Einzug der Nationalsozialisten in die braunschweigische Regierung

 

 

Die sozialdemokratische Regierung 1927-1930

Die Kultur- und Personalpolitik

Einzug der Nationalsozialisten in die braunschweigische Regierung

Streit um die Ministerien

Regierungsarbeit unter Minister Dr. Franzen und dessen Rücktritt

Klagges Amtsantritt und die Wende in der bisherigen Politik

Harzburger Front und Heerschau in Braunschweig

Hitlers Einbürgerung











Die sozialdemokratische Regierung 1927-1930

Seit der Landtagswahl 1927 regierte in Braunschweig eine sozialdemokratische Regierung. Ministerpräsident und Finanzminister war Dr. Heinrich Jasper. Das Volksbildungs- und Justizressort übernahm der Lehrer Hans Sievers. Gustav Steinbrecher übernahm das Innenministerium. Schwerpunkt der neuen Regierung war neben der Konsolidierung der Finanzen durch Dr. Heinrich Jasper, die Schul- und Personalpolitik, in der fast keinerlei Rücksicht auf die Interessen der bürgerlichen Parteien genommen wurden. Diese Regierung und die vollzogene Schulpolitik verschärften die Differenzen zwischen der Arbeiterbewegung und dem Bürgertum, was wiederum das Ergebnis der Landtagswahl 1930 für die Nationalsozialisten und für die Bürgerliche Einheitsliste (BEL) begünstigte. Zudem wurde das Verhältnis zwischen Bürgertum und Arbeiterbewegung durch die Beziehung zwischen Staat und Kirche verschlechtert.

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Die Kultur- und Personalpolitik

Schon im Februar 1928 legte die sozialdemokratische Regierung ein neues Gesetz über die staatliche Beaufsichtigung und Verwaltung des Unterrichts durch den Staat vor. Sievers ernannte Kuno Rieke zum Regierungsrat im Kultusministerium, nachdem er am 01. April 1928 20 neue Schulräte eingestellt hatte und die Schulaufsichtsbezirke neu eingeteilt hatte. Der frühere Minister Dr. Marquordt empörte sich über diese Maßnahmen, da seiner Ansicht nach die neu eingestellten Schulräte alle samt Dissidenten waren und christliche Schulen auch nur christliche Beamte beschäftigen sollten.

Diese Frage wurde auch der Hauptstreitpunkt zwischen der SPD und den Bürgerlichen und lieferte den bürgerlichen Parteien und den Nationalsozialisten im Wahlkampf 1930 das Propagandamaterial gegen die SPD. Sievers führte des weiteren die Schulgeldfreiheit für Kinder, deren Eltern ein geringfügiges Einkommen hatten, ein. Im Juni 1928 legte die Regierung ein ganzes Paket von Gesetzen vor: ein neues Staatsbeamtengesetz, Änderungen zum Polizeibeamtengesetz, Abänderungen zum Betriebsratgesetz und ein neues Beamten-Besoldungsgesetz, welches die Empörung hervorrief. Daraufhin warf der DVP-Vorsitzende Brandes in der Haushaltsdebatte vom 16. Oktober 1928 die Anfrage zur Personalpolitik der Regierung auf. Er warf der Regierung vor, dass Einstellungen parteiabhängig entschieden werden. Beispiele für ihn waren der Fall Riekel, der Professor an der Technischen Hochschule Braunschweig geworden war und die Fälle aus dem Justizministerium Dr. Curt Staff und Dr. Kopfstein. Zu der Einstellung von Dr. Kopfstein hatte auch der Oberlandesgerichtspräsident Louis Levin kritisch Stellung genommen und an dessen Fähigkeiten gezweifelt.

1929 wurde ein neues Berufsschulgesetz, welches den Staat als Träger des Berufsschulwesens gestaltete und die Ausdehnung der Berufsschulpflicht bis zum 18. Lebensjahr beinhaltete, durchgesetzt. Der Staat hatte demnach das alleinige Aufsichtsrecht, während die Gemeinden und die Kreisgemeindeverbände den größten Teil der Kosten tragen mussten. Im Februar 1929 bewirkten von Gron und Dr. Roloff mit der Infragestellung der Personalpolitik der SPD in der Haushaltsdebatte, so dass die Regierung für ihren Etat keine Mehrheit mehr gewinnen konnte.





