Sophie Scholl - Die letzten Tage

von Fabio Reinhardt

 

Der Film "Sophie Scholl - Die letzten Tage" aus dem Jahre 2005 greift die Geschichte der Müncher Studenten auf, die unter dem Namen "Weiße Rose" durch Flugblätter zum Widerstand gegen das Dritte Reich aufriefen. Regisseur Marc Rothemunds Film gelingt es dabei, den Zuschauer durch eine dichte Atmosphäre und überzeugende Darsteller zu fesseln.

 

Die Geschwister Sophie und Hans Scholl gehören der Untergrundbewegung Weiße Rose an. Ihr Ziel ist die Destabilisierung des Dritten Reichs, das aufgrund der Unmenschlichkeit seines Systems keine Daseinsberechtigung hat, und ein schnelles Ausscheiden aus dem Weltkrieg. Dazu verteilen sie Flugblätter und verschicken Briefe, die zur Sabotage und zum passiven Widerstand gegen das Reich aufrufen. Bei einem historischen Treffen am 18.2.1943 stellen die Verschwörer fest, dass noch Flugblätter von der letzten Aktion übrig sind. Hans beschließt, diese in der Universität zu verteilen, und Sophie begleitet ihn. Doch der Hausmeister erwischt die beiden und meldet sie der GeStaPo.

Im Gegensatz zu Michael Verhoevens Vorlage "Die weiße Rose" aus dem Jahre 1982, der quasi mit der Verhaftung endet, kommt die Szene bei der modernen Version gleich am Anfang. Der Schwerpunkt liegt also auf Sophies Aufenthalt im Münchner Untersuchungsgefängnis. Und dabei stehen ihre langen Gespräche mit dem Verhörer Robert Mohr, der von Gerald Alexander Held dargestellt wird, im Zentrum. Nach dem anfänglichen Leugnen der Tat gesteht sie unter dem Einfluss der erdrückenden Beweislast und nimmt dabei die gesamte Schuld auf sich und ihren Bruder, um die anderen Mitglieder zu schützen. Der Verhörer ist entsetzt als sie ihm in aller Ausführlichkeit erzählt, dass das nationalsozialistische Unrechtssystem das Denken einschränke und zerstört werden müssse. Er hält ihr vor, die Volksgemeinschaft verraten zu haben. Die Partei habe die Arbeitslosigkeit bekämpft und die Inflation besiegt. Es gebe deswegen keine Alternative zu ihr.

Julia Jentsch überzeugt in diesen Szenen als eine Sophie Scholl, die eine Balance darstellen muss zwischen der jungen und allseits beliebten Studentin und der plötzlich zum Staatsfeind erklärten Aufrührerin, die für ihre Werte auch gegen die Allgemeinheit einstehen muss.

Die "Volksgemeinschaft", die in den Köpfen der Zeitgenossen einen wichtigen Unterschied zwischen der zerstrittenen und schwachen Weimarer Republik und dem in sich geschlossenen, opferbereiten und dadurch starken Dritten Reich markiert, spielt in diesen Szenen eine zentrale Rolle. Auch wenn man manchmal das Gefühl hat, dass etwas nicht richtig sei, dürfe man ihr nicht zuwider handeln, da man trotz aller Zweifel immer noch ein Teil von ihr sei.

Als Sohpie am dritten Tag ihrer Verhörung von Herrn Mohr das Angebot bekommt, die gesamte Schuld auf ihren Bruder zu schieben und nicht gewusst zu haben, worum es in den Zetteln wirklich ging, lehnt sie dieses ab. Sie insistiert, vor ihrem Gewissen rechtmäßig gehandelt zu haben und keine Schuld auf sich geladen zu haben. Ihr Vater habe den Kindern schließlich beigebracht, stets aufrecht durchs Leben zu gehen.

Dass in Rothemunds Film die Person der Sophie Scholl so sehr im Mittelpunkt steht, (Hans Scholl ist nur in sehr wenigen Szenen zu sehen und seine Perspektive bleibt dabei völlig auf der Strecke) erscheint zuerst etwas fragwürdig, da ihr Bruder doch ebenso standhaft und auch der eigentliche Gründer der Organistion war. Wenn man sich allerdings vorstellt, was für einen großen Eindruck die Gestalt einer mit 22 Jahren noch sehr jungen Frau machen musste; einer Frau, die ja im Dritten Reich außerhalb gewisser Grenzen auch als unpolitisch zu gelten hatte, dann wird schnell klar, warum gerade ihr Anteil an der Geschichte so erzählträchtig ist.

