Interview mit Prof. Dr. Ute Daniel

Ulrike Freybe und Benjamin Schwöbel

 

 

Frau Daniel, man wird nicht als Geschichtsprofessorin geboren. Könnten Sie uns kurz Ihren Weg dahin erzählen und warum es Neuere Geschichte geworden ist?

 

Mein Berufsweg war nicht von Anfang an geplant, man muss ihn eher als Geschichte erzählen. Anfangs habe ich Germanistik und Geschichte auf Lehramt studiert, und weil ich gerne gelesen habe, war Germanistik mein Hauptfach. Das Germanistikstudium war aber eine herbe Enttäuschung. Geschichte habe ich gewählt, weil ich einen sehr schlechten Geschichtsunterricht hatte. Da bekam man den Eindruck, 1933 seien da plötzlich Marsmenschen vom Himmel gefallen und hätten Deutschland okkupiert. Da konnte etwas nicht stimmen. Zum Glück hatte ich Eltern, die sehr viel über das Dritte Reich stritten. Sie waren damals junge Erwachsene. Meine Mutter kam aus Österreich, war begeisterte Reichsarbeitsdienstfrau und weigerte sich zeitlebens einzusehen, dass das alles falsch war. Mein Vater hingegen hat nach dem Krieg – er war vorher so eine Art Mitläufer – versucht, sich klar zu machen, was da eigentlich abgelaufen ist. Er wurde dann immer kritischer – auch sich selbst gegenüber. Das war der beste Geschichtsunterricht überhaupt. Und als dann in der Schule das Thema im Stil der Marsmenschen-Theorie behandelt wurde, war der Punkt erreicht, an dem Geschichte anfing, mich zu interessieren. Während meines Studiums in Marburg wurde ich auf Reinhart Koselleck aufmerksam, las von ihm „Kritik und Krise“, informierte mich, wo er lehrte, wechselte seinetwegen nach Bielefeld und wählte Geschichte zum Hauptfach. So bin ich dann bei der Geschichte gelandet. Da es fortan immer spannender für mich wurde, habe ich mir ein Dissertationsthema gesucht und meine Doktorarbeit geschrieben. Aber was ich letztendlich damit machen wollte, habe ich mir nicht überlegt. Es war schon damals so, dass der akademische Berufsweg an Harakiri erinnerte, was mir aber ziemlich egal war. Ich bin einfach dem gefolgt, was mir Spaß macht. Daher sage ich den Studierenden auch immer wieder, dass sie im Studium machen sollen, was sie interessiert und was ihnen Spaß macht, ganz gleich, was später daraus wird. Ja, so wurde ich Historikerin. Danach hatte ich das Glück, in Siegen eine Stelle an einem wunderbaren Historischen Seminar zu finden, wo ich herrlich arbeiten, lehren, lernen und mich habilitieren konnte. Und als ich dann habilitiert war, konnte ich ja nur noch Professorin werden und habe mich hier in Braunschweig beworben. Das ist die Geschichte, wie ich hier gelandet bin.

 

Brechen Sie eine Lanze für das Historische Seminar! Was macht es für Geschichtsinteressierte mit dem Wunsch zum Studium attraktiv?

 

Aus Sicht der Studenten kann ich das schlecht beurteilen. Ich kann nur aus meiner Sicht schildern was für ein „Laden“ wir hier sind. Ich kenne mittlerweile eine Reihe von Seminaren und Fakultäten in der Republik. Vielfach sind diese zu groß und zu heterogen, so dass eine Art von Korpsgeist entsteht. Hier ist das Besondere, dass in diesem kleinen, und von den Persönlichkeiten her gut zusammenpassenden Seminar ein unglaublicher „Drive“ existiert. Das ist sehr, sehr ungewöhnlich: ein positives Vertrauensverhältnis sowie eine gemeinsame Begeisterung für das was man tut. Unsere Arbeit ist nämlich eine echte Herausforderung, jedes Semester aufs Neue – jedes Seminar läuft anders, das macht es so dauerhaft interessant und lebendig. Wir sind im Seminar auch vielfach an übergreifenden inhaltlichen Forschungsfragen interessiert und können darüber beim Kaffee endlos diskutieren. Und zwar – das ist besonders interessant - über die Epochen hinweg. Die einzelnen Seminare sind ja üblicherweise brav in einzelne Bereiche getrennt, nach den Epochen und den Sonderthemen, und bei uns, weil alles so klein ist, ist immer alles zusammen. Dann bringt jemand die Frage mit der Kriegswahrnehmung auf, und das wird sofort durch die Epochen genudelt. Dadurch entwickeln wir beim Mittagessen oder Kaffeetrinken Fragestellungen und bekommen neue Ideen für Forschungsprojekte. Das ist ein unglaubliches Plus für dieses Seminar. Das kann man mit Gold nicht bezahlen. Insofern bin ich hier sehr glücklich.