Karikatur zum Bildungsplan des Herrn Sievers

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Einzug der Nationalsozialisten in die braunschweigische Regierung

Im September 1930 endete die Wahlperiode des Landtags und in Braunschweig wurde die Landtagswahl mit der Reichstagswahl am 14. September 1930 zusammengelegt. Nachdem in Braunschweig seit 1927 eine sozialdemokratische Regierung gewirkt hatte, die vor allen durch ihre Schul- und Personalpolitik den Zorn der Bürgerlichen auf sich zog, wollten die Bürgerlichen Parteien gemeinsam die Sozialdemokratische Regierung zu Fall bringen. Sie gründeten zusammen die Bürgerliche Einheitsliste (BEL).

Die Anhänger der braunschweiger SPD sahen den Feind in den Nationalsozialisten und gaben dies auch durch die Rede des Bezirksvorsitzenden Otto Grotewohl auf der Großkundgebung am 03. September 1930 im Konzerthaus bekannt. Dagegen verkündete Dr. Roloff am 10. September 1930 in Brünings Saalbau die Bereitschaft, mit jeder Partei, die national und antimarxistisch eingestellt sei, zusammenzuarbeiten. Die Wahl brachte folgendes Ergebnis: Die KPD erhielt 2, die SPD 17, die Staatspartei 1, die BEL 11 und die NSDAP 9 Sitze im Landtag.




Braunschweiger Allgemeiner Anzeiger vom 15.09.1930

Die Anhänger der Bürgerliche Einheitsliste wollten nicht mit der SPD regieren, so dass sie ihren Koalitionspartner in der NSDAP sah. Die Koalition erhielt zusätzlich, die Zustimmung von Hermann Schrader aus Holzminden. So schrieb am 27. September 1930 die Braunschweigische Landeszeitung, dass die Einheit erreicht sei.




Die beiden Fraktionen der NSDAP und der BEL im Saal des Landtags



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Streit um die Ministerien

Die Regierung umfasste vier Ministerien, die aus Spargründen durch zwei Minister, einen für Inneres und Volksbildung und einen für Justiz und Finanzen, geleitet  wurden. Das erste Ministeramt beinhaltete die Polizeigewalt und die Personalpolitik und war aufgrund dessen begehrt. Die NSDAP beanspruchte, dieses Amt für sich, und die Bürgerliche Einheitsliste (BEL) gab dieser Forderung nach, da sie keine andere Koalitionsmöglichkeit außer mit der SPD sah. Minister für Inneres und Volksbildung wurde nun der aus Kiel stammende Nationalsozialist Dr. Anton Franzen. Das Ministerium für Justiz und Finanzen wurde durch Dr. Werner Küchenthal (DVP) besetzt. Des Weiteren wurde Ernst Zörner Landtagspräsident und Dr. Wessel (DVP) Vizepräsident. Die Regierung unter Minister Franzen fing zunächst mit personal-politischen Säuberungen an: man wechselte höhere Beamte der SPD gegen eigene Parteianhänger aus. Es zeigte sich aber schnell, dass der antimarxistische Konsens, für eine gemeinsame Regierung nicht ausreichte, denn schon im Dezember griff die NSDAP ihren Koalitionspartner, die DVP, in einer Großkundgebung an.

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Regierungsarbeit unter Minister Dr. Franzen und dessen Rücktritt

Nachdem die Koalition der NSDAP mit der Bürgerlichen Einheitsliste (BEL) unter Hinzunahme des Volksparteilers Schrader gebildet worden war, ging die Regierung an die Arbeit. Es stellte sich schnell heraus, dass der neue Minister für Volksbildung und Inneres Dr. Franzen ein Nationalsozialist gemäßigter Natur war und man zunächst personal-politische Veränderungen vornahm: Man wechselte höhere Beamte und Professoren, die der SPD angehörten, gegen eigene Parteianhänger aus.

Franzen-Affäre

Dr. Franzen geriet bald in eine Affäre, die wohl zu seinem Rücktritt beigetragen hat: Er versuchte einen Nationalsozialisten in Berlin durch eine polizeiliche Absperrung zu schleusen und gab ihn vor den Polizeibeamten als Reichstagsabgeordneten aus, dessen Immunität gewährleistet werden musste. Dieser Versuch flog aber auf und die Presseangriffe müssen Dr. Franzen sehr belastet haben.




Sozialdemokratisches Flugblatt zur Franzen-Affäre

Franzen Amtsrücktritt

Wie kam es dazu, dass Dr. Franzen die einzige Ministerstelle der NSDAP im Reich aufgab? Die Gründe hier für sind nicht nur auf regionaler Ebene zu suchen, sondern auch in der Reichspolitik.

