Exkursion Mecklenburg-Vorpommern vom 4. bis 9. Okt. 2004

von Gerhard Schildt

 

Es fällt mir nicht leicht, etwas zu dieser Exkursion zu sagen. Angeregt habe ich sie nicht, sondern mich im Gegenteil länger gegen dieses Ziel gewehrt, weil ich meinte, zu sehen sei da nichts – nichts im Vergleich zu Flandern oder Florenz, wenig im Vergleich zum Elsaß oder zu Sachsen. Aber irgendwann konnte ich dem allgemeinen Drängen nicht mehr widerstehen, und so habe ich die Fahrt denn vorbereitet und viel selbst geredet, manchmal als Zeitzeuge, denn ich bin ja in diesem Land geboren und aufgewachsen. So bin ich denn befangen und wenig befähigt, ein objektives Urteil über die Exkursion abzugeben.

 

Ich denke, gut wahrgenommen haben die Teilnehmer die landschaftlichen und baulichen Schönheiten des Landes, was freilich nicht Gegenstand der Exkursion war. Aufgenommen ist sicher, dass die Durchsetzung der Ritterschaft gegen die Fürsten – eine seltene Erscheinung in der europäischen Verfassungsgeschichte (ich denke dabei immer an Polen) – dass dies ein Unglück für das Land gewesen ist. Wir haben uns ja angewöhnt zu glauben, die ständischen Vertretungen seien ein Element der Emanzipation gewesen, die der Parlamentarisierung und Demokratisierung der Länder gedient haben. So richtig das für Westeuropa gewesen ist, so gilt dies doch nicht generell. Manchmal war der Absolutismus von Vorteil. Dass er in Mecklenburg nicht zum Zuge kam, war ein Unglück für das Land.

 

So sehr das deutlich wurde, und Zeugnisse der ritterschaftlichen Dominanz haben wir ja eingehend besichtigt, so sehr wurde auch wohl deutlich, dass die Entwicklung nach der Wiedervereinigung zu einem neuen Großgrundbesitz bürgerlich-agrarindustrieller Prägung tendiert.

 

Nicht so deutlich ist wohl die Vernichtung des Mittelstandes geworden. Wir haben ja am Anfang in Lübbeln Station gemacht. Mir ging es dabei nicht nur um die wendischen Wurzeln dieser Region, sondern um die niedersächsischen Hallenhäuser, die wir bis zur Elbe noch zahlreich sehen konnten, jenseits der Elbe nicht mehr. Sie waren verfallen, teils weil ihre ehemaligen Eigentümer zu DDR-Zeiten in den Westen gegangen waren, weil sie mit der Bildung der LPGs enteignet worden waren, teils, weil ihre ehemaligen Eigentümer wirtschaftlich nicht mehr in der Lage gewesen sind, sie zu erhalten. Auch in der alten Bundesrepublik war das schwierig, haben wir in Lübbeln gehört. Ländlichen Mittelstand in Mecklenburg haben wir vielleicht am besten noch in dem Dorf Vierzehner gesehen, einer Siedlung, die im Dritten Reich angelegt worden war. Ihre Bewohner repräsentierten damals aber natürlich nur die unterste Schicht der selbständigen Landwirte.

 

Nicht deutlich geworden ist der Niedergang oder vielmehr die Vernichtung der mittelständischen Geschäftswelt. Ich bedaure, dass wir aus verkehrsbedingten Gründen nicht durch das niedersächsische Lüchow gefahren sind. Vielleicht hätte ich darauf bestehen sollen, hatte dieser Absicht aber auch nur einen geringen Stellenwert gegeben. Wir hätten dann eine absolut quirlige Kleinstadt gesehen, mit zahlreichen, offenbar solide fundierten Geschäften. Bei etwas besserer Planung meinerseits hätten wir das mit Güstrow oder – schlimmer noch – Teterow oder Dömitz vergleichen können mit ihren kümmerlichen, dahinsiechenden Innenstadtgeschäften. Das sah in Stralsund und Wismar nicht sehr viel anders aus. Vielleicht erinnern die Teilnehmer sich, dass der Wismarer Führer sagte, die Apotheke am Markt befinde sich seit 200 Jahren im Besitz derselben Familie, und ich ergänzen konnte, dass der Eigentümer seinen Besitz wohl nur dadurch retten konnte, dass er Stasi-Mitarbeiter war. Wären wir dort noch um die Ecke gegangen, dann hätte ich auf ein großes Konfektionshaus aufmerksam machen können, das im Familienbesitz durch die DDR-Zeiten kam. Mit dem Eigentümer war ich ganz gut bekannt, meine Mutter fast befreundet. Er hat uns in schwierigen Situationen vielfach geholfen. Nach der Wende entpuppte er sich als Stasi-IM. Bezeichnende Ausnahmen überlebenden Mittelstandes, die der Eliminierung entgingen.

