Master "KTW"

Von Lars Strominski

 

Masterstudiengang "Kultur der technisch-wissenschaftlichen Welt"

Interdisziplinär, praxisnah und zukunftsorientiert

Ein Gespräch mit den Initiatoren des Masterstudiengangs „Kultur der technisch-wissenschaftlichen Welt“


Mit dem Wintersemester 2004 hielt an der TU Braunschweig der interdisziplinäre geisteswissenschaftliche Masterstudiengang „Kultur der technisch-wissenschaftlichen Welt“ Einzug. Dabei verstehen sich die den Studiengang tragenden Fächer Anglistik, Germanistik, Geschichte und Philosophie vornehmlich als Kulturwissenschaften, die der Komplexität der modernen Welt mit ihren mannigfaltigen Interdependenzen durch disziplinübergreifendes Interesse zu begegnen suchen. Daher ist auch der neue, kurz KTW genannte Studiengang interdisziplinär angelegt – und dies nicht nur hinsichtlich der vier Geisteswissenschaften untereinander, sondern auch durch den systematischen Brückenschlag zu den Natur- und Technikwissenschaften der TU: Während Anglistik, Germanistik, Geschichte und Philosophie durch gemeinsame übergreifende Fragestellungen durchgängig miteinander korrespondieren, erhalten die aus diesen Fächern kommenden Studierenden darüber hinaus bei den Naturwissenschaftlern und Technikern einen Einblick in deren Fertigkeiten, Arbeitsweisen und Denkmodelle. Damit ist eine Horizonterweiterung angestrebt, die über die geisteswissenschaftlichen Fachkompetenzen hinausreicht. Der neue Masterstudiengang „Kultur der technisch-wissenschaftlichen Welt“ ist aber nicht nur für Studierende mit einem ersten geisteswissenschaftlichen Abschluß interessant, sondern richtet sich gleichermaßen auch an Absolventen der Natur- und Technikwissenschaften, die ihre Kenntnisse um kulturwissenschaftliche Kompetenzen erweitern wollen. Gewählt werden kann von beiden Gruppen zwischen einem berufsfeldorientierten Profil und einem fachwissenschaftlichen Profil des Studiengangs, in denen mit deutlichem Praxisbezug jeweils Qualifikationen erlernt werden, die für das angestrebte Berufsziel relevant sind. (Nähere Infos zu Studienplänen, Bewerbungsvoraussetzungen, Kontaktmöglichkeiten u.a. unter www.Historisches-Seminar-Braunschweig.de)

 

„Wir sind mehr als zufrieden mit der jetzigen Gestalt des Masters, wir sind sogar recht angetan davon.“ Das sagt die Geschichtsprofessorin Ute Daniel und spricht damit stellvertretend für die übrigen Mitglieder der vierköpfigen Arbeitsgruppe, die den neuen Masterstudiengang mit großem Engagement entwickelt und zur Umsetzung gebracht hat. Eine Menge Arbeit liegt nun hinter Ute Daniel, dem Privatdozenten Dr. Franz Meier von der Anglistik, dem Philosophen Professor Claus-Artur Scheier und der Germanistikprofessorin Renate Stauf. Freilich läuft nicht immer alles glatt, wenn man etwas Neues zu etablieren versucht; aber viele Erlebnisse hätten immer wieder zu erkennen gegeben, daß man auf dem richtigen Weg sei. Eines dieser Erlebnisse sei gewesen, als sich zeigte, auf wieviel Zuspruch das KTW-Modell bei den hiesigen Technikern und Naturwissenschaftlern stößt. Also sehen die Beteiligten nun mit Freude der ersten Generation von KTW-Studierenden entgegen. Etwas mache alle vier sogar „stolz“, bemerkt Renate Stauf, nämlich „daß dieser Master ein Alleinstellungsmerkmal hat“ und anderswo kein Masterstudiengang zu finden ist, dessen Profil dem unseren gleicht. „Wir haben die Chance“, so die Germanistikprofessorin weiter, „überregional an Bedeutung zu gewinnen. Es gibt auch schon Interessenten von auswärts.“

 

