Interview mit Prof. Dr. Herbert Mehrtens

Timo Jünemann und Fabio Reinhardt

 

 

 

I Biographisches

 

GiBS: Herr Mehrtens, Sie sind heute Professor für Neuere Geschichte im Bereich Wissenschafts- und Technikgeschichte. Ihr universitärer Hintergrund ist jedoch ein anderer – erläutern Sie bitte kurz Ihren Werdegang bis zum heutigen Tage.

 

Ich bin aufgewachsen in einem Bremer Arbeiterviertel. Dort habe ich auch mein Abitur gemacht. Nach dem Wehrdienst habe ich in Hamburg ein Studium mit dem Hauptfach Mathematik angefangen. Physik gehörte dazu, Nebenfach war Astronomie. Aber das Nebenfach habe ich im 2./3.Semester gewechselt, weil ich inzwischen das kleine Institut für Wissenschaftsgeschichte in Hamburg kennen gelernt hatte. Und da hat meine Karriere begonnen, die mich hierher geführt hat. Ich habe dann das Mathematikdiplom als ersten Hochschulabschluss gemacht. Und während der Diplomprüfungen war ich schon an der Arbeit an einer wissenschafts- und mathematikhistorischen Dissertation. Und die war dann drei Jahre später fertig. Dann habe ich ziemlich rasch eine Assistentenstelle an der TU Berlin bekommen. Und da hatte ich das Glück, dass in dem Institut, in dem ich arbeitete kein Zimmer frei war und ich dann zwei Jahre lang oben bei den Historikern saß und mit diesen insofern sehr engen Kontakt hatte, an deren Kolloquien teilgenommen habe und sozusagen ein bisschen Stallgeruch gewonnen habe von „echten“ Historikern. Ich habe ja nie richtig Geschichte studiert. Und ich habe kein Latinum.

 

 

GiBS: Ist das für die Veröffentlichung freigegeben?

 

Mehrtens (lacht): Also ich kann dazusagen, dass ich aus purem Bildungshunger in den ersten Semestern meines Mathestudiums Lateinkurse belegt habe. Aber ich habe nie eine Prüfung abgelegt. Ich bin nicht völlig ungebildet in der Hinsicht, es ist nur nicht dokumentiert.

Ja, auf der Assistentenstelle habe ich dann angefangen mit einem Habilitationsprojekt, aber das hat sich geändert, nachdem ich eine Lehrveranstaltung zu Wissenschaft und Gesellschaft gemacht habe und beim Nationalsozialismus gelandet bin. Das wurde dann mein Arbeitsthema und ist es viele Jahre lang geblieben. Dass schloss dann neben Mathematik eben auch Naturwissenschaft und Technik im Nationalsozialismus mit ein. Nur irgendwann hatte ich dann vom Nationalsozialismus die Nase voll. Hin und wieder mache ich das noch, aber diese Akten zu lesen macht irgendwann keinen Spaß mehr. Dann folgt, wie das häufig ist, der Assistentenstelle das Forschungsprojekt, wenn man keine feste Stelle bekommt und das große Buch immer noch nicht fertig ist. Aber ich hatte das Glück, durch das Thema NS und Wissenschaft eine ganz gute internationale Reputation zu haben und eingeladen zu werden, Gastvorträge zu halten in Kanada, Israel, USA…

Und man schlägt sich dann so durch als Nicht-Professor. Und irgendwann kam die Zeit, da dachte ich: „Das wird wohl nichts mehr.“ Denn zu damaliger Zeit hatte ich gerade ganz gute Übersetzungsaufträge und habe eine Karriere als Übersetzer und Journalist angefangen. Dann kam die Ausschreibung von Braunschweig, und die haben mich freundlicherweise genommen. Seither habe ich eine Professur hier. Zwischendurch habe ich mich noch gerade rechtzeitig vor der Berufung habilitiert.

 

 

GiBS: In welchem Fach denn nun?

 

Mehrtens: In Mathematikgeschichte. Wenn man Glück hat, zählt dann die Venia Legende bei der Berufung gar nichts. Wenn eine Uni einen wirklich will, dann nehmen sie einen auch.

 

 

GiBS: Dann ist das Fach also eigentlich egal? Kann man denn auch Professor für Deutsch sein und auf eine Physik-Professur berufen werden?

 

Mehrtens: Das ist eher unwahrscheinlich. Aber wenn eine Person qualifiziert ist, zählt die formelle Zuschreibung eines Lehrgebiets nicht unbedingt.

 

 

GiBS: Das historische Seminar hat also einfach gesagt: „Der hat’s drauf. Es ist egal, womit er mal angefangen hat.“?

 

Mehrtens: Also, das Buch über die Mathematik im Nationalsozialismus, das ich eigentlich schreiben wollte, habe ich zwar nie fertig gekriegt, da das erste Kapitel bereits zu einem eigenen Buch, „Moderne Sprache Mathematik“, von knapp 500 Seiten geraten ist. Aber ich hatte einerseits im Bereich politische Wissenschaftsgeschichte, aber eher allgemein gehalten, ziemlich viel publiziert und andererseits über Mathematik vorgetragen in einer Weise, die als für Historiker verständlich gelobt wurde. Die meisten Mathematikhistoriker können das nicht und versuchen das auch gar nicht erst, da sie nur unter sich leben.

