"Hans Krebs - Hitlers treuester General"

Ein Kommentar zu BZ-Spezial "Hans Krebs - Hitlers treuester General".

 

„Zumindest für die jungen Leser darf es 60 Jahre nach dem Ende des Kriegs keine Tabus mehr geben – wenn sie verstehen sollen, wie die Schreckensherrschaft möglich war. Deshalb müssen wir die Menschen, die das Dritte Reich prägten, akribisch und vorurteilsfrei erkunden – wie zum Beispiel Hitlers treuesten General, der ein Kind unserer Region war.“ So rechtfertigt Chefredakteur Paul-Josef Raue im Editorial des Sonderheftes der Braunschweiger Zeitung zu Hans Krebs die ausführliche Darstellung von dessen Lebensgeschichte, die – kaum überraschend – in der Leserschaft auf ein geteiltes Echo gestoßen ist.

 

Darf man einem zweitrangigen Nazi-General 60 Jahre nach Kriegsende so viel Aufmerksamkeit widmen? Sicher – sofern man gewisse Standards einhält und gerade daran mangelt es dieser im Wesentlichen von Katrin Teschner verantworteten Artikelserie an allen Ecken und Enden. Dabei liest sich die Eigenwerbung recht imposant: „in einer aufwändigen, ein halbes Jahr dauernden Recherche“ habe man den „Heim-Vorteil“ genutzt, in Archiven gewühlt und die letzten Zeitzeugen befragt. So konnte man u.a. die Version seines Freitodes (Zyankali statt Kopfschuß) korrigieren. Also tatsächlich ein „akribisch und vorurteilsfrei“ (wohl nicht zufällig soll hier das taciteische sine ira et studio anklingen) rekonstruierter Lebensweg? Eher eine naiv-dilettantische Montage von Versatzstücken, die stellenweise ins Hagiographische abgleitet, wie im folgenden an einigen Punkten leicht nachgewiesen werden kann.

 

 

„Wir sammelten die Fakten – so erschütternd und unverständlich sie auch sein mögen und schrieben sie auf, ohne moralischen Zeigefinger. Wir halten unsere Leser für klug genug, selbst ihre Schlüsse zu ziehen.“ So rechtfertigt Raue die Vorgehensweise seiner Mitarbeiterin.

Hierzu ist zunächst festzuhalten, dass sich die Fakten zumeist wenig erschütternd und unverständlich ausnehmen. Gerade der erste Teil über die Jugendjahre besteht im Wesentlichen aus einer Sammlung von Anekdoten und Begebenheiten, die keinen sonderlichen Erkenntniswert besitzen. Wenn etwa festgehalten wird, dass schon der zwölfjährige Hans Krebs in einem Fragebogen „Heldenmut, Treue und Beharrlichkeit“ als bewundernswerte Eigenschaften angibt, so dürfte dies eher dem Geist des wilhelminischen Zeitalters denn einer besonderen Charakterprägung geschuldet sein. Und wenn dem Leser die morgendliche Fahrt mit dem Fahrrad von Steglitz ins Büro nach Berlin als Beleg für die Neigung von Krebs, seine Grenzen auszuloten, präsentiert wird, so hat dies eher einen humoristischen denn belehrenden Effekt.

Auch erschließt sich nur unzureichend, inwiefern Krebs ein widersprüchlicher Charakter gewesen sein soll, nur weil er einerseits „pflichtversessen, ergeben und gehorsam bis zum Schluss“, andererseits ein „Vertreter des Bildungsbürgertums“ und ein fürsorglicher Vater war. Hierin zeigt er sich gerade als ein Vertreter jenes Offizierstyps, wie er für die Wehrmacht durchaus repräsentativ gewesen sein mag.

