (1875 - 1949): engagierte sich in der Braunschweiger Frauenbewegung, Politik und für den Frieden



Minna Faßhauer ( 10. Oktober 1875, Juli 1949) lernte bereits in ihrer Kindheit nach dem Tod ihres Vaters, sich selbst durchzuschlagen und hart zu arbeiten. Mit der Heirat mit Georg Faßhauer erhielt sie Zugang zur braunschweigischen Arbeiterbewegung und las sozialistische Schriften, in illegalen Frauengruppen setzte sie sich für die Interessen der weiblichen Arbeiterjugend und Emanzipation ein und hatte an der Aufhebung des Verbots politischer Frauenarbeit 1908 in der Braunschweiger Region großen Anteil.

Die engagierte Frauen- und Arbeiterrechtlerin trat 1916 dem Spartakusbund (Vereinigung radikaldemokratischer Sozialisten, von Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und Franz Mehring 1916 in Berlin gegründet) bei und versuchte dessen Einfluss in Braunschweiger Betrieben zu vergrößern. Als „Volkskommissarin“ übernahm sie ab 1918 die Aufgaben einer Kultusministerin, verantwortlich für die Volksbildung, wo ihr im November die Aufhebung der geistlichen Schulaufsicht gelang. Auf ihr Betreiben hin wurde die Religionsmündigkeit auf das Alter von 14 Jahren heruntergesetzt - sie regierte resolut, schlicht und ohne bürokratischen Aufwand.

Nach dem frühen Ende der Räterepublik 1919 wirkte Minna Faßhauer 1920 bis 1923 in einer Splittergruppe der KPD, der KAP (Kommunistische Arbeiterpartei), mit, wurde mehrfach verhaftet, angeklagt und vor Gericht gestellt.

Natürlich beteiligte sie sich auch aktiv am Widerstand gegen den Nationalsozialismus, war an Herstellung und Verteilung von Schriften wie beispielsweise „Kampfsignal“, „Der rote Rebell“ und „Deutscher Mann, was nun?“ beteiligt. Dementsprechend wurde sie wieder verhaftet und wegen Vorbereitungen von hochverräterischen Handlungen verurteilt und ins Konzentrationslager Moringen (Göttingen) gebracht. Nach der Befreiung kehrte sie nach Braunschweig zurück und kandidierte dort ab 1946 mehrere Jahre auf den Listen der KPD.






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Carla Amalie Mathilde („Tilla”) von Praun

Nach einer behüteten Kindheit stand Tilla Prauns ( 26. Juli 1877,  3. Dezember 1962) Leben im Zeichen der Hilfsbereitschaft und Aufopferung: Von 1908 an kümmerte sie sich um Strafgefangene in Wolfenbüttel, 1910 trat sie in den Vorstand des „Vaterländischen Frauenvereins“, reiste nach Edinburgh und besuchte dort Gefängnisse, Krankenhäuser, Wohlfahrtsanstalten und die Slums. Sie leitete während des Zweiten Weltkrieges viereinhalb Jahre die Sammelstelle des Roten Kreuzes in Braunschweig und verfügte dort über 1,5 Mio. Goldmark, bezahltes Personal sowie freiwillige Helferinnen, mit deren Hilfe Tilla von Praun zwei Lazarettzüge einrichtete und unter anderem 75.000 Pakete an die Front schickte.

Sie gehörte als einzige Frau unter elf Männern dem Verwaltungsrat der Neu-Erkeröder Anstalten bis zu seiner Auflösung durch die NSDAP 1944 an, erhielt bereits 1918 das Braunschweiger Verdienstkreuz wie auch die Rote Kreuz Medaille II. Klasse.





Tilla von Praun (1877 - 1962): Leben in Hilfsbereitschaft, Vorreiterin im Frauenrecht




1923 wurde sie schließlich in den Braunschweiger Landtag gewählt (DVP - Deutsche Volkspartei), bereicherte die Landespolitik durch Mitarbeit in unzähligen Vorstands- und Frauenausschüssen und anderen sozialen Einrichtungen. Sie wurde 1926 als einzige weibliche Abgeordnete des Freistaats Braunschweig von Reichspräsident Hindenburg im Schloss empfangen mit der Bemerkung „Frauen sieht man selten in den Parlamenten“.

Ab 1926 beschäftigte sie sich, wiederum als einzige Frau, im Landesvorstand des Evangelischen Bundes mit Konkordatsfragen, machte immer wieder in der Presse von sich hören. 1927 wurde sie erneut in den Landtag gewählt.