 

Und das Verhältnis zwischen den Lehrenden und Studenten?

 

Auch da kann ich nur meine Sicht wiedergeben. Es gibt hier, wie ich finde, ein Vertrauensverhältnis, nicht in dem Sinne, dass die Studenten oder Lehrenden immer toll finden, was die jeweilig Anderen machen, sondern ein Vertrauensverhältnis zwischen den Lehrenden und Studenten, aufgebaut darauf, dass man grundsätzlich davon ausgehen kann, dass jeder aus seiner Position heraus etwas Richtiges will, und dass man ernst genommen wird. Auch das ist unbezahlbar.

 

Was muss - Ihrer Meinung nach - ein Geschichtsstudent in spe für das Studium in BS generell mitbringen - geistig?

 

Das wichtigste ist Neugierde: Fragen haben, wie die Welt funktioniert und warum es so ist, wie es ist. Warum die Menschen Socken tragen. Wenn die Neugierde da ist und man daran arbeitet, kommt der Rest von alleine. Ich will jetzt Fleiß und Zielstrebigkeit – Eigenschaften, die auch sehr wichtig sind – nicht herunterreden, aber das kann sich entwickeln im Lauf des Studiums. Neugierde kommt oft nicht nach, wenn sie am Anfang nicht vorhanden ist.

 

Bald kommen die ersten BA-Abschlussarbeiten. Welche Anforderungen sollen in ihnen an die Studenten gestellt werden und welche Erwartungen haben Sie diesbezüglich?

 

Aus meiner Perspektive sind die BA-Arbeiten eigentlich nicht mehr als die Hausarbeiten früher in den Hauptseminaren. Und genau so werde ich sie auch beurteilen. In diesen Hausarbeiten wollen wir sehen, dass jemand sich mit wissenschaftlichen Mitteln an einem Thema entlangarbeitet und das Ganze in eine gescheite Form bringt. Das ist die Erwartung.

 

Also ist die BA-Arbeit in keiner Weise zu vergleichen mit einer Magisterarbeit?

Nein, ist sie nicht. Sie hat nur eine neuartige Bedeutung, weil sie jetzt einen Abschluss markiert. Für uns ist sie lediglich eine Hausarbeit wie früher in den Hauptseminaren. Das ist ja auch das Gute an der neuen Studienstruktur, dass am Ende nicht mehr diese Riesenhürde steht, die viele schon aus Angst erst gar nicht versucht haben zu überwinden. Und durch den BA soll dieser Druck ein wenig herausgenommen werden.

Was sich als sehr sinnvoll erwiesen hat, ist übrigens das sog. Erweiterungsmodul, in dem die BA-Arbeiten besprochen werden können. Das hat sich prima bewährt. Dort sitzen alle BA-Bewertenden und alle Abschlusswilligen und können frei vom Druck irgendwelcher Zensuren ihre Themen und Zugänge diskutieren. Das ist eine Neuerung, die ich sehr begrüße; ich glaube, dass dadurch vielen (Abschluss-)Ängsten entgegengewirkt werden kann.

Es soll ein neues Masterstudium „Kultur der technisch-wissenschaftlichen Welt“ geben. Können Sie uns darüber etwas verraten?