Nachdem die Nationalsozialisten und die Deutschnationalen am 10. Februar 1931 ihre Mitarbeit im Reichstag versagt hatten, kämpften sie von außen gegen das System und die Finanzpolitik Brünings an. Der Reichstag aber war beschlussfähig geblieben und der Reichshaushalt nochmals genehmigt. Dr. Franzen trat aufgrund der Notverordnungen der Regierung Brüning zurück, da er keine Maßnahmen durchführen wollte, die seine Partei im Reichstag abgelehnt hatte.

Klagges Amtsantritt

Der Rücktritt des nationalsozialistischen Ministers Dr. Franzen am 27. Juli 1931 bedeutete das Ende der Koalition. Das Problem, wie eine neue Koalition gebildet und Braunschweig regiert werden konnte, wenn sich die Bürgerliche Einheitsliste nicht auflöste, stellte sich nun. Die DNVP stellte eine Lösung in der Presseerklärung vom 01. August 1931 in Betracht, dass Braunschweig nur mit einem Minister, nämlich mit dem amtierenden Finanzminister Küchenthal regiert werden sollte. Man hoffte, dass die Nationalsozialisten Küchenthal auch weiter unterstützen werden. Aber die Frage blieb ungelöst. Hitler hatte schnell einen Ersatz für Dr. Franzen gefunden: Dietrich Klagges.

Die Anhänger der Bürgerliche Einheitsliste (BEL) glaubten hingegen, dass man in der Notverordnung von Brüning, infolge des großen Bankenzusammenbruchs, die Sparmaßnahme einer Ein-Minister-Regierung legitimieren konnte.

Massenauftritte der NSDAP und Hitlers persönliche Eingriffe

Die NSDAP trat in einer großen Massenveranstaltung in der neuen Stadthalle in Braunschweig den Kampf gegen die Koalitionspartner an, um den zweiten Ministerplatz wieder für sich zu beanspruchen. Der Fraktionsführer der NSDAP Groh wurde zwischenzeitlich durch Bertram ersetzt und Groh, der den Austritt Dr. Franzens im Landtag rechtfertigte, trat von seinem Amt mit einer Stellungnahme zu den Gründen zurück, bevor ihm der Ausschluss drohte. Die Bürgerliche Einheitsliste (BEL) wehrte sich gegen den zweiten Minister für die NSDAP.

Am 06. September wurde Dietrich Klagges als Ministerkandidat für die am 15. September stattfindende Landtagssitzung genannt. Die Bürgerliche Einheitsliste (BEL) lehnte ihn aber am 07. September 1931 ab. Die NSDAP-Landtagsfraktion antwortete daraufhin am 08. September 1931 mit einem Ultimatum, dass die Bürgerliche Einheitsliste (BEL) bis zum 10. September ihre Zustimmung für die Wiederbesetzung des Ministeriums geben soll. Ansonsten wollte die NSDAP den Koalitionsbruch als gegeben hinnehmen.

Hitler griff daraufhin persönlich in die Verhandlungen ein und schrieb einen Brief an Hugenberg, in dem er sich über die DNVP beschwerte. Hitler machte die Teilnahme an der Harzburger Front offensichtlich von der Zustimmung der DNVP zu dem nationalsozialistischen Minister abhängig. Hugenberg wandte sich an die DNVP in Braunschweig, um die Harzburger Front nicht zu gefährden. Gleichzeitig schrieb er einen Brief an Hitler, in dem er seine Enttäuschung über das gegebene Ultimatum äußerte. Aber Hitler hatte schon fast die Entscheidung, da die Deutschnationalen dem Ultimatum nachgaben. Der DVP gegenüber, die sich immer noch gegen diese Entscheidung wehrte, brachte die Führung der DNVP zum Ausdruck, dass beim weiteren Widerstand der DVP, Neuwahlen in Betracht kämen. Da die Anhänger der DVP bei Neuwahlen mit einem Verlust an Stimmen  rechneten, stimmten sie dem zweiten Minister zu.

Die Wahl Klagges zum Minister

Es war aber zu dem Zeitpunkt noch nicht sicher, ob Klagges die Mehrheit im Landtag erreichen würde. Am 12. September 1931 wurde nochmals eine Massenveranstaltung organisiert, auf der Hermann Göring sprach. Die Deutschnationalen ließen durch eine Presseerklärung des Kreisvorsitzenden Dr. Langebartels, ihre Zustimmung zum zweiten Minister verkünden. Die Wahl Klagges machte kaum noch Schwierigkeiten, wenn die Anhänger der Bürgerlichen Einheitsliste (BEL) ihre Zustimmung gaben. Ein Zufall half dazu bei, dass Klagges gewählt worden war: Der kommunistische Abgeordnete Gmeiner war für mehrere Sitzungstage ausgeschlossen und konnte nicht wählen. Klagges wurde am 15. September 1931 mit 20 gegen 19 Stimmen gewählt.