Wo sich hingegen echte Widersprüche in seinem Handeln auftun, darauf weist Frau Teschner nicht hin, sondern überlässt es – wohl nach obiger Maxime – dem Leser, sich sein eigenes Urteil zu bilden: zum einen hebt sie seine realistische Einschätzung der militärisch hoffnungslosen Lage mehrfach hervor, lässt aber zum anderen seine starre Haltung gegenüber dem Befehlshaber der HGR Weichsel, Heinrici, der zwecks Vermeidung sinnloser Opfer seine Truppen zurücknehmen möchte, völlig unkommentiert. Krebs schien sich hier hinter Hitler zu verstecken, während Heinrici schließlich eigenmächtig handelte, bevor er durch den Hitler weitaus ergebeneren Student ersetzt wurde. Ist dies wirklich eine angemessene Art der Darstellung historischer Ereignisse, die auf ein breiteres Publikum ohne tiefere Detailkenntnisse abzielt?

 

Doch zunächst einmal weiter: Zu recht wird den Beziehungen von Krebs zu Russland – insbesondere seine Tätigkeit an der Botschaft in Moskau - breiteren Raum gewährt, da sie in der späteren Entwicklung von Bedeutung sein werden.

Erstaunen bereitet allerdings die Art, wie nonchalant seine Tätigkeit als Generalstabschef der HGR Mitte bzw. der HGR B am Rande erwähnt oder vollständig übergangen wird. Dabei wäre doch gerade sein Einsatz an der Ostfront in den wichtigen Jahren 1943/44 von einigem Interesse gewesen. Gab es hier etwa keine Fakten aufzustöbern?

Der zweite Teil der Darstellung konzentriert sich ganz auf das dramatische Finale, den Kampf um Berlin, den Krebs in seiner Eigenschaft als Generalstabschef des Heeres miterlebte. Durch das Buch von Joachim Fest, die Erinnerungen von Hitlers Sekretärin und nicht zuletzt durch den Eichinger-Film „Der Untergang“ sind diese letzten Tage auf großes Interesse gestoßen. Der Jahrestag der Kapitulation verleiht dem Ganzen zusätzliche Aktualität. (Entsprechend drängt sich der Verdacht auf, dass man hier den regionalen Bezug ausnutzen wollte, um auf den medialen Zug aufzuspringen.)

Die Darstellung deckt sich hier denn auch weitgehend mit den bekannten Darstellungen, nur dass versucht wird, die – bis auf die Kapitulationsverhandlungen nicht allzu wichtige – Rolle von Krebs zu würdigen. So weit so gut. Leider verlässt sich Frau Teschner aber in einem solchen Maße auf ihre Vorlagen, dass man korrekterweise schon von „Abschreiben“ reden muß. Beispiele? Die Ereignisse des 29./30 April 1945 lesen sich wie die Beschreibung der entsprechenden Film-Szenen (passenderweise ist dieser Artikel auch mit einem Photo aus dem Film illustriert) bzw. den Stellen aus dem Buch von Fest. Prüft man stichprobenweise nach, so erkennt man erstaunt: ganze Passagen sind ohne jegliche Kennzeichnung wörtlich aus Fest übernommen (z.B. 17./19. April – Fest, S. 23f.; 30. April nachmittags – Fest, S. 133). Auch wenn Journalisten keinen wissenschaftlichen Zitierregeln unterliegen, halte ich hier den Begriff „Plagiat“ für angebracht.

 

So viel also zu den „aufwändigen Recherchen“… Nun gut, immerhin wurde mit Bernd Freytag von Loringhoven, in den letzten Wochen von Hans Krebs dessen Adjutant im Generalstab einer der letzten Zeitzeugen – eine in den aktuellen Diskursen vielzitierte, da aussterbende Spezies – ausführlich interviewt. Zu den allgemeinen Ereignissen trägt das Interview jedoch nichts bei, was nicht schon aus den einschlägigen Darstellungen bekannt wäre, zumal Loringhoven sich auch schon mehrfach bei Herrn Knopp im ZDF erinnern durfte und auch als Berater für den Eichinger-Film fungierte. Kann er dann zumindest Erhellendes über Hans Krebs, der von Historikern rechts liegen gelassen wird (so das Lamento von Chefredakteur Raue), beitragen?

