Part II: Land und Leute

Kapitel 1: Sightseeing: Þingvellir

 

Eigentlich sollte dieser Bericht anders beginnen, als es jetzt der Fall ist. Kaum hatte ich aber die ersten Zeilen getippt, als mir auffiel, dass ich bereits zwei von drei Berichten mit dem Wörtchen ‚nachdem’ begonnen hatte. Das konnte so nicht weitergehen – darum hier also ein etwas unkonventioneller Anfang – und das am Beginn von Part II meines Islandberichtes. Denn wie schon im letzten Bericht geschildert, hatten sich meine Erwartungen gegenüber dem Land endlich den Realitäten angepasst. Nicht, dass ich nicht mehr überrascht werden würde, im Gegenteil. Aber Überraschungen sind praktisch zur Erwartungshaltung geworden. Von daher hier nun also ein erster Bericht über ‚Land und Leute’.

 

Als Austauschstudent hat man hier in Reykjavik – wie wahrscheinlich an den meisten Gastuniversitäten – ein äußerst unterhaltsames Rahmenprogramm zur Verfügung, mit dessen Hilfe man Land und Leute kennen lernen kann und soll. Dazu gehören Kostproben isländischer Küche – und ich darf an dieser Stelle mitteilen, dass ich zum ersten Mal wirklich Gefallen an Schokolade mit Minzfüllung gefunden habe – und, völlig klar, Ausflüge. Bei diesen wird dem Gast des Landes einiges geboten, begonnen mit einem Strandspaziergang über das beliebte ‚Whale Watching’ bis hin zu ganztägigen Touren zu touristischen Attraktionen, wie zum Beispiel dem Nationalpark Þingvellir. Diese Ebene ist für Island und die Isländer von herausragender Bedeutung, tagte hier doch in den Zeiten der ersten Siedler die Versammlung der gođar und damit gewissermaßen das Parlament. Und auch später war die Ebene immer wieder Kristallisationspunkt isländischen Nationalbewusstseins, zuletzt bei der Feier zum fünfzigjährigen Bestehen der Republik Island 1994, als tausende Isländer in der Ebene zusammenströmten. Ganz wie in alten Tagen. Vielleicht mit dem Unterschied, dass nicht alle ankamen und statt einer großen Feier im Freien einen ganzen Abend im Auto verbrachten. Was wohl auch für einige der Darsteller der dargebotenen Vorführungen galt. Doch dies nur am Rande.

 

Aber auch für Nicht-Isländer ist Þingvellir ein eindrucksvoller Ort – denn die Ebene liegt auf der Bruchstelle zwischen der Amerikanischen und der Eurasischen Kontinentalplatte und bietet somit neben dem faszinierenden Anblick der gewaltigen Spalten und Risse gewissermaßen die Möglichkeit, von Europa nach Amerika zu gelangen. Trockenen Fußes und ohne Zoll oder biometrische Daten im Ausweis. Und wie auch anderswo in Island kann man hier einen Wasserfall bestaunen. Dieser ist allerdings im Unterschied zu den meisten Wasserfällen nicht natürlichen Ursprungs. Die Wikinger nämlich, die einst Island besiedelten und in Þingvellir ihre Versammlungen abhielten, benötigten natürlich Wasser – zum Trinken, Kochen, Waschen. Da sie aber allem Anschein nach – verständlicherweise möchte man meinen – nicht bis zum Fluss auf dem ‚amerikanischen’ Plateau klettern wollten wann immer sie Wasser benötigten, beschlossen sie, sich eines alten Sprichwortes zu bedienen: ‚Wenn der Wikinger nicht zum Fluss will, muss der Fluss eben zum Wikinger kommen’ – oder so ähnlich. Auf jeden Fall wurde der Fluss, so erfährt man von seinen isländischen Reiseleitern, umgeleitet und stürzt seitdem von der westlichen Steilwand hinab in die Ebene, um sich dort nach wenigen Windungen in den größten See Islands, Þingvallavatn, zu ergießen. Ob man hieraus schließen darf, dass schon für den Wikinger Wasser nicht gleich Wasser, und fließendes solches eine Selbstverständlichkeit war?

 

Wahrscheinlich nicht. Ich werde dennoch darüber nachsinnen, bevor ich von weiteren Wasserfällen erzähle. Und vielleicht auch noch von Schafen.

 

Reykjavik den 28.09.2004

Christian Götter