Die Hünenburg bei Watenstedt

Am Westhang des Heeseberges erheben sich Wälle – uralte Wälle. Wer hat sie wann wozu errichtet? Die schriftliche Überlieferung schweigt. Die Wälle sind älter als das schriftlich fixierte Gedächtnis. Sie waren „schon immer dort“, schon immer unzweifelhafte, aber ebenso undefinierbare, verlassene Überreste menschlicher Aktivität in grauer Vorzeit. Genannt wird der Platz "die Hünenburg". Eine Hünenburg. Viele Plätze, die mutmaßlich vorgeschichtliche Befestigungen darstellen, tragen diesen Namen. Die Hünenburg bei Hedemünden (Landkreis Göttingen) entpuppte sich jüngst als Römerlager, wahrscheinlich aus der Zeit der Drususfeldzüge. Eine andere "Hünenburg" im Norden unserer Stadt, zwischen Bevenrode und Grassel gelegen, war dagegen wohl einst eine mittelalterliche Burgmotte.

 

Was aber stellt die Hünenburg bei Watenstedt dar?

 

In den Jahren 1998 bis 2001 fanden hier systematische Ausgrabungen statt.

Bisher ergibt sich folgendes Bild:

Der Platz war seit der Jungsteinzeit immer wieder besiedelt und besonders in zwei längeren Phasen stark befestigt, nämlich einerseits von der jüngeren Bronzezeit bis in die beginnende Eisenzeit, andererseits von der Völkerwanderungszeit bis ins frühe Mittelalter.

Es handelt sich für die späte Bronzezeit um eine befestigte Höhensiedlung am nord-westlichen Rande der sogenannten Lausitzer Kultur im Bereich der Saalemündungsgruppe. Aufgrund der archäologischen Funde und der Verkehrsgeographischen Lage muss angenommen werden, dass die Siedlung ein regionales Herrschafts- und Wirtschaftszentrum (''Handelssiedlung'') darstellte. Seine größte Blüte erlebte der Platz etwa um tausend vor Chr..

Nachdem der Platz annähernd 1000 Jahre lang keine größere Bedeutung gehabt hatte, wurde er am Übergang zum Frühmittelalter erneut befestigt und ist als sächsischer Adelssitz anzusehen. Der archäologische Befund legt eine Nutzung während der Kämpfe zwischen Franken und Sachsen im 8. Jahrhundert n. Chr. nahe. Es spricht vieles dafür, dass die Befestigung mit der in den fränkischen Reichsanalen genannten ''Hohseoburg'' des sächsischen Fürsten und Heerführers Theoderich identisch ist. Aber auch wenn hierfür ein unumstößlicher Beweis kaum gefunden werden kann, so hat die Hünenburg sicher eine wichtige Rolle in den Sachsenkriegen gespielt. Die Mauern der frühmittelalterlichen Befestigung an diesem Platz wurden dem archäologischen Befund nach bewußt zerstört. Nebenbei: So besonders viele mit Mauern befestigte Burgen sind für diese Zeit nicht nachgewiesen, um nicht zu sagen: die Hünenburg auf dem Heeseberg ist in weitem Umkreis, auch über das Braunschweiger Land hinaus, bisher die einzige...

 

Im vergangenen Jahr sollten die Forschungen wieder aufgenommen werden, jedoch wurden zugesagte Finanzmittel kurzfristig zurückgezogen. (Wem kommt das in diesen Zeiten nicht bekannt vor...) Daraufhin entschlossen sich die Archäologen Wolf-Dieter Steinmetz (Leiter der Ur- und Frühgeschichtlichen Abteilung des Braunschweigischen Landesmuseums) und Dr. Immo Heske, nicht lange auf Mittel der öffentlichen Hand zu warten, sondern angesichts der herausragenden Bedeutung des Fundplatzes die Ausgrabungen zunächst mit Unterstützung des Vereins "Freunde der Archäologie im Braunschweiger Land" und ehrenamtlichen Grabungshelfern an Wochenenden fortzuführen.

Ziel der diesjährigen Grabungskampagne ist die Klärung der Frage, ob und in welchen Epochen sich südlich der Befestigung eine ausgedehnte Außensiedlung befunden hat. Zahlreiche Lesefunde (Objekte, die durch das Umpflügen des landwirtschaftlich genutzten Areals an die Oberfläche gebracht wurden), sowie eine geomagnetische Prospektion im Jahr 2001 (eine Art "Bodenscan", der in der Erde verborgene Strukturen sichtbar macht) ließen dies vermuten. Die ersten Funde und Befunde des vergangenen Wochenendes übertrafen die Erwartungen. (Auch ich habe die eine oder andere Scherbe freigelegt...) Wer Interesse an einer Teilnahme als Helfer bei der Grabung hat, findet weitere Informationen und Kontaktadressen auf der Webseite der "Freunde der Archäologie im Braunschweiger Land".

 

Lothar Jungeblut

 

Einen kurzen Bericht zur Grabung gibt es HIER.

Literatur:

  • Informationen und Berichte des Braunschweigischen Landesmuseums 3-4/2001: Die Hünenburg bei Watenstedt – Ausgrabungsergebnisse 1998-2001, Braunschweig 2003.