Friedhöfe in der Braunschweiger Außenstadt

von Hasso Lancelle

 

Vor der 1934 durchgeführten Eingemeindung der Braunschweiger Dörfer mit den entsprechenden Dorffriedhöfen wurde in Braunschweig seit 1987 nur noch auf dem großen Hauptfriedhof an der Helmstedter Straße bestattet. Die Vorläufer waren jedoch keineswegs die um die Pfarrkirchen gelegenen kirchlichen Kirchhöfe, sondern ausnahmslos solche außerhalb der Mauern, die kaum noch bekannt sind. Wir erleben jetzt als Folge der Mobilität der Bevölkerung, daß die konventionelle Grabpflege zunehmend Schwierigkeiten macht, so daß selbst auf den kleinen Dorffriedhöfen immer mehr Flächen für eine anonyme Bestattung "unter dem grünen Rasen" bereitgestellt werden müssen. Hier wird die Pflege dem Friedhofsgärtner gegen Vorauszahlung überlassen. An den Anblick des Friedhofs ohne Grabsteine wird man sich wohl gewöhnen müssen. Das Land Niedersachsen hat gerade das Bestattungsrecht gelockert. In sogenannten "Friedwäldern" können Urnen in freier Natur beigesetzt werden. Um den Muslimen bei der Einhaltung ihrer religiösen Gesetze entgegen zu kommen, dürfen sie künftig ohne Sarg, nur im Leinentuch, beerdigt werden.

 

Während meines Studiums erhielt ich 1954 einen kleinen Job, der darin bestand, für die Reformierte Kirchengemeinde die Lage und die Belegung von Gräbern auf dem Friedhof in der Juliusstraße aufzuzeichnen. Der Friedhof war bei Bombenangriffen stellenweise verwüstet, nur der alte, längst pensionierte Totengräber wußte noch, wer in den zerbombten Bereichen bestattet war. Für mich war nicht nur die Aufgabenstellung neu, sondern auch, daß es rings um die ehemaligen Mauern der Stadt noch eine Reihe von nicht mehr benutzten Friedhöfen gab. Ich interessierte mich weiter für das Thema und lernte ein interessantes Kapitel Braunschweigs kennen.

 

Anfang des 18. Jahrhunderts wurde in den Stadtkirchen und um sie herum auf den Kirchhöfen bestattet. Die Toten sollten so nahe wie möglich bei den Heiligenreliquien ruhen, vermögende Patrizier kauften sich einen Platz beim Altar. Nur Verbrecher, Arme und Namenlose wurden außerhalb der Stadtmauern begraben.

 

Im 18.Jahrhundert war die Einwohnerzahl so stark angestiegen, daß die traditionellen Kirchhöfe nicht mehr ausreichten und überbelegt waren. Hygienische Gründe zwangen die Gemeinden, Grundstücke zur Anlage von Friedhöfen außerhalb der Befestigung zu erwerben. 1764 wurde die Bestattung in den Kirchen durch einen Erlaß von Herzog Karl I. verboten und die Kirchhöfe teilweise eingeebnet und mit Bäumen bepflanzt. Ab 1887 wurden die Bestattungen für die evangelisch-lutherischen, die katholische und die jüdische Gemeinde auf dem neuen Hauptfriedhof von Ludwig Winter an der Helmstedter Straße vorgenommen und die meisten alten Friedhöfe in Parkanlagen umgewandelt. Mit den Eingemeindungen der umliegenden Dörfer im Jahr 1934 kamen noch die dortigen Dorffriedhöfe hinzu, auf denen größtenteils heute noch bestattet wird.

 

Ich berichte nun über das Schicksal der Außenfriedhöfe im Einzelnen: Der Magnifriedhof an der Gerstäckerstraße dient drei Gemeinden: Magni, St. Leonhard und der Domgemeinde mit dem Friedhof des Grauen Hofes, auf dem die Hofbeamten mit ihren Familien bestattet wurden. Die Leonhardkapelle gehörte zu dem Aussätzigenhospital, das wie üblich schon um 1230 außerhalb der Mauern lag. Heute finden hier die Gottesdienste der Christengemeinschaft statt. Berühmte Braunschweiger Persönlichkeiten sind auf dem Magni- und Domfriedhof begraben, u.a. Lessing, Gerstäcker, Vieweg und Westermann Die Kapelle auf dem Domfriedhof dient heute als Griechisch-Orthodoxe Kirche.