 

 

GiBS: Und zur Wissenschafts- und Technikgeschichte?

 

Mehrtens: Naja, von der Forschung her war ich sehr stark auf Mathematikgeschichte spezialisiert, gerade was die Quellen zum Nationalsozialismus anging. Vorträge habe ich aber weit darüber hinaus gehalten.

Übrigens war mein erstes Studiensemester im Sommer ´68, und das hatte zur Folge, dass mein Interesse an Geschichte und Wissenschaftsgeschichte ein sehr politisches war. Ich bin zwar nicht unbedingt der aktive Politiker, aber in der intellektuellen Arbeit ging und geht es immer auch um politische Fragen.

 

 

GiBS: Sind sie dann darüber auch zum NS-Regime gekommen?

 

Mehrtens: Ja. Das begann mit der Frage, wie sich Wissenschaft in verschiedenen historischen Situationen innerhalb der Gesellschaft organisiert, wie sie eingebettet und abhängig gemacht wird. Diesen Typ von Fragen habe ich verfolgt. Ich habe eine Serie von Lehrveranstaltungen gemacht damals. Und da bin ich dann irgendwann auf den NS gestoßen und darauf hängen geblieben.

 

 

 

II Strukturelles

 

GiBS: Wie beurteilen Sie die Situation des Historischen Seminars in Braunschweig in Hinblick auf Studieninteressenten – warum sollten junge Menschen gerade in Braunschweig ein Geschichtsstudium beginnen? Brechen Sie eine Lanze für das historische Seminar.

 

Mehrtens: Zu Beginn muss man zugeben, dass wir ein sehr kleines Seminar sind und von dem Lehrangebot nicht alles abdecken können. Wir haben keine Wirtschaftsgeschichte, keine außereuropäische Geschichte. Fast jedes historische Seminar hat eine Professur für die frühe Neuzeit und eine für das 20. Jahrhundert. Das können wir auch nicht bieten und machen es selber.

Ein kleines Seminar hat natürlich den Vorteil, dass, wenn die Studentenzahlen nicht zu groß sind, und das sind sie nicht, der Kontakt intensiver ist. Und wir haben das Glück, dass unser Seminar in der deutschen Universitätslandschaft mindestens dadurch herausragt, dass es menschlich und kollegial nahezu perfekt ist. Fazit: Es lebt sich hier gut miteinander und mit den Studierenden, die von der wunderbaren Atmosphäre viel abkriegen. Es bestehen also auch eine klare Einigkeit und ein ständiger Austausch über die Studierenden. Das Interesse an den Studierenden betrifft eigentlich alle. Sie sind bei uns Lehrenden ein ständiges Gesprächsthema, was auch nicht in allen Hochschulinstituten der Fall ist.

 

 

GiBS: Wir können also davon ausgehen, dass sie da schon wesentlich schlechtere Erfahrungen gemacht haben?

 

Mehrtens: Ja allerdings. Ich würde das jetzt nicht konkretisieren wollen, weil diese Erfahrungen teilweise schon länger her sind und sich Bedingungen auch ändern. Aber es gibt Orte, wo die Lehrenden in der Tat extrem selten für Studierende erreichbar sind.

 

 

GiBS: Spielt es dabei auch eine Rolle, ob er vorhat, das Seminar dabei nur als Sprungbrett für die ganz große Karriere zu benutzen?

 

Mehrtens: Das ist richtig. Die Karrierekriterien sind ja tendenziell Leistungen im Betrieb der Forschung. Und das führt auch strukturell schon dazu, dass der Lehrbetrieb für die wissenschaftsorientierten Hochschullehrer die Funktion hat, den wissenschaftlichen Nachwuchs zu fördern, und der Rest wird nebenbei erledigt. Das ist natürlich ein anderer Typ von Lehre. Diese Sache kommt aus dem 19. Jahrhundert. An den Universitäten wurden im wesentlichen Lehrer ausgebildet. Gelehrt wird aber eben Wissenschaft. Und zwar so als sollten die Wissenschaftler werden.

 

Das ist die Humboldtsche Idee: Die Menschen müssen mit Bildung imprägniert werden, indem sie sich mit Wissenschaft befassen, um im Leben des Staates – und die meisten werden Staatsbeamte im 19. Jahrhundert – die richtigen Menschen zu sein. Die Humboldtsche Universitätsidee mit Lehre und Forschung heißt genau, dass es eine Orientierung auf die Forschung gibt, das Ausbildungsziel eigentlich immer das der Wissenschaft Betreibenden ist. Während heute nur ein kleiner Bruchteil der Studierendenpopulation eine akademische Karriere anstrebt. Das ist ein Strukturproblem. Es ist uralt, hat aber immer noch seine Folgen.

 

 

GiBS: Welche Eigenschaften sollten diese jungen Menschen mitbringen um ein Geschichtsstudium erfolgreich beenden zu können?

