Part III: Studieren in Ungarn

In diesem letzten Teil der Ungarn-Reihe wird sich alles rund ums Studieren drehen. Zuerst werde ich versuchen ein paar Tips für Bewerber zu geben, die auch ein Semester nach Ungarn gehen wollen; dann werde ich die Situation beschrieben, die ich in Ungarn zum Studieren vorfand. Diese war, das sei bereits vorweggesagt, nicht immer einfach, aber dafür stets überraschend.

 

Die Bewerbungsfristen für Auslandsstudiensemester, sowohl für das Winter- als auch für das Sommersemester, laufen Ende März aus. Meine Bewerbung nach Pécs im Wintersemester 2004/05 war Anfang April. Meine erste Ansprechpartnerin war Frau Mätzing von der Abteilung Geschichtsdidaktik. Sie gab mir die Unterlagen, die ich auszufüllen hatte und war auch nicht so streng mit den Fristen. Danach meldete ich mich im International Office für die Erasmus-Outgoings. Dort war Frau Kopka mein Kontakt während des Aufenthalts. Außer der Übernahme eventueller Studiengebühren sponsert Erasmus auch noch einen bestimmten monatlichen Betrag, der den Lebenskosten des jeweiligen Gastlandes angepasst wird. In Ungarn wäre er entsprechend gering, ich glaube etwa 70 €, gewesen. Dieser fiel allerdings weg, ich erfuhr, dass ich mich stattdessen auf das wesentlich höhere Go East Stipendium des DAAD bewerben konnte. Da sonst niemand von der TU nach Osteuropa ging, hätte ich sogar das ganze Stipendium von 10 Monaten in Anspruch nehmen können. Das war mir dann aber doch zu lang und ich entschied mich für nur 5 Monate Austausch. Das Eintersemester beginnt in Ungarn in der zweiten Septemberwoche und geht offiziell bis Ende Januar. Vorlesungen und Seminare endeten aber schon im Dezember und im Januar gab es nur noch Nachprüfungen. Nach kurzer Pause geht es dann in der zweiten Februarwoche mit dem Sommersemester weiter. Dieses endet meines Wissens nach im Juni.

 

Die vorgefundene Studiensituation in Ungarn war für Studierende aller Fachrichtungen grundverschieden. Während die Witschaftsleute in einen fertigen englischen Studiengang zusammen mit Ungarn kamen und auch für die Madizinstudenten schon englische Kurse existierten, waren wir Geisteswissenschaftler erstmal ziemlich hilflos und verwirrt. Es gab nur vereinzelte Kurse auf Englisch und Deutsch, hauptsächlich beim Anglistik- oder Germanistikseminar. Vor der Anreise hatten wir alle von Kata, unserer Koordinatorin einen etwa 12 Seiten langen Bogen über nicht-ungarische Studienangebote an der Faculty of Humanities zugeschickt bekommen. Darin waren bestimmt 20 Geschichtskurse auf Englisch oder Deutsch verzeichnet und noch einmal ebenso viele für Politik. Wir erfuhren aber von den Professoren, die wir gleich in der ersten Woche aufsuchten, dass diese Kurse gar nicht wirkich "real existierten". Sie waren lediglich Vorschläge, über die man mit den Professoren verhandeln musste. Der erste Glückliche war Professor Férenc Fischer, der Dekan der neueren Gesichte, der ausgezeichnet Deutsch sprach, furchtbar nett war und sich in die Zettel gleich mit 4 Vorschlägen eingetragen hatte. Er selbst redete sich gleich aus der Verpflichtung, mit der Begründung, dass die Liste ja aus dem Sommersemester sei. Wirklich mussten wir feststellen, dass sie noch nicht aktualisiert worden war. Allerdings zitierte er gleich zwei jüngere Kollegen, mit denen wir uns über mögliche Kursangebote unterhalten sollten.

