Ungeschehene Geschichte

von Alexander Demandt

Kleine Vandenhoeck-Reihe Nr. 1501

132 Seiten, TB (1984)

 

Was wäre geschehen, wenn Pontius Pilatus im Jahre 33 Jesus von Nazareth begnadigt hätte? In diesem Fall, so argumentiert der Historiker Demandt plausibel, wäre in der Folgezeit eine Menge anders gekommen, denn die Instrumentalisierung des aramäischen theologischen Eiferers stehe und falle mit seinem Märtyrertod, der dadurch nicht stattgefunden hätte. Das Kreuz mit seinen vielfältigen Folgen wäre z. B. nicht das zentrale Symbol des Christentums geworden, heute weithin unvorstellbar.

Es ist nicht so gekommen. Dies steht in den Geschichtsbüchern. Die Geschichte erforscht, wie Leopold von Ranke sagte, die Dinge, „wie sie gewesen sind“. Alles andere, wird gerne behauptet, sei unseriöse Spekulation, unzulässig und unnötig, reine Phantasterei, die man in Maßen allenfalls noch im historischen Roman wiederzufinden imstande ist.

Alexander Demandt, selbst von der Profession her Althistoriker, ist anderer Auffassung. Mit seinem „Traktat über die Frage: Was wäre geschehen, wenn...?“ (Untertitel des vorliegenden Buches) unternimmt er die philosophisch-geschichtswissenschaftliche Analyse des Phänomens alternativer Geschichtsstränge und unterwirft sie akribisch einer kritischen Prüfung. Und er findet gute Gründe, von der grundlegenden Verdammung der kontrafaktischen Geschichte abzuweichen und sie zuzulassen.

Beispielsweise argumentiert er schlüssig, daß selbst seriöse Historiker und Geschichtsphilosophen sich in ihren Werken solcher Gedankenspielereien nicht völlig hätten enthalten können, ja, daß sie diese Alternativen in Entscheidungssituationen der Weltgeschichte BRÄUCHTEN, um den Wert der dann realisierten Version eingehend würdigen zu können.

Der Gedanke, daß kontrafaktische Geschichte für Historiker gewissermaßen konstitutiv ist und ein Ausblenden dieser Möglichkeiten eine unzulässige Verengung der Möglichkeiten darstellt, wird bei Demandt geschickt entwickelt. Es erübrigt sich, hier zu begründen, warum mich diese Wendung der Analyse sehr freut.

Maßgebliche Historiker haben selbst öffentlich solche „Parageschichte“ betrieben. G. M. Trevelyan gewann 1907 einen von einer Zeitung ausgeschriebenen Wettbewerb mit einer Geschichte, in der er beschrieb, was geschehen wäre, wenn Napoleon die Schlacht bei Waterloo gewonnen hätte.  Politiker wie Winston Churchill haben über solche Möglichkeiten spekuliert,  andere haben die Verläufe antiker Imperatoren weiterverfolgt, z. B. Arnold Toynbee  und sind zu verblüffenden – unrealisierten – Ergebnissen gelangt.

Demandt argumentiert nun, daß es zwar schwerwiegende Gründe gibt, diese Ansätze als ahistorisch aufzufassen, daß zugleich aber, wenn man seriöser Historiker sein möchte, das Faktum nicht auszublenden sei, daß die das Heute die Zukunft von gestern wäre und sich die Extrapolation auf die Zukunft nur graduell von der Parahistorie abgrenzen lasse. Er beschreibt sehr plastisch die Zeitlinie als einen mehr oder weniger geraden Pfad durch eine übersichtliche Landschaft: Man könne zwar stur auf den Boden dieses Pfades blicken und nur die Fakten sehen, aber ebenso gut könne man den Blick heben und sich die „Landschaft“ rechts und links des Zeitstromes anschauen. Dies aber seien gerade unverwirklichte Linien der Zeit. Kontrafaktische Geschichte eben.

Die Folge solcher Betrachtungen hält er für außerordentlich fruchtbar, wenngleich hier in der Literatur in erster Linie der Unterhaltungswert der kontrafaktischen Geschichte überwiege. Man müsse genau abwägen, wieviel potentiellen Realitätsgehalt man einer Veränderung der Zeitlinie (z. B. des Attentattodes Hitlers im Jahre 1938 oder früher) zugestehe. Konkrete Aussagen über mögliche Folgen und Veränderungen ließen sich nur für das direkte Umfeld konstatieren, je weiter sich die Alternative vom Punkt der Veränderung in die Zukunft hinein entferne, desto diffuser und „phantastischer“ werde sie notwendigerweise.

Letztlich führt für ihn aber jeder Weg zur gesicherten Geschichte zurück, die dadurch nicht überflüssig oder infragegestellt wird. Eher führt die Beschäftigung mit der Kontrafaktik zu einem verblüffenden Fazit: „Die Realität entpuppt sich als bloße Kostprobe des grundsätzlich Realisierbaren, sie erscheint als der zufällige Griff in den unschätzbaren Schatz der Schick-salsurne, sie offenbart siuch als Botschaft aus einer Überwelt, in die wir nur durch den Türspalt des Gegebenen hineinlugen können. Die dort ruhenden unverwirklichten Möglichkeiten können wir zwar nur ahnen, aber wenn wir uns diese Ahnung durch Kritizismus aberziehen, verarmt unser Geschichtsverständnis um eine ganze Dimension. Denn um den zahlbaren Preis verminderter Blickschärfe sehen wir das Geschehene in den großen Rahmen des Ungeschehenen gestellt. Die Wirklichkeit bildet eine Insel, einen Archipelagus im Ozean des Möglichen. So unsicher alles Navigieren auf ihm bleibt, so klar wird dem, der sich nur ein Stück hinaustraut und zurückblickt, die Borniertheit, die im Genügen am Realen liegt. Er wird sich über die Realität und die Realisten wundern. Die geschehende Geschichte ist ebenso wundersam wie die nicht geschehende.“

Dem bleibt nur noch hinzuzufügen, daß jeder, der ernsthaft an Parallel- und Alternativwelten sowie Zeitreisen in der SF und Phantastik allgemein interessiert ist, dieses Buch mit Gewinn lesen wird. Für den Schriftsteller, der sich in diesen Wassern bewegen möchte, ist es eine äußerst anregende Lektüre.

 

 

Uwe Lammers

Braunschweig, den 22. Juli 2001

Ergänzt am 18. Mai 2004