Part III: Uni und Studium

Kapitel 1: Alte Bücher, neue Einrichtung

 

Im ersten Teil meines Berichtes von Island habe ich aufgezählt, was ‚man’ so über Island weiß, ohne vor Ort gewesen zu sein, Informationen, die bei einer ersten Recherche ans Licht kommen. Was ich dabei nicht erwähnt habe – aber wohl kaum ein Isländer unerwähnt gelassen hätte – sind die mittelalterlichen Texte. Die Sagas und später auch die Volkserzählungen, verfasst in der isländischen Sprache und somit auch Bestandteil des Überlebens dieser seit dem Mittelalter, haben für die Isländer eine hohe kulturelle Bedeutung. Nicht nur wegen ihres Inhaltes, sondern auch, weil sie für Islands ‚goldene Zeit’ stehen, vor dem Verlust der Unabhängigkeit an Norwegen und später Dänemark. Als diese Texte, die, gewissermaßen im Zuge dieses Verlustes, nach Dänemark gegangen waren, nach der Unabhängigkeit nun nach Island zurückgeholt wurden, war dies für die Isländer ein großer – nationaler – Triumph. Die Menschen feierten die Rückkehr der mittelalterlichen Texte geradezu und heute ist ihnen eine Ausstellung gewidmet, in der man einiges über ihren Werdegang erfahren kann. Aber auch ein Institut an der Universität ist nach einem Sammler der alten Texte benannt, Straßen in Reykjavik heißen nach Figuren der alten Sagas. Und in den Schulen werden die alten Texte gelesen. Die Kenntnis dieser Texte, der isländischen Vergangenheit, wird von vielen Isländern als enorm wichtig für das Dasein als Isländer empfunden, wie man in Umfragen erfahren kann. Als ich dies alles zum ersten Mal mitbekam wähnte ich mich im Schlaraffenland der Historiker: eine ganze Nation voller Menschen die ihre Geschichte als ein Gebiet von zentraler Bedeutung erachten? Tatsächlich ist an diesem ersten Eindruck viel Wahres dran. Natürlich ist es auch eine Frage der Generationen. Interessanterweise auch eine des Nationalismus, der hier sehr ausgeprägt ist. Da entfernt sich dann auch das Interesse an der Geschichte vom Interesse an der wissenschaftlichen Geschichte. Aber immerhin wird diese hier auch mit Eifer betrieben, von der Archäologie ganz zu schweigen.

Doch Geschichte ist bei weitem nicht das einzige Gebiet der Wissenschaft, das auf Island vorangetrieben wird. Tatsächlich sind es viele mehr – Bildung allgemein wird als enorm wichtig angesehen. Wieder sah ich, der ich Kürzungen im Bildungshaushalt im Hinterkopf hatte, mich geradezu paradiesischen Zuständen gegenüber. Gut, einige Gebäude der Universität wirken eher trist und grau. Aber dies war die isländische Architektur dieser Zeit. Schon beim Anmelden als Student kam es zu Problemen und langen Wartezeiten. Aber technische Probleme gibt es überall – und Dinge auf den letzten Drücker zu erledigen ist, wie ich erfuhr, typisch isländisch. Immer gemäß dem Motto ‚das wird schon’. Und dann waren die Uni-Gebäude im Inneren ja auch wesentlich angenehmer als von außen. Die Hörsäle modern, gepolsterte Stühle, Netzwerkzugang und Stromanschluss am Platz, Funknetzwerke überall, moderne Rechnerpools und – sehr wichtig – gut beheizte Räume. Und die Bibliothek! Umgeben von einem Wassergraben als die einzige Burg Islands, wie nicht nur einige Studenten scherzten. Sinngemäß: ‚Unsere einzige Burg – und wir errichteten sie um Bücher.’ Da war sie wieder, die Begeisterung für Bildung und Wissen an sich. Im Inneren der Bibliothek ebenfalls moderne Arbeitsplätze, Internetzugang – und gepolsterte Liegen für erholsamstes Lesen (oder ein Schläfchen zwischendurch, ich will ehrlich sein). Traumhaft.

Dann allerdings fielen einem irgendwann sehr viele Kinder auf, die an Vormittagen in der Stadt unterwegs waren. Sollten die nicht in der Schule sein? Ja, sollten sie. Aber die Lehrer, chronisch unterbezahlt vom Staat, streikten. Über viele Wochen. Nicht unüblich, wie man erfahren konnte. Und schließlich begann man, Bücher, die man brauchte, nicht zu finden. Gerade in Benutzung. Das einzige Exemplar. Gut, das kommt vor. Problematisch wurde es auch, wenn man ein Thema bearbeitete, dass zufällig nichts mit Island zu tun hat. Da wird die Luft schnell dünn, Bücher selten. Schließlich machte ich die Probe aufs Exempel und suchte über den elektronischen Katalog der Bibliotheken – er beinhaltet scheinbar sämtliche Bibliotheken des Landes – einen meiner Lieblingsautoren. Einen recht bekannten Autor und Pulitzerpreisgewinner. Nicht vorhanden. Keines der Bücher. Im ganzen Land nicht? Das Traumland war doch nicht ganz so traumhaft, wie es zunächst schien. Am Geld scheitert auch hier einiges. Ein Dozent formulierte in etwa so: ‚Die Isländer halten sehr viel von Bildung – aber sie wollen nicht viel dafür bezahlen.’

Alles nur gute Vorsätze also – nicht so viel anders als daheim. Oder doch? Ein befreundeter Student suchte Bücher für ein etwas abseitiges Thema. Die gab es nicht in den ‚normalen’ Bibliotheken. Schließlich aber fand er sie doch. In der Bibliothek des Außenministeriums. Nach einer eintägigen Vorwarnfrist konnte er diese benutzen. Und einen Internetzugang gab es dort auch.

 

Reykjavik den 05.01.2005

Christian Götter