Der Mensch ist des Menschen Wolf

von Janusz Bardach und Kathleen Gleeson

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Übersetzt von Margret Fieseler

1. Auflage: Februar 2000

2. Auflage: Oktober 2000

472 Seiten, 20 Euro

 

An der weißrussischen Front: Juli 1941

„Die Grube, die ich graben mußte, hatte exakt die Ausmaße eines Sarges. Der sowjetische Offizier plante sie sorgfältig. Er maß mich mit einem Stock, zeichnete Linien auf den Waldboden und befahl mir zu graben. Er wollte sichergehen, daß ich gut hineinpaßte...“

So beginnt der Alptraum namens Leben, in das der Leser eintaucht, wenn er dieses Buch in die Hand nimmt und mitgerissen wird von der lebendigen, eindringlichen und manchmal unendlich qualvollen Lebensgeschichte des polnischen Juden Janusz Bardach, der im Zweiten Weltkrieg und in der Folgezeit Dinge durchmacht, die ihn an Gott, der Welt und allem zweifeln lassen, an das er jemals geglaubt hat.

An den Idealen seiner Familie, an der Gutmütigkeit seiner Mitmenschen, an der visionären Kraft und Gerechtigkeit des großen Arbeiterführers Stalin, der Wohlstand und Freiheit über alle bringen wird, ja, ihm erwachsen sogar Zweifel an der Rechtmäßigkeit der sozialistischen Doktrin und den marxistischen Gedanken, die seine Jugend geprägt haben. Und Janusz lernt, am Leben zu verzweifeln... oder jedenfalls beinahe.

Janusz Bardach wird am 28. Juli 1919 als jüngster Sohn einer wohlhabenden jüdischen Arztfamilie in Odessa geboren, wächst aber in der kleinen Stadt Wlodzimierz-Wolynski in Zentralpolen auf und wird, als die Jugend dort immer stärker in den Bann nationalistischer und antijüdischer Parolen gerät, Mitglied der sozialistischen Jugendbewegung, wo er sich bald in wichtigen Positionen behauptet und mit glühendem Eifer an die Gerechtigkeit der marxistischen Internationale glaubt. Für ihn sind die Verlautbarungen der Partei, die Informationen über das Leben in der Sowjetunion, die lautere Wahrheit, und er kann sich nichts Schöneres vorstellen, als dereinst für den Sozialismus in den Kampf gegen den Faschismus zu ziehen.

Im September 1939 scheint es soweit zu sein: die Deutschen beginnen das polnische Territorium zu überfluten und bedrohen Janusz´ Eltern und besonders auch seine heißgeliebte Freundin Taubcia und deren orthodoxe Familie. Doch noch haben sie Glück. Die Rote Armee marschiert von der östlichen Seite des Landes ein und besetzt einen Teil Polens, in deren Einflußbereich auch Wlodzimierz-Wolynski liegt.

Janusz sieht seinen Traum erfüllt, aber er wird von den Sowjets schlicht ignoriert, als er sich freiwillig zum Befreiungskampf gegen die Nazis einziehen lassen möchte. Niemand hat zu dieser Zeit eine Ahnung vom Molotow-Ribbentrop-Geheimabkommen, in dem sich die Nazis mit Stalin über die Teilung Polens geeinigt haben.

Es kommt noch schlimmer.

Der sowjetische Geheimdienst NKWD ist nun natürlich im besetzten Polen präsent und beginnt mit einer Verhaftungswelle von „Kapitalisten“ und „Ausbeutern“. Alle Besitzer von Grund und Boden, alle Leute, die Vermögen angehäuft haben, geraten ins Visier des Geheimdienstes, darunter auch Janusz´ Vater und der Rest der Familie.

Der junge Janusz versucht, das Schlimmste zu verhindern, indem er an die lokalen Gre-mien der Partei appelliert. Doch statt Erfolg zu haben, wird er einer unvergeßlichen Tortur unterworfen: der NKWD rekrutiert ihn als „zivilen Zeugen“ der Verhaftungen, und so bekommt er die Greuel, die der von ihm eigentlich bewunderte sozialistische Geheimdienst unter seinen persönlichen Bekannten und Freunden in seiner Heimatstadt anrichtet, inklusive von Mißhandlungen und Vergewaltigungen, hautnah mit. Zutiefst schockiert gerät sein Glaube erstmals ins Wanken.