Siegesumzug und politische Wende in Braunschweig

Hitler hatte wieder eine Machtbastion im Land und Klagges hob am 19.September das Umzugsverbot auf, damit am 20. September 1931 ein Siegesumzug stattfinden konnte. Mit dem Amtsantritt Klagges vollzog sich die Wende in der Politik Braunschweigs. Nach Dr. Franzens Amtsrücktritt zeigte sich zunehmend die aggressive Haltung der NSDAP gegenüber den bürgerlichen Parteien. Die bürgerlichen Parteien waren in ihren politischen Aktivitäten durch Erpressungen und Angriffen seitens der Nationalsozialisten eingeschränkt und standen der politischen Wende meist fassungslos gegenüber. Klagges hatte mit seinem Amt nicht nur die Befugnis über die Volksbildung, sondern auch die Befugnis über die Polizeigewalt, was den Nationalsozialisten einen Vorteil verschaffte.

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Klagges Amtsantritt und die Wende in der bisherigen Politik

Die aggressive Politik der Nationalsozialisten nach dem Amtsantritt Klagges ist gekennzeichnet durch die Zielstrebigkeit des Ministers Klagges, was sich in den willkürlichen Eingriffe in die Pressefreiheit, Eingriffe in die Polizeigewalt und Unterwanderung der Polizei, Sturz des Staatsbankpräsidenten, Versuch die akademische Freiheit der Technischen Hochschule zu beschneiden zeigte.

Willkürliche Eingriffe in die Pressefreiheit

Nachdem der sozialdemokratische Volksfreund nach der Herrschau der Nationalsozialisten am 18.10.1931 über massive Ausschweifungen und Gewalttaten der SA-Leute berichtete, verhängte Klagges ein Verbot über die Zeitung für acht Wochen. Die SPD beschwerte sich daraufhin beim Reichsinnenminister, der das Verbot auf zehn Tage beschränkte. Darauf reichte Klagges Beschwerde beim Reichsgericht in Leipzig ein, welches am 04. November 1931 die Verkürzung des Verbots des Reichsministers für rechtens anerkannte.

Ein neuer Anlass für ein Verbot der sozialdemokratischen Zeitung ließ sich aber schnell finden. Als der Landtag die SPD-Frage über die Polizeigewalt in hitzigen Sitzungen diskutierte, berichtete der Volksfreund darüber. Daraufhin ließ Klagges die Zeitung wiederum verbieten mit der Begründung, dass man den Minister böswillig beschimpfte. Die SPD legte wiederum Beschwerde beim Reichsinnenminister ein, der das Verbot wieder aufhob. Wiederum beschwerte sich Klagges beim Reichsgericht, der das Verbot am 05. Dezember 1931 aufhob. Der Volksfreund hatte ab dem Regierungsantritt von Klagges oft mit solchen Verboten zu kämpfen. Aber auch andere Zeitungen waren von der Boykottierung der Nationalsozialisten betroffen.

Eingriffe in die Polizeigewalt

Mit der Übernahme des Ministeriums für Volksbildung und Inneres, hatte Klagges die Kontrolle über Polizeigewalt. Dies zeigte sich bei dem Aufmarsch der SA und der SS am 18. Oktober 1931: ein Polizeiwachtmeister, der während des Aufmarsches der SA versucht hat, eine Schlägerei in der Friesenstraße zu lokalisieren, in dem er ein weiteres SA-Trupp, dass sich in die Schlägerei mengen wollte, davon abhielt, wurde sofort fristlos aus dem Dienst entlassen mit der Begründung, dass er schwer gegen die Manneszucht und das Ansehen der Polizei verstoßen habe. Er habe die SA daran gehindert und zu dem noch einen SA-Mann verletzt, die ihren Kameraden helfen wollten.

Auch wurde eine fristlose Entlassung eines Polizeiwachtmeisters erwirkt, den man beschuldigte, dass er gesagt haben soll, dass wenn er erst in Braunschweig Dienst täte, er seine Wut an den Braunhemden auslassen würde. Der bloße Verdacht auf anti-nationalsozialistische Gesinnung reichte aus, den Polizeiwachtmeister aus dem Dienst zu entlassen.

Unterwanderung der Polizei

Auch die Polizei wurde nach Klagges Amtsantritt systematisch durch die Nationalsozialisten unterwandert. In der Polizeischule Holzminden, in der Hauptwachtmeister Krebs für die Parteiarbeit der NSDAP zuständig war, zeigte sich, dass im Februar 1932 fast alle Schüler der Polizeischule dem nationalsozialistischen Polizeibeamtenverband angehörten. Dies beruht darauf, dass fast alle Lehrer der Schule der Partei angehörten und fast nur nationalsozialistische Zeitungen in den Räumen auslagen.