 

Mehrtens: Lebendig, aufgeschlossen, munter, neugierig und leistungswillig. Wir wünschen uns eine gemeinsame Beteiligung an der Arbeit in den Lehrveranstaltungen. Und das ist leider nicht immer der Fall bei den Studierenden. Und wenn das gar nicht klappt, sind wir eher enttäuscht und verärgert.

 

 

GiBS: Wenn ein Seminar also in eine Vorlesung ausartet?

 

Ja, Seminare sind ja immer auch ein Stück Gruppendynamik. Wenn man eine merkwürdige Gruppe mit vielen Schweigern und einigen wenigen nicht gerade mitreißenden Vielrednern hat, ist es sehr schwierig das als Dozent wieder aufzubrechen; dann entwickelt sich so etwas zur Vorlesung.

Wir hatten die Frage, was jemand mitbringen muss, der ins Geschichtsstudium will und eine der Antworten ist: „Spaß am Denken“. Das gemeinsame Denken ist ja im Wesentlichen die Arbeit in der Lehre. Um gesellschaftliche Verhältnisse, historische Entwicklungen zu durchschauen und zu verstehen. Wem das kein Vergnügen macht, der sollte die Finger davon lassen.

Außerdem müssen sie neugierig sein. Ich sage mal, Historiker sind Leute, die Lust dazu haben, anderer Leute Briefe zu lesen. Ins Archiv gehen und mit Vergnügen Akten und Briefe lesen.

 

 

GiBS: Geht der BA-Studiengang nicht doch stark weg von diesem Forschungsdrang und in Richtung „Klausuren bestehen“?

 

Das ist eindeutig ein strukturelles Problem. Wir haben versucht mit der Konstruktion des BA für das Fach Geschichte so offen und flexibel wie nur möglich zu sein. Den rein formalen Druck können wir nicht rausnehmen, der ist uns von außen auferlegt. Aber wir können dafür sorgen, dass es nicht zu einem klausurenorientierten Studium wird, dass darauf hinausläuft, dass Wissen erworben wird, das in Klausuren abgefragt werden kann. Und das tun wir, glaube ich, auch. Unsere Klausuren sind immer auch am Denken orientiert. Wenn jemand mitgedacht hat und seine gut durchdachte Mitschrift durchliest, dann wird er meine Fragen auch beantworten können. Denn die Vorlesungen sind ja nicht da, um Wissenskram abzuprüfen; das können wir ja auch gar nicht. Wir können einen historischen Überblick in Form von Wissensinseln geben. Das Ganze wird durch ein Thema zusammenhängend gemacht. Und die Analyse des Themas und der historischen Fragestellung ist das, was die Vorlesung zusammenhält. Das Wesentliche an der Vorlesung ist also eher die Denke, nicht so sehr die abfragbaren Inhalte.

 

 

GiBS: Noch mal zurück auf den offen und flexibel strukturierten BA. Einige Leute bemängeln, dass eine Spezialisierung, wie früher im Magisterstudiengang nicht mehr möglich ist. Wie würden Sie sich denn dazu äußern?

 

Das ist im Fach Geschichte sehr wohl möglich, die geforderte Breite ist jedoch sehr viel größer. Es wird breiter studiert, man hat mehr Verpflichtungen in allen Epochen. Aber in diesen ist die Möglichkeit einer Zuspitzung sehr wohl enthalten.

 

 

GiBS: Also mehrere Zuspitzungen?

 

Man kann seine Hauptarbeitskraft in eine Epoche legen und versuchen, innerhalb dieser Epoche sich ein bestimmtes Thema, eine bestimmte Fragestellung zu suchen. Das ist die typische Spezialisierung in der Geschichte. Das breitere Studium, was die Epochen angeht, halte ich aber für ausgesprochen sinnvoll.

 

 

GiBS: Wenn man sich in jeder Epoche spezialisieren will, stößt man dann nicht auch wieder schnell an die Grenzen des doch recht kleinen Seminars?

 

Sich in jeder Epoche noch einmal zu spezialisieren ist wohl im BA-Studiengang zuviel verlangt. Das kann man dann im Master machen. Wenn der BA-Studiengang einen Sinn haben soll, verhilft er zu einem Sockel, mit dem man eine gute historische Bildung und die Grundtechniken und Arbeitsfähigkeiten hat, sodass man auf der Basis dieser historischen Bildung auch beruflich etwas machen kann, wo geschichtliches Denken nützlich ist – und geschichtliches Denken ist an sehr vielen Stellen nützlich. Aber man ist dann noch kein Spezialist. Dazu gehört der Master.

 

 

GiBS: Der Unterschied zwischen einem BA und einem MA ist also, dass der eine nur den Sockel hat, der andere aber schon reif für die wissenschaftliche Forschung ist?

 

Ich möchte, dass unsere Master-Studierenden in der Lage sind, eine Dissertation zu schreiben. Sie müssen also eine gute wissenschaftliche Bildung haben. Und wenn sie dann interessiert und talentiert sind, sollten sie in der Lage sein, wissenschaftlich arbeiten zu können. Und das ist mit einem Bachelor nicht zu machen. Dazu ist die Zeit zu kurz. Abgesehen davon, dass selbstverständlich nicht alle eine wissenschaftliche Karriere anstreben, ist es so, dass erst im Master der Level erreicht werden soll, den man gemeinhin eine gute, abgeschlossene akademische Bildung nennt.

