Interview mit Dr. Thorsten Beigel

von Kerstin Wegner und Kristin Otto

 

Herr Beigel, Sie sind Dozent für Alte Geschichte. Was hat Sie veranlasst, gerade Alte Geschichte zu studieren? Gab es ein Schlüsselerlebnis?

Zusammenfassend kann man sagen, dass das eine relativ spontane Entscheidung am Ende meines Zivildienstes war. Für Geschichte an sich hatte ich mich zwar schon länger interessiert, wollte aber eigentlich etwas anderes studieren. Ich dachte zunächst an Politik, VWL oder Soziologie, was mich dann letztlich doch nicht überzeugt hat. Gegen Ende meines Zivildienstes wurde das akut und ich musste mich entscheiden. Da kam mir dann wieder die Geschichte in den Sinn. Eigentlich wollte ich mir probehalber eine Vorlesung anhören, aber die eine fiel just an diesem Tag aus und die andere war überfüllt. Aus meiner Oberstufenzeit kannte ich einen der beiden Professoren für Alte Geschichte, weil er mich damals bei einem Altsprachenwettbewerb betreut hatte. Deshalb bin ich einfach zur „Studienberatung“ in seine Sprechstunde gegangen. Als ich wieder herauskam, stand die Entscheidung.

 

Was macht die Alte Geschichte für Sie im Vergleich zu anderen historischen Epochen so besonders interessant?

Es gibt da die schöne Bezeichnung der Antike als „das nächste Fremde“, was die Sache ganz gut trifft. Einerseits begegnet man bei der Beschäftigung mit dem Altertum auf Schritt und Tritt den Wurzeln unserer eigenen Kultur und auf der anderen Seite hat man es doch mit etwas grundlegend anderem zu tun. Dazu kommt, dass Griechen und Römer einfach ungeheuer interessante Völkchen waren, deren Mentalität wie auch ihre Hinterlassenschaften noch heute faszinieren. Man muss dabei gar nicht einmal die Klassiker aus Philosophie und Literatur bemühen. Es genügt da schon, ein einfaches Papyrusfragment in den Händen zu halten oder vor einer Inschrift zu stehen, um sich davon gefangen nehmen zu lassen.

 

Hatten Sie denn in Heidelberg die Möglichkeit, ausschließlich Alte Geschichte zu studieren?

Ja, diese Möglichkeit gab es. Ich habe angefangen, Alte Geschichte zu studieren, zunächst als Magisterstudiengang. Als erstes Nebenfach habe ich Latein studiert und von den ehemaligen Wünschen ist dann als zweites Nebenfach Politologie übrig geblieben. Politologie erwies sich als sinnvoll, so war man nicht ausschließlich in diesem altertumswissenschaftlichen Kreis gefangen und hatte noch einen gewissen Ausblick in andere Bereiche.

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich weder Mittelalterliche noch Neuere Geschichte studiert habe. Dafür hatte ich in Heidelberg andere Möglichkeit und konnte beispielsweise griechisch zu lernen und Vorlesungen in Kunstgeschichte und VWL belegen.

 

Sie haben in Heidelberg studiert und sind nun wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU Braunschweig. Was macht den relativ kleinen Standort des Historischen Seminars in Braunschweig, einer technischen Universität, reizvoll, im Vergleich zu dem geisteswissenschaftlichen Flair einer Universität Heidelberg?

Ich fange vielleicht mit Heidelberg an: Als ich damals in Heidelberg angefangen habe zu studieren, gab es, das hat sich inzwischen geändert, eine eigene Fakultät für Altertumswissenschaften und Orientalistik.

Die Altertumswissenschaftler, Archäologen, Ägyptologen, die Frühgeschichtlern und die klassischen Philologie waren alle in einem Gebäude untergebracht. So war man komplett in diese Altertumswissenschaften eingebunden, was ich als sehr vorteilhaft empfand. Das hatte jedoch den Nachteil, dass ich von der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Geschichte wenig mitbekommen habe. Und das macht für mich persönlich nun den Charme des Historischen Seminars in Braunschweig aus, dass dies ein relativ kleines, überschaubares Seminar ist. Man kommt mit den anderen Epochen in Kontakt und es ergeben sich mitunter ganz überraschende Verbindungen.

