Die Proklamation des deutschen Kaisers

Nach den erfolgreichen Verhandlungen zwischen Preußen und den süddeutschen Ländern im November 1870 erfolgte am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal von Versailles die Proklamation des preußischen Königs Wilhelm I. zum deutschen Kaiser.

Dies geschah durch die offizielle Annahme der deutschen Kaiserwürde des preußischen Königs als primus inter pares (Erster unter Gleichen). Bismarck, preußische Ministerpräsident und neuer Reichskanzler, verlas die Proklamation an das deutsche Volk vor den anwesenden Vertretern der deutschen Fürsten und Länder sowie einer vielmzahl von Ministern und Generälen. Das deutsche Kaiserreich war somit nicht getragen oder entstanden durch eine nationale oder demokratische Bewegung, sondern, auch dem Selbstverständnis Kaiser Wilhelm I. entsprechend, durch Absprachen mit den deutschen Monarchen.

 

 

Kaiserproklamation im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles am 18. Januar 1871.

Bismarck wurde hierbei um ihn hervorzuheben vom Künstler in weißer Uniform dargestellt.

 

Von Bismarck verlesene Proklamation an das deutsche Volk über die Annahme der deutschen Kaiserwürde durch den König von Preußen.

 

Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden König von Preußen, nachdem die deutschen Fürsten und freien Städte den einmütigen Ruf an Uns gerichtet haben, mit Herstellung des Deutschen Reichs die seit mehr denn sechzig Jahren ruhende deutsche Kaiserwürde zu erneuern und zu übernehmen, und nachdem in der Verfassung des Deutschen Bundes die entsprechenden Bestimmungen vorgesehen sind, bekunden hiermit, dass Wir es als eine Pflicht gegen das gemeinsame Vaterland betrachtet haben, diesem Ruf der verbündeten deutschen Fürsten und Städte Folge zu leisten und die deutsche Kaiserwürde anzunehmen.

Demgemäß werden Wir und Unsere Nachfolger an der Krone Preußens fortan den kaiserlichen Titel in allen Unseren Beziehungen und Angelegenheiten des Deutschen Reiches führen, und hoffen zu Gott, dass es der deutschen Nation gegeben sein werde, unter dem Wahrzeichen ihrer alten Herrlichkeit das Vaterland einer segensreichen Zukunft entgegenzuführen. Wir übernehmen die kaiserliche Würde in dem Bewusstsein der Pflicht, in deutscher Treue die Rechte des Reiches und seiner Glieder zu schützen, den Frieden zu wahren, die Unabhängigkeit Deutschlands, gestützt auf die ge-einte Kraft seines Volkes, zu verteidigen. Wir nehmen sie an in der Hoffnung, daß dem deutschen Volke vergönnt sein wird, den Lohn seiner heißen und opfermutigen Kämpfe in dauerndem Frieden und innerhalb der Grenzen zu genießen, welche dem Vaterlande die seit Jahrhunderten entbehrte Sicherung gegen erneute Angriffe Frankreichs gewähren.

Uns aber und Unseren Nachfolgern an der Kaiserkrone wolle Gott verleihen, allezeit Mehrer des Deutschen Reiches zu sein, nicht an siegreichen Eroberungen, sondern an den Gütern und Gaben des Friedens auf dem Gebiete nationaler Wohlfahrt, Freiheit und Gesittung.

Gegeben Hauptquartier Versailles, den 17. Januar.

 

Wilhelm

 

 

Quellenangabe:

Die Begründung des deutschen Reichs in Briefen und Berichten der führenden Männer, hrsg. von Horst Kohl, Leipzig 1912, S. 92f