Doch die Mehrzahl der Polizeibeamten gehörte dem Landesverband der Polizeibeamten an. Um die Polizeibeamten in den eigenen Verband einzuschließen, wollte man den regulären Verband verbieten. Ein Anlass dazu fand sich am 16. Januar 1932, in dem der Landesverband seine Jahrestagung abhielt, zu der auch die Vertreter der öffentlichen Behörden und der Parteien eingeladen waren. Zur Eröffnung wurden verschiedene Reden der Vertreter gehalten. Den Sprecher der KPD bat der Vorsitzende des Verbandes Polizeiwachtmeister Hardt auf keinen Fall politisch zu sprechen. Der Kommunist verfiel aber dem politischen Stil, worauf die Vertreter des Ministeriums aufgrund dessen, dass sie sich beleidigt fühlten, den Saal verließen. Der Verband beschloss darauf hin den Vorfall öffentlich zu bedauern. Klagges verbot den Verband am 19. Januar 1932 schlicht weg. Der Bundesvorstand des deutschen Beamtentums sprach mit Entrüstung von einer willkürlichen Handlung und der Vorsitzende Flügel bezeichnete das Verbot als rechts- und verfassungswidrig. Der Landtag sollte Stellung zu dieser Debatte nehmen, was dieser, wahrscheinlich aus Furcht als „kommunistenfreundlich“ stigmatisiert zu werden am 04. Mai 1932 ablehnte. Damit wurde der Vorsitzende des Landesverbandes Hardt aus dem Polizeidienst entlassen und das Verbot war rechtsgültig.

Eingriffe in die Hochschulpolitik

Die Nationalsozialisten versuchten auch die akademische Freiheit der Technischen Hochschule zu beschneiden. Der Konflikt entbrannte am 05. November 1931 mit einem Streit zwischen einem bulgarischen Studenten und einer deutschen Studentin. Der bulgarische Student hatte sich über die Unhöflichkeit der deutschen Studentin geäußert, welches die deutsche Studentin wiederum als Beleidigung aufnahm. Der Kommilitone soll gesagt haben, dass die Studentin sich wie ein Dienstmädchen benommen habe. Diese beschwerte sich bei dem nationalsozialistischen Studenten Axel Schaffeld, der Kreisamtsleiter der Nationalsozialistischen Studentenbundes (NSDStB) war. Dieser stellte den bulgarischen Studenten Stojanoff zur Rede und fühlte sich im Laufe des Gesprächs als „Sauboche“ betitelt. Der Ungar habe damit die deutsche Ehre angegriffen. Bei diesem politischen Schimpfwort musste eine disziplinarische Untersuchung erfolgen, mit welcher der Architekturprofessor Dr. Mühlenpfordt beauftragt wurde. Mühlenpfordt entschied, dass Stojanoff einen Verweis erhielt. Die Beleidigung konnte ihm nicht nachgewiesen werden. Schaffeld organisierte daraufhin aus Empörung über das milde Verfahren, eine studentische Vollversammlung. Die Studentenvollversammlung erreichte eine Annahme einer Entschließung gegen Mühlenpfordt und die Beauftragung eines studentischen Untersuchungsausschusses. Der amtierende Rektor, Prof. Dr. Otto Schmitz, wies die Vorwürfe gegen Mühlenpfordt zurück. Daraufhin kündigten die nationalsozialistischen Studenten einen Hochschulstreik für den 15. und 16. Dezember an und die Presse schaltete sich ein. Nun schaltete sich auch Klagges ein und diskutierte mit zwei nationalsozialistischen Studenten am Tage des Streiks über die Ausweisung des ungarischen Studenten und ein Eingreifen des Ministers in die Disziplinargewalt der Hochschule. Der Innenminister Klagges sorgte für die Ausweisung des Studenten und es wurde eine neue Untersuchung an der Hochschule veranlasst. Stojanoff wurde in Folge dessen relegiert, aber es wurde auch ein Disziplinarverfahren gegen ein Mitglied des NSDStB eröffnet. Stojanoffs Ausweisung wurde nun damit begründet, dass er das deutsche Volk beleidigt hätte und der Völkische Beobachter vom 27. Januar 1932 drohte Schmitz und Mühlenpfordt, dass für sie im Dritten Reich kein Platz wäre.

