Exkursionsnachlese: Ludwigslust

von Marie-Luise Hartermann

 

Welche Überraschung gleich am ersten Tag:

 

Nach ausländerpolizeilich unbeanstandeter Ausreise aus der Republik Rüterberg fährt unser Bus nordostwärts durch eine schlichte Landschaft: Sandiger Boden, Sümpfe, Kiefernwald. Besiedelt ist diese griese Gegend eher dünn mit bescheidenen Häuschen.

 

Dann geht es zweimal links herum, und wir befinden uns auf einer backsteinernen barocken Magistrale, wunderschön sind die rotweißen ein- und zweigeschossigen einander gegenüber entsprechenden Wohngebäude.

 

Vor uns liegt Schloß Ludwigslust, der bedeutendste barocke Schlossbau des Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern. Herzog Friedrich von Mecklenburg-Schwerin ließ das Schloß in der Zeit von 1772- 1776 als künstliche Residenz errichten. Sein Vorbild war Versailles. Für das Schloß und die künstliche Residenzstadt mussten ein Bauerndorf namens Klenow und ein kleines Jagdschloß weichen. Auf E-förmigem Grundriß verfügt das jetzige Schloß über dreieinhalb Geschosse mit überhöhtem Mittelrisalit. Steht man davor, so beeindrucken besonders die überlebensgroßen Sandsteinstatuetten, 40 an der Zahl, und die 18 Prunkvasen, die umlaufend die gesamte Attika zieren. Passend auch die kunstvolle Umgebung, bestehend aus englischem Landschaftspark mit zahlreichen Nebengebäuden, Wasserspielen und seltenen Bäumen.

 

Im Innern dann umfängt uns zum ersten Mal auf dieser Reise gleißende Pracht. 300 qm Grundfläche umfasst allein der goldene Saal. Korinthische Kolossalsäulen tragen die mehr als zwei Stockwerke hohe Decke und die umlaufende Galerie. Sockel, Kapitelle, Geländer. Wand- und Deckenfelder, alles ist reich vergoldet.

 

Aber dieser Dekor besteht nicht, wie man meinen könnte, aus Edelhölzern und Carrara-Marmor, sondern aus Pappmaché, einem witterungsbeständigen, billigen und zugleich „hauseigenen“ Material, das die Firma „Ludwigsluster Carton“ herstellte und weithin exportierte.

 

Hierzu bekannte man sich voller Heimatstolz. Keineswegs wurde behauptet, die Innendekoration bestehe von weither importierten Naturprodukten.

 

Zum mecklenburgischen Backstein hingegen mochte sich der Bauherr nicht bekennen. Die gesamte Fassade seines Versailles ließ er mit Sandsteinblöcken aus der sächsischen Schweiz verkleiden. Zwölfspännige Wagen zogen die Blöcke vom Elbhafen Dömitz nach Ludwigslust, vermutlich auf genau derselben Chaussee, die wir gerade gekommen waren.

 

Der einheitliche Gedanke, der hinter beidem sichtbar wird, d.h. hinter der Verwendung von Pappmaché wie auch der Verblendung des Klinkers durch Sandstein, ist offenbar der, dass es dem Bauherrn und seiner Zeit allein aufs Aussehen ankam, nicht auf das, was sich dahinter verbirgt.

 

Schon 1837 hatte Ludwigslust als Residenz ausgedient. Der Hof ging nach Schwerin, wohin auch wir, auf herzoglichen Spuren, nun weiter fuhren.