Das Historische Seminar der Technischen Hochschule/Technischen Universität Braunschweig (1927-2004)

Eine kommentierte Chronologie von Uwe Lammers

 

Im Zuge aktueller Sparpolitik von Seiten der Niedersächsischen Landesregierung und der Bedrohung des Faches Geschichtswissenschaft an der Technischen Universität Braunschweig erscheint es im Jahr 2004 dringender denn je geboten, die Vergangenheit des Historischen Seminars aufzuarbeiten. Ein erster Ansatz dazu findet sich in einer Magisterarbeit aus dem Jahr 2002.[1] Hier soll nur für den Interessierten, der sich mit dem Gedanken trägt, das Fach Geschichte zu studieren und sich für die Seminarvergangenheit vor Ort interessiert, ein kleiner Einblick in die bewegte Geschichte des einstmals Geschichtlichen Seminars gegeben werden.

 

Zeitleiste:

 

1745-1926: Schon von Gründung des herzoglichen Collegium Carolinum, später Carolo-Wilhelmina genannt ist das Fach Geschichte im Lehrplan vorgesehen. Es wird durch Privatdozenten vertreten.

 

1927: Der bereits seit 1913 als Privatdozent für Neuere Geschichte an der Herzoglichen Technischen Hochschule lehrende Dr. Ernst August Roloff (sen.) wird mit dem Aufbau eines Geschichtlichen Seminars betraut. Er richtet ein kleines Institut ohne eigene Bibliothek im Braunschweiger Residenzschloss ein. Das genaue Gründungsdatum ist bislang unbekannt, doch fällt dieser Ausbau der Geschichtswissenschaft zu einem eigenständigen Seminar in die Zeit des allgemeinen Transfers der bisher konfessionell ausgerichteten Lehrerbildung von den Lehrerseminaren an die Technische Hochschule. Sie wird als kulturwissenschaftliche Abteilung (VII. Abteilung) eingegliedert.

Dem Fachgebiet der Geschichte gehören zu diesem Zeitpunkt Ernst August Roloff (Neuere Geschichte und Staatsbürgerkunde) und sein Kollege Wilhelm Jesse (Heimatkunde und Volkskunde).

 

1928: Wilhelm Herse verstärkt das Geschichtliche Seminar. Er vertritt das Gebiet Deutsche Kultur- und Geistesgeschichte.

 

1930: Karl Lange tritt in das Geschichtliche Seminar ein. Thematisch unterrichtet er Neuere Geschichte mit Schwerpunkt Bismarckzeit und Zeitgeschichte.

 

1931: Ernst August Roloff wird zum persönlichen ordentlichen Professor ernannt.

 

1932: Der nationalsozialistische Ministerpräsident Dietrich Klagges schleust den national denkenden Professor Hermann Hofmeister in die 7. Abteilung, damit das Fach Germanenkunde vertreten ist.

 

1933: Gleichschaltung der Hochschule durch die Nationalsozialisten.

 

1936: Tod Professor Hermann Hofmeisters.

 

1937: Hofmeisters Nachfolger wird Alfred Tode mit dem Lehrgebiet Deutsche Vor- und Frühgeschichte sowie Germanenkunde. Zwischen ihm und Klagges kommt es zu ideologischen Konflikten, da Tode eher gemäßigt ist, was die Germanenkunde angeht.

Ebenfalls im Jahre 1937 wird die kulturwissenschaftliche Abteilung aus der TH an die neu gegründete Bernhard-Rust-Hochschule für Lehrerbildung (BRH) transplantiert. An der TH bleibt im wesentlichen nur Professor Ernst August Roloff zurück.

 

1945: Neuanfang an der Technischen Hochschule im Bereich Geschichte. Wo sich das Seminar zu diesem Zeitpunkt befindet, ist unklar. Bis zur Ausbombung befindet es sich wahrscheinlich im Residenzschloss. 1946 findet es sich unter Leitung von Ernst August Roloff im Gebäude Geysostraße 7.

 

1945: Die von der Technischen Hochschule abgespaltene 7. Abteilung (=BRH, ab 1937 bis 1941, danach Lehrerbildungsanstalt Braunschweig) erlangt die Autonomie im Status einer Pädagogischen Hochschule. 1946 nimmt sie den Namen Kant-Hochschule an.

 

1947: Das Fach Geschichte an der Kant-Hochschule wird von Professor Georg Eckert vertreten. Damit ist die Spaltung des Historischen Seminars perfekt.[2]

 

1953: Ernst August Roloff tritt in den Ruhestand. Der Lehrstuhl wird vakant und zur Nachfolge ausgeschrieben. Diskussion um die Streichung des Lehrstuhles, was die Geschichte an der TH bedroht.

