Zur Person

 

Probst Klaus Jürgens

 

Geboren am 13. Mai 1926 in Braunschweig. Abitur 1944 am Wilhelm-Gymnasium Braunschweig. Während des Zweiten Weltkrieges zuerst Luftwaffenhelfer, dann Dienst in der Wehrmacht. 1945 für eine Woche in amerikanischer Kriegsgefangenschaft. Nach der Entlassung Theologiestudium in Göttingen, und nach dem bestandenen ersten Examen (1949) Vikar in Salzgitter, Hahausen und Wolfenbüttel. Nach dem zweiten Examen zum Pastor ordiniert (1951). Von 1958-1980 Pfarrer in der Gemeinde St. Jacobi in Braunschweig, ab 1980 Pfarrer an der St. Katharinenkirche in Braunschweig. 1975-1981 Propst der Propstei Braunschweig.

 

Probst Jürgens an seinem Schreibtisch

 

 

Leider ist es uns nicht gelungen, die Aufzeichnung des Interviews zu digitalisieren und hier auf der Seite zur Verfügung zu stellen. Um aber dennoch möglichst nah am gesprochenen Wort zu bleiben, wurde bei der Verschriftlichung des Interviews nur wenig verändert.

 

 

Erzählen sie uns doch bitte erst einmal etwas über ihre damalige Lebenssituation.

 

Also, 1944, 43/44 als die Angriffe losgingen, war ich Schüler am Wilhelm-Gymnasium. Seit März 1943 Luftwaffenhelfer. Nach der Ausbildung in der Stellung im Eintrachtstadion, dann vor allem in der Flakbatterie, Heimatflakbatterie 202, die in Ölper lag, Luftwaffenhelfer. Wir sind praktisch mit dem Abitur im Februar 1944 auch als Luftwaffenhelfer entlassen worden. Als Luftwaffenhelfer haben wir dort in den Baracken gelebt, haben in der Stellung Unterricht gehabt, bis auf einen Tag, wo der Unterricht im Wilhelm-Gymnasium stattfand, und zwar Mathematik, Physik, Chemie, das machte man dann also in der Schule.

Ich bin geborener Braunschweiger und habe also auch die ganze Kriegszeit dann hier in Braunschweig erlebt. Mein Vater war Pfarrer an der St. Johanniskirche, auch seit 1939 eingezogen. Bin also, wenn man so will, seit 1939 13-jährig vaterlos aufgewachsen. Er kam gelegentlich mal auf Urlaub, aber das war dann immer ganz kurz.

 

Und wo haben sie gewohnt?

 

Wir wohnten an der Johanneskirche, an der Leonhardstraße 39, in der Kriegszeit seit 38 haben wir da gewohnt, vorher an der Kapellenstraße.

 

Wurde ihr Haus getroffen bei der Bombardierung?

 

