Interview mit Dr. Heike Chr. Mätzing

Kerstin Wegner und Kristin Otto

 

http://www.historisches-seminar-braunschweig.de/index.php?id=592

Frau Mätzing, Sie haben 1981 in Braunschweig angefangen, Deutsch, Geschichte und Geographie zu studieren. Wie sind Sie auf diese Fächerkombination gekommen? Bitte beschreiben Sie uns Ihren Werdegang an die Universität!

Ich habe zunächst einen ganz anderen beruflichen Weg genommen und einige Semester Medizin studiert. Insofern bin ich das, was man klassisch einen Studienabbrecher nennt. Ich habe 1978 Abitur gemacht und gehöre damit zu der Generation, in der das Fach Geschichte eigentlich gar nicht wirklich gelehrt wurde. So habe ich bis vor einiger Zeit steif und fest behauptet, dass ich niemals Geschichtsunterricht gehabt hätte. Anhand meiner Zeugnisse bemerkt ich dann aber, dass da Noten standen. Das ist bezeichnend für die Generation der 70er Jahre. Irgendwann saß ich da, lernte die Bezeichnungen für die Muskeln und Nerven des Menschen und hatte das Gefühl, dass draußen das Leben an mir vorbei zieht. Ich fragte mich: Wo kommst Du her und wie ist die Welt eigentlich so geworden? Ich wollte mehr wissen. Ich habe dann begonnen, Lehramt für Deutsch, Geographie und Geschichte zu studieren und bin dabei über eine Hiwi-Stelle zur Geschichtsdidaktik gekommen.

Mein damaliger Lehrer, Prof. Harstick, war der Ansicht, dass es sich lohnen würde, mich weiter zu fordern und fördern. Ihm verdanke ich letztlich meinen beruflichen Weg. Denn nachdem ich das zweite Staatsexamen gemacht hatte, ebnete er mir den Weg, an die Uni zurück zukehren. Ich wollte an einer Stelle noch einmal richtig tief bohren, und er half mir, dass ich im Rahmen eines Stipendiums die Möglichkeit bekam, meine Dissertation zu schreiben. Das war eine großartige Sache, denn damals war es mindestens so schwierig wie heute, eine Stelle zu bekommen. Nachdem die Dissertation fertig war, stellte sich mir wieder die Frage: Was mache ich? Da zur gleichen Zeit in unserer Abteilung eine Stelle frei wurde, hatte ich das große Glück, zunächst über Zeitverträge und später dauerhaft, an der Uni bleiben zu können. Dabei bin ich langsam in die Lehre rein gewachsen und mache das bis heute gerne.

Die ersten Studenten stehen kurz vor dem Abschluss ihrer BA Arbeit. Wie beurteilen Sie die Umstrukturierung der alten Studiengänge Magister/Lehramt zum neuen BA/ MA?

Die Struktur des BA/MA – Systems ist im Vergleich zu den alten Studiengängen verschulter. Die Häufigkeit an Leistungserwerben und der Druck, dem die Studierenden ausgesetzt sind, macht es eigentlich kaum möglich ist zu sagen: „Ich hab da eine prima Idee, wollen wir nicht mal ein Projekt machen!“. Ich kann ihnen keinen Schein dafür geben und es bleibt keine Zeit, Projekte einfach nur aus Lust und Laune auf die Beine zu stellen.

Also würden Sie sagen, dass die neuen Studiengänge eine Mehrbelastung für beide Seiten bedeutet, sowohl für die Studierenden, als auch für die Lehrenden und deshalb noch weniger Zusammenarbeit möglich ist?

Es ist auf jeden Fall eine stärkere zeitliche Belastung, aber nicht gleichzeitig eine damit verbundene stärkere Vertiefung der Sache. So gut einerseits eine gewisse Vorgabe für manche Studierende ist, damit sie auch möglichst schnell durchkommen, hab ich doch den Eindruck, dass sich der Takt, in dem sich das Ganze beschleunigt hat, dazu führt, dass es weniger Möglichkeiten gibt wissenschaftlich-kreativ zu sein.

Wissenschaft braucht meiner Meinung nach auch immer Muße, wobei Muße nicht mit Faulheit zu verwechseln ist! Sie müssen Gedanken formulieren können. Kreativität entsteht da, wo man Dinge, die eigentlich nicht zusammen gehören, versucht miteinander zusammen zu bringen. Das geht aber nicht, wenn man wie in einer Fabrik vertaktet ist und nur einem ganz bestimmten Pensum hinterherläuft und sich mehr über Formalien und Formulare austauscht als über Inhalte.

