"Unschuldige Kinder und schwangere Weibsleut" - Das Braunschweiger Accouchierhaus

Im Zuge der Aufklärung veränderte sich auch in Braunschweig das kulturelle, geistige und soziale Gefüge der Stadt. Die Errichtung von mildtätigen Einrichtungen wurde bürgerliches Anliegen. Armenfürsorge und Krankenbetreuung, Jahrhunderte getragen von Klöstern und abhängig von freiwilliger Almosenabgabe, wurden Teile der nun institutionalisierten Wohlfahrt. Ein Schwerpunkt dieser Institutionalisierung war die Professionalisierung und Hierarchisierung der medizinischen Berufe. 

 

Grundlagen für eine solche Sozialreform waren funktionierende Regulierungs- und Überwachungsmechanismen. Deshalb gründet sich 1747, zur Amtszeit Herzog Carls I., das Collegium Medicum als Aufsichtsbehörde für medizinische und sanitäre Angelegenheiten.

 

Das Collegium entwickelte Ausbildungsvorschriften und Prüfungsordnungen, zu deren Vermittlung und Überwachung 1750 das Collegium Anatomico-Chirurgicum ins Leben gerufen wurde.

 

Auch die Ausbildung der Hebammen unterlag nun den Vorgaben des Collegium Medicum, vor dem sie ein Examen ablegen mussten, auf das sie sich zuvor in Kursen des Collegium Anatomico-Chirurgicum vorbereitet hatten.

 

Nicht zuletzt, um die praktische Ausbildung der Hebammen und der geburtshilflich arbeitenden Chirurgen zu verbessern, wurde im Jahre 1767 das erste Accouchierhaus in Braunschweig eingeweiht.

 

Pläne für dieses Haus gab es schon seit 1759. In einem Brief unterrichtet Herzog Carl I. den Magistrat der Stadt von seinem Vorhaben, ein Hospital zu errichten, in dem „zur Rettung der unschuldigen Kinder schwangere Weibsleut, die sich sonst nicht helfen können. aufgenommen und accouchiert werden sollen.“ Vorgesehen für dieses erste Accouchierhaus war das Hinterhaus des St. Elisabeth-Hospitals am Fallersleberschen Tore. Das Haupthaus, ehemals als Pilgerbetreuungsstätte errichtet, diente als Armenkrankenhaus und wurde von Beginen betreut. Im Hinterhaus wohnte der Vorsteher des Hauses Heinrich Joachim Wencke.

 

Offensichtlich war diese Raumplanung aber in mehrerer Hinsicht unbefriedigend. So forderte Herzog Carl den Magistrat auf, weiter nach einem „besseren und bequemeren“ Ort zu suchen, und wollte den Verlust des Mietzinses errechnet wissen, der durch den Wegzug Wenckes zu erwarten war. Hatte Herzog Carl doch mit jedem Gulden zu rechnen, da die ohnehin desaströse Finanzlage des Herzogtums in diesen Jahren zusätzlich und massiv belastet wurde durch die Kosten, die der Siebenjährige Krieg dem Land auferlegte.

 

Letztlich werden es auch die Belastungen der Kriegsereignisse gewesen sein, die die Einrichtung eines Entbindungshauses vorerst zum Stocken brachte.

 

1764 begann man in Braunschweig mit dem Neubau eines Armenkrankenhauses am Wendentor. Noch vor der endgültigen Fertigstellung 1780 wurden bereits 1767 im zweiten Stock des Hauses drei Zimmer als Accouchieranstalt ausgewiesen, von denen ein Raum als „Kreißsaal“ diente. Als Leiter des Hauses berief man den Göttinger Chirurgen Johann Christoph Sommer, der in Braunschweig zugleich den neu errichteten Lehrstuhl für Chirurgie übernahm. 

 

              

 

Die beiden Krankenzimmer waren mit zweiliegigen Betten ausgestattet. Die medizinische Ausstattung war denkbar schlecht. Instrumente waren nur unzureichend vorhanden und in Ermangelung eines Entbindungsbettes brachten die dort arbeitenden Hebammen sogar ihre eigenen Gebärstühle mit. Inwieweit das Accouchierhaus überhaupt den Anspruch erfüllte, die Ausbildung der Hebammen zu verbessern, ist fraglich. Die Kritik an der Organisation des Hauses und der Qualität der Lehre ist nie ganz verstummt. Trotzdem gab es Zeiten, zu denen gleichzeitig acht Hebammen und ebenso viele Chirurgen ihre geburtshilfliche Ausbildung absolvierten.

 

Zur Aufnahme in das neue Entbindungshaus kamen ausschließlich ledige Mütter, denn für eine verheiratete, in geregelten Verhältnissen lebende Frau, war eine Entbindung außerhalb ihres Hauses undenkbar. Aber auch ledigen Müttern erschien eine Entbindung in einem Hospital nur als zweitbeste aller Lösungen. War doch eine Entbindung in einem von der Administration überwachten Haus im 18. Jahrhundert  noch völliges Neuland und weckte Ängste und Ablehnung.

 

Um den Frauen den Weg in das Accouchierhaus schmackhaft zu machen, wurden ihnen allerlei Vergünstigungen angeboten. Freie Kost und freie Unterkunft und das schon viele Wochen vor der Entbindung, kostenlose medizinische Betreuung durch Arzt und Hebamme, Erstattung des Taufgeldes, und acht „Gutegroschen“ als Belohnung bei Aufnahme in das Hospital. Zusätzlich erließ Herzog Carl den Frauen das „Hurengeld“, die so genannten "Brüche", die ledige Mütter sonst zu zahlen hatten. Die Zahlung dieser Brüche wurde nun den Vätern auferlegt, sie mussten für “die Brüche für sich selbst als für die von ihm geschwängerten Personen“ aufkommen und zusätzlich „die Alimentation der Kinder“ übernehmen.

 

Damit man sicher sein konnte, dass die Frauen den Namen des Kindsvaters überhaupt und vor allen Dingen wahrheitsgemäß angaben, wies der Herzog die Leitung des Hospitals an, die Frauen nicht nur bei der Aufnahme, sondern während des Geburtsvorganges nach dem Namen des Vaters zu fragen. Man war überzeugt, dass die Frauen unter dem Geburtsschmerz, anlehnend an den Gebrauch der Folter zur Wahrheitsfindung, auch in diesem Fall wahrheitsgemäß antworten würden. Die Angaben zur Vaterschaft mussten die Frauen vor einem Vertreter des Collegium Medicum beeiden.

 

Im Schnitt verzeichnete das Krankenhaus jährlich über 50 Geburten. Besonders hoch sollte in der Folge der Anteil der „Soldatenkinder“ sein. Schon im ersten Jahr nach der Eröffnung sind 50% aller ledigen Väter Angehörige der in Braunschweig stationierten Regimenter. Dass diese Tendenz keineswegs abnahm zeigt beispielsweise das Geburtenregister für den April 1773. Von den vier ledigen Geburten dieses Monats sind drei der Väter Angehörige des Militärs.

 

Trotz vieler Unzulänglichkeiten wurde das Accouchierhaus doch zu einer Art Zuflucht für ledige Mütter vor und während der Geburt, wohingegen die Lebensumstände dieser Frauen und ihrer Kinder nach der Entlassung aus dem Hospital nur zu oft trostlos und bedrückend waren.

 

Gabriele Schlienz