An seinem 21. Geburtstag wird er von der Roten Armee zwangsrekrutiert und in die Ukraine verlegt, um dort ausgebildet zu werden. Er lernt heruntergekommene Kasernen, schikanöse Vorgesetzte, sadistische Ausbilder, brutale Schlägereien und Vergewaltigungen unter den Soldaten kennen und muß rasch begreifen, daß sein Bild von der Sowjetunion (mindestens von den unteren Militärrängen und dem Geheimdienst) offenkundig völlig falsch war. Beklommen wird er eingefangen von einer Atmosphäre des permanenten Mißtrauens, der Denunziation und der fast alltäglichen Folter. Und Janusz muß schockiert erkennen, daß Antisemitismus unter den Soldaten der Roten Armee weit verbreitet ist. Sehr weit verbreitet.

Doch noch immer denkt er, der Genosse Stalin wisse von alledem nichts, und wenn man ihm Bescheid gäbe, würde der fast absurd vergötterte Führer der Sowjetunion mit diesem „Schlendrian“ aufräumen und die perversen Elemente der Armee allesamt hart für das bestrafen, was sie tun.

Doch das Klima der Angst ist ansteckend. Nur durch den Überfall Hitlers auf die Sowjetunion im Jahre 1941 entgeht er einer intensiveren Verflechtung in sozialistische Organisationen. Janusz wird Panzerfahrer, der mit einem modernen Kampffahrzeug gegen die Nazis antreten soll.

Bei einer Überführung der Fahrzeuge an die Front kommt es zu einem folgenschweren Unfall, bei dem der Panzer im Wasser versinkt. Janusz kann sich gerade noch retten und muß mit seinen Kameraden bald darauf den Panzr wieder instandsetzen. Als „Dank“ dafür wird er der Sabotage angeklagt und nach Paragraph 193.15, Absatz D zum Tode verurteilt.

Nur ein Zufall hilft ihm, dieses Urteil in eine fünfzehnjährige Haftstrafe mit schwerer körperlicher Arbeit umzuwandeln. Doch er hat keine Ahnung, wohin ihn sein Weg führen wird: in monatelangen Eisenbahntransporten, in Viehwaggons, in denen die Verurteilten zu Dutzenden sterben und Janusz zu seinem Unverständnis auch verurteilte hochrangige NKWD-Offiziere und Majore sowie Oberste der Roten Armee trifft, die nach wie vor treu ans System glauben, wird ihm langsam klar, daß etwas schrecklich falsch ist. Entweder am System oder an seinem Glauben. Oder an beidem.

Er lernt Transitlager wie Burepolom kennen, wird zur Zwangsarbeit eingesetzt, führt verstohlen Gespräche mit Mitgefangenen und entdeckt ungläubig, daß Kriminelle in manchen Lagern und Haftanstalten wie Könige herrschen und sich die örtlichen NKWD-Funktionäre mit ihnen fraternisieren. Es existiert, so kommt es bald heraus, ein Reich innerhalb des sozialistischen Reiches, und das Herzstück davon ist der schlimmste Ort der Sowjetunion: Kolyma.

„Bete darum, daß du nicht nach Kolyma kommst“, sagen Janusz viele Mitgefangene, die aus der umgekehrten Richtung kommen und unterwegs sind in andere Lager. Sie haben den Archipel Gulag überlebt und sind aufs „Festland“ zurückgekehrt. Aber Janusz, der naive, jüdische Soldat der Roten Armee, der nichts mehr weiß von seinen Angehörigen, der vielfach brutal mißhandelt und gefoltert wird und beinahe den Glauben an alles verliert, er hat keine Wahl: der Zug hält erst in Wladiwostok, und von hier aus geht ein gigantischer, Tausende von Gefangenen umfassender Sklaventransport zur See hinauf in den Gulag von Kolyma, wo auf alle harte Arbeit in Goldgräbercamps, Bleiminen oder beim Straßenbau und Holzfällen wartet.

Und hier beginnt Janusz Bardachs Alptraum erst richtig, der Alptraum, der Leben heißt und der aus Menschen Tiere oder noch Niedrigeres macht, der ihr Herz versteinern läßt und Mitmenschlichkeit zu einem sehr raren Gut macht. Hier, wo Leben nichts mehr bedeutet, wo der Mensch dem Menschen ein Wolf ist, schälen sich die letzten Reste seines treuen Glaubens an die sozialistischen Ideale ab, und hier muß Janusz hart werden wie die anderen - und doch versuchen, sich einen Funken Anstand und Güte zu erhalten, Hoffnung auf ein Danach, das in unendlicher Ferne zu liegen scheint...