Im nächsten Semester entsteht in Zusammenarbeit mit Prof.-Dr. Scharff und Hon.-Prof. Dr. Calließ ein Seminar zum Thema „Kriege im epochalen Vergleich“. Außerdem habe ich einen Aufsatz über ein Thema aus der Neueren Geschichte geschrieben, auf das mich Frau Prof.-Dr. Daniel (Professur für Neuere Geschichte) gebracht hat. Das wäre so in dieser Form in Heidelberg vermutlich nicht passiert.

Das Verhältnis der Kollegen untereinander ist recht gut, es herrscht eine angenehme Atmosphäre. Die Anbindung an die altertumwissenschaftlichen Nachbarfächer ist hier zwar nicht gegeben, aber das finde ich nun für mich jedoch nicht mehr so problematisch. Für mein Studium hingegen war es natürlich hervorragend, dass ich in Heidelberg diese Möglichkeiten hatte. Aber wie gesagt: Mit Braunschweig als erste Station hätte ich es nicht besser treffen können.

 

Würden Sie sagen, dass es für Geschichtsstudenten heute hier schwieriger ist als beispielsweise in Heidelberg, weil eben diese direkt benachbarten Disziplinen so nicht vorhanden sind?

Das würde ich nicht sagen. Für die Alte Geschichte ist es möglicherweise von Nachteil, dass man Klassische Philologie nicht als ergänzendes Fach studieren kann, für das Mittelalter und die Neuzeit sehe ich das weniger problematisch.

Es ist vielleicht eine Geschmacksfrage: Hat man lieber eine große Universität mit zwei Lehrstühlen pro Epoche, dafür aber auch eine entsprechende Anzahl an Kommilitonen oder lieber eine kleines Seminar, an dem der Kontakt zwischen Studenten und Lehrpersonal enger ist.

 

Eines der größten Probleme innerhalb der Alten Geschichte stellt die recht dürftige Quellenlage dar, wie beurteilen Sie die Situation?

Das hört man von Studenten öfter. Natürlich wird man manchmal neidisch, wenn man sieht, was die Neuzeitler an Quellen zur Verfügung haben. Auch die Fragestellungen, die aufgrund der Quellenlage möglich sind, zu beantworten, lassen einem manchmal schon die Tränen in die Augen treten.

Ich würde es trotzdem nicht ganz so pessimistisch beurteilen. Es gibt noch eine ganze Reihe an literarischen Quellen, es gibt tausende von Inschriften und Papyri. Gerade was die Inschriften betrifft, kommt jährlich noch immer eine ganze Menge dazu und die Papyri sind noch nicht mal alle ediert.

Gibt es für bestimmte Dinge keine Quellen, muss man ehrlich sagen: es geht nicht!

Ansonsten muss man die Quellen, die man hat, vernünftig ausschöpfen und die richtigen Fragen daran stellen. Durch neue Fragestellungen ist es möglich, Quellen unter einem anderen Blickwinkel zu lesen. Dadurch ergeben sich ganz neue Antworten. Auch die gängigen Quellen sind nicht so erschöpft, wie man meint.

Wie gesagt: manche Fragestellungen sind nicht möglich, aber es bleibt noch eine ganze Menge.

 

Die Quellenkritik ist in der Alten Geschichte besonders bedeutend. Sehen Sie die Alte Geschichte diesbezüglich als Vorreiter für andere Geschichtsdisziplinen? Welche spezielle Methodik ergibt sich für Sie hieraus?

Vorreiter im Sinne von „die machen es besser als andere“ würde ich nicht sagen.

