Marie-Luise Hartermann

 

Entfernte Verwandtschaft. Faschismus, Nationalsozialismus, New Deal 1933–1939. von Wolfgang Schivelbusch

 

Im Rahmen der Übung von Herrn Dr. Ludewig im Wintersemester 2005/06, „Neuere Tendenzen in der NS-Forschung“, wurde die 2005 erschienene Monographie des Kulturhistorikers Wolfgang Schivelbusch, „Entfernte Verwandtschaft. Faschismus, Nationalsozialismus, New Deal 1933–1939“, behandelt. Der 1941 in Berlin geborene Autor lebt dort und in New York. Eine englischsprachige Ausgabe des Buches wird unter dem Titel “Three Types of Leadership in the Great Crisis. Fascism, National Socialism and the New Deal in the 1930s” in New York erscheinen. Die Rezensionen der deutschen Ausgabe des Buches fielen weit überwiegend positiv aus.

 

Schivelbusch vertritt die These, dass es zwischen den drei Herrschaftsformen Faschismus, Nationalsozialismus und New Deal trotz der Verschiedenheit der Staatsformen Ähnlichkeiten im politischen Führungsstil gegeben habe, die daraus entstanden seien, dass sowohl in Europa als auch in den USA Anfang der Dreißiger Jahre starke Staaten gefordert waren, um die Fundamentalkrise des Liberalismus zu überwinden. Eine gelenkte korporatistische Planwirtschaft wie im Faschismus und Nationalsozialismus sei als dritter Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus gesehen worden und als geeignetes Mittel zur Überwindung der Krise akzeptabel erschienen.

 

Das Jahr 1933 bezeichnet Schivelbusch als Tiefpunkt der liberaldemokratischen und Höhepunkt der faschistisch-totalitären Ordnung. Der italienische Faschismus feierte sein 11jähriges Regierungsjubiläum. Im März trat in Washington Roosevelt sein Amt an und verabschiedete der Reichstag in Berlin das Ermächtigungsgesetz für Hitler. Auch Roosevelt erhielt sein Ermächtigungsgesetz: Er wurde durch enabling act des Kongresses ermächtigt, den nationalen Notstand zu erklären. Er begründete den New Deal, ein System umfangreicher braintrust-geplanter Reformen. Da Roosevelt am privatwirtschaftlichen System festhielt, wurde der New Deal als fabian oder economic facsism bezeichnet.

 

In den USA wie in Deutschland habe 1933 die typische Charisma-Situation bestanden; eine langanhaltende Krise, mit der die etablierten Machtgruppen trotz ausreichender Gelegenheit nicht fertig geworden seien. Der Retter – in Deutschland Hitler, in den USA Roosevelt – musste klar und deutlich von außen kommen. Hitler, der namenlose Weltkriegssoldat, und Roosevelt, der

Aristokrat, hätten von unterschiedlichen Polen her diese Voraussetzung erfüllt. Für den Charismatiker sei eine plebiszitäre Direktverbindung zur Masse erforderlich, um diese psychologisch mit dem Charismatiker zur gemeinsamen Bewegung gegen das alte System zu verschmelzen. Hitler und Mussolini hätten diese Direktverbindung durch ihre Großkundgebungsdramaturgie herzustellen gewußt, Roosevelt hingegen durch das Radio. Hitler probte seine Gestik vor jeder Rede. Seine Großkundgebungsdramaturgie bestand aus verdunkeltem Saal, dröhnender Marschmusik, Einmarsch und Aufstellung der SA, einem Meer von Fahnen, mythischer Scheinwerferbeleuchtung und endlos langem Warten auf seinen Auftritt. Seine Reden folgten dem klassischen rhetorischen Dreischritt, dem Schema der Pastorale. Roosevelt wiederum probte vor jedem fireside-talk Artikulation, Modulation, Wortwahl, Tempi, ließ sich einen künstlichen Zahn einsetzen. Seine Stimme wurde als fresh, pleasant, melodious, rich, golden beschrieben. Alle Hörer empfanden sich als persönlich angesprochen.