 

 

III Wissenschafts- und Technikgeschichte

 

GiBS: Die Schaffung des MA Studienganges „Kultur der technisch-wissenschaftlichen Welt“ ist in Deutschland in dieser Form wohl einzigartig – ist er die logische Weiterführung Ihres Fachbereichs „Technik- und Wissenschaftsgeschichte“? Und wie schätzen Sie die Berufschancen für Absolventen ein?

 

Eine Weiterführung meines Fachgebiets ist der Master definitiv. Weil die Wissenschafts- (und Technik- und Medizin-) Geschichte sich zu einer Geschichtsschreibung und Forschung entwickelt hat, die ein sehr breites und allgemeines Interesse hat, so dass man es eigentlich schon nicht mehr nur Wissenschaftsgeschichte, sondern auch Wissensgeschichte nennen könnte, wobei die Fragestellungen sich immer weniger von denen der Allgemeinhistoriker unterscheiden. Als ich angefangen habe, war Wissenschaftsgeschichte noch sehr stark Geschichte immer nur einer wissenschaftlichen Disziplin. So wie ich Mathematikhistoriker war, sind die Kollegen damals alle Disziplinhistoriker gewesen. Der Nachwuchs, der jetzt auf den Postdoc-Stellen sitzt, ist das sehr häufig nicht mehr, zumal der Grundansatz historisch und nicht spezifisch wissenschaftshistorisch ist. Das heißt, die technisch-wissenschaftliche Prägung der Welt und die Kultur, die sich aus dieser Prägung ergibt, ist das, was uns interessiert. Und das haben wir dann die „Kultur der technisch-wissenschaftlichen Welt“ genannt.

Im Übrigen hatte ich eine Menge Anrufe von ehemaligen Studenten im Berufsleben oder im Ruhestand, die den Studiengang alle noch einmal belegen wollen, da sie das, was sie in der Zeitung und auf der Uniwebseite gelesen haben ganz interessant fanden. Er scheint also gut anzukommen.

 

 

GiBS: Was zeichnet die Absolventen dieses Masterstudienganges dann aus?

 

Was wir uns wünschen ist, dass sie in der Lage sind, über die Kluft zwischen den so genannten zwei Kulturen hinweg zu kommunizieren und das dann auch in ihrer Arbeit umzusetzen. Das heißt, dass sie sowohl ein Verständnis für Kultur-, Geisteswissenschaften und den Übergang zu den Sozialwissenschaften, als auch zu den Natur- und Technikwissenschaften haben. Und dass sie sehen und analysieren können, wie sich das in unseren Lebenswelten niederschlägt. So wie es Kunstvermittlung als Fach gibt, könnte man sagen, dass dies das Wissenschafts-/Technik-Vermittlungsäquivalent ist; wenn das nicht etwas zu eng klänge. Aber so wie es Kunstkritiker gibt, sind wir dann analog die Wissenschaftskritiker, die in der Zeitung über Wissenschaft und das, was sie in der Gesellschaft bewirkt, schreiben.

Aus meiner Erfahrung mit Absolventen der Wissenschafts- und Technikgeschichte kann ich was die Berufschancen und -felder angeht sagen, dass das nicht schlecht aussah. Eben weil sie formal eine Doppelqualifikation oder diese durch ein Zusatzstudium erworben haben. Dann gibt es da Jobs in Museen, Wissenschaftsverwaltung, Journalismus, sowie in der Industrie. Zwei unserer Leute sind z.B. zu VW gegangen, weil sie entsprechende Themen gemacht haben. Das so genannte Feld Unternehmenskommunikation, von dem Nachfragen kommen, ist relativ breit.

 

 

GiBS: Von den Möglichkeiten her wären die Absolventen also in Etwa vergleichbar mit den bisherigen, sich auf Wissenschafts- und Technikgeschichte spezialisierten Geschichtsabgängern?

 

Ja, ich kann ja auch nur aus diesem Erfahrungsbereich überhaupt was sagen. Es ist natürlich immer ein bisschen Spielerei des Propheten für die Berufsfelder. Aber die Akkreditierungsagentur verlangt ja immer, dass wir sagen sollen, was hinterher mit denen passiert. Das heißt aber, eine Zukunftsschau zu verlangen, die man nur begrenzt haben kann. Ich kann natürlich nur Vermutungen und Indizienbeweise aufstellen, aber die Indizien, die ich habe, lassen mich doch einigermaßen positiv sein.

 

 

GiBS: Ein oder zwei ganz konkrete Berufe, in denen die Kluft zwischen den zwei Bereichen hinweg kommuniziert wird?

 

Technisches Museum zum Beispiel. Da gehen Leute hin, die sich große Flugzeuge anschauen, aber von Flugzeugen keine Ahnung haben. Eine Absolventin des Historischen Seminars hat die Luftfahrtabteilung des deutschen Museums in München mit entwickelt, und da geht es immer genau darum, Technik zu kommunizieren in einer Weise, die keine Kluft aufmacht, sonder sie eher überbrückt. Das andere, was mir grad einfällt, ist ein junger Wissenschaftshistoriker, der als Assistent in der Wissenschaftsverwaltung bei der Kultusministerkonferenz war. Da heißt es immer, die verschiedenen Fächer zusammenzubringen. Und für die Vorbereitung wird natürlich jemand bestimmt, der möglichst viele kennt und die verschiedenen Kulturen bedienen kann.