 

Warum wird die Perspektive jetzt aber gerade auf die wenigen letzten Tage der Sophie Scholl gelenkt? Hat ihr sonstiges Leben und ihre Tätigkeit im Untergrund sonst nichts Spannendes zu bieten? Verhoeven war damals ja offensichtlich anderer Ansicht.

Soll vielleicht die Schnelligkeit und Willkür des Regimes, das schon am 22., vier Tage nach ihrer Verhaftung, Sophie, Hans und Christoph Probst, einem Mitverschwörer, den Prozess macht, besonders krass herausgestellt werden? Bereits am Abend werden sie nach dem kurzen Besuch ihrer Eltern und einer obligatorischen, letzten gemeinsamen Zigarette hingerichtet. Und noch in ihrer Zelle hatte die Mitgefangene ihr gesagt, dass man ein halbes Jahr Galgenfrist bei einem Todesurteil habe. (Waren 1943 wirklich noch Menschen so naiv, dies zu glauben?)

Vielleicht wollte man auch die Chance nutzen, die Verhörunterlagen, die ja erst seit dem Mauerfall zur Verarbeitung zur Verfügung stehen, einmal möglichst erschöpfend zu verarbeiten.

Oder will man einfach á la Untergang auf den fahrenden "Letzte Tage" - Zug aufspringen? In der Tat drängt sich der Vergleich mit der erst kurz vorher erschienenen und auch innerhalb weniger Tage und ungewöhnlich spät im Dritten Reich spielenden Eichinger-Produktion geradezu auf. Doch wieso ist dies nun so? Wieso steigt man heutzutage, sobald wieder einmal der Nationalsozialismus im Rampenlicht steht, immer erst in den Film ein, wenn er schon fast vorbei ist? Hat damit nun einfach mal irgendwer angefangen, und alle folgen blind oder ist das heutige Publikum einfach nicht mehr in der Lage, sich auf eine Handlung zu konzentrieren, die auch nur stellenweise außerhalb der theatrischen Klimax, des historischen Höhepunkts einer schon über alle Maßen thematisierten Epoche spielt? Vermutlich liegt es wirklich daran, dass die Leute die Überhistorisierung von Handlungen einfach satt haben und auch einfach mal die Story hinter der Geschichte sehen wollen. Wenn dies so ist und die historischen Geschehnisse nur mehr noch der Vorlage für spannnde Räuberpistolen dienen, müsste dies nicht logischerweise das Ende der (Über)thematisieung der dunklen Epoche deutscher Geschichte symbolisieren? Liegt es nicht nahe, eine Parallele zwischen der Endzeit des dritten Reichs und dessen Hauptrolle in der deutschen Medienlandschaft zu sehen?

 

Zu welchem Ergebnis man auch immer in dieser Frage kommen mag; Rothemunds Film beeindruckt jedenfalls mit der Fähigkeit eine wichtigen Teil deutscher Geschichte so darzustellen, dass die jungen Hauptcharaktere, denen die älteren schon fast beschämt gegenübergestellt werden, zwar über die Maßen heroisiert, aber dennoch sehr realistisch und menschlich dargestellt werden. Julia Jentsch als sehr übermüdete Sophie vor ihrem Prozess. Alexander Held, der als verzweifelter Robert Mohr Sophie noch retten will und sie dann auch noch vor der Hinrichtung besucht. Obwohl man an der Autenzität dieser Beziehung zweifeln mag, steht sie doch sinnvollerweise exemplarisch für alle die Deutschen, denen nach Stalingrad spät, aber doch wenigstens dann noch Zweifel an der Richtigkeit ihres Tuns kamen.

Sehenswert ist dieser Film, der so gut wie ohne Action auskommt, dafür jedoch einiges an Spannung zu bieten hat, auf jeden Fall - und gewiss nicht nur für Historiker.