Geschichtsunterricht im Dritten Reich

Ein „Zeitzeuge“ erinnert sich an seine Schulzeit

 

von Hasso Lancelle

 

Nicht über die üblichen Kriegserlebnisse will ich hier berichten, sondern über ( natürlich höchst subjektive ) Eindrücke aus dem Schulalltag während dieser Epoche, denn weder meine Kinder noch meine jüngeren Geschwister können sich keine Vorstellung von den seltsamen Zuständen im Unterricht machen, die ein Franzose als „bizarr“ bezeichnen würde.

 

1941 wurde ich an der Oberschule für Jungen in Wuppertal aufgenommen, als schon die jüngeren Lehrkräfte sich zur Front gemeldet hatten oder einberufen wurden. Ich bin 1931 als Ältestes von vier Kindern geboren und wuchs in Berlin in einer seit Generationen preußisch - monarchistisch geprägten Umgebung auf. Daß es Widersprüche zum NS-Wesen gab, ließen unsere Eltern uns Kindern gegenüber nicht anmerken, um uns Konflikte zu ersparen. Meine Spielkameraden konnten mich am besten damit ärgern, wenn Sie im Schutz des aus dem Sandkasten ausgehobenen Schützengrabens riefen: „Franzose mit den roten Hosen!“ Sonst war die Welt noch in Ordnung. Das Gefühl, in einem Unrechtsstaat zu leben, hatten wir nicht. Ich erinnere mich, wie mich mein Vater 1936 zur Eröffnung der Olympiade mitnahm, wo ich aus nächster Nähe Hitler und Mussolini sah und die Begeisterung, mit der die Menge im Stadion ihnen zujubelte. Allerdings waren auch die Folgen der „Reichskristallnacht“ nicht zu übersehen. Eine politische Bildung begann erst mit der Oberschule und dem gleichzeitigen Eintritt in die Hitlerjugend.

 

Während im Krieg Halbwüchsige uns kleine Pimpfe zweimal wöchentlich exerzieren ließen, wurde es in der Schule schon ernster mit einer politischen Infiltration. Als erstes Ergebnis der Ohnmacht der Lehrkräfte wurde ein jüdischer Mitschüler so lange täglich verbal und körperlich angegriffen, daß er als Störfaktor die Schule „freiwillig“ verließ.. Ohne über die Ursache nachzudenken, fand ich es schlicht unfair, wenn eine ganze Klasse auf den armen Kerl losging.

 

Ich kann mich nur undeutlich an meine Klassenkameraden und auch fast gar nicht an die Mehrzahl der Lehrer erinnern. Am ersten Schultag wurde uns die Frage gestellt, warum wir trotz des siegreichen Krieges überhaupt noch Englisch lernen sollten. Antwort: Wir erobern die ganze Welt und müssen uns ja auf englisch mit der Welt verständlich machen. Zwei Geschichtslehrer sind mir noch lebhaft vor Augen geblieben. Der erste war ein strammer SS-Mann, an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnern kann, doch bezeichnenderweise an seine schwarze Feiertagsuniform. Und an manche Details, wie er er uns unsere Zukunft ausmalte. Nach dem Endsieg seien wir Jungen auserkoren, die neuen Herrengüter im Osten gegen Partisanen zu verteidigen. Er stellte uns das bildlich vor, wie wir dann von Wachttürmen aus unser Leben gegen die Untermenschen einsetzen würden. Es sei für die allgemeine Volksgesundheit überhaupt viel besser, wenn nur ein Durchschnittsalter von 25 Jahren erreicht würde - es gäbe keine Alten und Kranken mehr - wie es sich schon früher bei den Germanen bewährt hatte. Dazu kam der Germanenwahn mit der Hervorhebung einer falsch interpretierten Rassentheorie. Erinnerlich ist mir auch die totale Verdrehung der Erfindung der Buchstaben. Da paßte es besser in die Ideologie, daß die griechisch lateinischen Buchstaben auf die germanischen Runen zurückzuführen seien.

 

Auch „merkwürdig“ war sein Verhältnis zur Religion. „Ora et labora“ war der Wahlspruch der Benediktiner, „Bete und arbeite“. Doch bei richtiger Anwendung des Alphabets müßte es in richtiger Reihenfolge heißen „Arbeite und bete!“., und dann werde man sehen, daß man sich die Gebete überhaupt sparen könne. Das führte in dem pietistischen Wuppertal nun doch zu Protesten aus der Elternschaft.