 

 

GiBS: Würden Sie sagen, das ist nun so eine Art Rückkehr des Studium Generale, nach dem Motto: Man studiert was man möchte und am Schluss kann man alles oder irgendwie auch nichts?

 

Das geht vielleicht etwas zu weit, da es ja nicht auf alles geht. Historiker mit einer kulturwissenschaftlichen Vorbildung müssen eben in einen technischen oder naturwissenschaftlichen Studiengang hineinschnuppern. Sie müssen lernen, wie die denken, handeln, wie deren Kriterien sind, Beobachtungen machen und sich auf dem Feld gewisse Kenntnisse aneignen.

Sie sollen keine Spezialisten werden; das ist in der Zeitspanne auch gar nicht möglich. Aber sie sollen ein Gefühl dafür bekommen. Und das Gefühl besteht aus einem guten Stück Wissen und einem guten Stück Erfahrung. Und davon wollen wir eben was vermitteln. Und was wir dann vermitteln wollen ist eben das Fragen nach den verschiedensten Themen der Kultur der technisch-wissenschaftlichen Welt von der kulturwissenschaftlichen Seite aus und damit die Analysefähigkeit gepaart mit dem kulturwissenschaftlichen Blick aber mit einem Verständnis für und einem Respekt vor den anderen Wissenschaften. Ein schönes und qualifizierendes Studium Generale kriegen wir also nicht hin.

 

 

GiBS: Noch mal auf den Bau von Behelfsbrücken über die Kluft zwischen den zwei Wissenschaften zurückkommend: Inwieweit wird die Forschung derjenigen, die jetzt den Masterstudiengang studieren werden, auch für die heutige und die zukünftige Entwicklungen relevant sein? Inwieweit werden die Erkenntnisse dann für die aktuellen Fragestellungen genutzt werden?

 

Es geht darum, in einer Gesellschaft, die unendlich tiefgehend abhängig ist von technischen Einrichtungen und spezialisiertem Wissen, in der Lage zu sein, darüber Debatten zu führen, Dinge erörtern zu können und eine angemessene kritische Haltung zu haben. Das ist das was wir vermitteln wollen, und ich denke, das ist für morgen verteufelt wichtig.

Historiker haben bis vor kurzem so getan, als würde die Eisenbahn auf der Wiese wachsen. Mit der Tatsache, dass nun plötzlich eine Eisenbahn da war haben sie sich nicht weiter beschäftigt. Die traditionelle Politik-, Kultur- und Sozialgeschichte hat die technische Entwicklung nur wahrgenommen. Aber in welcher Weise das geht und welche Dynamiken da drin stecken, das wurde nie gefragt. Das ist eine gewisse Ignoranz der Geisteswissenschaften gegenüber einer Welt, die massivst von Technik und Naturwissenschaften geprägt ist. Diese Ignoranz wird jetzt langsam überwunden Und um die Gesprächs- und Debattierfähigkeit herzustellen, brauchen wir dieses Studium.

 

 

IV Forschung

 

GiBS: In welcher Weise kombinieren Sie Ihre Forschungstätigkeit mit der Arbeit als Dozent? Werden Themen ihrer Forschung auch Gegenstand von Seminaren? Und umgekehrt: Inwieweit bereichern die Erkenntnisse aus den Seminaren Ihre Forschungsarbeiten?

 

Klar bereichern die mich. Der letzte Aufsatz, den ich geschrieben habe, ist erschienen in einer Zeitschrift über technisch-wissenschaftliche Bilder, „Bildwelten des Wissens“, und ich habe dann gleich darauf ein Seminar über Bilder angeboten, also die Geschichte von visueller Technik und Darstellungstechniken im 19. und 20. Jahrhundert. Mit dem Seminar habe ich mir dann noch einige zusätzliche Kenntnisse angeeignet, weil ich Felder mit rein genommen habe, von denen ich wusste, dass sie in ein vernünftiges Seminar gehören, das einen Überblick vermitteln will. Ich benutze also quasi das Seminar, um mir selbst einen besseren Überblick zu verschaffen. Ich muss vorbereiten, aber manchmal habe ich dann auch Studierende, die sich da so stark reinarbeiten, dass sie mir auch zuarbeiten. Aber das eigene Vorbereiten führt dazu, dass ich bei mir selbst noch meine Randkenntnisse in dem Bereich vergrößere. Für mich sind Seminare ausgesprochen anstrengende Ereignisse. Man braucht Konzentration und Aufmerksamkeit auf allen erdenklichen Ebenen gleichzeitig, von denen eine das wissenschaftliche Denken ist. Deswegen sind dies sehr denkintensive Stunden, wo ständig Sachen auftauchen, an die man vorher nicht gedacht hat. Intellektuelles Adrenalin könnte man wohl sagen. Auch bei Vorlesungen und deren Vorbereitung erkennt man immer wieder neue Zusammenhänge. Das analytische oder mehr historisch gesagt, das interpretierende Denken in der Lehre wird immer mit angeregt, selbst im Proseminar.

