Heinrich Heffter

 

Gedanken zu Heinrich Heffter

 

Ein biografiegeschichtlicher Abriß von Uwe Lammers  M. A.

 

 

 

„Heinrich Heffter? Wer soll das denn sein?“

„Nie gehört, den Namen.“

„Dieser Name sagt mir jetzt gar nichts.“

So und ähnlich fielen die Reaktionen aus, wenn ich in den vergangenen Wochen die Sprache auf Professor Dr. Heinrich Heffter brachte. Am 15. Juni 2004 feierte das Historische Seminar der TU Braunschweig mit dem Kolloquium „Geschichtswissenschaft und kommunale Selbstverwaltung“  das sich jährende Dienstantrittsjubiläum des Hamburger Historikers. Es erscheint deshalb zweckmäßig, ein wenig über Heffter zu berichten und seine Person aus den dichten Schatten der Vergangenheit wieder herauszuschälen.

Wer also war Heinrich Heffter?

Um diese Frage zu beantworten, genügt es nicht, ins Frühjahr 1954 zurückzublenden. Beginnen wir unsere historische Reise in der Stadt Polzin in Pommern, anno 1903.

 

Am 17. Mai 1903 erblickt Heinrich Heffter im Kreise seiner Eltern in Polzin das Licht der Welt, und von Kindesbeinen an, kann man sagen, ist er für die wissenschaftliche Laufbahn wie geschaffen, denn wie sagt er selbst? „Ich stamme aus einer preußisch-protestantischen Beamten- und Gelehrtenfamilie: mein Vater war Amtsgerichtsrat, mein Großvater kirchenpolitischer Redakteur der ‘Kreuzzeitung’ von etwa 1860-1900...“* gibt er 1953 in seinem handschriftlichen Lebenslauf an. Über die Kindheit verliert Heffter kein weiteres Wort.

Zwischen 1912 und 1921 besucht er das Humanistische Gymnasium in Wernigerode am Harz. Das ist eine Zeit, die ihn tief prägt, und er gesteht: „Ich empfinde das Nordharzland noch heute als meine eigentliche Heimat.“ Dies gilt es sich zu merken, um einen Schlüssel für seine spätere Lebenszeit zu haben.

In den Jahren zwischen 1921 und 1926 widmet er sich dem Studium der Geschichte, besucht die Universitäten in Göttingen, Tübingen und Leipzig. In Leipzig wird er auch am 22. September 1927 zum Doktor der Philosophie promoviert. Seine Dissertation mit dem Titel „Die Opposition der Kreuzzeitungspartei gegen die Bismarcksche Kartellpolitik in den Jahren 1887-1890“ deutet schon ein wenig an, wo sein Schwerpunkt liegen wird.

 

Doch Heinrich Heffter ist auch für Überraschungen gut!

 

Als Schüler von Erich Brandenburg wird er von diesem an den Brockhaus-Verlag vermittelt, wo Heffter die Jahre 1926 bis 1943 als Redakteur verbringt. Über diese Zeit ist bislang kaum etwas Weiteres bekannt. Nach dem Krieg schreibt Heffter selbst zu dieser Phase seines Lebens: „Meine Absicht, mich an der Universität Leipzig zu habilitieren, habe ich in der Hitlerzeit zurückgestellt, als Gegner des Nationalsozialismus: ich bin nicht Mitglied der NSDAP gewesen.“

Dessen ungeachtet fällt Heffters Kommentar hinsichtlich der Kriegszeit außerordentlich dürr aus, so dass plausibel zu vermuten ist, weitere Recherchen könnten ergiebig sein. Etwa die Sichtung seiner Entnazifizierungsakte. Die gesamte Wehrzeit kommentiert er mit dem lapidaren Satz: „Seit 1942 war ich Soldat (Frontbereich, zuletzt Oberschlesien), von Mai bis August 1945 in russischer Gefangenschaft.“

Er hat hierbei das unbestreitbare Glück, bereits im August 1945 von den sowjetischen Soldaten wieder freigelassen zu werden. Wie erinnerlich, erleiden viele deutsche Gefangene das schreckliche Schicksal, für Jahre - oder sogar den Rest ihres Lebens - in stalinistischen Arbeitslagern in Sibirien ihr trauriges Dasein zu fristen. Die genaueren Umstände von Heffters Kriegszeit und Haftphase bleiben bis heute im Ungewissen.