Dank ihres Engagements auf dem Kongress des Weltbundes für staatsbürgerliche Frauenarbeit (Berlin, Juni 1929) besuchten viele ausländische Frauen in führenden Positionen endlich auch Braunschweig.

Als Klagges (1891-1971, Regierungsrat im braunschweigischen Volksbildungsministerium, 1931 braunschweigischer Staatsminister für Inneres und Volksbildung, MdR für die NSDAP) beantragt hatte, Hitler zum Regierungsrat in Braunschweig zu ernennen und die DVP nur unter Protest zustimmte, wurden sämtliche Mitglieder der DVP verfolgt, Tilla von Praun stand fortan auf der schwarzen Liste der NSDAP.

Auch nach Kriegsende und Rückkehr nach Braunschweig 1949 trat sie keiner Partei mehr bei: „Ererbte Kräfte und neue Erkenntnisse ließen mich immer wieder den Boden finden, von dem das Leben seinen Fortgang nehmen konnte. Allerdings können fürstlicher Prunk, erworbener Reichtum und hohe Stellungen anderer Menschen mir nichts mehr bedeuten. Auf den Kern des Menschen kommt es an und die Triebfedern seiner Handlungen.“ (aus G. Armenat)

Dennoch widmete sie sich bis zu ihrem Tod Frauenverbänden, Frauen-Kulturkreisen und gründete sogar noch 82jährig die „Deutsch-Indische Gesellschaft“, in ihrem Haus trafen sich regelmäßig Studenten beider Länder. Kurz vor ihrem Tod bekam sie schließlich von Oberbürgermeisterin Martha Fuchs das Bundesverdienstkreuz am Bande überreicht. „Mein Stolz sind meine Jahre und das Leben, das sie umschließen. [D]ann hätte ich mein Leben vergebens gelebt, wenn es keine Spuren hinterlassen hätte!“ (aus: G. Armenat)





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Martha Fuchs





Martha Fuchs (1892 - 1966): Erste und einzige Oberbürgermeisterin der Stadt Braunschweig


Durch ihren Vater, Sozialdemokrat und Gewerkschafter, erhielt Martha Fuchs, geb. Büttner ( 01. Oktober 1892,  08. Januar 1966) schon recht früh Einsichten in gesellschaftliche Zusammenhänge. Da ihre Mutter früh starb, konnte sie ihre Grundschulausbildung zunächst nicht beenden, sondern widmete sich der Versorgung und Erziehung ihrer vier jüngeren Geschwister. Später besuchte sie die Handelsschule und war als Kontoristin tätig. Nach dem Ersten Weltkrieg arbeitete sie ehrenamtlich in der Armen- und Waisenpflege, bis sie mit ihrem Mann, Redakteur der sozialdemokratischen Zeitung „Volksfreund“, nach Braunschweig zog. Dort wurde sie als Vertreterin der SPD zur Stadtverordneten (1925) und als zweite Frau nach Tilla von Praun in den Landtag (1927) gewählt. Ab 1933, verwitwet, verdiente sie den Lebensunterhalt für ihre Familie mit Kochvorführungen und Bürotätigkeiten und organisierte illegale politische Treffs. Zwar wurden diese nie entdeckt, dennoch wurde Martha Fuchs von der Geheimen Staatspolizei verfolgt und verhört und war schließlich vom August 1944 bis April 1945 im Konzentrationslager Ravensbrück inhaftiert.

Gleich nach Kriegsende wurde sie bereits wieder politisch aktiv. Als Ratsfrau, Landtagsabgeordnete, Ministerin für Wissenschaft und Volksbildung. Nach der Gründung des Landes Niedersachsen war sie als Landtagsabgeordnete in Hannover und Staatskommissarin für das Flüchtlingswesen tätig, womit sie sich jedoch alleingelassen fühlte. Schwer krank verließ sie im Mai 1951 ihr Amt.

Nach ihrer Genesung Dezember 1951 startete sie erneut politische Aktivitäten, wirkte speziell im sozialen und kulturellen Bereich. 1959 wurde sie zur bislang ersten und einzigen Oberbürgermeisterin der Stadt gewählt. Fünf Jahre war sie im Amt, bis sie aus Altersgründen zurücktrat. Sie bekam das Große Verdienstkreuzes verliehen und wurde zur Ehrenbürgerin der Stadt Braunschweig ernannt.



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