Da kann ich gleich also auf das Erlebnis vom 10. Februar kommen. Ich erzähl’s ein bißchen ausführlicher. Wie gesagt, wir wurden am 10. Februar, nachdem wir das Abitur sozusagen in der Tasche hatten, wir hatten zwar kleine mündliche Prüfung, aber schriftliche Prüfungen, dann wurden wir also entlassen, weil wir zum Arbeitsdienst eingezogen werden sollten (gegen 10 Uhr vormittags). 10. Februar war unser Entlassungstag. Ich hatte einen wahnsinnig schweren Koffer, weil die ganzen Schulbücher drin waren usw. Als wir im Begriff waren, die Stellung zu verlassen, kam die erste Alarmmeldung, die hieß ‚Gefechtsbereitschaft vorbereiten‘. Als wir sie vernahmen, haben wir gesagt: "Jetzt bloß schnell weg, sonst behalten die uns noch da." In Ölper erreichte ich dann also die Endstation der Linie 5, die Straßenbahn fuhr noch, fuhr uns bis zum Radeklint, dann kam Vollalarm für die Stadt, die Straßenbahn blieb stehen, die Leute stürzten in die Häuser oder in den Bunker; in der Nähe vom Radeklint war ja auch der große Bunker ‚Okerstraße‘. Ich nahm aber meinen Koffer und marschierte noch mit einem Klassenkameraden zusammen durch die Stadt, Lange Straße, Steinweg bis kurz vorm Theater, dann trennten wir uns, er ging Kaiser Wilhelm Straße, jetzt Jasperallee, ich ging in Richtung Helmstedter Straße. Als ich auf der Helmstedter Straße war, etwa Kreuzung Altewiekring, fielen die ersten Bomben, Brandbomber, auch Sprengbomben... erinner‘ mich sehr deutlich, daß ich dann, oder will‘s zunächst noch so sagen, fragte mich, was nun? Irgendwo in‘ Haus rein? Laufen konnt‘ ich nicht, da war der Koffer zu schwer. Ich habe gedacht, gehste so weiter. Als ich dann auf die Leonhardstraße kam, mich umdrehte, ging gerade eine große Sprengbombe los vor dem heutigen Raabehaus, das damals ziemlich beschädigt wurde. Ebenfalls am Eingang des Straßenbahndepots sah ich ‘ne Sprengbombe hochgehen. Auf dem Kirchplatz vor der Johanniskirche: Eine Unzahl von Brandbomben, die gerade so hochzischten.

 

St. Johannis im April 1945

 

Ich bin dann bei uns ins Haus gestürzt, Koffer so inne Ecke geschoben und bin als erstes auf den Boden gelaufen, weil ich dachte, dann besteht auch Gefahr, daß oben ‘ne Branbombe liegt, oder vielleicht sogar mehrere. Es lag tatsächlich eine Brandbombe oben, hatte sich unter eine Holztreppe mitgeschoben, aber wir hatten oben ja Sandsäcke, und dann habe ich also mit einer Fülle von Sandsäcken diese Brandbombe gelöscht. Nachgeguckt, ob sonst irgendwo noch was war, war nichts, bin dann runtergegangen. Kam in den Keller, großes Entsetzen bei meiner Mutter: "Mensch, wo kommst du denn her?" Na, wie man dann so ist, so lakonisch, sag ich: "Ich komme vom Boden, ich habe gelöscht." Naja, da bat mich also dann n‘ Nachbar noch durch ‘n Kellerdurchbruch in deren Haus, oben raufzugucken, und da muß ich ehrlich sagen, das war‘n Angehen. Das erste Mal war ich so reingerutscht, ohne Furcht und Angst, mußte handeln. Aber da jetzt noch mal raus aus der Sicherheit des Kellers oben noch mal auf den Boden – konnte ja die nächste Welle kommen – naja, ich hab’s dann gemacht, aber mit [unverständlich], nech? Und, war aber nichts.

Also, insofern da ein gewisser Schaden, später, da war ich aber schon Soldat, haben die Gebäude noch mal’n größeren Bombenschaden bekommen. Es gab hier so die Gruppierungen A,B und C. C war relativ leicht. B war mittlerer Bombenschaden und A war eigentlich mehr oder minder Totalschaden. Und dann, im April ist das gewesen, da war ich beim Arbeitsdienst, am 20., 22., 23. April, da haben sie Bombenschaden B gehabt an den Häusern, da ist auch die Johanniskirche ziemlich beschädigt, während der Turm selber am 15. Oktober mit als Brandfackel runtergefallen ist, [flüsternd] ist dann auch verbrannt.

St. Johannis nach dem Krieg (mit abgetragener Turmspitze)

 

Das Gebäude, in dem sie damals gewohnt haben, steht das noch?

 

Ja, steht noch.

[...]

Es sieht eigentlich (heute noch) genauso aus wie vorher.

 

Wie hat man die Angriffe damals wahrgenommen? Hat man sie eher als ungerechtfertigte terroristische Akte angesehen, wie sie in der Propaganda dargestellt wurden, oder hat man sich wirklich schon Gedanken darüber gemacht, warum die Stadt angegriffen wurde?

