Informationen zum historischen Kontext der Quelle

 

Du hast nun die Literatursuche hinter dir und sitzt vor einem Berg von Büchern? Dann ist es jetzt an der Zeit, sich aus diesen diejenigen Informationen herauszusuchen, die du brauchst, um die Quelle in das damalige Geschehen einordnen zu können. Nur so kannst du ein vollständiges Verständnis deiner Urkunde erlangen und ihre Funktion als Quelle korrekt entschlüsseln.

Für historische Persönlichkeiten und Wörter, die dir fremd sind, raten wir dir an erster Stelle immer zuerst einen Blick in das Lexikon des Mittelalters zu werfen. Dieses Werk bietet dir zu Beginn verschiedene Artikel zu zahlreichen mittelalterlichen Begriffen und Person

  • Angermann, Norbert (Hrsg. u.a.): Lexikon des Mittelalters. 9 Bde. und ein Registerband. München, Zürich 1979-2003.

Wie aber bearbeitet man eine Urkunde als Quelle in einem historischen Kontext? An dieser Stelle gibt es zwei Möglichkeiten: Zum einen kannst du dich mit der Funktion der Quelle an sich beschäftigen, zum anderen die Quelle wiederum als Quelle für andere historische Prozesse nehmen. In beiden Fällen können unterschiedliche Themen im Mittelpunkt stehen und folglich andere Fragen an die Quelle gestellt werden. Bezogen auf unsere Quelle können wir sie also in soziale, wirtschaftliche oder politische Entwicklungen einordnen. So ist es zum Beispiel möglich, nach den einzelnen Parteien und dem Verhältnis zwischen Aussteller und Empfänger der Urkunde zu fragen. Man kann aber auch über den Inhalt hinaus gehen und unsere Quelle in weitläufigere Entwicklungen einordnen: Das 12. und 13. Jahrhundert war die Zeit in Mitteleuropa, in der die Städteentwicklung einen großen Aufschwung erlebte. Wie erging es in diesem Zeitraum zum Beispiel der Stadt Braunschweig? Welchen Veränderungen unterlagen Stadt und Herzogtum unter Otto?

Eine Zusammenfassung des historischen Hintergrundes mit Schwerpunkt auf Ottos Stadtverwaltung und der Geschichte Braunschweigs könnte bei Otto dem Kind wie folgt aussehen:  

Im Jahre 1213 starb der welfische Herzog Wilhelm von Lüneburg, der jüngste Sohn Heinrich des Löwen, und die Herrschaft Lüneburg fiel an seinen einzigen, 1204 geborenen Sohn Otto. Da Otto aber noch unmündig war (daher auch der Beiname „das Kind“!), übernahm zunächst seine Mutter Helene bis 1218 die Herrschaft für ihn. Nach dem Tod von Wilhelms beiden nachfolgerlosen Brüdern, Kaiser Ottos IV. 1218 und Pfalzgraf Heinrich 1227, ging deren Erbe nach und nach an ihren Neffen, Otto das Kind, über, bis dieser den gesamten welfischen Familienbesitzes, zu dem vor allem die Stadt Braunschweig gehörte, unter sich vereinigte. Während seiner Herrschaft sicherte Otto seine welfischen Rechte und Besitzungen. Er eroberte verlorene Städte wie Göttingen zurück und verlieh seinen Städten Stadtrechtprivilegien. Durch Rechtsverleihungen und Pfandschaften sicherte er sich die Gunst seiner Bürger und festigte somit seine Stellung als Stadtherr. 1235 begab sich Otto das Kind auf den Mainzer Hoftag, an dem der lang andauernde Konflikt zwischen Staufern und Welfen beigelegt wurde. Kaiser Friedrich II. vereinigte die Stadt Braunschweig und die Burg Lüneburg und der dazugehörigen Gebiete und bildete das Herzogtum Braunschweig-Lüneburg. Dieses verlieh er als Fahnenlehen an Otto das Kind, der somit zum Herzog und Reichsfürst ernannt wurde. 

In den darauf folgenden Jahren bis zu seinem Tod am 9. Juni 1252 betrieb Otto eine Realpolitik zur dauerhaften Etablierung der welfischen Macht für seine zehn Kinder, die aus der Heirat mit der Tochter des Markgrafen Albrechts II. von Brandenburg, Mathilde, hervorgegangen waren. 