 

In der Katharinenstraße 1 befand sich der Katharinenfriedhof, der 1802 zur Hamburger Straße 6 verlegt wurde, 1841 folgte auch der Andreasfriedhof dorthin, weitere Flächen hatte die Andreasgemeinde am Rebenring seit 1721. Neben dem o.a. Friedhof an der Katharinenstraße (heute Mensagelände der TU) gibt es einen Park, der frühere Garnisonfriedhof Nord. Ein zweiter Garnisonfriedhof (Süd) lag an der Wolfenbütteler Straße. An der Georg-Wolters-Straße befand sich der Aegidienfriedhof, auch ein evangelischer Friedhof, denn die jetzt katholische Aegidienkirche wurde nach 1945 der katholischen Bevölkerung zugewiesen, als Ersatz für die im Krieg zerstörte Nikolaikirche. Durch den Zuzug der Vertriebenen war der katholische Bevölkerungsanteil stark angewachsen. Der Friedhof von St. Nicolai, bis 1901 an der Hochstraße, wurde im Krieg völlig zerstört und ist in eine Gedenkstätte umgewandelt worden. Neue Flächen erhielt die katholische Kirche auf dem Hauptfriedhof an der Helmstedter Straße.

 

Die Reformierte Gemeinde hatte ihren Friedhof an der Juliusstraße 43. Ab 1744 wurden auch die Toten der lutherischen Gemeinde Hintern Brüdern (St. Ulrici) hier bestattet, St. Ulrici erwarb 1769 Friedhofsgelände an der Broitzemer Straße 244. Einen großen Friedhof hatte die Martinikirche in der Goslarschen Straße, jetzt in einen Park umgewandelt. Ein Stück weiter, wo heute die St. Josephskirche steht, befand sich der Friedhof von St. Thomae. Auch in der Goslarschen Straße lag seit 1757 ein Friedhof der Petrigemeinde, Der alte Petrifriedhof am Bruderstieg reichte nicht mehr aus. Der alte Martinifriedhof am Hohen Tor wurde um 1756 dem Heilig-Geist-Hospital übergeben. Das um 1230 auf dem Rennelberg errichtete Kreuzkloster diente bis zu seiner Zerstörung im Krieg als Lutherisches Frauenkonvent. Der Friedhof an der Freisestraße ist noch vorhanden. Die Michaeliskirche hatte von 1775 bis 1936 ihren Friedhof in der jetzigen Hugo-Luther-Straße 60a. Er ist heute überbaut, nur ein Grabstein ist noch stehengeblieben.

 

Eine besondere Geschichte haben die jüdischen Friedhöfe in Braunschweig. Juden lebten zwar seit dem 13. Jahrhundert in der Stadt, mußten aber ihre Toten zunächst in Hildesheim auf dem dortigen jüdischen Friedhof bestatten, später in Halberstadt und in Wolfenbüttel. Erst 1782 konnte die jüdische Gemeinde ein Grundstück für einen Friedhof an der Hamburger Straße erwerben. 1910 wurde der Friedhof geschlossen, weil alle 900 Stellen belegt waren. Nach jüdischem Religionsgesetz müssen Gräber unangetastet bleiben. So erwarb man ein Gelände östlich des Hauptfriedhofs in der Helmstedter Straße. 1914 wurde eine Trauerhalle als Zentralkuppelbau errichtet. Damit stellte der jüdische Friedhof eine Besonderheit dar, nirgends gab es sonst einen jüdischen Friedhof direkt neben einem christlichen. Wegen einer Verbreiterung der Hamburger Straße mußten 90 Grabstätten 1939 mit ihren Grabsteinen von dort nach dem neuen jüdischen Friedhof umgebettet werden. Das geschah noch im gegenseitigen Einverständnis. Während der Verfolgung der Juden von 1933 bis 1945 wurden die Friedhöfe und die Trauerhalle enteignet und verwüstet. Jetzt sind die Schäden endlich weitgehend beseitigt. Es ist zu hoffen, daß die gute Nachbarschaft zwischen den Religionen und Konfessionen, nämlich den Juden und den evangelischen sowie den katholischen Christen trotz aller bösen Geschehnisse wieder aufleben wird.

 

Zum Schluß möchte ich noch auf weitergehende Literatur hinweisen:

     

  1. Brandes, R.: Friedhöfe in Braunschweig, Braunschweig 1984, ms. Manuskript (hier finden sich Lageskizzen für die genannten Friedhöfe).
  2. Schulze, Peter: Mit Davidsschild und Menora (in der Schriftenreihe "Regionale Gewerkschaftsblätter"), hrsg. von der DGB-Region Südostniedersachsen, Mai 2003.
  3. Lammers, Uwe: Im Schatten von Hammer und Sichel, Beitrag auf GiBS.info (betr. Grabsteine für Zwangsarbeiter aus deutschen und russischen Lagern auf dem Hauptfriedhof).
  4. Bein, Reinhard: Zeitzeugen aus Stein, Bd. 2: Braunschweig und seine Juden, Braunschweig 1996.

Darüber hinaus gibt es hier zum Herunterladen eine tabellarische Übersicht der Braunschweiger Friedhöfe (als pdf-Datei).