 

Der andere Geschichtslehrer, Herr Dr. Levin, ein früherer Oberstudiendirektor,war wegen „staatszersetzender“ Äußerungen degradiert und an unsere Schule strafversetzt worden. Er äußerte sich einmal vor der Klasse, daß er sich einem englischen Aristokraten doch mehr verbunden fühle, als mit einem deutschen Proleten. Bei ihm lernte man noch geschichtliche Zusammenhänge zu suchen und Folgerungen zu ziehen. Ihm war das übliche Einpauken von Geschichtsdaten verhaßt und er wendete es nur als Strafarbeit an. Auch das nicht ohne pädagogische Hintergedanken. Beim Abspulen der Zahlen hieß es plötzlich: „Halt! 1803 Reichsdeputationshauptschluß, was ist das?“ Ich war gemeint, hatte keine Ahnung, doch seitdem weiß ich es. Wir hatten bei ihm die Zeit der Französischen Revolution und Napoleon I. zu absolvieren. Er ließ uns die Feldzüge Napoleons nach Ägypten und nach Rußland mit den entsprechenden Hitlers vergleichen. Das Ergebnis war vielsagend. Anders als im Schulplan vorgesehen, erläuterte er uns, was Napoleon für die Einheit Deutschlands getan hatte, nämlich außer der Schaffung eines Feindbildes als Motivation für die Freiheitskriege z.B. durch die Einführung des Code Napoleon, den Ausbau der Heerstraßen und die Auflösung von vielen Kleinstaaten. Aus dem Geschichtsschulbuch lernte ich, daß die Bolschewiken, die Sozialdemokraten, die Kommunisten und die Logen aus niedrigen Beweggründen gegen eine deutsche Nation agitierten. Trotz vorgeblicher Differenzen gäbe es die schwarz-rot-goldene Dreieinigkeit,(Rom, Moskau, Wallstreet), die den globalen Krieg gegen Deutschland führe.

 

Richtig bewußt wurde mir der Mut von Dr.Levin erst lange nach der Niederlage mit der Umerziehung und Moralischen Aufrüstung. Jedenfalls haben die gegensätzlichen Unterrichts-Ziele doch einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen, der nach einem halben Jahrhundert immer noch präsent ist. Andere Erinnerungen sind nur sehr bruchstückhaft, doch ist mir die Schizophrenie der Vermittlung des Unterrichtsstoffs im Geschichtsfach erst viel später aufgegangen. Diese Zwiespältigkeit war schon fast normal. So kam ich selbst auch in eine Hitlerjugendeinheit, die sonntags als der Knabenchor „Elberfelder Kurrende“ in Gottesdiensten auftrat, und dann als Singefähnlein z.B. bei germanischen Hochzeiten und anderen feierlichen Parteianlässen den musikalischen Rahmen lieferte. Der Kompromiß war von der Reichsmusikkammer abgesegnet, nachdem der Chorleiter, Kirchenmusikdirektor vom Baur in die Partei eingetreten war. Alle Beteiligten waren es zufrieden.

 

Aus meinen persönlichen Erfahrungen muß ich sagen, daß ich mich noch nachträglich wundern muß, daß es in unserm Umfeld kein perfektes Überwachungssystem gab, so wie später in der DDR. Das lag einerseits an der Kriegszeit, es gab andere Sorgen, und an einer ziemlichen Ahnungslosigkeit über die Geschehnisse, die sich auf einer anderen Ebene unter strenger Geheimhaltung abspielten. Wer etwas mitbekam, wollte nicht hinsehen. Im Hintergrund spielten sich große Konkurrenzkämpfe nach dem Prinzip „Divide et impera!“ab:SA gegen SS, Wehrmacht gegen Waffen-SS (Nach den 14. Juli wurde der Hitlergruß auch bei der Wehrmacht Pflicht, der den bisherigen militärischen Gruß ersetzte!), des Weiteren Gestapo gegen den Militärischen Abschirmdienst, Partei und Kommunalverwaltung. Nach dem Endsieg wäre das große Aufräumen losgegangen. Das hat auch Erich Kästner treffend ausgedrückt mit seinem Gedicht: “Wenn wir den Krieg gewonnen hätten,   “.In der Bevölkerung kursierte dies schon während des Krieges: „Was ist schlimmer, wir verlieren des Krieg und die Nazis verschwinden, oder wir gewinnen den Krieg und die Nazis bleiben?“ Antwort: Wie verlieren den Krieg und die Nazis bleiben !“