Ja, ein neuer fachwissenschaftlicher, interdisziplinärer Masterstudiengang der vier hier vorhandenen Geisteswissenschaften: Anglistik, Germanistik, Philosophie und Geschichte. Wir wollen einen gemeinsamen, guten Masterstudiengang anbieten, für alle die einen BA in einem dieser Fächer gemacht haben. Der Clou dieses Studienganges ist, dass er in zwei Modulen von den Studierenden verlangt, bei den Technikern und Naturwissenschaftlern  hineinzuschnuppern. Sie kennen doch sicherlich die Redeweise von den „zwei Kulturen“, den Geisteswissenschaften einerseits und den Natur- und Technikwissenschaften andererseits. Das geht bis ins 19. Jahrhundert zurück, wo die Geisteswissenschaften angefangen haben, eine Art von Legitimationsdruck gegenüber den Technik- und Naturwissenschaften zu verspüren, da diese stark an Bedeutung zunahmen. Daher kommt der Name Geisteswissenschaft überhaupt. Denn darin steckt die Behauptung: „Wir Geisteswissenschaftler haben eigene Methoden & Verfahren, die die Anderen nicht haben, - die sind etwas Minderes“. Eine Handlung ganz aus Angst und Abwehrverhalten heraus, die sich systematisch und methodisch nicht halten lässt. Um 1900 herum begann eine hochinteressante Debatte unter dem Stichwort Kultur. Und dort entstand, was wir heute Kulturwissenschaften nennen. Das sind die Wissenschaften, die an diese angebliche Kluft nicht mehr glauben. Eine Kluft, die Erkenntnismöglichkeiten beschränkt, die sozusagen eine künstliche Verdummung darstellt. Dazu gehören Personen wie Ernst Cassirer, Georg Simmel oder der amerikanische Philosoph John Dewey, die alle sagten, dass diese scharfe Unterscheidung überzeichnet sei, weil die Methodik im Prinzip überall ähnlich sei.

Der andere Grund ist, dass viele unserer Absolventen später nicht als Historiker, Anglisten oder Philosophen arbeiten. So machen sie z. B. die PR für PET-Flaschen, oder sie begleiten das Projekt-Management für internationale Konzerne, die in Abu Dhabi Brunnen bohren. Und in diesen vielen Berufen müssen sie Grundlagenverständnis von technischen Prozeduren haben. Sie dürfen nicht jedes Mal zusammenzucken, wenn naturwissenschaftliche oder technische Themen aufkommen. Unsere Leute sind später in Vermittlungspositionen vielfach gefragt, weil sie mehrere Tentakel in den verschiedenen Disziplinen haben und weil sie sich selbständig in neue Zusammenhänge einarbeiten können. Aus dieser pragmatischen Notwendigkeit wollen wir eine systematische Stärke dieses Studienganges machen. Glücklicherweise haben wir hier an der TU wunderbare Kollegen in den anderen Fächern, jenseits dieses angeblichen Grabens, also bei den Technikern und Naturwissenschaftlern, die auch Interesse an der Überbrückung dieses Grabens haben. Wir haben uns zusammengetan und das Ergebnis, der neue Studiengang, kann unter http://www.historisches-seminar-braunschweig.de  näher betrachtet werden. 

Zusammenfassend sei gesagt, es handelt sich um einen kulturwissenschaftlichen Masterstudiengang, der zwei Pfiffigkeiten hat: Die eine ist das Brückenschlagen zu den Technik- und Naturwissenschaften, die andere ist das Interdisziplinäre innerhalb der vier Kulturwissenschaften.

Was wir gemacht haben, ist etwas anderes als bei den meisten in dieser Form interdisziplinären Studiengängen, die es an anderen Unis schon gibt. Dort finden sie nämlich in der Regel das Backsteinmodell: Da gibt es ein Modul Geschichte, ein Modul irgendwas, und diese werden wie Backsteine nebeneinander gestellt – und es gibt oft nicht einmal Kitt dazwischen. Was wir mit dem Studiengang „Kultur der technisch-wissenschaftlichen Welt“ gemacht haben, ist, dass wir gemeinsame Fragestellungen entwickelt haben, die die verschiedenen Disziplinen unter Fragestellungen sinnvoll zusammenbündeln. Zum Beispiel wird das Aufbaumodul 1 lauten „Entstehung und Etablierung des Neuen“. Hier werden die Germanisten etwas dazu beitragen, indem sie z.B. zeigen, wie neue Formen des Dramas wiederum korrespondieren mit Veränderung in der Umwelt, in der politischen Situation, in der Situation mentaler oder kultureller Art. Die Historiker werden dabei in die Geschichte der Aufklärung einführen und zeigen, wie die Aufklärungsbewegungen in ihren jeweiligen Kontexten funktionieren und wie sie mit Veränderungen technischer und naturwissenschaftlicher Seite zusammenhängen, oder wie auch nicht. Das heißt, alle Aufbaumodule sind miteinander verknüpft durch vernünftige, systematische Fragestellungen. Als Studierender kann man sich einen fachwissenschaftlichen Schwerpunkt wählen und davon abgesehen zwischen den einzelnen Disziplinen hin und her springen und sich zu den gemeinsamen Fragestellungen völlig unterschiedliche Veranstaltungen zusammensuchen. Das halten wir für ziemlich genial. Unserer Meinung nach gibt es solch einen Studiengang in der gesamten Republik nicht noch einmal.