 

Ottos Vorgehen in der Verwaltung wurde durch die Festhaltung in Urkunden gewährleistet, welche in einer fürstlichen Kanzlei erstellt wurden, die im Vergleich zu ihren Vorgängern weiter ausgebaut und folglich leistungsfähiger war.
Die Verschriftlichung stellt einen bedeutenden Wandel in der Gesellschaft des Mittelalters dar. Wenn dich dieses Thema interessiert und du noch mehr Informationen zu der Verhältnis von Schrift und Herrschaft im Mittelalter erhalten möchtest, dann schau doch mal nach in:

  • Stein, Peter: . Darmstadt 2006.

In dem Zeitraum Ottos letzter Regierungsjahre fällt auch 1250 die Verpfändung der Wendenmühle an das neue Marienhospital. Die Wendenmühle lag auf der Südseite der heutigen Schubertstraße in Braunschweig in der Nähe des Wendentores am Wendenmühlengraben. In ihrer langen Geschichte war die Mühle hauptsächlich Mahl- und Schrotmühle für Korn und Malz, unterlag aber mehrfachen Umbauten und wurde auch als Schleifmühle genutzt. Nachdem das Marienhospital sie bereits 1254 an den Nachfolger Ottos zurückgegeben hatte, wurde der Betrieb der Mühle im Jahre 1850 eingestellt. Die Wassermühle ging vom herzoglichen in Privatbesitz über und diente von da an gelegentlich als Fabrik. 1894 dann wurde die Wendenmühle abgerissen und auf ihrem und dem benachbarten Gelände Wohnhäuser gebaut, die jedoch teilweise im Zweiten Weltkrieg zerstört wurden.

Der besitz einer Mühle stellte in der damaligen zeit einen wirtschaftlichen Vorteil dar. Möchtest du mehr darüber erfahren, inwiefern Mühlen als technische Innovationen im Mittelalter gewirkt haben? Dann empfehlen wir dir:

  • Schulz, Knut: Handwerk, Zünfte und Gewerbe : Mittelalter und Renaissance. Darmstadt 2010.

Das Marienhospital (auch Hospital Beatae Mariae Virginis oder Unsere Lieben Frauen) war im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit das größte Hospital der Stadt Braunschweig. Die Bewohner der Altstadt entschlossen sich zum Bau eines solchen Gebäudes und es wurde eine Bürgerinitiative gebildet, die für die Gründung und die Ausstattung Sorge trug. Dieses Projekt wurde am 13. November 1245 von Herzog Otto dem Kind in Form einer Urkunde bestätigt. Bereits 1278 jedoch fiel das Hospital, das an der Grenze zur Altenwiek an der Straße Hinter Liebfrauen errichtet worden war, einem Brand zum Opfer und musste wieder aufgebaut werden. In der darauf folgenden Zeit eignete sich das Spital zahlreiche Besitzungen in Braunschweig und dessen Umgebung an und entwickelte sich dadurch zu einer wirtschaftlich dominierenden Fürsorgeanstalt. Es wurde Betreuungsort für eine große Zahl an Alten, Armen und Kranken, von denen einige bis zur Reformation auch zahlende Dauerinsassen waren. Im Jahre 1677 wurde das Spital von Herzog Rudolf August in ein „Armen-, Waisen-, Zucht- und Werkhaus“ umgebaut. 1785 schließlich mussten das Hospital und die Kapelle St. Mariae dem Großen Waisenhaus B.M.V. weichen.

 

Wenn du dir diesen Überblick über deine Quelle eingeholt hast, ist die Grundlage für eine erfolgreiche Urkundeinterpretation bereits gelegt! Gut gemacht!
Darauf kannst du jetzt aufbauen und wer weiß, vielleicht ist das ja der Anfang eines Hausarbeitsthemas…

 

Neben den oben bereits erwähnten weiterführenden Ansätzen gibt eine noch eine Reihe weiterer Möglichkeiten. Dir könnte beispielsweise eine der folgenden Fragen als Ansatz für eine Hausarbeit dienen:

 

  • Welche Rolle hatte ein Spital für eine Stadtgemeinschaft?
  • Warum förderte Otto das Marienhospital?
  • Inwiefern ist die vorliegende Urkunde ein Beispiel für den hochmittelalterlichen Wandel zur Schriftlichkeit?
  • Welche Rolle kam den Urkunden in dieser Zeit zu?
  • Wer sind die Zeugen, die auf der Urkunde aufgeführt sind?
  • Welche Bedeutung hatte der Erhalt der Wendenmühle für das Spital?
  • Wer war der Notar Heinrich?

 

 

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