Interview mit Kai Drewes – Doktorand am Historischen Seminar, Abteilung Neuere Geschichte.

Von Brenda Frey und Lars Winckelmann am 25.01.2007 durchgeführt.

 

Kai Drewes, Sie sind Doktorand am Historischen Seminar der TU Braunschweig. Wie sind Sie dazu gekommen? Bitte geben Sie uns einen kleinen Einblick in Ihren Lebenslauf.

Ich habe zunächst Politikwissenschaft im Hauptfach studiert, und nach zwei Jahren bin ich zur Neueren Geschichte gewechselt. Meine Nebenfächer waren Literatur- und Medienwissenschaften. Mein Entschluss, Politikwissenschaft zu studieren, hängt damit zusammen, dass ich mich als einen politischen Menschen begreife. Mein Entschluss, zur Neueren Geschichte zu wechseln, hängt damit zusammen, dass ich mich beruflich vom parteipolitischen Betrieb fernhalten wollte. Ich habe aber auch nach meinem Studiengangwechsel mit Gewinn an Veranstaltungen der Politologen im Bereich internationale Beziehungen teilgenommen.

Wie und wann sind Sie zu dem Entschluss gekommen zu promovieren?

Was für ein Thema hat Ihre Promotion?

Mein Promotionsprojekt beschäftigt sich mit jüdischem Adel im 19. Jahrhundert. Darunter sind in erster Linie Neuadlige jüdischen Glaubens zu verstehen, was in einer christlich dominierten Umwelt eine Besonderheit darstellte. Die Fragen, die mich besonders interessieren, sind die, inwieweit im 19. Jahrhundert Judentum und Adel überhaupt vereinbar waren und welche Bedeutung dem Vorhandensein eines jüdischen Adels beigemessen wurde. Konkret erforsche ich in erster Linie Adelsverleihungspraktiken in drei großen Monarchien, nämlich in Preußen, Österreich-Ungarn und Großbritannien. Außerdem interessieren mich die Selbstwahrnehmung jüdischer Adliger, auch ihre zum Teil europaweiten Heiratsverbindungen und dergleichen mehr, ggf. auch jüdische und nichtjüdische Stimmen über jüdischen Adel.

Gibt es biografische Gründe für Ihre Themenwahl?

Ich habe weder einen jüdischen noch einen adligen Familienhintergrund, aber ein generelles Interesse für die Geschichte von Führungsschichten wie auch für jüdische Geschichte. Daher kamen mit der Zeit einfach verschiedene Beobachtungen zusammen. Ich habe gemerkt, es gibt da überhaupt eine Schnittmenge zwischen Judentum und Adel, und es gibt relativ wenig Forschung dazu. Auf der anderen Seite wurde das ganze Phänomen vor hundert Jahren teilweise sehr intensiv wahrgenommen, z.B. von antisemitischer Seite, aber auch in heute noch wichtigen Romanen aus der Zeit um 1900, bspw. von Heinrich und Thomas Mann oder Theodor Fontane. Das heißt, es war damals ein Thema! Man kann daran meiner Meinung nach einiges ablesen. Jüdische Adlige waren nicht nur für sich genommen eine interessante Gruppe, sondern auch eine Projektionsfläche für alles Mögliche. Deswegen hoffe ich, durch meine Arbeit einen interessanten Beitrag zu liefern sowohl für die Judentumsforschung wie für die Adelsforschung.

Ein sehr interessantes Thema, worauf wir später gern noch einmal näher eingehen würden, besonders auf die geschichtswissenschaftlichen Aspekte.

Zunächst seien uns noch einige Fragen zu den eher formalen Faktoren einer Promotion erlaubt. Welche Fähigkeiten und Fertigkeiten sollte man aus dem Studium mitbringen, um eine gute Doktorarbeit anzufertigen?