Das interdisziplinäre Konzept des Studiengangs reagiert auch auf überkommene akademische Strukturen und hebt die Zukunftsorientierung der Braunschweiger Geisteswissenschaften hervor. Die besonderen Rahmenbedingungen der Geisteswissenschaften an einer Technischen Universität bieten dabei sogar die Chance, die Überwindung der Kluft zwischen den beiden Wissenschaftskulturen – Geisteswissenschaften hier und Natur- und Technikwissenschaften dort – forciert voranzutreiben. Dafür ist schon vor bald fünfzig Jahren der britische Wissenschaftler C.P. Snow eingetreten, als er auf die Kommunikationshürde zwischen diesen „Zwei Kulturen“ der akademischen Disziplinen hinwies und sie als ein Hemmnis der Erkenntnisfindung identifizierte. Demgegenüber hat der Braunschweiger KTW-Master die Grenzüberwindung gewissermaßen institutionalisiert. Dazu sagt Claus-Artur Scheier: „Ich denke, wir haben die Chance genutzt, hier eine Form von Geisteswissenschaften zu verwirklichen, die eigentlich in unserer gegenwärtigen Moderne an der Zeit ist und die sich de facto schon längst durchgesetzt hat – wenn auch nicht de jure, denn Institutionen sind beharrlich. Die Wissenschaftsgruppen, die wir unterscheiden – also Naturwissenschaften, Ingenieurwissenschaften, Medizin, Sozial- und Geisteswissenschaften – sind strukturell an den Universitäten weitgehend noch so beschaffen, wie sie im 19. Jahrhundert eingerichtet worden sind. Aber es wird längst intensiv interdisziplinär gearbeitet. Man kann das in allen Disziplinen sehr deutlich sehen. Und wir glauben, die Chance wahrgenommen zu haben, das nun durch eine Transformation der alten Institutionalität neu zu institutionalisieren. So sind die Geisteswissenschaften an der TU Braunschweig durchaus zukunftsträchtig.“ Dem kann Ute Daniel nur zustimmen und hinzufügen: „Ja, und wir entsprechen auch den aktuellen Empfehlungen des Wissenschaftsrates zur Entwicklung und Förderung der Geisteswissenschaften in Deutschland: Die Geisteswissenschaften sollen ihre Substanz erhalten, aber mit einer größeren Bereitschaft aktuelle Situationen und Fragen aufgreifen und daran ihre Forschungsschwerpunkte und Studienmöglichkeiten orientieren. Und genau das geschieht bei uns mit dem Masterstudiengang ‚Kultur der technisch-wissenschaftlichen Welt’.“

 

Was macht den KTW-Master nun für Studierende attraktiv? Welche Kompetenzen vermittelt er neben den üblichen Inhalten eines geisteswissenschaftlichen Studiums? Renate Stauf und Franz Meier fassen zusammen: „Es handelt sich um einen interdisziplinären Studiengang mit einer deutlich kulturwissenschaftlichen Orientierung, die die Bedingungen der technisch-wissenschaftlichen Welt in ihr Reflexionssystem aufnimmt. Wir wollen interkulturelle Kompetenz vermitteln: Die Studierenden werden lernen, sich sicher in verschiedenen Denksystemen bewegen zu können.“ Ute Daniel ergänzt: „Ein klarer Vorzug gegenüber den alten Magisterstudiengängen ist die systematische Einbeziehung der Metaebene in das Studium. Die Studierenden werden stärker als bisher gefordert und gefördert, sich Gemeinsamkeiten und Unterschiede verschiedener wissenschaftlicher Verfahrensweisen diesseits und jenseits der Kulturengrenze zwischen Geistes- und Natur- und Technikwissenschaften klarzumachen, sie zu verstehen und nachvollziehen, beschreiben und bewerten zu können. Diese Metaebene ist eine tragende Ebene des neuen Studienganges. Das ist in jedem Fall eine Verbesserung der Ausbildung, egal was die Studierenden später machen. Gleich ob sie wissenschaftlich tätig werden wollen oder direkt in den Beruf gehen: es erhöht die Analysefähigkeit, die Schärfe der Begriffsbildung, die Möglichkeiten, das eigene Tun reflektierend zu begleiten und immer auf seine Angemessenheit oder Unangemessenheit hin zu befragen.“ Diese Erkenntnis- und Kritikfähigkeit kann allerdings nur gewonnen werden, wenn sich, wie in diesem Masterstudiengang, die beteiligten kulturwissenschaftlichen Fächer auch mit ihren disziplinspezifischen Besonderheiten zeigen und nicht unterschiedslos ineinander aufgehen. Die Erhaltung der Seminarstrukturen bürgt auch für eine solide fachwissenschaftliche Ausbildung, und darüber hinaus, so hebt Franz Meier hervor, liegt „ein großer Vorteil nun darin, daß wir Lehrenden im jeweils anderen kulturwissenschaftlichen Fach nicht mehr dilettieren müssen, weil wir die kompetenten Leute aus den anderen Disziplinen einbinden können.“ Die interdisziplinäre Verzahnung zwischen den Braunschweiger Geisteswissenschaften ergibt sich durch die gemeinsamen Fragestellungen, die verstärkt Kontexte aufgreifen, die jenseits der eigenen disziplinären Grenzen liegen.