Gleichzeitig bekommen wir ab Wintersemester parallel dazu neue Masterstudiengänge für das Lehramt.

Oftmals ist in Bezug auf Kulturgeschichte von einem begrifflichen Niemandsland die Rede. Wie stehen Sie zu dieser Aussage? Können sie uns eine kurze Definition geben?

 

„Definieren kann man nur was keine Geschichte hat“ hat Friedrich Nietzsche einmal gesagt. Ich finde diesen Spruch sehr passend, denn definieren heißt ja immer etwas fix stellen und jenseits von zeitlicher Veränderung umreißen. Das gibt es in der Geschichte nicht, weil sich die Begriffe verändern. Deswegen würde ich das nicht definieren wollen, weil ich ansonsten Anspruch darauf erheben würde, dass es tatsächlich so und nur so ist; und das heute und ebenso etwa für die Zeit des 18. Jahrhunderts. Das ist Unsinn. Was man aber sehr gut machen kann, ist zu sagen, was jeweils, der eigenen Ansicht nach, unter dem Begriff verstanden werden sollte. Da gibt es zwei Lesarten. Die eine Lesart, die einem häufig in der populären Geschichtsschreibung begegnet, ist die, dass Kulturgeschichte alles das ist, was bei der eigentlich „wichtigen“ Geschichte wegfällt. Beispielsweise „die Kulturgeschichte der Träne“ oder die „Kulturgeschichte des Bodybuilding“. Aber das sind Randphänomene, man bekommt so den Eindruck: Kulturgeschichte, dass sind die Arabesken, und die andere, die Nicht-Kulturgeschichte beschäftigt sich mit den harten Fakten. Das ist nicht meine Vorstellung von Kulturgeschichte, sondern was ich glaube ist, dass Kulturgeschichte nicht einen spezifischen Gegenstand bezeichnet, nicht ein Feld, wenn man so will, wo man einen Zaun drum ziehen kann und ein Schild aufstellen und sagen kann: Hier wächst nur Kulturgeschichte. Das halte ich für keine sinnvolle Art und Weise. Für meinen Begriff ist Kulturgeschichte nicht ein Feld, ein Acker, wie auch immer, sondern die Art, wie man schaut auf Geschichte, eine bestimmte Perspektive auf Geschichte, eine Herangehensweise. In der Kulturgeschichte versucht man ernst zu nehmen, dass die Geschichte nicht linear, nicht nach Entwicklungsgesetzen, Dynamiken, angeblichen Prozessen und Strukturen abläuft, sondern dass Geschichte, Marx hat das mal sehr schön gesagt, „von den Menschen gemacht wird, aber nicht aus eigenen Stücken“. Das heißt, sie steht immer in einem Wechselverhältnis zwischen menschlicher Handlungsfähigkeit und Absichten und andererseits den Kontexten, in denen die jeweils stehen. Das heißt, Kulturgeschichte schaut immer auch nach dem, was synchron ist, sie verlässt sich nicht darauf, dass man diese simplen Linien durch die Geschichte durchziehen kann. An solche Linien glaubt kaum jemand in der Kulturgeschichte. Die Kulturgeschichte ist also eine spezifische Herangehensweise an Geschichte. Sie nimmt die gewollten und ungewollten Folgen all dieser Wechselwirkungen zwischen Menschen und ihrer Umgebung und zwischen Menschen verschiedener Art, zwischen Institutionen und Menschen, zwischen dem was sich wandelt, und dem, was gleich bleibt, ernst. Kulturhistoriker können eigentlich alles zu ihrem Thema machen. Sie können die Kulturgeschichte der Börse genauso schreiben, wie die Kulturgeschichte der Träne, wenn man unbedingt will. Aber das ist kein Gegenstand, das ist eine Perspektive auf den Gegenstand. Zurzeit ist mir nicht ganz geheuer, wie selbstverständlich alles sich darauf beruft, Kulturgeschichte zu machen - denn bei solchen Tendenzen ist immer ein bisschen Mode mit im Spiel – das hat eine Sog-Wirkung; das ist einfach schick. Manchmal habe ich das Bedürfnis Studierenden, die glauben, es gibt nur Kulturgeschichte, zu sagen, es gibt aber auch Wirtschaftsgeschichte und Sozialgeschichte, was auch sehr wichtig ist. Diese Einheitlichkeit gefällt mir nicht.