Bedeutet das, dass Ihrer Meinung nach das BA/MA System den Studierenden so viel vorgibt, dass die Kreativität dabei auf der Strecke bleibt? Sehen Sie darin den größten Unterschied zu den „alten“ Studiengängen?

Ja, den Eindruck habe ich. Ich bemerke das auch bei den Examensarbeiten im Vergleich zu den BA Arbeiten, auch wenn diese vom Anspruch her nicht gleich zu setzen sind: in den klassischen Examensarbeiten ist ein anderer Rhythmus drin, eine sehr viel größere Schwingung im übertragenen Sinne. Die BA-Arbeiten sind thematisch enger gefasst, weil die Studierenden ja bereits eine Vielzahl anderer Prüfungsleistungen abgelegt haben. Aber die Menge macht es nicht. Zugleich ist dies aber ein Spiegel unserer Gesellschaft. Wir quantifizieren alles, aber wir fragen eigentlich nicht mehr nach der Qualität. Vielleicht bemerkt man das erst, wenn man sowohl die „alten“, als auch die „neuen“ Studiengänge betreut hat. Ich leide wirklich darunter, muss ich zugeben.

Heißt das, Sie sehen weniger Vorteile im neuen System?

Ganz so pessimistisch würde ich nicht sein. Es gibt denjenigen, die Mühe haben sich selber zu organisieren, einen roten Faden vor. Ich finde aber schon, dass es in weiten Teilen alter Wein in neuen Schläuchen ist, weil man versucht etwas in ein Korsett zu zwingen, was inhaltlich nicht unbedingt passt.

Glauben Sie, dass dieser vorgegebene Rahmen dazu führt, dass die Studierenden ihr Studium verkürzen und mehr Inhalte in kürzerer Zeit lernen können?

Der größte Teil der Studierende wird das sicherlich schaffen, und das hat natürlich auch mit den Studiengebühren zu tun. Aber wenn erst einmal deutlich geworden ist, dass die vorgegebenen 6 Semester kein vom Himmel gefallenes Gesetz sind, werden einige dieses Limit vermutlich auch überschreiten. Das müssen dann nicht unbedingt Leute sein, die faul oder schlecht sind, sondern z.B. auch solche, die ins Ausland gehen wollen oder aufgrund der Prüfungsordnung gehen müssen.

Dabei ist es allerdings kurios, dass sich gerade unter den Bedingungen des BA/MA-Systems immer weniger Studierende für ein Auslandssemester entscheiden, wenn sie es denn nicht müssen. Verantwortlich dafür sind der hohe bürokratische Aufwand und das mit der Modularisierung verbundene Problem der Anerkennung von Leistungen. Hier wirkt eine ausgesprochene Regelwut leider vollkommen kontraproduktiv, denn der Bologna-Prozess erhebt ja gerade den Anspruch, europäisch vergleichbare Abschlüsse einführen zu wollen. Zwar sind wir immer noch in einer Erprobungsphase und müssen mit gesicherten Aussagen warten, bis die ersten Studierenden ihre Masterarbeit hinter sich haben. Grundsätzlich aber, und dies gilt insgesamt für den neuen Studiengang, sollten wir nicht vergessen, dass Regeln für die Menschen gemacht werden und Menschen nicht dazu da sind, um Regeln zu erfüllen. Ich habe häufig den Eindruck, dass das Verhältnis hier nicht ganz stimmt.

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Welchen Vorteil bietet der Standort Braunschweig gegenüber anderen Universitäten?

Für das Fach Geschichte ist das natürlich ganz klar der Ort selber. Der historische Boden, die Institutionen, die es hier gibt, mit denen wir sehr eng zusammen arbeiten. Sei es das Landesmuseum mit Herrn Biegel oder das Georg-Eckert Institut, aber auch die HAB Wolfenbüttel. Das sind optimale Bedingungen für den Standort Braunschweig.

Im Vergleich zu anderen Standorten darf man natürlich nicht vergessen, dass die TU Braunschweig eine technische Universität ist. Da hat es gar keinen Sinn, drum herum zu reden. Wir haben hier nicht das Flair einer Universität Tübingen, Heidelberg oder Göttingen. Wenn Sie dort sind merken Sie, dass die Geisteswissenschaften eine andere Position haben, da weht ein anderer Geist, da haben Sie andere Impulse und eine andere Inspiration.