Wir erfahren immerhin, dass von Loringhoven Krebs eine opportunistische – man könnte vielleicht auch sagen: servile – Haltung gegenüber Hitler attestiert, da er ihm trotz seines Wissens um die drohende Katastrophe widerspruchslos diente. Auch das Verbleiben von Krebs im Führerbunker, für die Braunschweiger Zeitung offenbar das Signum seiner Treue?!, erscheint in einem anderen Licht, wenn man liest, dass dies auf direkte Weisung Hitlers, also keineswegs freiwillig, geschah und Krebs „außerordentlich betroffen“ darüber gewesen sei. Gleichfalls erhellend die Mutmaßung von Loringhovens über die Hintergründe dieser Entscheidung: „Er sollte im Führerbunker an seiner Seite bleiben – vermutlich, weil er als unverbraucht und ideenreich galt und weil er widerspruchslos alle Befehle ausführte, so unsinnig sie am Ende gewesen waren.“

Vermutlich trifft eher letzteres den Kern, zumal dies durchaus typisch für Hitlers zunehmend erratischere „Personalpolitik“ war, wie beispielsweise auch die wechselnde Ablösung und Wiederverwendung von Offizieren wie von Rundstedt oder Guderian zeigt.

Besonders gut gefallen hat mir als Althistoriker jedoch die Frage Frau Teschners nach dem Aussehen von Hans Krebs, denn die Antwort seines ehemaligen Adjutanten („Er war nicht sehr groß. Er war kräftig, nicht dick. Dann hatte er kaum Haare auf dem Kopf ...“) erinnert mich sehr an den antiken Biographen Sueton, der seine Schilderungen römischer Kaiser auch mit derlei erhellenden Einlassungen garnierte (so aus der Vita des Tiberius: „Sein Körper war ansehnlich und kräftig, von der Statur her lag er etwas über Normalgröße; Schultern und Brust waren breit, auch die übrigen Gliedmaßen bis zu den Füßen standen im rechten Verhältnis zueinander….“). Allerdings war ich bisher der Meinung, dass wir in den letzten zwei Jahrtausenden einige Fortschritte in der Geschichtsschreibung gemacht hätten.

 

Ich komme zu meinem letzten Punkt, der die Frage nach der angemessenen Darstellung betrifft. Natürlich hat eine Zeitung als Wirtschaftsunternehmen ein berechtigtes Interesse an der Publikumswirksamkeit ihrer Erzeugnisse. Betrachtet man jedoch das Titelbild des Sonderheftes, so scheinen mir die Grenzen der Seriosität überschritten: Da ist zunächst der Aufmacher „Hitlers treuester General“. Abgesehen davon, dass das Ausharren im Führerbunker (so man dies als Treue verstehen möchte) wie oben gesagt zumindest nicht ganz freiwillig gewesen sein dürfte, ist dieser Ausdruck angesichts der Umstände und der evozierten Konnotationen gänzlich daneben. Wieso haben Sie in Anlehnung an das Motto der SS nicht gleich getitelt: „Unser Mann in Berlin: seine Ehre hieß Treue“?! Noch übler wird es mit dem Dreiklang „geboren… – gedient… – gestorben…“, da man sofort an das bekannte biblische Pendant „empfangen – geboren – gelitten bzw. gekreuzigt – gestorben und begraben“ (ich erspare uns die Fortsetzung mit der Auferstehung) denken muss.