Der Hochschulkonflikt hatte die bürgerlichen Politiker sehr erregt, doch Brandes, der Vorsitzende der deutschen Volkspartei, verhinderte die Debatte im Landtag durch seinen Hinweis auf die notwendige Erörterung im Rechtsausschuss. Der Antrag auf Schluss der Debatte durch den Klagges-Referenten Schmidt-Bodenstedt, wurde dann im Landtag angenommen. Es herrschte plötzlich Ruhe zwischen den Nationalsozialisten und den bürgerlichen Parteien da Klagges für den Auftrag, Hitler die deutsche Staatsbürgerschaft zu verschaffen, die Hilfe der bürgerlichen Parteien benötigte.

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Harzburger Front und Heerschau in Braunschweig

Die Aufhebung des Umzugsverbotes am 19. September 1931 durch den neuen Minister Klagges, ermöglichte die Harzburger Tagung. Die Verhandlungen über die Teilnahme an der Harzburger Tagung konnte nach dem Streit um den zweiten Minister für die NSDAP in Braunschweig wieder aufgenommen werden.

Frick hatte Mühe die Teilnahme an der Harzburger Front vor seinen Parteigenossen zu rechtfertigen, da die Teilnahme eine taktische Maßnahme war, die durch die Situation, in der Brüning sich befand, hervorgebracht worden war. Nach dem Austritt der Rechts-Opposition aus dem Reichstag, war der Reichstag noch beschlussfähig, aber ist seitdem nicht mehr zusammengetreten. Die Opposition verwertete diese Tatsache in der Propaganda gegen die Regierung, da die Regierung mit der Ausschaltung des Parlaments den Volkswillen ausschaltete. Der Wunsch Hindenburgs war es, dass das neue Kabinett unabhängig vom Reichstag zusammengestellt werde. Die Regierung und der Reichstag waren also getrennt und die Republik lag in den Händen des Reichspräsidenten.

Die Tagung in Harzburg sollte den wirklichen Willen des Volkes demonstrieren. Die DVP beteiligte sich auch an der Harzburger Tagung nach einigen Verhandlungen. Am 13. Oktober sollte die neue Regierung vor den Reichstag treten. Davor tagten die beiden Reichstagsfraktionen über ihre Haltung zu der neuen Regierung. Am 10. Oktober 1931 hielten die Deutschnationalen und die NSDAP getrennte Sitzungen ab, dessen Ergebnisse waren, dass Hugenberg die gemeinsamen Interessen mit Hitler verkündete und die NSDAP kundgab, dass sie bei der Nationalen Opposition dabei sei. Vor den Parteigenossen wurde dieser Entschluss gerechtfertigt, dass die Arbeit im Reichstag nur dazu dienen würde die Regierung Brüning zu stürzen. Diese Rechtfertigung war deshalb nötig, da die Genossen sich lieber dem Kampf auf der Straße widmeten statt dem Parlament, da sie das ganze System verabscheuten. Für die neue Opposition stellten sich nun zwei Wege, um die Regierung Brüning zu stürzen: Der erste Weg, den man wahrscheinlich nehmen wollte, bestand über eine Reichstagsmehrheit, die erst bei Neuwahlen in Betracht kam. Die NSDAP wollte sich somit, solange eine absolute Mehrheit nicht zu erwarten war, die eine Möglichkeit lassen die Regierung zum Sturz zu bringen. Hugenberg wollte wahrscheinlich um Hitler zu kontrollieren eine Koalition mit der NSDAP eingehen. Doch Hitler wollte von Anfang an allein die Macht.

Der zweite Weg bestand über den Reichspräsidenten. Hugenberg wollte Hindenburg für eine Rechtskoalition gewinnen und somit für einen Kanzler der nationalen Opposition. Als Hitler seinen ersten Besuch beim Reichspräsidenten am 10. Oktober erstattete, war für Hindenburg jedoch klar, dass Hitler nie Kanzler wird. Hitler zog wahrscheinlich von dort an in Betracht als Reichspräsident zu kandidieren.

Am 10. Oktober fand eine Tagung zur Harzburger Front statt, in der Hitler nicht erschien und auch am 11. Oktober ließ Hitler auf sich warten. Er ließ sogar ausrichten, dass er nicht am Nachmittag sprechen werde. Zudem wurde das Bild der Eintracht durch die Gewaltakte der SA-Leute gegen einen Harzburger Stadtverordneten getrübt. Hitler sprach aber doch noch auf der Versammlung. Er ließ dabei deutlich erkennen, dass die NSDAP nicht zu der Nationalen Opposition gehöre. Hitler erkannte bei der Tagung die Schwäche der bürgerlichen Parteien: Sie konnten keine Massen begeistern und bewegen.

