Part II: Land und Leute

Kapitel 3: Nach der ersten Erkältung sind sie schon ein halber Isländer

 

Langsam aber sicher ist der Winter über Island hereingebrochen. Nachdem es vereinzelt schon vor Wochen geschneit hatte und insbesondere die Berge, deren Gipfel von der Stadt aus zu sehen sind, inzwischen in relativ dauerhaftes weiß getaucht sind, hatten wir auch hier in Reykjavik in der zweiten Novemberwoche den ersten dauerhafteren Schnee und Temperaturen die bis auf 12° C fielen. Minus 12° C, um genau zu sein. Inzwischen allerdings liegt die durchschnittliche Tagestemperatur wieder bei ein paar Grad über Null, der Schnee ist weitgehend gewichen und nach einigen trockenen Tagen nun vom Regen endgültig hinweggespült worden. Und während man als Besucher in warme Jacken gehüllt durch die weihnachtlich geschmückten Straßen der Stadt schlendert fallen einem immer wieder die Isländer auf, genauer gesagt, ihre Art mit dem Wetter umzugehen.

 

Bereits in den ersten Tagen hier lernt man zwangsläufig, mit dem Regen zu leben. Man hat schlicht und einfach kaum Möglichkeiten, etwas gegen ihn zu unternehmen. Regenschirme sind schon bei durchschnittlichen Windstärken nicht zu gebrauchen – weswegen man solche auch nur selten zu Gesicht bekommt. Spätestens aber wenn der Wind das Wasser parallel zum Boden durch die Stadt peitscht und die Nässe von unten her unter die Regenjacken klettert, erkennt man, dass man keine andere Wahl hat, als den Regen zu akzeptieren. Ist man dann erst einmal eine Weile hier, wird man anfangen, den ‚normalen’ Regen, also denjenigen, der zumindest annähernd von oben herabfällt, als angenehm zu schätzen – schließlich bedeutet ein solcher Regenschauer, dass der Wind sich gerade ruhig verhält.

 

Sicherlich wird man sich bei diesem Gewöhnungsprozess zumindest einen leichten Schnupfen, im Normalfall aber doch eher eine zünftige Erkältung zuziehen. Dies zumindest ist die Erwartung, die ein Dozent an der Universität seinem Kurs aus Austauschstudenten gegenüber zum Ausdruck brachte – kombiniert mit dem Versprechen, dass man mit dieser Erkältung dann den halben Weg zum Dasein als Isländer hinter sich gebracht habe. Hierüber mag man denken wie man möchte, tatsächlich aber ist eine entspanntere Haltung dem Wetter gegenüber unter den nun ‚halben Isländern’ nicht zu verneinen. Mit dem Regen, wie bereits erwähnt, findet man sich recht schnell ab. Und auch Schnee und Straßenglätte begegnet man schon bald mit einer eher lockeren Einstellung. Man geht schlicht und einfach langsamer – oder bemüht sich so weite Strecken wie irgend möglich über beheizte Gehwege zurückzulegen – den Beobachtungen im Sommer nach zu schließen eine Bequemlichkeit, die sich die Isländer auch für die eigenen Einfahrten anzuschaffen beginnen. Und wenn man dann also in seiner warmen Winterkleidung eine solche von jeglicher Glätte befreite Ecke der Straße erreicht hat und seine Aufmerksamkeit wieder stärker seinen Mitmenschen als der Bodenbeschaffenheit zuwenden kann, dann wird man unweigerlich die tatsächlichen Isländer erkennen.

 

Ich möchte hiermit keinesfalls behaupten, dass alle Isländer kurz berockt oder im modisch halboffenen Hemd über T-Shirt durch Reykjaviks Novembernächte ziehen. Einige aber praktizieren dies – und geschlossene Mäntel oder gar zugezogene Kapuzen habe ich selbst bei Schneefall nur selten gesehen. Und wenn, dann befand sich unter der Kapuze meist ein Besucher der Insel. Wahrscheinlich ist der Weg zum Isländer doch ein wenig weiter als ein paar Tassen heißen Tees oder einige Packungen Taschentücher.

 

Reykjavik den 28.11.2004

Christian Götter