Schließlich das Titelbild. Nein, ich störe mich nicht am Hitlergruß, wie Sie vielleicht vorschnell vermuten, sondern an der suggestiven Auswahl des Bildausschnittes. Das Motiv auf dem Titel mit dem herausgehobenen Krebs scheint dessen bedingungslose Treue zu dem nicht gezeigten Führer hervorragend zu bestätigen. Betrachtet man jedoch das von Ihnen ebenfalls abgedruckte vollständige Original, so verändert sich die Wahrnehmung um entscheidende Nuancen: Das Photo zeigt Hitler bei der Begrüßung von fünf ranghohen Offizieren der HGR Mitte (die Generäle Reinhardt, Model, Heinrici und Weiss als Befehlshaber der 3. Pz.Armee, der. 9., 4. und 2. Armee sowie Krebs als Chef des Generalstabs der HGR Mitte). Krebs ist der letzte in dieser Reihe und wartet daher mit zum Gruß erhobenen Arm, bis Hitler ihn begrüßt. Somit ist diese Geste hier eben nicht als Ausdruck besonderer Ergebenheit und Treue zu verstehen, sondern als „normale“ und auch in dieser Form erwartete Begrüßung anstelle des eigentlich militärischen Salutierens. Gerade von Journalisten hätte ich etwas mehr Sensibilität und Verantwortungsbewusstsein im Umgang mit historischem Bildmaterial erwartet.

A propos historisches Material: natürlich gibt die Unterschrift von Krebs auf Hitlers Testament ein hübsches Bild ab; aber was hat denn bitte der gesamte Wortlaut – noch dazu ohne jedwede Erläuterung – jenes „Vermächtnisses“ in diesem Zusammenhang zu suchen?! Tragen Hitlers letzte Ergüsse irgendetwas zum Verständnis der Person von Hans Krebs bei? Und wenn ja, was?

 

Die Arbeit des Historikers erschöpft sich eben nicht in der Rekonstruktion der bloßen Fakten – sie beginnt dort erst. Was entnehmen wir also dem zusammengetragenen Material? Hans Krebs erscheint als ein typischer Vertreter der hohen Offizierschargen seiner Generation: bürgerlichen Verhältnissen entstammend und in der Endphase des wilhelminischen Deutschland aufgewachsen, erlebte er den Ersten Weltkrieg als junger Offizier. Das Erlebnis der deutschen Niederlage mit all ihren Folgen dürfte für ihn wie für viele andere prägend gewesen sein. Seine nachfolgende Karriere als Berufssoldat erfolgte im Wesentlichen schon unter der nationalsozialistischen Diktatur, was zum Teil seine bis zuletzt regimetreue Haltung miterklären mag. Seine letzte Berufung zum Generalstabschef des Heeres verdankte er neben seiner Stabserfahrung wohl auch dem Wunsch Hitlers, einen gefügigen Helfer an seiner Seite zu haben – er sollte seinen Führer nicht enttäuschen. Wo couragiertere Generäle wie etwa Heinrici sich um eine Begrenzung weiterer sinnloser Opfer bemühten, hielt Krebs zusammen mit Jodl und Keitel starr am Führerwillen fest. Diese „dressierte Willfährigkeit“ (J. Fest) reichte sogar über Hitlers Tod hinaus, welchen Sie zwar den Russen mitteilten, den eigenen Leuten jedoch verschwiegen, womit sie um den Preis weiterer Verluste den Widerstand hinauszögerten. Falls man Krebs irgendeine historische Bedeutung zuerkennen mag, so wohl die, ein typischer Repräsentant jener militärischer Komparsen gewesen zu sein, welche das Regime bis zu seinem letzten Atemzug am Leben zu halten versuchten. Vielleicht wurde er also doch nicht ganz zu Unrecht von der Historikerzunft „rechts liegen gelassen“, wie Herr Raue beklagt?!

 

Es ehrt die Braunschweiger Zeitung natürlich, dass sie ihren Lesern so viel eigenständiges historisches Urteilsvermögen zutraut. Jedoch: historisches Urteil setzt Kenntnis der Fakten und der Zusammenhänge voraus. Und genau an diesem Punkt läßt sie ihre verehrte Leserschaft weitgehend im Stich, ja leitet sie teilweise in eine falsche Richtung.

Fazit: Nichts ist so schlecht, dass es nicht noch als schlechtes Beispiel taugen könnte – eine Kollegin von mir hat bereits angekündigt, das Heft für ihre Studenten als Beispiel dafür zu verwenden, wie man mit Geschichte nicht umgehen sollte…