 

Also, reflektieren die ganze Geschichte tut man in dem Augenblick nicht. Das kommt so über einen, nicht wahr, wie ich das erzählt hab‘. Auf einmal biste mittendrin, die Bomben fallen rings herum und denn ist man gefordert; was machste jetzt? Und als der Angriff vorbei war, raus... Auf dem Nachbargrundstück brannte es, das war das Gelände von der Leonhardkapelle. In den Gebäuden war damals Polizei stationiert. Die hatten um die Kapelle herum Baracken, und die brannten zum Beispiel auch. Also raus, mal seh’n, ist da was zu machen? Dann los, zu Bekannten. Ich habe dann also an dem 10. Februar noch mit bergen helfen bis hin zur Kasernenstraße und so weiter, mit der Löschpumpe auch noch mal gestanden und so weiter. Und da denkt man an gar nix, nich? Denkt man an gar nix.

Und nachher auch weiter, erstmal ist man einigermaßen kaputt. Daß man in der Freund-Feind-Stellung war, seit Jahren, seit 39 befanden wir uns im Krieg mit England. Man empfand die Engländer als Gegner, wußte, daß wir die auch angriffen, oder angegriffen haben. Nich, das ging also so hin und her. Das heißt also, die eigentlichen Reflexionen darüber, die tauchten da noch nicht auf. Die kamen erst nach dem Kriege. Das heißt, es war mehr so: Wir sind im Krieg und da bekämpft man sich eben gegenseitig?

 

Also kein besonderer Haß?

 

Nee. Nee. Ich habe in einem später verfaßten Artikel einen Brief zitiert, den mir ein Kollege von meinem Vater geschrieben hatte – Pastor an der St. Johanniskirche – als ich zum Militär kam, und der also versucht hatte, da anzudeuten: Wir dürfen nicht in irgendeinen Haß hineinfallen. [...] Das dürfen wir nicht machen. Den hab‘ ich mir aufgehoben, ich hab‘ ihn in dem besagten Text zitiert. Aber für mich selber, ich denke, zur eigentlichen Reflexion ist es erst nach Kriegsende gekommen.

 

Wie war die Informationslage zu der Zeit? Vor Braunschweig wurden ja bereits andere Städte bombardiert. Wußte man darüber Bescheid? War man sich der eigenen Gefahr bewußt, also hat man erwartet, daß ein solcher Angriff bevorsteht?

 

Ja. Ja, da wußte man drüber Bescheid. Erstens stand das ja doch in den Wehrmachtsberichten drin, wenn etwas bombardiert wurde. Beziehungsweise andere Angriffe auch mit ihren verheerenden Folgen ließen sich gar nicht verschweigen, weil Menschen eben davon berichteten. Also, wir haben sehr detailliert gehört von den schlimmen Angriffen auf Hamburg, wo ja die ersten großen Flächenangriffe kamen. So richtig systematisch: Heute ging‘s bis da, nächsten Abend fingen sie wieder an an der selben Stelle. Dann weiter große Flächenbombardierungen.

Ein Freund von mir, der als Soldat, als Rekrut, in Hannover war, der dann also von den Bombenangriffen in Hannover erzählte, weil sie da als Militär eingesetzt wurden zum Retten und so weiter. Oder wir haben von unserer Flakstellung in Ölper aus beobachten können, einen Angriff auf Kassel, konnte man selbst sehen. Mit unseren großen Fernrohren haben wir das genau gesehen. Also darüber wußte man Bescheid, und ...naja, Krieg war so, Krieg ist Krieg, und wenn dir was passiert, passiert dir was, nich? [lacht]

 

Ging es denn so weit, daß man im Alltag immer im Hinterkopf hatte, jederzeit könnte man angegriffen werden?

