...und der Himmel brannte

- eine Kurzgeschichte -

 

Das langgezogene Wimmern der Sirene schallte durch die Straßen der Stadt. Heinrich verließ den Gehweg und lief zum Hof, auf dem seine Mutter schon ungeduldig wartete.

"Wo bist du denn so lange gewesen, Junge? Das ist schon die zweite Warnung." Ihre Stimme klang besorgt, doch Heinrich hörte nicht auf die Frage. Er blickte nach Westen. Die Sonne versank gerade hinter dem Turm der Johanniskirche in einem leuchtend roten Feuerball, und der Himmel brannte. Fasziniert von dem Schauspiel ignorierte er das Drängen seiner Mutter, bis sie ihn schließlich am Arm ergriff und ins Haus zog. Als sie die steinernen Stufen der Kellertreppe hinabliefen, ertönte erneut die Fliegerwarnung.

"Die dritte. Gleich geht’s los", flüsterte sie. Er bemerkte die Angst in ihrer Stimme, und ihr Griff um seine Hand wurde fester. Sie betraten den Schutzraum, in dem sich bereits die übrigen Bewohner des Hauses versammelt hatten. Sie saßen vereinzelt oder in kleinen Gruppen auf den schmalen Bänken, den Rücken gegen die massiven Betonwände gelehnt. Keiner sagte etwas, nur ein gelegentliches Husten störte die Stille. Heinrich betrachtete die Leute. Herr Götz trug seinen Hut, selbst hier unten. Die Frau aus dem zweiten Stock hatte ihr Strickzeug dabei. Neben ihr lag ein hellblaues Wollknäuel, in der Hand hielt sie einen halbfertigen Pullover.

Eine heftige Erschütterung brachte das Licht zum Flackern. Staub und Putz rieselten von der kahlen Decke. Wieder bebte die Erde. Mit einem Knall zerplatze die Glühbirne. Ein unterdrückter Schrei hallte durch die Dunkelheit, und ein Kind, der Junge aus der Nebenwohnung, fing leise an zu weinen.

     "Die kommen immer näher", sagte Herr Götz. Seine Stimme klang heiser und zitterte merklich. "Das muß hier in der Straße gewesen sein."

In immer kürzeren Abständen kamen die Stöße. Das Donnern und das Beben des Fußbodens schienen Heinrich schon beinahe rhythmisch. Irgendjemand versuchte eine neue Glühbirne in die Fassung zu drehen, aber es blieb dunkel.

     "Die haben bestimmt das E-Werk erwischt", flüsterte ein Mann. Heinrich konnte die Stimme nicht zuordnen. "Es wird Tage dauern, bis die den Strom wieder hinkriegen."

"Halt den Mund, Walter. Die Kinder haben schon genug Angst", zischte eine Frau.

Heinrichs Mutter hatte inzwischen ein paar Streichhölzer gefunden und zündete damit eine Kerze an. Schwaches, flackerndes Licht mühte sich, die Dunkelheit zu vertreiben und malte geisterhaft bleiche Gesichter in den aufgewirbelten Staub. Herr Götz trug noch immer den Hut, und weißer Putz rieselte von der Krempe, wenn er den Kopf bewegte. Die Frau mit dem Pullover hustete. Das Wollknäuel war in einer Ecke verschwunden und hatte eine blaue, gewundene Linie auf dem Betonboden hinterlassen. Heinrich stand auf. Er hatte das Wollknäuel entdeckt. Gerade als er sich bücken wollte, um es aufzuheben, erbebte der Keller wie vom Schlag eines riesigen Hammers getroffen. Das Kerzenlicht erlosch unter einem Hagel herabstürzender Trümmer. Staub und Putz verstopften Heinrich die Nase, und er hustete und würgte, um Luft zu bekommen. Er spürte einen Schlag gegen die Schulter, und ein dumpfer Schmerz raubte ihm die Sinne.

Als er wieder zu sich kam, war es dunkel um ihn herum. Nachdem er sich aus einem Haufen Schutt gewühlt hatte, tastete er vorsichtig seine Gliedmaßen ab. Sein linker Arm war taub, vielleicht gebrochen, aber ansonsten war er bis auf einige Schürfwunden unversehrt.

     "Mutter?" Seine Stimme klang zaghaft und ängstlich. "Mutter, bist du da?"

Keine Antwort. Heinrich lauschte, konnte aber nichts anderes hören als den eigenen Herzschlag, der in seinen Ohren dröhnte. Angst überkam ihn. Waren sie alle tot? Lagen sie irgendwo in der Dunkelheit und schliefen nur? Er mußte Hilfe holen. Vorsichtig begann Heinrich zu graben.

Er brauchte mehre Stunden, bis er schließlich auf die geborstenen Stufen der Kellertreppe stieß. Entkräftet taumelte er sie hinauf und gelangte ins Freie. Das Haus war nur noch ein Trümmerhaufen. Der Eingangstür stand noch, gehalten von einem schmalen Ring aus Mauerwerk. Der Rest des Gebäudes war zerstört. Mühsam erklomm Heinrich den Berg aus Backsteinen, verkohlten Holzbalken und Glassplittern und blickte nach Westen. Der Turm der Johanniskirche war verschwunden. Sein Dach lag glosend im Kirchhof. Hinter dem abgebrochenen Rest, der wie ein morscher, verfaulter Zahn in den Himmel ragte, sah Heinrich die Stadt, erleuchtet in glühendem Rot. Heißer Wind schlug ihm ins Gesicht. Es war der 15. Oktober 1944, und der Himmel brannte noch immer.

 

 

Johannes Kaufmann, 30. 11. 2004.

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