Das Wichtigste, was gelernt werden sollte in einem Geschichtsstudium, ist die Fähigkeit, Fragen zu stellen, Zusammenhänge zu sehen und gewisse Arbeits- und Recherchetechniken zu entwickeln. Das ist auch viel wichtiger als nur auf Fakten und Zahlen zu schauen. Ein gutes Allgemeinwissen ist aber immer eine große Hilfe.

Ist der Doktorgrad für Sie notwendig, um einen bestimmten Beruf ausüben zu können? Wie schätzen Sie die Berufschancen für einen Historiker mit Doktortitel ein bzw. wie ohne?

Meine Entscheidung zu promovieren hängt sowohl mit Neigung als auch mit Pragmatismus zusammen. Ich arbeite sehr gern wissenschaftlich, verspreche mir aber auch Vorteile durch den Doktortitel in beruflicher Hinsicht. Historiker, insgesamt alle Geistes- und Sozialwissenschaftler sind heute in allen möglichen Berufsfeldern tätig, aber was die klassischen Berufsfelder für Historiker betrifft, ist der Doktor heute noch wichtiger als früher. So ist für die Laufbahn eines wissenschaftlichen Archivars oder Bibliothekars der Doktortitel heute eigentlich unumgänglich.

Welche Auflagen müssen erfüllt werden, um zu promovieren?

Mittlerweile ist eine möglichst rasche Anmeldung beim Dekanat gefordert. Das ist aber eher eine Formsache. Das A und O ist, dass man einen Betreuer oder eine Betreuerin hat. Daraus ergibt sich alles andere. Dies ist auch wichtiger als die Abschlussnote vom Studium. In der Promotionsordnung unserer Fakultät wird nicht zwingend verlangt, dass man ein gut oder sehr gut haben muss. Auf der anderen Seite ist es in den Geisteswissenschaften äußerst selten, dass jemand promoviert, der sein Studium nicht mit eins oder zwei abgeschlossen hat.

Das wichtigste ist also die Betreuung. Wahrscheinlich ergibt sich das schon während des Studiums. War das bei Ihnen der Fall?

Ja. Und ich habe auch die Magisterarbeit bewusst als eine Testphase verstanden. Ich kann auch jedem nur dazu raten, der promovieren möchte, das nicht bei jemandem zu tun, den er oder sie noch nicht kennt oder umgekehrt. Auch das Verhältnis zwischen Betreuer/Betreuerin und Doktorand gehört zum A und O. Insofern sollte sich das in der Tat möglichst schon aus dem Studium ergeben. Also wer sich dort relativ stark einbringt, in Veranstaltungen und darüber hinaus, wird auch am ehesten als Doktorand angenommen werden. Insofern sollte man sich frühzeitig Gedanken machen. Und das gilt natürlich auch ganz allgemein. Promovieren bedeutet, dass man drei oder vier Jahre damit zubringt. Deshalb sollte man sich vorher sehr genau klar machen, ob und warum man das möchte.

Sind Sie zufrieden mit Ihrer Betreuung?

Ja, ich bin sehr zufrieden, vor allem weil unsere Dozenten sehr zugänglich sind. Diesen kooperativen Stil habe ich schon im Studium sehr geschätzt, z.B. auf den Exkursionen oder wenn Lehrende, Promovierende und Studierende nach dem Kolloquium selbstverständlich gemeinsam zum Italiener gehen. Außerdem ist das Verhältnis zwischen den Doktoranden des Seminars ausgesprochen freundschaftlich.

Neben diesen äußerst wichtigen Faktoren ist die Finanzierung ebenso notwendig. Welche Möglichkeiten der Finanzierung gibt es? Ist das Schreiben der Arbeit bei gleichzeitigem Jobben möglich?