 

Alle drei Herrschaftsformen liebten die Kriegsmetapher. Für Faschismus und Nationalsozialismus sei das Kriegserlebnis der alles bestimmende Schöpfungsakt gewesen. Führerprinzip, Sturmtrupps, Uniformierung, überhaupt Kampf als Zentralbegriff für politische Auseinandersetzungen, ferner auch die Bezeichnung legaler Regierungswechsel als Machtergreifungen. Auch der New Deal habe die Kriegspsychologie genutzt, wie schon Roosevelts Inaugurationsrede zeige. Der Ruf nach einem großen kriegsähnlichen Kraftakt zur Überwindung der mit konventionellen Mitteln nicht zu bewältigenden Krise habe die USA beherrscht.

 

Alle drei Herrschaftsformen betrieben Propaganda, auch der New Deal, wie Schivelbusch hervorhebt. Während aber Propaganda in Deutschland ganz öffentlich betrieben wurde – das zuständige Ministerium hieß sogar für Volksaufklärung und Propaganda – haftete dem Begriff in den USA Unmoralisches an; denn liberale Staaten lenken die Meinung so wenig wie die Wirtschaft, Propaganda kennen sie allenfalls im Ausnahmezustand. Die Propaganda war, wie Schivelbusch aufzeigt, in beiden Staaten von unten nach oben aufgebaut: Es gab zahlreiche Meinungssammelstellen in örtlichen Parteigliederungen und Außenstellen des Ministeriums in Deutschland. In USA wurde dazu 1933 eigens ein National Emergency Council gegründet. Roosevelt forderte seine Hörer auf, ihm zu schreiben (verzehnfachter Posteingang im Weißen Haus).Der Rückfluß nach unten erfolgte in Deutschland zentralisiert aus dem Propaganda-Ministerium, in den USA dezentralisiert über umfangreiche Public-Relations-Abteilungen, die in jedem Fachministerium eingerichtet wurden.

 

Auch Zensur war nach Schivelbusch in beiden Staaten vorhanden. In Deutschland war die Presse gleichgeschaltet. In den USA blieb die Presse zwar frei; jedoch gelangte der Rundfunk über die Befristung der Sendelizenzen in staatliche Abhängigkeit. Bereits 1934 verkürzte Roosevelt die Lizenzdauer von drei Jahren auf sechs Monate.

 

Sowohl die NS- als auch die New Deal-Propaganda manipulierten das Massenverhalten durch Symbolik mit Gewalt. Hierfür benennt Schivelbusch die Blue-Eagle-Kampagne des New Deal, die Winterhilfswerk-Aktionen des Nationalsozialismus. Blue Eagle begann im Juli 33 mit einem fireside-talk Roosevelts. Sie diente der Durchsetzung der Codes der NRA (= National Recovery Administration; sie war von Roosevelt im Juni gegründet worden und hatte die Aufgabe, codes aufzustellen und zu überwachen, mit denen die amerikanische Industrie zur Einhaltung bestimmter Produktions- und Preisgrenzen verpflichtet wurde). Roosevelt bezeichnete Blue Eagle als Sommeroffensive gegen die Arbeitslosigkeit. „Wir haben eine Ehrenplakette geschaffen. Ich bitte alle, die sich mir anschließen, diese Plakette offen zu tragen“. Die Plakette zeigte einen blauen Adler, ein Blitzbündel umkrallend, und die Aufschrift NRA We do our best. Die Plakette erschien überall, an Ladentüren, Fabriktoren usw. Ihr Fehlen symbolisierte Gegnerschaft. In allen Schalterhallen der Postämter hingen Teilnehmerlisten als honorable mention aus. Blue Eagle endete planmäßig im September mit einer Parade über die Fifth Avenue – Dauer 19 Stunden, Teilnehmer 250 000. Der Economist schrieb dazu, man habe mehr blaue Adler als in Deutschland Hakenkreuze gesehen. Die scheinbare Freiwilligkeit der Kampagne von oben wurde durch die Boykottdrohungen von unten zum Zwang, was Schivelbusch mit Fritz Morstein Marx (Verwaltungsrechtler in Harvard) als symbolism of compliance bezeichnet. Die Kampagne des Winterhilfswerks in Deutschland lief ebenso ab. Auch hier wurde Freiwilligkeit erzwungen. Prominente traten als Sammelbüchsenträger auf. Vom Finanzamt wurden zwanzig Prozent der Lohnsteuer automatisch als Spende einbehalten, falls der Steuerpflichtige dem nicht ausdrücklich widersprach.