 

Kracht sieht Ihr Buch „Kompendium Kulturgeschichte“ als stärkenden Proviant auf dem Weg durch den „Dschungel der Kulturgeschichte“. Welche Absicht stand hinter diesem Buch?

 

Ich wollte weg von diesen Wegweisern in der Geschichtswissenschaft, die ihre Heerscharen sammeln, und wollte den Studierenden und anderen Interessierten ein Buch an die Hand geben, aus dem sich jeder selbst ein Bild machen kann. Das war eigentlich der Versuch wegzukommen von diesen Wegweisern. Meine Idee war, dies zu tun, indem ich all die Autoritäten, auf die man sich immer zu berufen pflegt in den neueren Debatten, wie Nietzsche oder Bourdieu, und die wichtigen Schlagworte – „Objektivität“, „Erkenntnis“ – einmal zusammenzufassen. Statt diese Darstellungen wiederum in Kampfinstrumente zu verwandeln, wollte ich es so beschreiben, wie die jeweiligen Personen oder Vertreter bestimmter Ansätze selber es beschrieben haben. Das heißt ich wollte die Studierenden oder andere Interessenten animieren, sich an die Originaltexte von Nietzsche, von Cassirer, von Simmel zu wenden und sich dort abzuholen, was an Anregung darin steckt. Die Originaltexte sind in der Regel viel besser als das, was von anderen später daraus gemacht wird. Ich wollte den Zugang zu diesen Texten erleichtern, indem ich die Ergebnisse kurz und verdaulich präsentiere, für eben die Leute, die nicht vorher jahrelang studiert haben. Das war die Absicht. Es war so, wenn sie wollen, eine Art von emanzipatorischer Zielsetzung, nämlich diese sehr wichtigen Theoriedebatten aus den Fängen all dieser Möchtegern-Autoritäten zu holen. Man lernt unendlich viel über die Art und Weise, wie man mit Geschichte oder anderen Kulturwissenschaften umgeht, wenn man sich mit theoretischen Ansätzen unterschiedlichster Art beschäftigt, aber man kann sich nicht richtig damit beschäftigen, solange die Theoretiker immer gleich als Argument für oder gegen etwas ganz Anderes herhalten müssen. Das Kompendium war dafür gedacht, dass jede und jeder selbst Zugang dazu bekommen.

 

Wie sehen Sie die Beziehung zwischen Forschungs- und Lehraufträgen? Gibt es eine? Wie sieht diese Ihrer Meinung nach aus? (speziell im Historischen Seminar)

 

Ich halte diese Beziehung für sehr eng. Jedoch sollte man nicht immer alle Spezialgebiete den armen Studierenden vorsetzen, das wäre abscheulich. Wir haben ja insofern das große Glück in unseren Disziplinen, dass wir forschen dürfen über das, was wir wirklich wissen wollen. Denn bei uns gibt es kein Geld für Auftragsforschungen, so wie bei den Technikern z.B., die, um Geld zu bekommen, nach den Bedürfnissen Dritter forschen müssen. Wir können den Fragen nachgehen die uns wirklich interessieren, als Person. Ich halte es für absolut zentral, und meine Erfahrung bestätigt das, dass das, was ich den Studierenden vermittle, zu tun hat mit dem, was mich selber interessiert. Ich glaube, dass meine Veranstaltungen dann gut sind, wenn ich selbst neugierig auf ein Thema bin, gar nicht unbedingt, wenn ich selbst am meisten darüber weiß.