 

Nach dem Krieg geht es für Heinrich Heffter wie für fast alle Geisteswissenschaftler, die die Zeit des „Dritten Reiches“ überstanden haben, wieder bergauf. Es gibt allerdings massive Schwierigkeiten mit den Verhältnissen in Leipzig.

Während Heffter hier seine Habilitationsschrift fertigzustellen versucht, werden „die Verhältnisse an der Universität Leipzig immer kommunistischer“, so dass er es schließlich vorzieht, seine Habilitation an der Universität Hamburg zu vollziehen. Das geschieht im Juli 1949. Schon einen Monat später ist er Privatdozent an der Universität und „auf Vorschlag der Universität“ wissenschaftlicher Leiter einer „Forschungsstelle zur Geschichte Hamburgs in der Zeit von 1939-1945“. Diese Forschungsstelle existiert noch heute.

Er ist hier in Hamburg bis zum Frühjahr 1954 tätig.

Im Vorjahr, 1953, geht der alte Ordinarius für Geschichte an der Technischen Hochschule Braunschweig, Ernst August Roloff (senior) in den Ruhestand. Er hält noch bis kurz vor seinem Tod 1955 weiter, doch muß die Stelle natürlich planmäßig neu besetzt werden.

 

Über das Berufungsverfahren Heinrich Heffters ist bislang nicht geforscht worden. Die Quellenlage ist, wie es scheint, spärlich. Soviel ist klar: laut dem Konzilsprotokollbuch 6 (16. April 1951 - 10. Oktober 1955) entscheidet sich das Konzil der TH in seiner Sitzung vom 8. März 1954 für Heinrich Heffter mit folgenden Worten:

„7. Neubesetzung des Lehrstuhls für Geschichte:

Der Rektor verliest den Antrag der Fakultät I  mit dem Dreiervorschlag Dr. Heffter, Dr. Hubatsch, Dr. Bußmann aequo loco und Dr. Hassinger.

Der Senat verzichtet auf ein Befragen von seiten des Rektors auf die Verlesung der Begründungen. Der Senat ist einstimmig damit einverstanden, dass diese Berufungsliste der Fakultät I an den Kultusminister weitergeleitet wird.“

 

Feinfühlig, wie die Verwaltungsbeamten der Technischen Hochschule Braunschweig sind, die Heffters Bewerbungsunterlagen anfordern, erkundigen sie sich am 12. Juli 1954 bei dem Historiker, ob die Anforderung eines Strafregisterauszuges aus der sowjetischen Zone eventuell dort lebende Angehörige „oder dort zurückgelassene Vermögenswerte“ gefährden könnte. Heffter verneint beides.

Überhaupt zeigt Heffter keine signifikante Betroffenheit über den Verlust seiner Heimat in Pommern und seines langjährigen Arbeitsplatzes in Leipzig. Vielleicht hängt dies ja mit seiner oben geäußerten Ansicht zusammen, dass Wernigerode und der Nordharz gewissermaßen eine „Ersatzheimat“ darstellen könnten.

Mit dem Erlaß II A (2) 9831/54 vom 24. August 1954 wird Heinrich Heffter schließlich vom Niedersächsischen Kultusminister damit beauftragt, vom 1. September 1954 an „den außerordentlichen Lehrstuhl für Geschichte an der Naturwissenschaftlich-Philosophischen Fakultät der Technischen Hochschule Braunschweig... zunächst vertretungsweise wahrzunehmen.“

Die nächste Stufe ist dann die Übernahme in das Beamtenverhältnis auf Lebenszeit, die am 20. Dezember 1954 erfolgt.