Insofern kann man das Fach Geschichte an einer technischen Universität fast mit dem Kampf zwischen David und Goliath vergleichen. Auf der anderen Seite gibt es ja jetzt mit dem neuen Master auch eine adäquate Antwort auf diese Situation, und ich bin sehr gespannt, wie das neue Studienangebot er von den Studierenden angenommen werden wird. Zugleich hat die Lehrerausbildung in Braunschweig eine lange Tradition. Ich verweise hier nur auf Georg Eckert, der ja nach dem Krieg nicht nur das Fach Geschichte an der damaligen PH aufgebaut hat, sondern mit seinem Institut für Schulbuchforschung vor allem dafür gesorgt hat, dass das Begriffspaar „Braunschweig“ und „Geschichte“ international geläufiger ist als im eigenen Land.

Für mich ganz persönlich ist es schön, dass ich aufgrund des relativ kleinen Seminars die Möglichkeit habe, am Ende eines Semesters die Namen der Studierenden zu kennen. Bei einem Proseminar im BA mit 45 Teilnehmern ist das mittlerweile zwar schwieriger geworden, aber die persönliche Begegnung ist mir sehr wichtig und größtenteils auch möglich. Das ist der Vorteil eines kleineren Standortes.

Welche Eigenschaften und Interessen sollte ein künftiger Geschichtsstudent Ihrer Meinung nach mitbringen?

Ich wusste ja, dass diese Frage auf mich zu kommt und könnte jetzt die Standardantwort geben: Neugierde, Sitzfleisch zum Lesen und die Fähigkeit, gut schreiben zu können, was man eben als Softskills mitbringen sollte. Das sowieso. Das Interesse an der Geschichte ist trivial. Aber ich kann ja mal von mir sprechen und sagen, was ich mir von Studierenden wünschen würde: Wichtig finde ich Engagement und die Lust, sich zu engagieren. Das gilt im Grunde für jeden Beruf, aber ich glaube, wenn man Lust hat, sich für etwas zu engagieren, wenn man Interesse hat an dem, was man macht und auch Lust am Erfolg hat, dann springt das auf alle Beteiligten über. Es gibt für Lehrende nichts Frustrierenderes, als vor einer Gruppe von Studierenden zu sitzen, die eigentlich gar kein richtiges Interesse haben etwas zu lernen. Der oder die Lehrende lebt vom Echo. Die Neugierde und die Lust etwas gemeinschaftlich zu machen ist die Basis. Das Studium sollte kein Einzelkampf von Studierenden und Lehrenden sein, sondern ein Miteinander. Ich denke dabei auch an unsere Reihe: „Geschichte, die uns bewegt“, in der Studierende über historische Themen vortragen, zu denen sie auch eine ganz persönliche, emotionale Beziehung haben.

Das heißt, die größte Kunst ist es, die Neugierde und Lust der Studierenden zu wecken und sie neben der Pflicht für die Kür zu begeistern?

Ja, aber dafür brauchen Sie Freiräume und dafür müssen Sie die Menschen auch kennen und die Möglichkeit haben, Vertrauen aufzubauen. Das ist natürlich nicht bei allen in der gleichen Weise möglich. Beziehung braucht Zeit und ich glaube, dass das in diesem Fach wichtig ist, insbesondere für zukünftige Lehrer und Lehrerinnen.

In vielen Ihrer Publikationen, wie zum Bsp. in Ihrer Monographie Geschichte im Zeichen des historischen Materialismus, spielt der Geschichtsunterricht in der DDR eine übergeordnete Rolle. Was fasziniert Sie an dieser Thematik? Gibt es einen biographischen Bezug zur Geschichte der DDR?

Eigentlich ist es für Wissenschaftler, die Karriere machen wollen, wenig hilfreich, immer über die gleichen Themen zu schreiben, aber das hat in meinem Fall etwas mit Herzblut zu tun. Ich bin zwar in der Bundesrepublik aufgewachsen, aber meine Mutter stammt aus der Niederlausitz. Daher bin ich auch in meiner Kindheit häufig in der DDR gewesen und habe somit einen biographischen Bezug dazu.