Ich selbst bin momentan Stipendiat des Leo Baeck Fellowship Programms, eines Sonderprogramms der Studienstiftung für Forschungen zur deutschsprachig-jüdischen Geschichte und Kultur, und habe damit sozusagen das große Los gezogen. Es ist meistens sehr schwierig zu promovieren und gleichzeitig zu arbeiten, insbesondere wenn die Arbeitsstelle mit dem Promotionsprojekt direkt nichts zu tun hat. Jede Stelle, auch eine Halbtagsstelle, frisst viele Ressourcen, insofern ist eine Projektstelle, ein Platz in einem Graduiertenkolleg oder ein Stipendium schon das Beste, was es gibt. Grundsätzlich kann man jedoch immer promovieren, wenn man nur einen Betreuer oder eine Betreuerin findet. Die Betreuung ist der erste Schritt, und die Finanzierung ist eine zweite Frage.

Die Doktorarbeit ist also ein Fulltimejob, wenn man sie innerhalb einer bestimmten Zeit schreiben möchte und nicht zehn Jahre damit zubringen will.

Ich kann nur empfehlen, sich möglichst auf die Doktorarbeit zu konzentrieren. Es ist zwar prinzipiell möglich, die Arbeit zehn Jahre hinzuziehen, aber empfehlen würde ich es nicht. Hinzu kommt noch, dass heutzutage durchaus mehr verlangt wird als früher. Das sieht man allein schon am Umfang früherer Doktorarbeiten im Vergleich zu heute. Der Unterschied ist ganz immens: Der Seitenumfang ist teilweise fast zehnfach gestiegen. Die herausragenden Arbeiten, die auch stark wahrgenommen werden, sind heute nicht unter 500 bis 600 Seiten stark, während die Masse der Dissertationen von vor hundert Jahren vielleicht fünfzig bis sechzig Seiten lang war. Der Richtwert liegt heute bei 300 Seiten.

Kommen Sie mit Ihrem Zeitplan gut aus?

Ein Promotionsprojekt bedeutet sehr viel Eigenverantwortung. Das heißt, ich selbst muss meine Zeit einteilen, ich selbst muss die Stationen abstecken und die Schritte vollziehen. Auch das muss man sich unbedingt klar machen, dass das sehr viel Selbstdisziplin und Organisationsfähigkeit verlangt. Ich habe einmal für mich selbst ein Quadrat aufgemacht von Dingen, die erfüllt sein sollten: Das erste ist die eigene Motivation, die muss unbedingt vorhanden sein; das zweite ist die Betreuungssituation, das dritte wäre die Finanzierung und das vierte die Vernetzung mit anderen Doktoranden und Wissenschaftlern.

Haben Sie das schon während des Studiums erkannt oder erst in der Zeit des Promovierens?

Letzteres, dieses Quadrat hat sich mir erst jetzt in den letzten Jahren so dargestellt.

Im Folgenden würden wir Ihnen gerne Fragen zum geisteswissenschaftlichen Arbeiten stellen.

Ihre Betreuerin ist Frau Prof. Daniel, von der wir wissen, dass sie eine Verfechterin der Neuen Kulturgeschichte ist. Wie wir aus dem Interview gelernt haben, das wir mit ihr geführt haben, konzentriert sie sich bspw. auf die Wahrnehmungsebene. Entspricht das auch Ihrem Erkenntnisinteresse, haben Sie sie deshalb als Betreuerin gewählt?

Für mich ist eine wahrnehmungsgeschichtliche Perspektive enorm wichtig. Das äußert sich etwa momentan darin, dass ich mich mit älterer Forschungsliteratur auseinander setze, insbesondere zu jüdischen Adligen in Österreich-Ungarn. Diese ältere Literatur ist in erster Linie quantitativ ausgerichtet und greift zu verkürzenden und fragwürdigen Kategorisierungen. Konkret steht die Frage im Raum, wer ein Jude ist, ob etwa jeder als Jude anzusehen ist, der in männlicher Linie irgendwann jüdische Vorfahren hat, auch wenn er Christ ist. Letztlich geht es um eine Auseinandersetzung mit der klassischen Modernisierungstheorie und der Feudalisierungsthese. Mir selbst ist eine qualitative Herangehensweise wichtig, was bisher zu kurz gekommen ist. Und somit versuche ich, neuere Tendenzen der Geschichtswissenschaft für mein Projekt fruchtbar zu machen. Da ich so eine Art Grenzgänger zwischen Judentumsforschung und Adelsforschung bin, berücksichtige ich selbstverständlich auch die Impulse, die aus neueren geschichtswissenschaftlichen Debatten entstehen, die in diesen beiden Feldern geführt werden.