Verwenden Sie auch Ergebnisse aus den Seminaren für die Forschung?

 

Wenn man Veranstaltungen zu eigenen Interessengebieten macht und gleichzeitig zu artverwandten Themen forscht, werden für mich die Hausarbeiten der Studenten noch um einiges interessanter. Aber direkt in die Forschung fließt so etwas eigentlich nie. Höchstens bei Abschlussarbeiten und Dissertationen kann das der Fall sein.

 

Sie selbst hatten kürzlich ein Forschungsjahr. Wie nähern Sie sich einem neuen Forschungsfeld, worin bestehen Ihre ersten Arbeitsschritte? Was empfehlen Sie den Studenten?

 

Oft erwischen mich die Themen und nicht ich gehe gezielt bestimmten Themen nach. Dieses Thema „Medien und Krieg“, ist mir erst später klar geworden, verfolgte mich aber schon viel länger. Dieses Thema stellte nämlich in meiner Dissertation, in der es um Frauen im Ersten Weltkrieg ging, einen Randaspekt dar, den ich sehr spannend fand. Plötzlich merkte ich dann später, dass ich wieder darauf zurückkam. Das ist kein Zufall, aber auch nicht beabsichtigt. Dann gibt es immer noch Anregungen aus der jeweiligen Zeit. Genau wie für viele andere Menschen, war auch für mich der Golfkrieg von 1991 ein entscheidendes Erlebnis, was mich wach gerüttelt hat. Plötzlich war zu spüren, dass Dinge von denen ich dachte, die seien seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges für Europa passé, alle wieder da waren. Nicht nur der Krieg, sondern dass die Medien eine wesentliche Rolle spielten. Mit ihrer Art der Kriegsrepräsentation tragen sie entweder zur Legitimierung oder zur Delegitimierung des Krieges bei. Das hat mich damals ziemlich gepackt, allerdings war ich zu der Zeit gerade mit meiner Arbeit über das Hoftheater beschäftigt. Deswegen habe ich das damals nicht verfolgt, bin aber jetzt wieder darauf zurückgekommen. Wenn man dann das Thema für sich festgelegt hat, muss man überlegen, wie man es neben dem Uni-Alltag bearbeiten kann. Das ist nämlich das Problem, für uns Lehrende füllt der Uni-Alltag derzeit jegliche Zeitressourcen – was jedoch weniger an den Studierenden als an der Überbürokratisierung der Universität liegt. Ich versuche zunächst, mich selbst in das Thema einzufinden. Danach gehe ich daran, kleinere Veröffentlichungen zu dem Thema zu verfassen. Mal ein Aufsatz hier; mal ein Aufsatz da. Anschließend folgt ein oft sehr langwieriger Prozess, in dem ich versuche, Drittmittel – das heißt Forschungsmittel etwa von der Deutschen Forschungsgemeinschaft – zu organisieren, entweder für ein eigenes Projekt oder Projekte für jüngere Leute, die zu dem Thema promovieren wollen. Wenn das klappt, kann es weitergehen.

 

Sie haben dieses Jahr ein neues Buch herausgegeben: „Augenzeugen: Kriegsberichterstattung vom 18. zum 21. Jahrhundert“. Können Sie uns schon etwas darüber verraten? Ist die Vorlage/Idee dazu in dem Forschungsjahr entstanden?

Eine Idee, oder auch schon mehr als das, muss vorher vorhanden sein, sonst bekommt man keine Drittmittel. Es geht in diesem Band darum, historisch der Frage nachzugehen, wie eigentlich der Krieg in die Medien kommt – sprich, welche Menschen unter welchen Bedingungen von den Kriegsschauplätzen berichten und was dabei für eine mediale Kriegsrepräsentation herauskommt. Ich werde mich als nächstes darum bemühen, Fördermittel zu bekommen, um diese Forschungen weiterzutreiben.