Für die Alte Geschichte ist Quellenkritik von besonderer Bedeutung, weil wir durch die Überlieferung, gerade der literarischen Quellen, eine andere Situation haben. Das fing in der Alten Geschichte mit Erforschung Homers an, man musste ein Instrumentarium für die Kritik der literarischen Quellen entwickeln.

Dennoch würde ich nicht sagen, dass die Alte Geschichte den anderen Epochen was die Quellenkritik betrifft, etwas voraus hat. Für das Handwerkszeug ist es natürlich wichtig und es gibt in der Alten Geschichte ein paar Spezifika. Fragt man sich jedoch grundsätzlich, wie interpretiere ich eine Quelle, wie setze ich sie in den Kontext und welche Fragen stelle ich an eine Quelle, ist der Unterschied zu den anderen Epochen nicht so groß.

 

In den letzten Jahrzehnten interessiert man sich immer mehr für die Alltagsgeschichte „des kleinen Mannes“. Inwieweit ist das bei der vorliegenden Quellenlage überhaupt möglich, bzw. liegt überhaupt ein Interessenschwerpunkt auf diesem Gebiet? Was ist derzeit generell „in Mode“?

Die Alltagsgeschichte, bzw. die Geschichte des „Kleinen Mannes“ ist in der Antiken Geschichte aufgrund der Quellenlage problematisch.

Erschwerend kommt hinzu, dass wir in der Alten Geschichte im Vergleich zur Mittelalterlichen Geschichte keinen Arno Borst (Deutscher Historiker und Mediävist; Verfasser von „Lebensformen im Mittelalter“) haben. Das Problem ist, dass sich die literarischen Quellen nicht mit der Alltagsgeschichte des „kleinen Mannes“ beschäftigen. Wenn wir etwas über die Alltagswelt der einfachen Leute erfahren, sind das eher „zufällig überlieferte Angaben“. Ansonsten hat man natürlich die archäologischen Quellen, wobei da die Schwierigkeit besteht, diese korrekt zu interpretieren. Es bleibt ein schwieriges Feld.

Zurück zu der Frage, was zurzeit in der Alten Geschichte „en vogue“ ist:

Als ich studiert habe, sagte einer meiner Professoren, der zuvor in den USA tätig war, man müsse nur den Begriff „Body“ im Titel der Dissertation haben und schon wird sie gedruckt.

Der Körper ist mittlerweile nicht mehr so in Mode. Zurzeit sind auch in der Alten Geschichte die kulturwissenschaftlichen Fragestellungen wichtig, der Diskurscharakter von Texten, Rituale und dergleichen. Aufgrund der Quellenlage bietet sich das auch durchaus an. Das ist eine gute Grundlage, von einem neuen Blickpunkt aus, bekannte Quellen neu zu lesen. Daraus ergeben sich mitunter ganz neue Fragestellungen, die zu neuen Antworten führen.

Wie lange dieser Trend anhält, ist schwer zu sagen.

 

Inwieweit wirkt sich auch die Kulturwissenschaft auf die Forschungsmethoden der Alten Geschichte aus?

In erster Linie wirkt sie sich auf die Fragestellungen aus. Es wird stärker nach antiken Ritualen geforscht. Fragen von Theatralik oder Performanz sind gerade in Mode.

Was die Methodik betrifft, ist vor allem der Diskurscharakter von Texten und der Blick auf die Metaebene wichtig.

Auch die Alte Geschichte kommt nicht ohne Nachbarwissenschaften wie die Philologie oder die Archäologie aus. Wie wichtig sind diese Disziplinen für Ihre Arbeiten?

Für meinen eigenen Schwerpunkt ist der philologische Aspekt sehr wichtig. Einer meiner Interessensschwerpunkte liegt in dem Bereich Historiografie. Da meine Professoren außerdem alle drei sehr gute Epigraphiker sind, habe ich auch auf dem Gebiet viel von ihnen gelernt. Ich habe damals auch eine zeitlang im Institut für Papyriologie als Hiwi gearbeitet. Diese beiden Gattungen spielen momentan jedoch keine so große Rolle für meine Arbeit. In der Lehre bemühe ich mich verstärkt auch numismatische und archäologische Quellen als Ergänzung zu dem ja doch stark dominierenden literarischen Material einzubringen.