Ebenso versuche ich, mich als Beobachter zu beobachten. Zu viel Empathie für die historischen Menschen, denen ich mich nähere, wäre für meine Arbeit genauso schädlich wie die abwegige Vorstellung, ich könnte ein letztgültiges Bild nachzeichnen. Es gibt keine Geschichte, die sich von selbst erzählt. Eine kritische Beschäftigung mit den sprachlichen und sprachunabhängigen Bedingungen unserer Tätigkeit als Historiker sollte daher heute zum Standardrepertoire einer wissenschaftlichen Ausbildung gehören. In diesem Bereich hat gerade Ute Daniel viel geleistet.

Wie arbeiten Sie mit Theorien wie z.B. mit der Modernisierungstheorie oder der Feudalisierungsthese, von denen Sie gesprochen haben?

Kein Historiker kann ganz ohne theoretische Annahmen arbeiten, aber Theorien müssen weiterentwickelt werden. Das Problem der Modernisierungstheorie, wie sie einige Zeit dominant war – in der deutschen Geschichtswissenschaft in Gestalt der Bielefelder Schule –, ist, dass sie einen sehr verkürzten Blick auf vieles wirft. Sie wertet unter normativen Gesichtspunkten, und sie vereinfacht.

Bevor ich selbst tragfähige Aussagen treffen möchte, muss ich mich erst einmal mit dem auseinander setzen, was vorhanden ist. Und ich sehe wirklich den Bedarf, die Vorarbeiten, die es zu meinem Thema gibt, sehr kritisch zu beleuchten, was ihren theoretischen Hintergrund betrifft. Das hat sich auch in Gesprächen mit anderen Historikern gezeigt, dass das unbedingt notwendig ist. Vor allem auch, bestimmte Listen von jüdischen Adligen zu hinterfragen, die kursieren, weil dort alles aufgelistet ist, was jüdische Vorfahren hat, egal welcher Konfession die betreffenden Adelserwerber angehörten und wie sie zu ihrer jüdischen Herkunft standen. Das ist ein enormes Problem.

Ihr Fokus ist also auf den einzelnen Menschen gerichtet. Würden Sie Ihre Herangehensweise als mikroperspektivisch beschreiben?

Ich mache ja durchaus auf europäischer Ebene einen Vergleich zwischen drei großen Gesellschaften, insofern kommt hier beides zusammen. Und das empfinde ich auch als besonders viel versprechend, wenn die Mikro- und Makroebene zusammen kommen. Ich versuche, mir im europäischen Zusammenhang Adelsverleihungspraktiken im Vergleich anzuschauen, Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu erkennen. Auf der anderen Seite ist es sehr wichtig, was die Quellen eigentlich an Wahrnehmung widerspiegeln. Es ist sehr bezeichnend, dass viele Vorarbeiten so gut wie nie aus den Quellen zitieren. Was sind da für Entwicklungen? Was überhaupt ist ein Adelstitel wert? Wie verändert sich das im Laufe der Zeit? Diese Fragen wurden so gut wie noch nie gestellt, sondern man hat versucht zu schematisieren und damit wichtige Aspekte ausgeschaltet.

Haben Sie sich auf eine bestimmte geschichtswissenschaftliche Dimension festgelegt oder hängt die Herangehensweise von Ihrer Fragestellung ab?

Zunächst einmal ergeben sich die Fragen nicht aus dem Gegenstand, sondern sind Resultat von Vorannahmen, auch wenn sie sich im Verlauf der Untersuchung verändern mögen. Die Arbeits- und Vorgehensweise kann auch bei ein und demselben Historiker im Einzelfall unterschiedlich sein, was abhängig ist von der Ebene, wo der Gegenstand angesiedelt ist, von der Quellensituation und nicht zuletzt vom Grad der eigenen Involviertheit.