Herrschau in Braunschweig

Nach der Teilnahme an der Harzburger Front, die Hitler im nachhinein als schweren Fehler sah, da er selbst die Macht an sich nehmen wollte, demonstrierte er eine Woche später seine Macht in Braunschweig. Die Harzburger Front sah gegen den Aufmarsch der SA und der SS wie ein fehlgeschlagener Versuch aus. Am 17. Oktober 1931 reisten in 40 Sonderzügen und in über 5000 Lastwagen über 100000 SA- und SS-Leute ein, um die Macht der NSDAP in Braunschweig zu demonstrieren. Klagges hatte schon einen Monat zuvor das Umzugsverbot im Lande Braunschweig aufgehoben, so dass ein Umzug auch nur in Braunschweig organisiert werden konnte. Auf dem Franzschen Feld teilte Hitler seine Leute in 24 Standarten, die dann an Hitler, der sich vor das Schloss stellte, mit Kampfliedern und Fahnen über sechs Stunden lang an ihm vorbeizogen. Hitler gelang es durch diesen Aufmarsch auch die Bürgerlichen (DVP) trotz der Gewaltakte der SA-Leute, durch die mehrere verletzt wurden und auch zwei Bürgern das Leben kostete, zu begeistern. Die Polizei hatte zwar alle Mühe für Ruhe und Ordnung zu sorgen, doch war die Unterwanderung der Polizei schon so vorangeschritten, dass die Mehrzahl mit der SA sympathisierte. Die vielen Verletzten und die Toten waren Klagges trotzdem unangenehm vor den Bürgerlichen. Hugenberg drohte sich gegen Hitler zu wenden, wie er auch gegen den Young-Plan und gegen die Regierung Brüning gekämpft hatte. Daraus resultierte, dass bei der Reichspräsidentenwahl 1932 Duesterberg aufgestellt wurde, der den 2. Wahlgang erzwang. Doch fielen nach seinem Rücktritt seine Anhänger an Hitler. Nachdem der Aufmarsch beendet war fiel die große SPD-Frage über die Handhabung der Polizeigewalt. Doch der Oppositionsführer Dr. Jasper erhielt während seiner Ansprache über die Frage in der Landtagsdebatte am 02. November 1931 nur Beleidigungen, so dass die ganze Fraktion den Landtag verließ. Die Bürgerliche Einheitsliste (BEL) saß währenddessen fassungslos vor dem neuen Stil, der den Landtag beherrschte. Die DVP drohte am 02. Februar mit einem Bruch der Koalition aufgrund der von Klagges geführten Politik, kurz vor der Bekanntgabe, dass Hitler eingebürgert wird und bei den Reichspräsidentenwahlen kandidieren wird.




Darstellung der Herrschau im illustrierten Beobachter




Braunschweiger Herrschau am 18. Oktober 1931




Hitler bei der Herrschau am 18. Oktober 1931



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Hitlers Einbürgerung

Am 22. Februar 1932 verkündete Joseph Goebbels in einer Rede im Berliner Sportpalast, dass Hitler Reichspräsident werde. Schon am 01. Februar 1932 berichtet die Deutsche Allgemeine Zeitung über die geplante Einbürgerung Hitlers durch die Ernennung dessen zum Professor für Pädagogik an der Hochschule in Braunschweig. Dietrich Klagges wurde mit diesem Anliegen beauftragt und er sah in dem Werk von Hitler Mein Kampf die Qualifikation Hitlers zum Professor.




Karrikatur zur Hitlers geplanten Professur im sozialdemokratischen Vorwärts

Dies war für Klagges kein leichter Auftrag.

Der Ernennung eines Beamten bedurfte die Gegenzeichnung des Ministers Dr. Küchenthal, der sich frühzeitig über die Stimmung in der Koalition zu diesem Anliegen informieren wollte. Er versuchte er die Bürgerliche Einheitsliste für seine Pläne zu gewinnen. Doch die DVP war aufgrund der Politik der NSDAP seit dem Amtsantritt Klagges  nicht für dieses Unterfangen zu gewinnen.

Im Landtag vom 17. Februar 1932 erfragte Dr. Jasper, was an den Gerüchten, dass Hitler Professor werden soll, dran ist. Doch der Fraktionsvorsitzende der NSDAP Bertram bestritt, dass so ein Anliegen an die Partei herangetreten sei. Schrader verkündete jedoch, dass er das Anliegen ablehnen werde und so war abzusehen, dass keine Mehrheit zu erwarten war. Doch zeigte sich die Koalitiongefährdung durch die DVP als gebannt, da Dingeldey an Brandes am 15.Februar 1932 seine Zustimmung schrieb. Zu dem konnte sich die DVP einen Bruch der Koalition aufgrund der zu erwartenden Niederlage bei Neuwahlen nicht leisten. Die Deutschnationalen jedoch gaben aber ihre Ablehnung gegenüber dem Plan, Hitler zum Professor zu ernennen, bekannt.

