Part IV: Die Feiertage

 

Gleđilegt ár – oder, zu deutsch, ein frohes neues Jahr, wünsche ich allen Lesern dieser Zeilen in diesem, etwas außerplanmäßigen Teil meines Berichts aus Island.

Außerplanmäßig deshalb, weil ich eigentlich nicht vorhatte, einen Bericht über die Feiertage und die damit zusammenhängenden Bräuche hier in Island zu verfassen – obwohl ich ja von Beginn an vorhatte, mir eben diese hier einmal anzusehen. Nun habe ich sie gesehen und beschlossen, doch ein paar Worte dazu zu schreiben.

 

„Frohe Weihnachten“ heißt im Isländischen „gleđileg jól“ – und die weihnachtliche Stimmung beginnt, wie auch in Deutschland, mit der Adventszeit. Zumindest planmäßig, denn in dieser Zeit wurde die gesamte Stadt mit Lichterschmuck überreichlich ausstaffiert. In den Wochen vor Heiligabend nimmt dann auch die festliche Beleuchtung der Privathäuser zu – und als ich an den Weihnachtsfeiertagen durch den Hafen spazierte stellte ich fest, dass sogar die Schiffe der isländischen Küstenwache (bekannt als erste Bezwinger der britischen Marine in einem Seekrieg) festlich beleuchtet waren. Rot ist übrigens die bevorzugte Farbe. Island wäre allerdings nicht Island, wenn es nicht auch einige Besonderheiten gäbe. Und so gibt es hier nicht einfach den Weihnachtsmann mit oder ohne rotnasigem Rentier – die Isländer kennen vielmehr Gryla, eine ehemals Kinder fressende Trollfrau aus den Bergen, die heute, das kommt wohl mit dem Alter, eher umgänglich geworden ist. Auch ihre dreizehn Schergen, ehemals Schrecken aller Kinder mit Namen wie ‚Fenster-Gucker’, verbreiten heute keine Angst mehr. Wenn sie in den dreizehn Tagen vor Weichnachten, einer an jedem Tag, im Nationalmuseum auftauchen, dann ist dies für die Kinder vielmehr ein kleines Fest mit Spaß und Gesang. Grýlas Lebensgefährte Leppalúđi ist mir persönlich allerdings, außer in Souvenirshops, nicht aufgefallen, ebenso wenig wie die zu den beiden gehörende ‚Weihnachtskatze’. Auffällig dagegen ist das traditionelle Vorweihnachtsessen, vor allem wegen des Geruchs – denn, wie sollte es anders sein, es gibt Fisch, und er ist verrottet. Da man über diese Tradition aber schon bei Spiegel.de ausführlich informiert wurde, spare ich diesen Part aus und erzähle stattdessen vom Leben in Reykjavik über die Festtage. Dieses ist nämlich ungewohnt ruhig, die Innenstadt wirkte über die kompletten Weihnachtstage gar wie ausgestorben. Um sich auf diese immerhin dreitägige und damit, wenn ich nicht irre, längste nicht verkaufsoffene Zeit im Jahr vorzubereiten benötigen die Isländer natürlich eine entsprechende Phase verstärkter Einkaufsmöglichkeiten. Diese fällt auf den 23. Dezember, an welchem die Geschäft in der Innenstadt Reykjaviks bis um 23.00 Uhr geöffnet haben. Am Abend des 23. stürmen also wahre Menschenmassen in die Innenstadt, lauschen Weihnachtschören, sehen Bildhauern dabei zu, wie sie Skulpturen aus Eis fertigen – und erledigen ihre letzten Einkäufe.

Nach Weihnachten verabschieden sich dann auch die dreizehn Jólasveinarnir wieder genau so, wie sie auch gekommen waren – jeden Tag einer. Und noch bevor am 6. Januar der letzte Weihnachtswichtel verschwunden ist, finden die Feierlichkeiten zum Jahreswechsel, der wie auch Weihnachten in den Volkssagen des Landes mit einigen Besonderheiten versehen ist, statt. Silvester kündigt sich dabei schon einige Tage vorher lautstark an. Die Isländer – oder zumindest einige von ihnen – scheinen nämlich eine sehr ausgeprägte Neigung zum Einsatz von Raketen und Krachern aller Art zu haben. So gewöhnt man sich in den Tagen unmittelbar vor dem 31. Dezember an den langsam zunehmenden Einsatz von Feuerwerkskörpern und ist sozusagen akustisch abgehärtet, wenn es dann eine halbe Stunde vor Mitternacht am letzten Tag des Jahres erst richtig losgeht. Dann nämlich verlassen die Isländer, oder zumindest diejenigen, die in der Hauptstadt das neue Jahr begrüßen wollen, ihre privaten Feiern und veranstalten ein großes, etwa einstündiges Feuerwerk (das aber auch danach nicht schlagartig vorüber ist – auch hierfür benötigen die Isländer wieder einige Tage des langsamen Abgewöhnens). Anschließend leeren sich die Straßen dann beinahe ebenso schnell, wie sie sich vor Mitternacht gefüllt hatten. Gefeiert wird aber selbstverständlich weiter, ob nun daheim oder in den nun allmählich öffnenden Bars ist eine reine Geschmacksfrage. Insgesamt aber, das bleibt festzuhalten, waren die beiden Wochenenden am Ende des Dezembers die ruhigsten, die ich hier in Island erlebt habe.

 

Reykjavik den 04.01.2005

Christian Götter