Grundsätzlich ist aber mein Ziel, wenn ich historisch arbeite, dass meine Analysen und Interpretationen sowohl in sich möglichst widerspruchsfrei und tragfähig sind als auch in ihrem Verhältnis zueinander. Und da kommen wieder Mikro- und Makroebene zusammen. Das eine ohne das andere zu betrachten halte ich für unergiebig. Das heißt, wir sind darauf angewiesen, uns immer wieder auf beiden Ebenen operativ zu bewegen. Eine vollkommene Widerspruchsfreiheit im Denken wie auch im Leben ist allerdings nicht möglich und auch nicht mein Ziel. Gerade Wissenschaft lebt ja vom Widerspruch.

Historisches Arbeiten sollte Logik, Quellen- und Forschungskritik und auch Selbstreflexion groß schreiben. Ganz wichtig: nie das eigene Denken abstellen. Und im Zweifelsfall hilft Ironie.

Sie würden sich also keiner geschichtswissenschaftlichen Richtung zuordnen?

Im Zweifelsfall ist meine Sicht eher global. Ich bin sehr interessiert an gesamtgesellschaftlichen und auch an universalgeschichtlichen Fragen. Das bedeutet aber nicht, dass mir die kleinen Dinge unwichtig wären. Ich glaube, man verbaut sich viel, wenn man sich nur mit großen Fragen beschäftigt. Erst wenn man auch scheinbar nebensächliche Dinge der unmittelbaren Umgebung wahrnimmt, kann man sich wirklich einen Reim auf die Welt machen. Andererseits will ich als Linker durchaus ungeschminkte und pointierte Analysen von gesellschaftlichen Gegebenheiten und ihren Folgen. Aber, wie gesagt, beides muss zusammen kommen. Genauso wie die Betrachtung der Vergangenheit mit der Gegenwart zusammen kommen muss. Nur das eine oder das andere ist eigentlich gar nicht denkbar. Mir ist überhaupt auf verschiedenen Ebenen an Syntheseleistungen gelegen, und damit stehe ich in meiner Generation alles andere als allein. Ich beobachte bei vielen Doktoranden und Historikern in meinem Alter, dass sie mit den vorhandenen Theorieangeboten relativ pragmatisch umgehen, was nicht gleichbedeutend sein muss mit Beliebigkeit. Insgesamt scheinen sich die verschiedenen Schulen in den letzten Jahren vermehrt aufeinander zu zu bewegen, was ich sehr begrüße.

Hat sich Ihre Denkweise bzw. Ihre Sicht auf die Dinge schon während des Studiums entwickelt?

Meine Denkweise entwickelt sich auch jetzt noch fort und wird es hoffentlich auch in Zukunft. Meine wissenschaftliche Grundhaltung fußt aber auf dem, was ich im Studium gelernt habe, und auch auf anderen Beobachtungen und Auseinandersetzungen. Das Studium war für mich schon enorm wichtig.

Speziell das am Historischen Seminar?

Ja. Das Schöne am Historischen Seminar in Braunschweig ist ja, dass es sehr überschaubar und familiär ist. Das heißt, man kommt hier – wenn man will – sehr leicht in Kontakt mit den Lehrenden und kann mit ihnen Forschungsfragen angeregt diskutieren. Damit habe ich auch schon frühzeitig im Studium begonnen. Hinzu kommt noch, dass ich am Historischen Seminar durchaus unterschiedliche Herangehens- und Betrachtungsweisen kennen lernen durfte, und das möchte ich überhaupt nicht missen.

Haben Sie auch Vergleiche machen können mit anderen Universitäten?

Mein Eindruck ist der, dass das Familiäre ein Sonderfall ist. An Massenuniversitäten, gerade auch, wenn dort Großprofessoren lehren und forschen, ist es kaum möglich, zu diesen vorzudringen. Auch zwischen den Lehrenden gibt es an größeren Universitäten mitunter große Klüfte. Und ich habe den Eindruck, dass an großen Lehrstühlen – zumindest nach außen hin – mehr Konformität herrscht.

