Über die Arbeit zweier Hobby-Historiker

Wie gehen sie vor? Wie behandeln sie Quellen? Für wen schreiben sie

von Thorsten Köster

 

Ein wichtiger Bestandteil des Geschichtsstudiums ist die Erlangung der Fähigkeit, sich in ein historisches Thema einzuarbeiten und für andere aufzubereiten. Nun begegnen uns im täglichen Leben vielfach Menschen, die nicht auf dieses Wissen zurückgreifen können, sich aber trotzdem in ihrer Freizeit mit Geschichte befassen. Wie diese Personen vorgehen und auf welchen Gebieten sie arbeiten, möchte ich anhand zweier Beispiele aus meinem persönlichen Umfeld darstellen.

Ich werde diese beiden Personen daher im Folgenden kurz beschreiben und ihr jeweiliges Tätigkeitsfeld erläutern. Danach befasse ich mich mit den Fragen der Quellenkritik und den Zielgruppen.

 

 

Ingrid Weiss

Heimatpflegerin des Braunschweiger Stadtbezirks Heidberg-Melverode

Die 1940 geborene Braunschweigerin ist ihrer Heimatstadt immer treu geblieben. Aufgewachsen ist sie im Süden der Stadt und war bis zu ihrer Pensionierung im Dienste der Stadtverwaltung als Vermessungstechnikerin tätig. Nach dem Tod ihres Mannes, übernahm sie am 1. Dezember 1993 dessen langjährige Tätigkeit als Heimatpflegerin für die Braunschweiger Ortsteile Heidberg und Melverode.

Zu ihren Aufgaben gehört die Begleitung kultureller Veranstaltungen, sowie die Organisation eigener, größtenteils heimatgeschichtlicher, Aktivitäten. Derzeit engagiert sie sich besonders im Vorbereitungsteam zum 1000jährigen Bestehen Melverodes im Jahr 2007. Dort koordiniert sie einen Teil der geplanten Aktionen und erstellt eine Chronik zur Geschichte des Ortes.

Darüber hinaus ist sie mit der Erstellung der Texte für die Internetpräsenz der Ortsteile Heidberg und Melverode auf der Homepage der Stadt Braunschweig betraut.

 

Die Quellen, auf die sie bei ihren Arbeiten zurückgreift, befinden sich zum großen Teil in der Sammlung ihres Mannes. Dieser bezog sein Wissen aus dem Stadtarchiv in Braunschweig oder dem Staatsarchiv in Wolfenbüttel. Frau Weiss erhält jedoch auch sehr oft private Quellen zur Verfügung gestellt.

 

Hartmut Nickel                                                                        

Diplomarchivar im Stadtarchiv Braunschweig

Auch Hartmut Nickel beschäftigt sich in seiner Freizeit mit Geschichte. Doch bei ihm sieht die Herangehensweise schon etwas anders aus, denn als gelernter Archivar kennt Nickel den richtigen Umgang mit Quellen nur zu gut. Durch seine ehrenamtliche Tätigkeit in der Freiwilligen Feuerwehr kam auch das Interesse an der Aufarbeitung der Geschichte der Feuerwehr. Er bezeichnet sich selber nicht als Hobby-Historiker, sondern nennt als sein Hobby die Feuerwehrhistorie.

Auch er ist in Braunschweig geboren und aufgewachsen. Nach dem Abitur an der Raabeschule im Heidberg begann er, aufgrund seines Interesses an der Geschichte, seine Ausbildung zum Diplomarchivar. Diese absolvierte er in Marburg, Osnabrück und Hannover, sowie an der Verwaltungsfachhochschule in Bad Münder. Nach dem Ende seiner Ausbildung wurde er 1984 in den Dienst der Stadt Braunschweig übernommen.

Dort ist er Stellvertretender Abteilungsleiter im Stadtarchiv. Da der Abteilungsleiterposten jedoch in den letzten Jahren zweimal vakant war, ist er auch mit dessen Tätigkeiten vertraut. Im Stadtarchiv beantwortet er daher nicht nur schriftliche Anfragen, organisiert Ausstellungen für die Stadt oder schreibt Lexikonartikel, etwa für das Braunschweiger Stadtlexikon. Er befasst sich dort zusätzlich noch mit dem internen Ablauf.

 

Seine Quellen für die private Arbeit stammen zu großen Teilen aus dem Stadtarchiv, zu dem er aus verständlichen Gründen den besten Zugang hat. Aber auch er greift auf das Staatsarchiv in Wolfenbüttel oder private Quellen zurück.

 

 

 

Bei meinen gewählten Beispielen fällt auf, dass es eine starke Vermischung zwischen der beruflichen und der ehrenamtlichen Tätigkeit gibt, was vermutlich nicht auf alle Hobby-Historiker zutrifft.

Die Frage nach der Quellenkritik lässt sich jedoch nicht so leicht beantworten, wie es auf den ersten Blick scheint. Natürlich haben beide das wissenschaftliche Hintergrundwissen, um die Notwendigkeit einer Beurteilung ihrer Quellen einschätzen zu können. Bei ihren Arbeiten, die sich größtenteils um die Zeitgeschichte drehen, müssen sie sich zu großen Teilen auf Zeit- und Augenzeugenberichte verlassen. Da ist es schon schwierig, die eigene Wahrnehmung vom tatsächlich Geschehenen zu trennen. Eine große Herausforderung für beide.

Ingrid Weiss hat, genauso wie Hartmut Nickel, eine feste Zielgruppe. Bei der Heimatpflegerin sind dies logischerweise die Einwohner ihrer Stadtteile, die sich mit ihrem Wohnort identifizieren (möchten). Beim Feuerwehrhistoriker sind dies alle, die sich ebenso wie Hartmut Nickel, für die Feuerwehr begeistern. Dabei hat seine Chronik der Melveroder Feuerwehr, die er 1998 anlässlich des 125jährigen Bestehens fertig stellte, überregionales Echo gefunden. Dies liegt wahrscheinlich daran, dass seine Chronik als erste ausführlich die Zeit des Bombenkrieges im Zweiten Weltkrieg beschreibt.

 

Es bleibt also festzuhalten, dass Hobby-Historiker viel professioneller arbeiten, als man sich das vermutlich vorgestellt hätte. Es könnte allerdings auch sein, dass ich die falschen Personen als Beispiel herangezogen habe. Aber Ingrid Weiss und Hartmut Nickel zeigen eindrucksvoll, dass das persönliche Interesse und die von vielen Historikern verlangte Neugier großer Antrieb für eigenständige Arbeit sind.