Ein stürmischer Abend

Wolfenbüttel und der 17. Juni 1953

Von Uwe Lammers

 

Es ist inzwischen hinlänglich bekannt, was in Braunschweig am 17. Juni 1953 geschah, an jenem Tag, an dem die sowjetischen Besatzungstruppen mit Waffengewalt und T-34-Panzern gegen die aufständische Bevölkerung in Ostberlin und vielen hundert anderen Städten und Ortschaften vorgingen: Der Volksaufstand in der DDR wurde an diesem und in den folgenden Tagen niedergewalzt, die aus ehrlicher Wut entstandene Erhebung fand als „faschistischer Putschversuch“ Eingang in die DDR-Geschichtsbücher und vollendete sich erst im November 1989, als das versteinerte SED-Regime endgültig jedweden Rückhalt verloren hatte.

Bis heute unbemerkt sprang allerdings dieser revolutionäre Zündfunke am Abend des gleichen Tages, also am 17. Juni 1953, auf Wolfenbüttel über. Das lässt sich bedauerlicherweise nur noch anhand zeitgenössischer Zeitungsmeldungen erschließen. Es kam hier zu tumultuarischen, fast unglaubhaften Szenen, die durchaus auch Tote hätte kosten können, wenn die Polizei nicht eingeschritten wäre.

Wie konnte es dazu kommen?

Für diesen Abend war auf dem Wolfenbüttler Stadtmarkt eine Versammlung der Wolfenbüttler Kommunistischen Partei (KP) geplant. Als Redner war ein Mitarbeiter des Parteivorstandes namens Ferdinand Pieck vorgesehen, die einführenden Worte hielt der Funktionär Werner Ilberg. Besser: er wollte sie halten, doch er kam nicht allzu weit.

Der 17. Juni 1953 war ein sommerlich warmer, fast schwüler Tag, und die Menschen hatten schon seit vielen Stunden ergrimmt den Radioberichten aus Berlin gelauscht, die inzwischen von dem militärischen Vorgehen der Roten Armee und der Volkspolizei gegen die Demonstranten in Berlin berichteten.

Die Stimmung in der Bevölkerung war außerordentlich angespannt. So kam es, dass die KP-Veranstaltung einen unwahrscheinlichen Zulauf erhielt. Es handelte sich jedoch keineswegs um linientreue Kommunisten, die hier lauschten, sondern um Wolfenbüttler (und vielleicht Braunschweiger), die sich mit den Aufständischen in Berlin solidarisierten. Das geht auch deutlich aus dem Zeitungsartikel der Braunschweiger Nachrichten hervor, der am kommenden Tag nachzulesen war.

Unter dem Titel „Empörte Menge sprengte KP-Versammlung“ ist zu lesen:

„Zu schweren Tumulten kam es gestern abend auf dem Wolfenbüttler Stadtmarkt, wo eine öffentliche kommunistische Versammlung von einer empörten Menschenmenge gesprengt wurde.

Noch bevor der Redner des Abends... angekündigt werden konnte, wurde der Funktionär... Werner Ilberg von der Menge mit den Rufen ‘Aufhören, Ihr Berlin-Verbrecher’ niedergeschrien. Alle weiteren Versuche, zu Worte zu kommen, erstickten unter den Wutausbrüchen und dem ohrenbetäubenden Gejohle der inzwischen nach Tausenden zählenden Demonstranten.“

Dabei blieb es nicht, die Menge wurde auch handgreiflich. Zeitweise nahm das Geschehen beinahe komische Züge an. Der Bericht fährt fort: 

„...Die Parteifahne wurde vom Rednerpult gerissen, das Mikrophon zerstört und das Manuskript flog in hohem Bogen zerrissen durch die Luft. Bevor die Versammlung von der Polizei aufgelöst wurde, kam es zu Schlägereien. Der Wagen, auf dem das Rednerpult aufgebaut war, wurde weggeschoben, und die Menschen sangen: ‘Muß I denn zum Städtle hinaus...’ Schließlich wurde ostentativ das Deutschlandlied angestimmt.

Redner und Angehörige der KP wurden unter den Schutz der Polizei gestellt. Die Demonstranten belagerten dann den Garagenhof des Rathauses, hinter dessen Mauern die Kommunisten Zuflucht gesucht hatten. Unter lauten Pfui-Rufen wurden Ilberg und Genossen schließlich mit einem Wagen der Polizei davongefahren. Der Rest der Parteimitglieder verschwand über Hinterhöfe in die Stadt. Dort kam es an verschiedenen Stellen noch zu handgreiflichen Auseinandersetzungen, und in den späten Abendstunden bildeten sich noch an Straßenecken und Plätzen der Innenstadt größere Diskussionsgruppen, die ihrem Herzen über die politische Entwicklung und die Instinktlosigkeit der Wolfenbüttler KP angesichts der Berliner Demonstrationen Luft machten.“

Hieran ist deutlich zu erkennen, dass die Stimmung in den Städten entlang der Zonengrenze sehr labil war. Der Braunschweiger Polizeipräsident Müller, der ähnliche Szenen für Braunschweig befürchten mußte, zog daraus augenblicklich radikale Konsequenzen: Er verbot eine ähnliche Versammlung der Kreisleitung der KPD Braunschweig, die für den 20. Juni auf dem Burgplatz angemeldet worden war. Als Grund gab er in der Braunschweiger Presse am 19. Juni 1953 an, „...dass er sich auf Grund der Ereignisse am 16. und 17. Juni in Berlin und am Abend des 17. Juni in Wolfenbüttel veranlasst (sehe), eine Kundgebung der KP, die am... 20. Juni auf dem Burgplatz stattfinden sollte, aus Gründen der öffentlichen Sicherheit zu untersagen.“

Damit endete die kurze Episode des Wolfenbüttler „Volksaufstandes“, der sich in Braunschweig nicht wiederholen konnte. Die restlichen Abende des Juni verliefen wahrscheinlich weniger stürmisch...

 

Uwe Lammers

Braunschweig, den 3. August 2003