 

Da die Propaganda auch Erhaltungspropaganda war, musste sie einen feel-good-Faktor hervorzaubern. Dies geschah in den totalitären Staaten durch besondere Organisationen, so in Italien durch dopolavoro, in Deutschland durch KdF. In den USA sei dieser Bereich zwar privat geblieben, es entsprachen ihm jedoch, so Schivelbusch, die von Washington angeregten und mitfinanzierten Freizeitanlagen, darunter die in großem Umfang geschaffenen Parkways.

 

Weiterhin stellt Schivelbusch in allen drei Herrschaftsformen Regionalismus fest, der sich darin zeigte, dass Programme für Autarkiesiedlungen aufgelegt wurden. In den USA wurde im Sommer 1933 die Division of Subsistence Homesteads gegründet. Eine homestead war ein preiswertes modernes Haus mit Nebengebäuden und so viel Land, dass eine Familie sich davon weitgehend selbst ernähren konnte. In Deutschland wurde 1933 ein Reichskommissariat für das Siedlungswesen errichtet. Man plante 1000 Landstädte mit 10 000 bis 20 000 Einwohnern, die ihren Lebensunterhalt aus Landwirtschaft, Leichtindustrie und Handwerk gewinnen sollten.

 

Die gemeinsame Vorliebe von Faschismus, Nationalsozialismus und New Deal für großtechnischen Monumentalismus führte, so Schivelbusch, in allen drei Systemen zu propagandistisch genutzten Symbolbaustellen. Faschistisches Beispiel hierfür ist ihm das Projekt agro pontino, die Trockenlegung und Besiedlung eines 45 km langen und 18 km breiten Sumpfgebietes, wo 46 000 Siedler angesiedelt wurden. Dem stellt Schivelbusch in den USA die Tennessee Valley Authority gegenüber, eine von Roosevelt im Mai 1933 geschaffene Entwicklungsregion neuen Typs: Auf einer Fläche von über 100 000 km2 sei dem New Deal eine Synthese zwischen Agrikultur und Technik gelungen. Der Tennessee und seine Nebenflüsse wurden schiffbar gemacht, der Boden wurde amelioriert und aufgeforstet, Elektrizität wurde durch die öffentliche Hand und nicht mehr durch private Stromtrusts bereitgestellt. In Deutschland sieht Schivelbusch die Reichsautobahn in diesem Kontext, welche die Historiographie des Dritten Reiches lange nur als Nebenzweig der Aufrüstung gesehen habe. Tatsächlich aber seien die Straßen des Führers auch als bewusste Landschaftsverbesserung geplant worden und müssten im Zusammenhang mit der Schaffung des Volkswagens der propagandistischen Idee, Kraft durch Freude zu schaffen, zugeordnet werden.

 

In Dr. Ludewigs Übung entzündete sich an der Monographie von Schivelbusch nahezu ausschließlich Kritik. Haupttenor war der Vorwurf, dass Schivelbusch nicht ausreichend das Unterschiedliche zwischen dem menschenverachtenden gewalttätigen Nationalsozialismus und dem demokratischen New Deal herausgestellt habe. Nach Auffassung der Referentin der Schivelbusch-Monographie trifft diese Kritik gar nicht die Monographie als solche. Es wird keineswegs gerügt, dass etwas an der Darstellung Schivelbuschs sachlich unrichtig sei; es wird ihm lediglich vorgeworfen, stilistische Ähnlichkeiten zwischen einer Demokratie und einer verabscheuungswürdigen Diktatur ohne deutliche Kontextsensibilisierung aufgezeigt zu haben. Die Kritik findet damit auf einer Metaebene statt, deren Kernfrage lautet, ob man Fakten aus der Zeit des Dritten Reiches überhaupt jemals und wenn ja, dann wann, wertungsfrei sachbezogen darstellen darf.

 

Marie-Luise Hartermann