Sie sind schon darauf eingegangen, dass derzeit ein Trend in der Geschichtswissenschaft zu beobachten ist, dass die Disziplingrenzen aufbrechen und verstärkt interdisziplinär gearbeitet wird. Arbeiten Sie interdisziplinär und haben Sie eine Vermutung, in welche Richtung sich die Geschichtswissenschaft noch entwickeln könnte?

Das Problem mit dem klassischen Magisterstudium ist, dass man in den Nebenfächern eigentlich nur die paar Pflichtscheine gemacht hat. Neben dem Geschichtsstudium habe ich mich am konsequentesten mit Weltpolitik und Weltwirtschaft beschäftigt, aber auch mit dem Verhältnis von Medien und Politik. Beides kann ich für meine Arbeit nicht unmittelbar nutzen. Was ich immerhin versuche, stark zu machen, ist, Romanliteratur um 1900 als wahrnehmungsgeschichtliche Quelle heranzuziehen.

Interdisziplinäres Arbeiten ist unbedingt begrüßenswert. Allerdings bedeutet die Absicht, interdisziplinär zu arbeiten, noch nicht, dass das funktioniert, dass man automatisch eine gemeinsame Sprache und Geschäftsgrundlage hat. Dann gibt es noch eine Gefahr, die ich für möglich halte: Wenn einzelne Schulen der Geschichtswissenschaft mit anderen Fächern stark kooperieren, kann das durchaus auch dazu führen, dass die Geschichtswissenschaft selbst sich noch weiter fragmentiert. Auch dieser Trend kann nicht ausgeschlossen werden. Aber momentan beobachte ich mehr ein Aufeinanderzugehen. Wie es in Zukunft werden wird, ist schwer zu sagen, weil es nur zu einem Teil von der Eigendynamik des Faches selbst abhängt. Zum Tragen kommen ganz stark auch allgemeine gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Entwicklungen und damit verbunden generationelle und allgemeine geistesgeschichtliche Einflüsse. Einzig klar ist, dass nichts so bleiben wird, wie es jetzt ist.

Was macht Ihnen am geschichtswissenschaftlichen Arbeiten am meisten Spaß?

Ich habe ja schon angedeutet, dass ich die Beschäftigung mit der Vergangenheit nicht trennen möchte von der Beschäftigung mit unserer Gegenwart und von allgemeineren philosophischen oder theoretischen Fragen. Andererseits könnte ich nicht Historiker sein, wenn ich nicht ein gewisses libidinöses Verhältnis hätte zu Büchern und Überresten aus der Vergangenheit und wenn ich keine Begabung und Vorliebe hätte zum detektivischen Arbeiten. Das hat bei mir auch schon recht früh angefangen, unter anderem was die eigene Familiengeschichte betrifft. Durch einen Todesfall in der Familie sind vor zwanzig Jahren viele ältere Briefe, Fotos und Dokumente auf meine Eltern und letztlich auf mich gekommen. Damit habe ich mich seitdem sehr intensiv beschäftigt, und auf einmal war die Zeit von etwa 1850 bis 1950 ganz nah.

Auch das Thema Ihrer Doktorarbeit, sagten Sie, sei relativ unerforscht. Hat das Ihre Neugierde geweckt?

Unbedingt, die Neugierde war der Motor, und dann ist da außerdem der schöne Umstand, dass ich damit eine Nische besetzen konnte. Der Vorteil ist ja auch der, dass es zu meinem Thema nicht so furchtbar viel Literatur gibt, zu der ich mich verhalten müsste. Denn heute gibt es ganze Bibliotheken zu fast jedem Thema, wie jeder Student schmerzhaft merkt.

Reizt es Sie eher, die Vergangenheit möglichst lückenlos zu rekonstruieren oder über vergangene Zeiten zu reflektieren?