 

1954: Professor Heinrich Heffter tritt die Nachfolge von Roloff an.

 

1955: Tod Professor Roloffs.

 

1963: Das Geschichtliche Seminar wird in Historisches Seminar umgetauft. Umgangssprachlich ist diese Bezeichnung bereits seit den 50er Jahren gängig, etwa seit Professor Heffters Amtsantritt.

 

1964: Alfred Tode gibt seine Veranstaltungen altersbedingt auf und zieht sich auf seinen Hauptberuf (Museumsdirektor) zurück.

 

1964: Das Historische Seminar zieht aus der Geysostraße 7 um in die Pockelsstraße 14 (Forumsgebäude).

 

1969: Professor Heinrich Heffter scheidet aus dem aktiven Dienst aus.

 

1970: Werner Pöls wird als ordentlicher Professor für Neuere Geschichte ins Historische Seminar berufen. Er wird Nachfolger von Heinrich Heffter.

 

1971: Der spätere Professor Gerhard Schildt stößt zum Historischen Seminar.

 

ca. 1971: Das Historische Seminar zieht aus der Pockelsstraße 14 in das heutige Quartier in der Schleinitzstraße 13 um.

 

1972: Hans-Ulrich Ludewig wird Lehrender am Historischen Seminar.

 

1973: Goswin Spreckelmeyer beginnt mit seiner Tätigkeit im Fachgebiet Mittelalterliche Geschichte.

 

1974: Der spätere Professor Helmut Castritius übernimmt das Fachgebiet Alte Geschichte am Seminar.

 

1978: Die Pädagogische Hochschule (Kant-Hochschule) wird in die TU eingegliedert. Die Seminare für Geschichte (TU) und für Geschichtsfachdidaktik (PH) bleiben getrennt und behalten separate Bibliotheken. Dieser Status besteht bis heute im Kern fort.

 

1979: Professor Hans-Peter Harstick übernimmt die Leitung der Geschichtsfachdidaktik. Im gleichen Jahr wird Professor Castritius zum Ordinarius für Alte Geschichte ernannt.

 

1982: Werner Pöls tritt in den Ruhestand.

 

1983: Klaus Erich Pollmann wird Nachfolger von Professor Pöls.

 

1993: Herbert Mehrtens übernimmt das neue Fachgebiet für Wissenschafts- und Technikgeschichte als ordentlicher Professor.

 

1995: Die Carolo-Wilhelmina feiert ihr 250jähriges Bestehen.

 

1997: Frau Professor Ute Daniel übernimmt den Bereich Neuere Geschichte.

 

2002: Das Historische Seminar und seine Vergangenheit werden erstmals in einer Magisterarbeit thematisiert. Bei diesen Untersuchungen wird das wahre Alter des Seminars entdeckt.

 

2003: Das Historische Seminar wird 75 Jahre alt und feiert mit einem eigenen Kolloquium und einer Buchausstellung der Lehrenden im Neuen Senatssitzungssaal des Altgebäudes der Technischen Universität diesen Anlass. Rege Resonanz.

 

2004: Aufgrund reger Nachfrage findet ein Kolloquium über Professor Heinrich Heffter und sein 1950 erschienenes Werk über die kommunale Selbstverwaltung statt. Anstoß zu diesem Kolloquium war die Jubiläumsveranstaltung 2003.

 

Ebenfalls im Jahr 2004 tritt Professor Castritius in den Ruhestand. Die ordentliche Professur für Alte Geschichte wird gestrichen. Damit schrumpft das Historische Seminar, das zeitweise in den 80er Jahren acht Ordinarien aufzuweisen hatte, auf vier aktive zusammen (Daniel, Harstick, Mehrtens, Scharff). Die Diagnose für das Fach Geschichte muss deshalb zutreffend lauten: akut durch die Kürzungspläne in seiner Zukunft gefährdet.

 

Copyright by Uwe Lammers

Braunschweig, 10. Juli 2004

(Überarbeitet am 3. Februar 2005)

 

[1] Vgl. Uwe Lammers: Dunkle Vergangenheit - Wissenschaftlerkarrieren in der kulturwissenschaftlichen Abteilung der Technischen Hochschule Braunschweig, ungedruckte Magisterarbeit, 2002, S. 18-20. Details zu den oben genannten Dozentennamen und den von ihnen vertretenen Fachgebieten lassen sich hier in aller Knappheit nachlesen.

[2] In der Folge werden die (ausgewählten) Personalveränderungen nur für das Historische Seminar der TU BS angegeben. Für das Seminar für Geschichtsfachdidaktik an der Pädagogischen Hochschule fehlt eine solche Ausarbeitung bisher.