Das Kuriose ist allerdings, dass mein Doktorvater, Prof. Harstick, davon nichts wusste, als er mir 1988 das Thema meiner Dissertation vorschlug. Zu diesem Zeitpunkt konnte man ja auch noch nicht wissen, dass dieses Thema bald eine solche Bedeutung haben würde.

Ich hatte also noch vor der Wende mit diesem Thema begonnen. Auf meinen häufigen Reisen nach 1989 in den anderen Teil Deutschlands traf ich dann auf viele ostdeutsche Kollegen und durfte dabei auch Freundschaften schließen, die bis heute bestehen. Erst langsam wurde mir jedoch klar, dass diese Kommunikation zwischen Ost und West nicht selbstverständlich ist. Ich bin davon überzeugt, dass mein biographischer Hintergrund dafür sehr entscheidend ist, denn aufgrund meiner Kindheitserfahrungen war mir die DDR nie fremd. Es war zwar ein anderes System, aber es verband sich immer mit Menschen, die zu meinem Leben gehörten. Da ist vermutlich auch der große Unterschied im Vergleich zu Menschen, die vor 1989 nie Kontakt mit der DDR hatten. Zudem bin ich relativ nah zum ehemaligen Grenzgebiet aufgewachsen. Da hatte man zum zweiten deutschen Staat ohnehin einen anderen Bezug.

Den Fall der Mauer habe ich dann auch ganz hautnah und mitten im Trabiqualm in Helmstedt erlebt, und den Jubel von damals kann ich heute noch in mir spüren. Insofern stört mich auch die Frage nach den Kosten der Wiedervereinigung. Sie ist typisch für eine Gesellschaft, die alles quantifiziert und materiell sieht und dabei die Großartigkeit von 1989/90 vergessen hat. Es sind dabei allerdings auch Dinge passiert, die zu kritisieren und sogar zu ahnden sind. Viele Chancen wurden vergeben, weil die Zeit nicht reichte oder weil der politisch und wirtschaftlich überlegene Westen seine Herrschaftssystem dem Osten mehr oder weniger oktroyierte. Das bedauere ich zutiefst, weil es das Zusammenwachsen heute sehr erschwert.

Aber dass dieses Land wieder geeint ist, dass Menschen wieder zueinander können- sie müssen ja nicht, wenn sie nicht wollen, aber sie können eben- das ist einfach großartig.

Insofern ist mir das Thema „DDR“ bis heute ein großes Anliegen geblieben, und mich interessiert jetzt vor allem, welches Bild die Schulbücher von der Phase der Zweistaatlichkeit zeigen. Wie schreibt man die deutsche Geschichte für die Zeit zwischen 1949 und 1989/90 und wie bewertet man dabei die Geschichte der DDR?

Der einzelne Wissenschaftler kann zwar für das Verständnis zwischen West und Ost recht wenig tun. Um so dankbarer bin ich, dass ich im Rahmen des Georg- Eckert- Instituts des öfteren die Gelegenheit habe, mich im oben beschriebenen Sinne an der einen oder anderen Stelle zu äußern. Und ich tue das nicht als „Vernunftrepublikaner“, sondern aus tiefster Überzeugung!

Wie würden Sie denn die Bildung in der DDR, besonders in Bezug auf Geschichte, beurteilen?

Je weiter das Fach in die Zeitgeschichte kam, das gilt für die Wissenschaft wie für den Unterricht, desto mehr wurde es dazu benutzt, den zweiten deutschen Staat zu legitimieren. Und damit ist der Geschichtsunterricht in einer Weise missbraucht worden, wie man das aus unserer Position, und zwar sowohl vor 1989 als auch heute, nicht gutheißen kann.

Auf der anderen Seite werden Sie, auch wenn Sie sich die Geschichtsbücher anderer Länder ansehen, feststellen, dass jeder Staat bemüht ist, sich durch den Geschichtsunterricht zu legitimieren. Das gilt nicht nur für Diktaturen, sondern auch für demokratische Staaten.

Dass dann in der DDR im Unterricht der 10. Klasse nur noch die Geschichte der SED behandelt wurde, hatte natürlich mit Geschichtsunterricht nicht mehr viel zu tun.