 

Zsólt Vítari bot uns dann auch einen Kurs über Deutschland im 19. Jahrhundert auf Deutsch an. Teilnehmer waren außer mir nur ein anderes Mädchen. Leider kamen wir im Semster gerade mal so bis zum Beginn des 19. Jahrhundert, aber das machte ja nichts. Mit Herrn Árpad Hornyak machten wir mit etwa sechs Leuten ab, uns ab Mitte Oktober zu treffen, um auf Englisch über Ungarn im 20. Jahrhundert zu reden. Auch hier schafften wir nicht alles. Wir stießen gerade einmal bis tief in die Horty-Ära vor, etwa bis 1940 vor. Anderes Historisches aus späterer Zeit sollte ich vor allem aus dem Politik-Kurs erfahren, der von Zóltan Bretter, einem ehemaligen Parlamentsmitglied, und seinen Kollegen extra für uns veranstaltet wurde. Aus der mittelalterlichen Geschichte fanden wir noch eine äußerst nette und sehr gut deutsch sprechende Professorin, Zsúzsa Barbarics, die uns über das Osmanische Reich im 14. bis 16. Jahrhundert informierte. Außerdem traf ich mich noch mehrmals mit der Dekanin, Frau Márta Font, deren Fachgebiet, die Deutschen in Ungarn im Mittelalter waren.

Zusätzlich besuchte ich noch Kurse am Englisch-Seminar. Einer wurde von einem amerikanen Austausch-Professor anlässlich der amerikanischen Wahl über das Wahlsystem gehalten. Leider war er aufgrund seines Nuschelns und seines Dialekts nur schwer verständlich. Ein Engländer namens Andrew Rouse veranstaltete einen Kurs über England vom 14. bis 16. Jahrhundert.

Besonders empflehlenswert war noch der Kurs "Globalisation an the third World", der im International House stattfand. Das vormalige Europa-Haus liegt direkt im Zentrum der Stadt und war vor einiger Zeit noch um die "American Corner" erweitert worden. In dieser American Corner fanden oft Veranstaltungen statt, wie Filmreihen und Diskussionsrunden und es wurden Gäste empfangen. Wie zum Beispiel George Herbert Walker, der amtierende Botschafter der USA in Ungarn und Kusin des Präsidenten. In dieser American Corner trafen wir uns mit dem dortigen Chef István Tarrosy in zweiwöchentlichen Doppelsitzungen, um in gemütlicher Runde, abwechselnd mit Tee, Kaffee oder Wein, anspruchsvolle Themen aufgelockert zu besprechen. Herr Tarrosy ist zugleich auch für andere Aktivitäten zuständig. Zum Beispiel für die Bewerbung Pécs´zur Kulturhauptstadt Europas 2010, bei der sie auch gute Chancen haben und für ein gewisses Studentenfestival, das immer im Sommer stattfindet und den kuriosen Namen ICWIP trägt. Außerdem für die Zeitschrift SIEN Quarterly, für die die sechs Teilnehmer des Seminars jeweils einen Artikel schrieben, der statt des sonst üblichen Papers als Abschlussarbeit gewertet wurde. Es gibt allerdings gerade die Diskussion, die Zeitschrift umzubennen. Da die Dezember-Ausgabe immer noch nicht erschienen ist, wäre der Name SIEN Yearly vielleicht passender.

 

Für die Seminare wurde meist ein Referat und eine Abschlussarbeit verlangt, um eine Note zu bekommen, bei manchen auch nur ein Referat und bei Mr. Rouse schrieben wir sogar Klausuren. Ein für mich als Magisterstudent bislang immer noch einzigartiger Fall. Zur Literatursuche gab es mehrere Möglichkeiten. Im historischen Seminar war erst einmal eine kleine Bibliothek, leider fast nur mit ungarischer Literatur. Im Seminar, wo eigentlich alle anderen Geisteswissenschaften sind war schon mal eine größere, recht brauchbare und im Zentrum noch eine größere mit einer eigenen Reihe für englische Bücher. Für gewöhnlich fand sich auch immer jemand bei der Anmeldung, der einen verstand. Die ganzen Bibliotheksausweise kann ich jetzt zu meiner Sammlung mit den Braunschweiger und anderen legen.

 

Fabio Reinhardt

Braunschweig, den 28.09.2005