Aber wo dies alles zusammenkommt, ist in manchen Examensarbeiten und definitiv in der Doktorandenbetreuung. Ich ziehe es immer vor, Doktoranden zu haben, die mit ihrem eigenen Thema kommen und vergebe eigentlich keine Themen. Einmal habe ich etwa ein Jahr mit einer Frau darüber diskutiert, welches Thema sie machen will. Aber in der Diskussion habe ich stets versucht, keine zu speziellen Vorgaben zu machen.

 

 

GiBS: Hat das denn dann auch alles gut funktioniert?

 

Ja, die Doktorandin ist jetzt fertig und sie hat auch mit einem Summa, also mit Auszeichnung promoviert und dann sofort am Max Planck-Institut eine Postdocstelle bekommen.

Auch in diesem Fall habe ich natürlich auch selbst die Arbeit mit begleitet und mitgedacht. Und obwohl ich nicht selbst in den Akten gelesen habe, habe ich die Interpretation und die Struktur immer wieder mit ihr durchdiskutiert. Ich durfte also mitdenken, was ich als Vergnügen angesehen habe und für sie wohl auch hilfreich war. Leider steht in der Widmung, dass sie meine Ansprüche nicht erfüllen konnte. Aber das stimmt gar nicht.

 

 

GiBS: Das sei ihr dann also auf diesem Wege mitgeteilt.

 

Ja. Es ist also aktive Forschung auf einem Feld, das nicht meins ist. Ich beteilige mich zwar sehr intensiv an der Diskussion, aber die Arbeit macht in diesem Fall die Doktorandin. In einem anderen Fall etwa war dies eine ebenbürtige intellektuelle Diskussion während der Arbeit an einer Dissertation mit einem hervorragenden Ergebnis. Und diese Absolventin des Historischen Seminars ist jetzt Associate Professor an der Harvard University.

Da sind Forschung und Lehre dann also wirklich am engsten zusammen, denn da lehre ich forschen!

 

 

GiBS: Ist das nicht das Ziel für das ganze Studium?

 

In dieser Intensität und Qualität geht das natürlich nur auf dem höchsten Niveau, aber im Prinzip versuche ich natürlich von Anfang an, die Studierenden zu einem Fragen und einem Denken zu bringen, das forschenden Charakter hat. Und ich denke, ein stark interessiertes Fragen nach einem Thema sollte nach Möglichkeit ruhig auch etwas geschult sein, eben in der Fähigkeit, so genau und präzise wie möglich die Dinge zu erkennen und formulieren zu können. Das ist wissenschaftliches Arbeiten. Wenn sie das können, dann haben sie ein Arbeitsprinzip, das sie in allen erdenklichen Feldern des Lebens anwenden können. Das sind dann auch schon die Grundfähigkeiten, die man haben muss. Der Rest ist das einfache Handwerk: Wo sind die Archive? Wie findet man die Quellen?

 

 

GiBS: Gibt es Tipps und Tricks die Sie den Studenten mitteilen können?

 

Also: Man sollte sich nicht übernehmen. Lieber wenige Sachen intensiv machen, als zu viele Sachen ohne Intensität. Das ist eine goldene Regel.

Zweitens sollte man immer breit anfangen. Es ist also überhaupt kein Problem, wenn jemand anfängt und sämtliche Welträtsel lösen will. Er muss sich nur bewusst sein, dass er das nicht kann und seine Fragestellung sozusagen trichtermäßig zuspitzen, bis er was hat, was ihn so sehr interessiert wie die Welträtsel, was aber machbar ist. Diese Art der Zuspitzung ist also ziemlich wichtig.

Drittens sollte man möglichst nicht nur auf Deutsch suchen, denken, lesen. Mindestens eine Sprache gehört dazu. Wer nicht englisch recherchiert und wer niemals ein englisches Wort bei Google eintippt, dem entgeht sehr viel.

 

 

GiBS: Passend dazu: Wie viele Sprachen sprechen Sie eigentlich? Und wie viele Sprachen empfehlen Sie Ihren Studenten?

 

Richtig sprechen kann ich nur zwei. Französisch höchstens radebrechen sowie Italienisch und Niederländisch lesen. Ich bedaure das auch, dass mein Französisch so schlecht ist. Dazu muss man aber auch längere Zeit unter französischsprachigen Umständen leben. Das mache ich dann noch nach der Pensionierung.

Aber eine zweite Sprache zu haben, die man wirklich sprechen kann, ist auch für die eigene Reflexionsfähigkeit sehr wichtig. Denken in einer anderen Sprache ist eben nicht nur eine Übersetzung. Zweisprachigkeit ist heutzutage eigentlich ein Muss. Ich rate jedem ein Auslandssemester oder -jahr zu machen, auch wenn man dabei angeblich Zeit verliert, der Gewinn ist es wert.

 

 

GiBS: Das lässt sich ja auch leicht mit zweisprachiger Erziehung und zweisprachige Schulen erreichen.

 

In der Tat.