 

Jo. [Pause]

Gut, wie war das...Natürlich also, [lacht] da fällt mir so ‘ne merkwürdige Situation ein. Bei dem einen Angriff im September 43 war das. War zu Hause, Fliegeralarm und so weiter. Runter innen Keller, in Braunschweig war noch nicht viel passiert. Meine Mutter sagte auf einmal zu mir: "Mensch, komm‘ mal her, rauf, guck ma‘ was da oben alles so am Himmel ist." Nicht wahr, die hatten da so... so Leuchtraketen gesetzt. Ich... [lacht] sag zu meiner Mutter: "Mutti mensch, schnell innen Keller, schnell innen Keller, gleich geht’s los."

"Ja, ich will doch gucken."

Ich sag: "Rein innen Keller, es geht los." Das ist so diese Situation.

 

War das denn auch in der Familie ein Gesprächsthema? Hat man darüber gesprochen, wie man sich verhält in solchen Situationen, welche Vorsichtsmaßnahmen man trifft?

 

Vorsichtsmaßnahmen konnte man nicht treffen. Man konnte innen Keller gehen. Die Keller waren seit 39 zum Teil eben ausgebaut, unserer war recht gut ausgebaut. Jedenfalls waren wir immer der Meinung, daß die Wände einigermaßen dick waren und so weiter. Man hatte im Keller Lebensmittel deponiert, für den Fall, daß man da länger drin sitzen mußte. Ja, und ansonsten ergab man sich dem Schicksal, was denn einmal über einen kommen könnte.

 

Man hört ja von vielen Familien, daß die dann zu Verwandten aufs Land ausgewichen sind. Gab es so etwas bei ihnen auch?

 

Ja, meine Mutter hat die eine meiner Schwestern - die war Oberschülerin in der Oberstufe - zu einer Freundin in der Nähe von Torgau geschickt. Das war damals noch relativ sicheres Gebiet auf dem Lande. Und meine jüngste Schwester, die kam nach Helmstedt, ins Kloster Marienberg. Da konnte sie also ein bißchen Schulunterricht mit haben, also war jedenfalls raus aus der Großstadt. Sie selber blieb da, wollte die Stellung halten, wollte das Haus nicht allein lassen, aus mancherlei Gründen, nicht allein, zuletzt um eventuell auch wenn’s nötig ist zu löschen, oder dergleichen Dinge mehr. Das war in der Zeit als ich bereits beim Militär war. Meine älteste Schwester war beim Arbeitsdienst. Also die beiden Jüngsten haben sie dann rausgebracht.

 

Zu guter Letzt würden wir gern noch wissen, in welcher Weise sich die Erfahrungen dieser Bombennächte letztendlich auf ihr späteres Leben ausgewirkt haben. Ob also diese Erinnerung häufig wiedergekommen sind oder eine Art Kriegstrauma ausgelöst haben.

 

Also Kriegstrauma nicht. Wenn man vom Trauma redet, kann man ja sagen, wenn man später noch mal Träume hatte, die einen bedrängten und so weiter. Da gab es zwei Arten von Träumen, die einen bedrängten: Einmal, daß ich noch mal zur Schule mußte und irgendwie noch mal große Arbeiten machen oder so etwas, und ich war nicht gut vorbereitet. Punkt zwei, daß ich noch mal zur Hitlerjugend mußte. Das hat mich ...äh... [leiser] doch irgendwie später noch so bedrängt. [flüstert] Da bin ich nicht gern gewesen. Das... fand ich nicht gut.

Vielleicht, weil ich dann so wie andere, die... die schlimmen Auswirkungen des Bombenkrieges nicht erlebt habe. Nicht wahr, das sind dann andere Situationen gewesen, aber nicht dieser Bombenkrieg. Wir haben also natürlich, sie werden das lesen, natürlich reflektiert darüber, und das ging sehr schnell, daß man dann nach dem Kriege sich sehr deutlich machte, daß... das auch irgendwie – so haben wir’s zunächst empfunden – als eine göttliche Strafe für unsere Schuld... [flüstert] Zerstörung.

 

 

An dieser Stelle möchten wir uns noch einmal ganz herzlich bei Probst Jürgens bedanken.

 

Weiterer Dank gilt Herrn Karl Heinz Löffelsend für die Bereitstellung der Photos der zerstörten Johanniskirche aus seinem Archiv.