Auch hier wieder Beides. Nur zu rekonstruieren oder nur zu reflektieren ergibt aus meiner Sicht wenig Sinn.

Eine abschließende Frage sei noch erlaubt. Schon Nietzsche hat sich vor langer Zeit in seinem Werk „Vom Nutzen und Nachteil der Historie“ mit der Fragestellung auseinander gesetzt, wie nützlich die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ist. Heute begegnen wir dieser Frage ständig. Auch an unserer Universität steht das Historische Seminar stets unter Rechtfertigungsdruck. Was meinen Sie, wie viel Erinnerung ist angemessen?

Zunächst einmal wäre zu Nietzsche viel zu sagen, aber um auf die letzte Frage zurückzukommen, die ist aus meiner Sicht sehr komisch. Wir gehen heute davon aus, dass jeder Mensch und jede menschliche Gruppe sich fortwährend Vergangenheit aneignet, und zwar nicht als Luxus, sondern aus Notwendigkeit. Die Frage nach einem Zuviel der Beschäftigung mit der Vergangenheit wird ja eigentlich nur gestellt im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus, ansonsten sagen auch die Konservativen, dass man sich viel mit der Vergangenheit beschäftigen möge, aber eben mit ihren „schönen Seiten“ oder anders als bislang. Es geht also nicht um die generelle Verneinung des Sinns der Auseinandersetzung mit Geschichte. Wenn man sich anschaut, was an geschichtswissenschaftlichen Arbeiten produziert wird, fällt im Übrigen auf, dass der Nationalsozialismus nur einen kleinen Bruchteil einnimmt. Ein Zuviel an Beschäftigung mit Geschichte kann es für eine Gesellschaft eigentlich gar nicht geben.

Und wie erklären Sie sich, dass die Geschichtswissenschaft bzw. die Geisteswissenschaften insgesamt immer wieder unter Rechtfertigungsdruck stehen?

Ingenieure, Techniker und Naturwissenschaftler auf der einen Seite und Geistes- und Sozialwissenschaftler auf der anderen Seite sind heute kaum sprachfähig und waren das auch früher kaum. Der Unterschied ist nur der, dass die Geisteswissenschaften heute nicht mehr die tonangebende Position haben, die sie im 19. Jahrhundert einmal hatten. Das hat C. P. Snow vor einem halben Jahrhundert sehr schön auf den Begriff gebracht, indem er von den «zwei Kulturen» sprach, die sich nicht verstehen können und wollen und die sich immer weiter auseinander bewegen. Und er fügte hinzu, dass früher, im 18. und 19. Jahrhundert, die Geisteswissenschaften oben auf und konservativ eingestellt und dass die Natur- und Technikwissenschaften progressiv waren. Heute ist es genau umgekehrt: Im Zweifelsfall sind die Naturwissenschaften gesellschaftlich konservativ eingestellt und können sich das auch leisten, weil sie oben auf sind, während die Geisteswissenschaften im Zweifelsfall die Rolle von Kritik übernehmen. Wenn ich das Verhältnis von uns Geisteswissenschaftlern zu den Naturwissenschaften betrachte, dann stelle ich wie C. P. Snow fest, dass das sehr viel zu tun hat mit Unwissen, mit Arroganz, aber auch mit Unterwürfigkeit. Denn wir ziehen uns dann auch gern auf uns zurück und beschäftigen uns mit uns selbst, während wir das Feld den Natur- und angewandten Wissenschaften überlassen. Was ich mir wünschen würde, ist, dass wir erstens Verständnis aufbringen für naturwissenschaftliches Arbeiten, für technische Errungenschaften und deren Stellenwert. Und dass wir auf der anderen Seite auch eine selbstbewusste Kritik gerade daraus entwickeln. Aber das setzt voraus, dass wir von beiden Seiten, von natur- wie von geisteswissenschaftlicher Seite, bereit sind, in einen Dialog zu treten.

Vielen Dank für das Gespräch.