Anders sah es allerdings in der Wissenschaft aus. Hier hat man vor allem seit den 1980er Jahren z.T. beeindruckende Ergebnisse vorgelegt, etwa im Bereich der Ur- und Frühgeschichte, des Mittelalters oder auch in der Revolutionsgeschichtsforschung. Dort, wo der historische Materialismus als Methode und nicht als politisches Programm benutzt wurde, hat er durchaus auch international beachtete Ergebnisse hervorgebracht. Leider konnte er nach 1990 nicht mehr den Beweis dazu antreten, da die ostdeutschen Wissenschaftler fast alle entlassen wurden und es an einem solchen Experiment auch kein Interesse gab.

Des Weiteren beschäftigen Sie sich intensiv mit neuen Medien im Geschichtsunterricht. Was privilegiert Ihrer Meinung nach Unterricht mit neuen Medien im Vergleich zu herkömmlichen Lehr- Lern- Methoden?

Erst einmal muss man festhalten, dass diese Medien sehr teuer sind und sich Schulen, anders als es ursprünglich gedacht war, nur sehr wenige Anschaffungen leisten können. Die Verlage produzieren daher auch wenig reine Lernsoftware, sondern viel mehr Medien, die aufgrund eines gewissen Unterhaltungswertes auch für den „Nachmittag“ gedacht sind. Die Verlage sagen zwar, dass diese CD-ROMs auch im Unterricht einsetzbar sind, haben aber immer auch die Vermarktung im Blick, d.h. es werden didaktisch-methodische Kompromisse geschlossen, und dies geschieht nicht immer zugunsten der Schule.

Zum Einsatz solcher Medien im Unterricht gibt es noch sehr wenige Forschungsergebnisse, vor allem was ihre Effizienz betrifft. Als Ergänzung zu herkömmlichen Medien halte ich CD- Roms jedoch für sinnvoll, etwa wenn man sie an Lernstationen anbietet. Für die Erarbeitung eines soliden Grundlagenwissens halte ich jedoch die herkömmlichen Medien besser geeignet.

Trotzdem sollten sich Lehrer mit neuen Medien beschäftigen, und zwar nicht nur, um mit der Jugend mithalten zu können, sondern um beurteilen zu können, womit sich Schüler in ihrer Freizeit beschäftigen. CD- Roms vermitteln ja auch Geschichtsbilder, die die Schüler prägen. Sie sollten daher auch von Lehrern analysiert und bestenfalls zusammen mit den Schülern kritisch betrachtet werden.

Sie sind Vorstandsmitglied im „Verein der Freunde des Georg- Eckert- Instituts“. Wie ist Ihre Zusammenarbeit mit diesem Institut entstanden?

Die Zusammenarbeit entstand in der Zeit, als ich im Rahmen meiner Dissertation sehr viel im Institut gearbeitet habe, um den dortigen Schulbuchbestand und die Literatur zu nutzen. Die Dissertationsschrift selbst wurde dann auch in der Reihe des Instituts veröffentlicht, was ich als große Auszeichnung empfunden habe. Vor 1989 bestanden zwischen dem Institut und der DDR keine offiziellen Beziehungen, da der ostdeutsche Staat ja von der BRD nicht als Ausland anerkannt wurde, das Institut aber zu großen Teilen vom Auswärtigen Amt finanziert wurde. Eine amtliche Zusammenarbeit wäre daher einer Anerkennung der DDR gleichgekommen. Insofern gab es im Institut auch keinen Mitarbeiter, der sich intensiv mit den Schulbüchern der DDR beschäftigt hatte, so dass ich nach 1989/90 zunehmend häufiger als „inoffizielle Mitarbeiterin“ in diese Lücke springen durfte. W es bei internationalen Konferenzen um das Thema der deutschen Wiedervereinigung in Schulbüchern geht, werde ich daher häufig gefragt, ob ich mitarbeiten möchte. Im Juli findet eine deutsch- koreanische Schulbuchkonferenz statt, auf der ich referieren darf. Andere, sehr eindrucksvolle Tagungen konnte ich in Kaluga (Russland) oder in Kiew miterleben. Damit verbindet sich vor allem immer die Gelegenheit, interessante Gesprächspartner und Kollegen aus der ganzen Welt kennen zulernen und so den Blick auf das eigene Fach zu weiten, was ich als ungeheuere Bereicherung empfinde.

Momentan arbeite ich zudem an einer Expertise für das brandenburgische Kultusministerium über die Darstellung der Staatssicherheit in aktuellen Schulbüchern, was auch über das Georg- Eckert- Institut läuft. Dabei ergibt sich zugleich die Chance, den engen Kreis der Universität zu verlassen und sich zu Fragen der historisch- politischen Bildung zu äußern.

