IN MÄNNERKLEIDERN

 

Das verwegene Leben der Catharina Margaretha Linck alias Anastasisus Langrantius Rosenstengel, hingerichtet 1721

 

Von

Angela Steidele

 

 

Angela Steidele beschreibt ihn ihrem Buch den langen Irrweg einer Frau, die sich nicht den eingeengten Lebenschancen einer Frau des späten 17. bis in die frühen zwanziger Jahre des 18. Jahrhunderts unterwerfen wollte. Sie beschreibt dabei in einer eher narrativen Art den Weg der Catharina Linck von ihrer Geburt an bis zu ihrer Hinrichtung im Jahre 1776. Linck war die letzte Frau, die in Europa wegen Unzucht mit einer anderen Frau hingerichtet wurde. Sie versucht dabei nicht nur den Lebensweg nachzuzeichnen, sondern befasst sich im letzten Kapitel auch mit der Frage nach Transidentität und Homosexualität. Fragen, die zur Zeit der Catharina Linck noch nicht im Bewusstsein der Menschen waren und wofür sie noch nicht einmal Worte hatten. Trotzdem ist es sehr wertvoll diesen Fragen nachzugehen. Es gelingt Steidele sehr gut, den Blickwinkel unserer Zeit mit den Quellen der damaligen Zeit zu verbinden. Sie versucht dabei zu rekonstruieren, inwieweit sich die Menschen damals den Phänomenen Transidentität und Homosexualität bewusst waren bzw. wie Catharina Linck sich selbst sah.

Im Zusammenhang mit der Urteilsfindung weist sie auch auf die schwierige Rechtslage in Fragen der Sodomie hin. Haben Frauen eine eigene Sexualität und können sich daher der Sodomie schuldig machen? Oder bezieht sich weibliche Sexualität rein auf den Mann und seinen Samen und damit einzig und allein auf die aus Sexualität resultierende Nachkommenschaft? Das diese Frage im Falle eines Sodomievorwurfes gegen eine Frau nicht so leicht zu beantworten gewesen zu sein scheint, nimmt die Autorin mit in die Beschreibung der schwierigen Urteilsfindung auf.

 

Das Buch stützt sich im Wesentlichen auf drei Quellen. Zum einen sind dies die Gerichtsakten, die den letzten Teil des Prozesses gegen Catharina Linck und ihre Ehefrau, Catharina Mühlhahn, wiedergeben. Zum anderen stützt Steidele sich auf ein 1720 erschienenes Pamphlet „Umständliche und wahrhaffte Beschreibung einer Land- und Leutebetrügerin“, die zwar nicht uneingeschränkt verlässlich erscheint, aber durch Übereinstimmungen mit den Gerichtsakten durchaus eine nicht ganz unzuverlässige Quelle darstellt. Steidele vermutet, dass die oder der Verfasser der Schrift Einblick in die Inquisitionsakten gehabt haben müssen oder muss. Diese Akten sind leider vernichtet worden und standen der Autorin somit nicht zur Verfügung.

Als dritte Quelle bezieht sie sich auf einen Bericht des preußischen Generals Friedrich Wilhelm von Grumbkow, den er an Friedrich den I. aus dem spanischen Erbfolgekrieg schrieb. Hierin berichtet Grumbkow von einem Desarteur, der sich der Hinrichtung entziehen konnte, weil er zugab, ein Mädchen zu sein.

 

Catharina Linck diente aber nicht nur als Soldat. Sie wuchs in einem Waisenhaus auf, welches der Grundstein zu den noch heute bekannten Frankschen Stiftungen in Halle/Saale bildete. Schon bald aber erkannte sie, dass der ihr als Mädchen vorgezeichnete Weg nicht ihren Vorstellungen und ihrer Freiheitsliebe entsprach. Die Autorin beschreibt nun in den folgenden Kapiteln den Weg einer jungen Frau zu einem jungen Mann, der sich auf verschiedenste Weise durchs Leben schlägt. Zunächst landete Catharina Linck bei einer radikalpietistischen Gruppe, mit der sie, nun unter dem Namen Anastasisus Langrantius Rosenstengel, eine Weile durch die Lande zog. In der Folge verdingte sie sich, wie oben bereits erwähnt, auch als Soldat. Zwischenzeitlich zwang ihre unfreiwillige Rückkehr zur Weiblichkeit, sie hatte sich enttarnen müssen, um dem Galgen zu entkommen, sie wieder nach Halle und dort als Frau in einen handwerklichen Betrieb. Lange hielt sie es dort allerdings nicht aus und nahm wieder die Rolle eines Mannes an.

Eine Zuspitzung, der die Autorin auch viel Platz einräumt, erfährt Catharina Lincks Lebensweg durch die Heirat mit Catharina Mühlhahn. Schon zuvor wird angemerkt, dass Linck als Mann durchaus sexuell aktiv gewesen ist und dies auch explizit genossen hat, in ihrer Identität als Mann. Sie schaffte sich sogar einen Lederdildo an, der beim Prozess zu einem wichtigen Beweisstück werden sollte. Das Misstrauen der Schwiegermutter und die Unfähigkeit Lincks für ein gewisses Auskommen zu sorgen, was die Eheleute immer wieder auf Mühlhans Mutter zurückwarf, führte schließlich zu Lincks Enttarnung.

Der nun folgende Bericht über die Inquisition und das Verfahren gegen Linck und Mühlhahn bilden das eigentliche Herzstück des Buches. Aus den Unterlagen und aus oben genannter Hetzschrift bezieht die Autorin schließlich ihre gesamten Informationen. Hier bleibt nun auch Zeit für historische Einordnungen und die ebenfalls schon angesprochenen Bewertungen des Gegenstandes des Buches. Es geht nicht allein darum den ungewöhnlichen Lebensweg einer Frau nachzuzeichnen, die sich als Mann mehr Chancen ausrechnete. Es geht auch um die Frage nach der Bewertung transidenter bzw. gleichgeschlechtlicher Lebensweisen.

Das Buch bildet einen gelungenen Beitrag zur Geschichte von Transidentität und Homosexualität. Es bildet aber auch einen Beitrag zur Beantwortung der Frage, wie Sexualität definiert ist. Gibt es weibliche Sexualität? Kann eine Frau sich der Unzucht und Sodomie überhaupt schuldig machen? Natürlich beantwortet das Buch diese Fragen nicht erschöpfend, aber es bietet interessante Diskussionsansätze.

 

Josefine Paul