 

 

GiBS: Noch mal zu den Tipps. Inwiefern unterscheiden sich die Fragestellungen der Technik- und Wissenschaftsgeschichte denn so sehr von zum Beispiel denen der Wirtschafts- und Sozialgeschichte?

Wenn Leute, die jetzt vielleicht mit Technik- und Wissenschaftsgeschichte nicht so viel zu tun gehabt haben, sondern eher mit Gesellschafts- oder Kulturgeschichte; wie sollen die sich jetzt im Basismodul Fünf dieser neuen Art des Forschens und des Denkens nähern? Wie kann man da diesen Sprung machen?

 

Also das werde ich auf der Abschlusssitzung auch noch einmal fragen. Es gibt Menschen, die einfach kein Feeling dafür haben und es auch nicht wollen und denen kann ich auch nicht helfen. Es kann allerdings immer passieren, dass man etwas, das man eher ungern gelernt hat, doch irgendwann nutzen kann. Ich denke, bereits vorhandene Interessen sind definitiv weckbar. Und das versuche ich. Aber wenn jemand in dem Modul eigentlich gar kein Interesse entwickelt hat, möglicherweise sogar eine gewisse Berührungsangst oder Abwehrhaltung hat, dann sollte er nicht in den Studiengang „Kultur der technisch-wissenschaftlichen Welt“ gehen.

 

 

GiBS: Sie fungieren als Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Medizin, Naturwissenschaft und Technik. Erzählen sie uns etwas über das Aufgabenfeld der Gesellschaft und der Intention, die dahinter steckt.

 

Diesen Job werde ich in diesem Jahr abgeben, weil ein neuer Vorsitzender gewählt wird. Und aus diesem Anlass machen wir die Jahrestagung der Gesellschaft Ende September in Braunschweig. Unter dem Titel: „Kultur der Wissenschaften – Wissenschaften in der Kultur“- also einigermaßen angepasst. Das Programm wird auch noch auf GiBS.info erscheinen. Das ist jetzt vor kurzem erst fertig geworden.

 

 

GiBS: Das ist jetzt quasi auch als Einladung für die Studierenden zu verstehen.

 

Im Prinzip schon. Es gibt keine Wachleute, die überprüfen, dass jeder bezahlt hat, und wenn wir Helfer haben, die bereit sind, an gewissen Stellen zu helfen, können sie die Veranstaltung sowieso umsonst besuchen.

Die Hauptaufgabe der Gesellschaft ist eigentlich die Organisation dieser Tagung einmal im Jahr. Und die Tagung hat dann den Charakter, dass man sich bei uns einfach bewerben kann, um einen Vortrag zu halten und normalerweise darf man dann auch. Nur wenn es zu viele sind, müssen wir welche ablehnen.

Die Aufgabe unserer Gesellschaft, die übrigens vor fünf Jahren hundert Jahre alt geworden ist, ist ein Kommunikationsforum für ein wissenschaftliches Fach zu schaffen. Wir sind jetzt dabei eine wissenschaftshistorische Zeitschrift als Gesellschaftszeitschrift zu übernehmen und sie auf ein höheres Niveau zu bringen. Die Basisstruktur ist, dass sich mit einer solchen Gesellschaft ein Fach selbst organisiert. Neben den Jahrestagungen werden hin und wieder Bücher publiziert. Wir haben ein Mitteilungsblatt der Gesellschaft, das jährlich dreimal erscheint und über das, was in dem Fachgebiet passiert, informiert. Aber das Spannende sind die Tagungen. Eigentlich wollte ich übrigens nie Vorsitzender irgendeines Vereins werden, aber es gehört halt zu den Pflichten im Wissenschaftsbetrieb.

 

 

GiBS: Wird der Job dann einfach durchgereicht

 

Ja. Wir suchen den/die nächste(n) Vorsitzende(n) immer im Jahr zuvor. Und da wechselt dann das Spezialgebiet. Als nächstes ist Medizingeschichte dran. Meistens macht nur der Vorstand einen Wahlvorschlag. Die Mitglieder können aber auch Wahlvorschläge machen. Der Job wandert also durch die Städte und die Professorenschaft, die bevorzugt genommen werden, da sie die Büroausstattung haben. Die erste Gesellschaft dieser Art „Die Gesellschaft deutscher Naturforscher und Ärzte“ wurde 1822 gegründet. Diese war lediglich dazu da, durch Tagungen die deutsche Kommunikation voranzubringen. Es war also gleichzeitig ein Akt frühen deutschen Nationalismus und einer der Selbstorganisation der Naturwissenschaftler und Mediziner. Aus dieser Gesellschaft sind dann viele andere Gesellschaften entstanden und eben auch diese hier. Da haben sich dann irgendwann die Fachgebiete, die sich bei den Tagungen getroffen haben, überlegt: „Wir sind zu viele. Wir müssen einen eigenen Verein gründen.“

Es gibt auf unserer Tagung hier einen Tag nur mit Plenarvorträgen und zwei volle Tage, an dem vierfach parallel vorgetragen wird. Die Vorträge sind Kurzvorträge á zwanzig Minuten.

Die Tagung hat mittlerweile einen besonderen Charakter, da zwei Gesellschaften beteiligt sind. Früher waren diese verfeindet. Jetzt organisieren wir zusammen diese Tagung.