Von daher ist die Zusammenarbeit mit dem Eckert-Institut für mich ungeheuer bereichernd, so dass ich Braunschweig nur sehr ungern verlassen würde, da mir ein anderer Arbeitsplatz solche Möglichkeiten kaum bieten kann.

Welche Bedeutung hat das Georg- Eckert- Institut für das Historische Seminar und besonders für Sie und Ihre Arbeit an der TU?

Das ist zum einen das, was ich in der vorherigen Frage schon gesagt habe, und zum anderen liegt mir sehr viel daran, die Studierenden mit dem Institut in Kontakt zu bringen. Dafür machen wir einmal im Semester unsere Veranstaltung dort, damit es überhaupt in das Bewusstsein kommt. Ich könnte mir in diesem Bereich auch weiterführende Projekte und Zusammenarbeiten wünschen und auch vorstellen.

Bitte beschreiben Sie die Symbiose zwischen Ihrer Forschungsarbeit und Ihrer Lehrtätigkeit an der TU Braunschweig!

Ich bemühe mich darum, die Themen, die ich in der Forschung bearbeite, wie etwa die DDR- Geschichte oder auch Geschichtsbilder im internationalen Vergleich, in irgendeiner Weise in Lehrveranstaltungen einzubinden. Momentan gelingt das leider nicht so gut, da ich zur Zeit allein das Lehrangebot für den Bereich der Geschichtsvermittlung anzubieten bzw. abzudecken habe. Da bleibt nicht genügend Freiraum dafür. Das wird sich aber hoffentlich bald ändern.

Momentan arbeiten Sie an zwei Monographien bzw. Aufsatzsammlungen. Sind die Ideen dazu auf Ihren Vortrags- und Forschungsreisen entstanden? Können Sie uns schon Näheres darüber erzählen?

Wie so häufig, hat auch das biografische Zusammenhänge. Die Frage nach den internationalen Geschichtsbilder – am Beispiel Chile Spanien und Deutschland – entstand wie schon erwähnt aus der Nähe zum Georg-Eckert Institut. Das fand dann seinen Nährboden darin, dass ich zeitweise überlegte, dieses Land zu verlassen und nach Chile zu gehen. Das habe ich dann zwar nicht getan. Doch von diesem „Ausflug“ brachte ich mir zumindest ein neues Forschungsthema mit und habe das dann noch in Beziehung zu Spanien gebracht.

Mit dem plötzlichen und unerwarteten Tod meines Lebenspartners verlor das aber alles seine Bedeutung. Existentiell waren jetzt ganz andere Fragen als die nach der vergleichenden Diktaturforschung, etwa jene nach Zeit und Endlichkeit. Dabei stellte ich dann nach geraumer Zeit fest, dass das auch sehr spannende Forschungsthemen sind, nicht zuletzt für die Geschichtsdidaktik.

Und um dabei auf Ihre Frage nach der Verbindung von Forschung und Lehre zurückzukommen: Wir haben vor zwei Semestern ein Seminar gemacht, indem wir anhand von Fibeln die Entwicklung des Zeitbewusstseins vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart untersuchten. Wenn ich wieder etwas mehr Zeit habe, möchte ich diese Ergebnisse gerne publizieren. Dabei könnten dann sowohl die Arbeiten der Studierenden wie auch meine eigenen Forschungsergebnisse zusammenfließen. Gleichzeitig könnte so auf den historische Fibelbestand des Georg-Eckert Instituts als Quellenfundus für die Mentalitätsgeschichte hingewiesen werden – etwas, was bislang viel zu wenig im Bewusstsein ist.

Also können wir darauf gespannt sein!

Ja. Und das betrifft inzwischen auch wieder den Vergleich von Erinnerungskulturen im Blick auf Diktaturen. Hier bin ich mit einem Kollegen aus Karlsruhe, Michael Stolle, im Gespräch. Mit ihm zusammen organisiere ich auch gerade eine internationale Tagung, die im Oktober im Eckert-Institut stattfindet. Sie widmet sich dem Thema: „Geschichte lehren und lernen. Das Bild des (guten) akademischen Lehrers“. Das ist ein sehr spannendes Thema, weil es genau die beiden Aspekte miteinander verbindet, die auch für mich von Bedeutung sind: die persönliche Begegnung in der gemeinsamen Beschäftigung mit der Geschichte.