Diese Autobiografie Janusz Bardachs, der zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Buches 76 Jahre alt war und in Iowa in den USA als international anerkannter plastischer Chirurg lebt und arbeitet, hat es mit seinen Worten auf eindringliche, beispiellose Weise verstanden, mich in den Bann einer Welt zu ziehen, die ich - seit ich den Band 1 von Alexander Solschenizyns „Archipel Gulag“ fand - immer einmal besuchen wollte.

Wenn man wirklich gebannt dem Lesefluß lauscht und folgt, ist es fast unmöglich, sich aus dem Bann dieses Buches wieder zu lösen. Mir erging es so, und ich habe es innerhalb von nicht einmal zehn Tagen ausgelesen. Nur an manchen Stellen, wo es gar zu düster wurde, mußte ich pausieren.

Man sollte meinen, dieses Werk sei erfüllt von intensiven Darstellungen der Grausamkeiten des Geheimdienstes, vielleicht von Zorn, Wut, Haß auf die einstigen Peiniger; stellenweise unmöglich zu lesen, weil sich dem Leser der Magen umdreht... doch weit gefehlt. Zwar wird in diesem Buch eine Menge an beispiellosen Grausamkeiten geschildert, doch Janusz vollbringt das unglaubliche Kunststück, dem Leser klarzumachen, daß die Funktionäre des Systems selbst eigentlich „nur“ Menschen waren, ebenfalls Räder im Getriebe, und daß glühender Patriotismus und Pflichterfüllung keineswegs halfen, um diesen Mühlen des Gulag zu entkommen. Das System selbst war es, das die Entmenschlichung verursachte, weniger die Menschen, die ausführende Organe waren.

In den Zeiten Stalins wurden mehr als zwanzig Millionen Sowjetbürger, also mehr als ein Achtel aller Männer, Frauen und Kinder, durch Erschießungskommandos umgebracht oder im Gulag drangsaliert, viele unschuldig, andere durch Denunziationen wegen kleinster Vergehen zu langjährigen, oftmals tödlichen Arbeitslagerstrafen verurteilt. Und die Verurteilenden, die NKWD-Offiziere, die Oberste, Brigadeführer, Verhörspezialisten und Politbüromitglieder sowie deren Familien, sie waren häufig die nächste Gruppe, die ihren Opfern in den Gulag folgten - verurteilt durch einen paranoiden Verfolgungswahnkomplex Stalins, verhaftet, weil einfach ein paar tausend „Verräter“ verhaftet und in die Lager geschickt werden mußten... einfach so. Schuld war unbedeutend, wenn der Plan ein bestimmtes Soll an Verrätern vorsah, die zu deportieren waren...!

Es ist Janusz Bardach hoch anzurechnen, daß er in all dieser Kaskade grauenhafter Vorkommnisse und ungeheuerlicher Schilderungen seine Menschlichkeit bewahrt hat. Daß er Dankbarkeit kennt, den Nächsten helfen möchte, daß er es versteht, Gleichgesinnte zu finden, Freunde, sogar ein wenig Liebe. Auf diese Weise bringt er uns Normalsterblichen, die sich solch ein Leben gar nicht annähernd vorstellen können, zum Bewußtsein, daß solch ein System, das sich überall etablieren kann, wie auch der Faschismus überall aufblühen könnte, doch eins letzten Endes nicht vermag: die wirklich an das Gute im Menschen glaubenden und hoffenden Männer und Frauen völlig zu zerbrechen.

Selbst als Janusz alles verloren zu haben scheint, was ihm das Leben lebenswert macht, gibt es dank seiner Art und Weise, selbstlos zu helfen und einfach menschliche Wärme zu leben, Personen, die zu ihm halten und wieder aufrichten. Selbst im Gulag, der eine Hölle auf Erden darstellt, wenn es jemals eine gegeben hat.

Wer immer intensive, menschliche Autobiografien lesen mag, sollte nicht an diesem Buch vorbeigehen. Er wird es später bereuen.

 

Uwe Lammers

Braunschweig, den 16. Oktober 2002