 

 

GiBS: Belebt Konkurrenz denn nicht das Geschäft?

 

In der Diskussion über eine mögliche Vereinigung der beiden Gesellschaften wurde genau dies als Kontraargument benutzt. Ich hatte eigentlich vor, dies in meiner Periode als Vorsitzender zu vollbringen, aber bis jetzt haben wir es noch nicht geschafft.

 

 

GiBS: An welchen Projekten arbeiten Sie zurzeit und was schwebt Ihnen noch für die Zukunft vor? Wie sind Sie auf die Themen gestoßen?

 

Soviel kann man zu den neuen Studiengängen auch sagen: Da ich mich hier intensiv für den Bachelor und jetzt auch noch für den Master engagiert habe, schrumpft die Zeit für die Forschung in gewisser Weise gen Null. Meine letzte Veröffentlichung war daher auch der Leitfaden für Studienanfänger Bachelor. Aber auch so etwas muss geschrieben werden.

Ich habe zwei Sachen, die ich machen möchte: Zum einem würde ich gerne meine Vorlesung zur Geschichte der technisch-wissenschaftlichen Kultur in einem mehrbändigen Buch verarbeiten. Denn solch ein Buch, das nicht nur eine Darstellung oder einen Überblick gibt, sondern wirklich eine Vermittlung der wissenschaftlichen Fragestellung des Bereichs Wissenschafts- und Technikgeschichte versucht, gibt es kaum und schon gar nicht auf Deutsch. Es wird dann Wissenschafts- und Technikgeschichte als kulturelle Erscheinung verarbeiten, wobei die tragenden Kulturen immer mit betrachtet werden. In etwa so wie ich in diesem Semester über Ägypten als umweltgeprägte Kultur referiert habe.

Das andere, womit ich noch gar nicht begonnen habe, soll heißen: „Die Generation von 1777“. Dieses beruht auf der Beobachtung, dass es zumindest in den Bereichen Kunst und Wissenschaft aus diesem Zeitraum um 1777 herum eine Reihe von Personen gibt, die Anfang des neunzehnten Jahrhunderts begonnen haben, deutlich mit Traditionen zu brechen und neue Formen des Denkens, Darstellens, Gestaltens zu etablieren. Und das hat bei mir alles angefangen mit Carl Friedrich Gauß und Heinrich von Kleist, die 1777 geboren wurden. Und weil die Zahl so schön klingt, habe ich sie genommen. Die zu dieser Zeit Geborenen nehmen in ihrer Adoleszenz die französische Revolution und ihre Folgen sehr bewusst wahr und erleben die Umbrüche, die sich so nach und nach aus der englischen Industrialisierung ergeben, mit. Sie haben, wie Kleist, ihre „Kantkrise“, also den Naivitätsverlust zwischen dem, was man wissen muss und dem was man wissen kann. Da gibt es einen Cluster von Einflüssen und Personen, die ich mir mal zusammen anschauen will. Da arbeite ich einfach immer mal wieder dran, wenn ich die Zeit dazu finde.

 

 

GiBS: Von den Fragen her sind wir jetzt zu Ende.

 

Ich habe eigentlich auch alles Wichtige gesagt. Was mir aber noch wichtig ist: Wenn ich auf irgendetwas stolz bin, dann sind das meine Doktorandinnen.

 

 

GiBS: Darf man das jetzt als Einladung verstehen, sich um sie als Doktorvater zu bemühen?

 

Vorweg gesagt, ich bin auch auf männliche Doktoranden stolz, und nehme sie selbstverständlich an. Einladen tue ich aber niemanden, es sei denn, das Talent strahlt mich dermaßen an, dass ich gar nicht widerstehen kann. Ich bin übrigens nicht der Doktorvater, der nur Summa-Leute haben will. Ich finde, jeder, der die Fähigkeiten dazu hat, hat ein gutes Recht, sich den zweiten Vornamen zu erwerben, auch wenn er keine Arbeit abgibt, die ihn in den wissenschaftlichen Himmel hebt. Es gibt ein Recht zu promovieren, weil man den Titel haben will. Und dieser ist immer noch Einiges wert, auch wenn das Prädikat nur „Rite“ (heißt soviel wie „ordnungsgemäß“, das niedrigste Prädikat) sein sollte. Chemiker oder Ärzte zum Beispiel brauchen auch einfach nur den Titel; da spielt die Note dann sowieso keine große Rolle.

Und falls sie als Historiker in die Politik wollen, tut es auch gut, einen Doktortitel zu haben. Man denke nur an Dr. Kohl. Deswegen halte ich es da nicht wie einige meiner Kollegen, die Kandidaten nur annehmen, wenn sie besonders aussichtsreich scheinen. Im Übrigen braucht es neben Talent zur wissenschaftlichen Arbeit noch allerlei Eigenschaften für eine Promotion, unter Anderem schlicht die Lust dazu sich auf ein paar Jahre in ein Thema zu verbeiße, das ist nicht jedermanns Sache. Mindestens ein Kandidat, den ich gern eingeladen hätte, ist mir aus diesem Grund entgangen.