Die Stelle des Professors für Pädagogik war zudem auch noch vakant, nachdem man Dr. Rieckel entfernt hatte. Wäre dies nicht so gewesen, hätte man eine neue Planstelle einführen müssen, die der Zustimmung des Landtags bedurfte. Die Berufung Hitlers zum Professor hätte allerdings durch den Senat der TU durchgeführt werden müssen, dieses Unterfangen bestimmt ablehnte. Klagges wollte daraufhin die Professur in eine Professur für Politik verwandeln, da es dann das Recht des Ministeriums gewesen wäre, die Stelle zum ersten Mal zu besetzen.

Zu diesem Anliegen rief er am 19.Februar 1932 die Vertreter der Fraktion der Bürgerlichen Einheitsliste, den Fraktionsvorsitzenden Prof. Dr. Roloff, die Parteivorsitzenden Baumann (DNVP) und Brandes (DVP) und einen zusätzlichen Vertreter der DVP Wessel oder Marquordt zu sich. Die Vertreter ließen aber schnell erkennen, dass Sie die Unterzeichnung der schon erstellten Urkunde durch Küchenthal nicht billigen werden und somit verzichteten Klagges und Küchenthal auf die Unterzeichnung.

Hitler wird Regierungsrat

Zum gleichen Zeitpunkt schaltete sich Berlin durch die Parteiführungen der DNVP, DVP und der NSDAP ein. Aber der Reichstagsabgeordnete Quaatz konnte keine Zustimmung für die Berufung Hitlers erreichen und auch Hitlers Rechtsberater Frank vermochte dies nicht. Daraufhin trafen sich Zörner und Frank mit dem Vorstandsmitglied der DVP Heimbs, der den beiden versprach, Dr. Wessel für diesen Plan zu gewinnen. Von Dr. Wessel kam die entscheidende Idee, dass Hitler eine Stelle bei der braunschweigischen Gesandtschaft beim Reichsrat in Berlin einnehmen sollte. Während die Bürgerliche Einheitsliste am 22. Februar 1932 noch über den Vorschlag der Ernennung Hitlers zum Professor diskutierte, hat die Deutsche Volkspartei den Wessel-Plan schon gebilligt. Am 23.02.1932 erhielt Küchenthal die amtliche Zustimmung der DVP. Klagges, der von dem Schreiben noch nicht unterrichtet war, traf sich am selben Tag noch mit Hitler und Frick, nachdem Frick vor der Reichsfraktion die Lage beschrieben hat und stellte Hitler seine Einbürgerung zum 24.02.1932 in Aussicht. Küchenthal reiste unterdessen am 24.02.1932 nach Berlin, um mit dem braunschweigischen Gesandten im Reichsrat, Dr. Friedrich Boden, den Plan zu erörtern. Boden legte diesem Anliegen keine Steine in den Weg und holte sich sofort die Zustimmung des Staatssekretärs Dr. Weismann vom preußischen Staatsministerium. Am gleichen Tag tagte der Haushaltsausschuss des Landtags in Braunschweig und bewilligte auf Antrag des Ministeriums die Regierungsstelle beim Landeskultur- und Vermessungsamt, von der aus Hitler an die braunschweigische Gesandtschaft nach Berlin überwiesen werden konnte. Diese Zustimmung wurde nicht ohne Schwierigkeiten erlangt. Dingeldey übergab in der Annahme, dass Hitler dieses Amt auch ausführen würde, seine Zustimmung telephonisch, so dass Brandes und Dr. Wessel die Zustimmung der DVP Zörner und Klagges am Abend des 24. Februars versichern konnten. Der Vorstand der DVP stimmte am 25.02.1932 zu. Nachdem am Abend die Unterschriften von Klagges und Küchenthal vollzogen waren, feierte die NSDAP ihren Triumph mit 16 Massenveranstaltungen. Mit der deutschen Staatsbürgerschaft konnte Hitler dann auch bei den Reichspräsidentenwahlen 1932 kandidieren. Es folgten im Entscheidungsjahr 1932 bis zur endgültigen Machtübernahme im Januar 1933 noch die Reichstagswahlen vom Juli und November 1932.





Die amtliche Zustimmung der DVP zu Hitlers Einbürgerung

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