 

Dass Heinrich Heffter noch immer für Überraschungen gut ist, zeigt nun das Thema seiner Antrittsvorlesung am 11. Mai 1955. Es hat nichts mit Bismarck (Promotion) oder der Selbstverwaltung (Habilitation) zu tun, sondern behandelt „Franco, Salazar, Perón: Die Diktatur in der iberischen und ibero-amerikanischen Staatenwelt“.

Dies ist indes nur für denjenigen verblüffend, der mit Heffters Publikationsverzeichnis nicht vertraut ist. Heffter hat bereits 1931 einen Aufsatz „Zu den jüngsten Ereignissen in Südamerika“ geschrieben und auch weiterhin verschiedentlich über die Geschichte Südamerikas geforscht.

 

1955 wird Heinrich Heffter, der noch immer außerordentlicher Professor an der TH Braunschweig ist, Mitglied des Gutachtergremiums der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), weitere Ämter schließen sich 1955 und 1956 an. So macht sich die Professorenschaft der Hochschule, namentlich der Germanist Professor Dr. Karl Hoppe, im Mai 1956 dafür stark, Heffter - wie schon zuvor Ernst August Roloff - zum persönlichen Ordinarius zu ernennen. Dies geschieht durch ministeriellen Erlaß am 5. Juli 1956.

Die Ernennung zum ordentlichen Professor erfolgt indes erst durch ministeriellen Beschluß am 18. Juni 1962. Das ist einige Monate nach Heffters bemerkenswertem Vortrag mit dem Titel „Der Streit um den deutschen Nationalstaat in Vergangenheit und Gegenwart“ im Januar desselben Jahres im „studium generale“ gehalten wird.

 

In diesem Vortrag, dessen Skript in der Personalakte erhalten blieb, zeigt er sich zeitgeschichtlich absolut auf der Höhe, nimmt Bezug auf die Feierlichkeiten zum 17. Juni, die zu diesem Zeitpunkt schon massiv in der Kritik sind, und er geht auch ein auf den 13. August 1961. Dabei spart Heffter nicht mit scharfen Formulierungen wie „Ulbricht-Mauer“ oder „landesweites Konzentrationslager“ und dergleichen.

Dennoch benutzt er gleichfalls den Terminus „Mitteldeutsche“ für die DDR-Bevölke-rung, wiewohl er sonst für gegen die Polen gerichteten Gebietsrevanchismus keinen Platz läßt. Allein mit dieser Rede gräbt sich Heffter als kritischer und politischer Kopf ins Gedenken der heute Lebenden ein. Der Rede wäre eine kommentierte Publikation sehr zu wünschen. Wer denkt, Heffters Worte hätten uns nach über 40 Jahren nichts mehr zu sagen, sollte dies hier einmal lesen.

 

Im November 1968 bittet Heffter den Rektor der nun schon Technischen Universität um Emeritierung zum 31. März 1969. Er ist seit mehreren Jahren gesundheitlich angeschlagen und möchte, wie er betont, „meinen Platz für einen jüngeren und rüstigeren Kollegen“ freimachen.

 

Heffter hat noch einige Jahre Lebenszeit vor sich, in der er wissenschaftlich tätig bleibt, ohne indes sein Hauptwerk, das heute noch dem Wissenden mit seinem Namen verbunden bleibt - eben seine Habilitationsschrift „Die deutsche Selbstverwaltung im 19. Jahrhundert. Geschichte der Ideen und Institutionen“ (erschienen 1950) - , je wieder zu erreichen.

Heinrich Heffter stirbt am 13. Januar 1975 um 00.05 Uhr morgens in Braunschweig.

Der „Staffelstab“ ist indessen schon an eine neue historisch relevante Person übergegangen: an Professor Werner Pöls.

 

 

* Soweit nicht anders angegeben, entstammen die kursiv gesetzten Zitate den Schriftstücken der Personal-akte Heinrich Heffter. Sie befindet sich im Universitätsarchiv der TU Braunschweig und trägt die Signatur B 7 H:27.

 

 

 

Uwe Lammers

Braunschweig, 15. Mai 2004