Part III: Uni und Studium

Kapitel 2: Wir sind leider etwas hinter dem Zeitplan

 

 

Dieses Kapitel, ursprünglich als abschließendes konzipiert, ist, bedingt durch den Sonderbericht zu den Feiertagen, zwar nicht mehr das letzte in der Nummerierung – dennoch ist es das letzte, das ich schreibe. Nun, nach dem Ende der kurzen Weihnachtsferien, die hier im isländischen Winter die Semester trennen sind alle Kurse beendet, die Arbeiten geschrieben und abgegeben. Zeit also für einen Rückblick über das Studieren hier in Island als solches.

Dass die Rahmenbedingungen dieses Studiums gerade zu Beginn einen gewissen Eindruck von ‚besserer Welt’ auf mich machten, habe ich ja bereits im letzten Kapitel geschildert. Nachdem dann anfängliche Probleme überwunden waren, loggte ich mich zum ersten Mal in das hiesige Uni-Netz ein – und kam aus dem Staunen kaum heraus. Das komplette Vorlesungsverzeichnis, Raum- und Stundenpläne, alles vor Beginn des Semesters online, etwas umständlicher zwar wenn man auf englische Versionen angewiesen ist, aber auch in diesem Falle immerhin irgendwie vorhanden. Jeder Kurs hat eine Homepage, auf der alle Teilnehmer wie auch der Dozent Dokumente hinterlegen, Webseiten verlinken, Gedanken austauschen können. Jeder Student findet in seinem Web-Account seinen persönlichen Stundenplan und auf seine Kurse zugeschnittene Nachrichten und Kalenderfunktion. Seine Prüfungsergebnisse kann man sich per Kurznachricht zuschicken lassen. Eine ADSL-Flatrate auf Uni-Kosten? Eine Frage von drei Mausklicks.

Und die Kurse? Ich habe in die undergraduate- wie auch die graduate-Kurse hineingeschnuppert. Zunächst allerdings ohne den Unterschied wirklich bewusst wahrzunehmen – ähnliches überwog: Vorab verfügbare sehr vollständige Materialien, massiver Einsatz neuester Medien. Präsentationen fand man nach der Veranstaltung auf der Kurs-Homepage. Die Kurse waren interessant, die Dozenten lebhaft und hilfsbereit, das Englisch gut verständlich. Bald stellte sich heraus, dass die Lehrweise zwischen den beiden Kursstufen stark differierte. In den undergraduate-Kursen war das Tempo zwar hoch, aber die erwarteten Leistungen von Anfang an klar. Lesen sie Buch X bis zur Sitzung Y. Überhaupt ein sehr hohes Lesepensum, und auch die Veranstaltungen gut gefüllt. Ein Dozent hing in der dritten Sitzung bereits um die Hälfte der zweiten hinterher. Verschleppt wurde dieser Rückstand jedoch nicht – das Tempo wurde an-, die Sitzungszeit überzogen. Zu Beginn der vierten Sitzung waren wir wieder im Plan. Lernerfolg wurde durch verschiedene Leistungsnachweise überprüft, zu erbringen waren Hausarbeit, Klausur, mündlicher Prüfung, Interview – und natürlich Beteiligung (nun gut, Anwesenheit). Kurse gern vierstündig. Alles in allem also ein hohes Tempo und ein solider Arbeitsaufwand mit dem Ziel des Erfassens und Wiedergebens von Inhalten; In meinen Augen leider manchmal ein wenig arg kleinschrittig. Auch hätte ich mir in einigen Fällen weitergehende Behandlungen einzelner Aspekte gewünscht, oder die Zeit, um dies selbst zu tun – aber der Zeitplan war meist eng und das Zeitfenster für die Hausarbeiten ebenfalls recht klein, da diese im laufenden Semester geschrieben werden mussten – neben den sonstigen ‚Hausaufgaben’.

Ganz anders dann die Herangehensweise in den graduate-Kursen. Dort war der Zeitplan weniger streng, intensiveres Erarbeiten der Themen wurde erwartet und ermöglicht. Leistungsnachweise über Hausarbeit und Referat, Beteiligung in den Diskussionen. Das Zeitfenster für die Hausarbeiten war hier großzügiger bemessen (man stieß sogar eher an die Grenzen der im Land verfügbaren Literatur als an die der Zeit).

Was bleibt also festzuhalten über das Studium in Island? Vor allem wohl zwei Dinge: Der Unterschied im Level der Veranstaltungen schlägt sich sehr konkret in der Methodik wieder. Darüber sollte man sich klar sein, wenn man sich daran macht, seine Kurse für ein Semester hier auszusuchen, da man als Austauschstudent relativ problemlos Kurse beider Level belegen kann. Weiterhin sollte man sich darüber klar sein, dass die Literaturlage zu bestimmten Themen gut ist - zu vielen jedoch eher dürftig. Vor der Themenwahl also am besten die Bibliotheksbestände prüfen. Und – natürlich, möchte man sagen – gibt es immer solche und solche Kurse, je nach Thema, Dozent, Termin, Teilnehmern. Im Endeffekt hat man den Aufwand, den man betreibt, selbst in der Hand – hier wie auch ‚zu Hause’.

Generell gilt, das ist noch zu betonen – und nicht nur im Studium, sondern in jedem Lebensbereich in den ich hier hereinschnuppern konnte: Die Isländer sind sehr hilfsbereit und im Zweifelsfall unbürokratisch. Bei Problemen erhält man schnell Hilfe, wenn man nur fragt. Dumme Fragen gibt es nicht. Ein Satz, den ich zu Beginn meines Studiums gleich mehrfach hörte. Hier, wie auch schon in Braunschweig.

 

Reykjavik den 05.01.2005

Christian Götter