 

Stellen Sie uns doch bitte Ihr aktuelles Forschungsthema vor!

Mein aktuelles Forschungsthema hängt mit der Übung in diesem Semester zusammen (Ü: Roms verrückte Kaiser – Der Cäsarenwahnsinn als historisches Deutungsmuster). Ich möchte die Entwicklung des Cäsarenwahnsinns von der Antike bis in die Neuzeit untersuchen

Des Weiteren bin ich gerade dabei, einen Reader zum Tutorium in den Proseminaren zu verfassen, eine Darstellung der Antiken Geschichte.

 

Die europäische Kultur beruht auf der Antike, sie ist jedoch für die meisten Menschen fremder als das Mittelalter oder die Neuzeit!Inwieweit beeinflussen Kinofilme wie „Alexander“, „Troja“ oder „Gladiator“ das Geschichtsbild der Menschen?

Ich glaube, dass diese Kinofilme das Geschichtsbild der Menschen gar nicht so sehr beeinflussen, wie man das im Allgemeinen so annimmt. Man sollte die Rolle von Museen und wissenschaftlichen Sendungen im Fernsehen nicht unterschätzen. Die meisten Menschen sind schon noch in der Lage, etwas von einem Kinofilm zu abstrahieren. Natürlich beeinflusst so etwas immer.

„Alexander“, der noch am nächsten an der historischen Wahrheit ist, fand ich persönlich am langweiligsten, wo hingegen Troja mich köstlich amüsiert hat. Insbesondere diese Konstruktionen von Pseudo-Vergangenheit. Es gibt, zumindest in gewissen Schichten, ein starkes Interesse an antiker Geschichte. Die Leute gehen auch in Museen und lesen und es gibt dort ein nicht zu unterschätzendes Interesse und auch Wissen

Ich erinnere mich noch, während meines Studium hat das Institut für Altertumswissenschaften zweimal einen „Tag der offenen Tür“ veranstaltet. Dort gab es Exponate und informative Stellwände und wir hatten einen riesigen Zulauf. Die Leute haben uns mit ihren Fragen gelöchert und teilweise ganz schön ins Schwitzen gebracht. Die Leute stellen andere Fragen, als man hier im universitären Betrieb gewöhnt ist, aber durchaus auch informierte Fragen.

 

Das sind ihre Erfahrungen mit Menschen, die von vorne herein ein Interesse für Geschichte mitbringen. Wie sieht es mit der breiten Masse aus? Stellt man sich nun den Epos um Troja vor wie im Film von Wolfgang Petersen?

Bilder sind enorm wichtig, das ist eine Tatsache! Die setzen sich auch bei mir relativ schnell fest.

Für jemanden, der nur ins Kino geht und sich nicht in Museen informiert oder aus der Schule Wissen mitbringt, ist es schwer. Der bekommt dieses Bild vermittelt, solche Menschen kann man aber auch nicht anders erreichen.

Ich denke aber, der Großteil der Bevölkerung hat noch ein bisschen museale Erfahrung, Wissen aus dem Unterricht bzw. dem Fernsehen (Wissenschaftssendungen), die helfen, Geschichtsbilder zu korrigieren.

Diese Kinofilme gibt es, ich schau sie mir auch gerne an und amüsiere mich über diese Konstruktionen von Geschichte. Bei „Troja“ fand ich das clever gelöst, auch wenn es komplett falsch ist.

Das Problem entsteht erst dann, wenn jemand mit dem Anspruch auftritt: So war es! Und dann ein Geschichtsbild vermittelt, was komplett falsch, bzw. sehr angreifbar ist.

Wenn ein Film jedoch lediglich den Anspruch hat zu unterhalten und das auch schafft, bin ich zufrieden.

 

Vielen Dank für das Gespräch!