 

Freilich: Tendenzen ähnlicher Art gibt es in der alten Bundesrepublik auch, nur nicht so krass. Vielleicht sind uns die neuen Bundesländer nur voraus – es gibt Stimmen in der Soziologie, die das ernsthaft behaupten.

 

Neuzeitler, der ich bin, kann und konnte ich zur Hanse nicht viel beitragen. Vielleicht hätte ich auf den Wismarer Hafen aufmerksam machen sollen. Es ist noch der alte Hansehafen. Heute dient er nur noch pittoresk-touristischen Zwecken. Im 14. Jahrhundert kam man mit wenig aus, worauf man vielleicht hätte hinweisen sollen. (Wismar hat heute drei bis vier weitere Hafenbecken.)

 

Wallenstein: Irgendwie kam er zu kurz. In Güstrow waren wir unter Zeitdruck, auch war ein Referent ausgefallen, und in Stralsund hatten wir so viel zu gucken, dass wir nicht recht zum Nachdenken kamen. Man mag sich vergegenwärtigen, dass seit Barbarossa kein kaiserliches Heer mehr in Norddeutschland erschienen ist, außer im 30jährigen Krieg. Und dann erschien nicht nur ein solches Heer, sondern der Kaiser etablierte seinen Feldherrn als Herzog an der Ostseeküste und machte sich daran, eine Flotte zu bauen. Was hätte es für die deutsche Geschichte bedeutet, wenn sich dieser Zustand gefestigt und erhalten hätte. Es fehlte eigentlich nur noch Stralsund, um die kaiserliche Macht von den Alpen bis zum Meer zur Geltung zu bringen. Wenn man sich dies vergegenwärtigt, möchte man den Atem anhalten. Aber mir scheint, die Exkursionsteilnehmer haben den Atem nicht angehalten.

 

Mir hat es bei anderer Gelegenheit den Atem verschlagen. Ich hatte ja mit einiger Anteilnahme die Inschriften am „Friedensobelisken“ im Park von Burg Schlitz als Muster biedermeierlichen Denkens interpretiert, als Luttmann, unser ausgezeichneter Führer, erklärte, laut Inschrift stamme der Obelisk aus dem Jahre 1812. Inzwischen habe ich meinen Schock überwunden. Frieden dem Vaterland konnte es 1812 nicht heißen, weil Frieden nur für ganz Europa zu haben war oder gar nicht. Frieden nur für Mecklenburg oder nur für Deutschland war 1812 eine Unmöglichkeit, weil Mecklenburg dem Rheinbund angehörte und ein Großteil Deutschlands direkt oder indirekt zu Frankreich gehörte. Frieden den Völkern wäre eine mögliche Formulierung gewesen. Aber auch wenn man das nicht gelten lassen sollte: Brudersinn den Deutschen hatte eine eindeutige antifranzösische Tendenz, und wer 1812 Brudersinn den Deutschen wünschte, wünschte nicht gleichzeitig den Frieden. Die Befreiungshalle in Kehlheim (1837ff.) enthält z.B. die Inschrift (sinngemäß): Mögen die Teutschen nie vergessen, was ihr Unglück und was ihren Sieg herbeigeführt hat. Die Antwort ist klar: die erst fehlende, dann wirksame Einigkeit, der „Brudersinn“. Mit einem Wort: Brudersinn der Deutschen und Friedenswünsche passen vor 1815 nicht zusammen, nach dem Sieg aber vollkommen. Die Inschriften auf dem Obelisken stammen aus der Zeit nach 1815. Was immer die Jahreszahl 1812 bezeichnen mag (die Aufstellung des Obelisken, den Baubeginn, irgendwelche Ereignisse familiärer Art), die Inschriften datiert sie nicht. Vielleicht kriegt Luttmann Näheres raus. Ich werde ihn bitten, dem nachzugehen.

 

Wohin fahren wir als Nächstes? Venedig/Ravenna? Venedig und die nördliche Adriaküste? Klassisches Griechenland? Tirol? Ich höre gerne Vorschläge, telefonisch, per Email, wie auch immer.

 

Wann machen wir unser Nachtreffen?