Part I: Erwartungen und Überraschungen

Kapitel 3: Jetzt habe ich alles gesehen

 

Nachdem ich in meinen ersten Wochen hier nicht wesentlich mehr von Island gesehen hatte als seine Hauptstadt und deren direkte Umgebung, reizte es mich doch sehr, etwas mehr von dem Land, von seiner Natur zu sehen. So machte ich mich also mit ein paar Gleichgesinnten für ein Wochenende auf den Weg in den Norden des Landes. Bis dahin wusste ich nur wenig über diese Ecke Islands. Aus meinem Reiseführer hatte ich erfahren, dass es dort einige sehenswerte Wasserfälle gibt und die Isländer, mit denen ich mich unterhalten habe, erklärten mir immer wieder, dass das Wetter im Norden im Allgemeinen besser sei als im Süden. Speziell dieser Punkt war doch recht ansprechend, denn am Morgen unseres Aufbruchs aus Reykjavik regnete es in Strömen.

 

Wirklich besser wurde das Wetter dann allerdings auf unserem Weg in den Norden nicht. Zumindest aber blieb es ‚isländisch’, also wechselhaft, und zwischen den Regenphasen blieb uns oft genügend Zeit, das Auto für eine kleine ‚Sightseeing-Tour’ zu verlassen. Einen Grund für eine solche nähere Betrachtung der Umgebung fanden wir dabei oft genug.

Hat man erst einmal das Besiedlungszentrum im Südwesten hinter sich gelassen, findet man nur selten wirkliche Ortschaften. Entlang der Ringstraße sieht man vielmehr vereinzelte Gehöfte, oft auch mit eigener kleiner Kirche, inmitten einer weiten Landschaft, die von grünbraunen Tälern und schroffen Bergen dominiert wird. Dabei wurde die Gegend immer beeindruckender, als wir uns unserem Ziel, dem Mývatn-Gebiet, näherten. So war der Abend schon hereingebrochen, als wir den ersten großen Wasserfall erreichten: den Gođafoss. Über eine zehn Meter hohe (oder eher tiefe?) Stufe stürzen hier nicht geringe Wassermassen in einem weiten Halbrund hinab. Dabei teilen zwei Landbrücken das Wasser in zwei breite äußere und einen kleinen inneren Wasserfall. Ich jedenfalls war sehr beeindruckt. Nach diesem Tag der Fahrt durch weite Fjordlandschaften, schmale Täler, vorbei an Lavawüsten und grasbestandenen Ebenen, rief der Anblick dieses Wasserfalls einen Gedanken in mein Bewusstsein, der zwar etwas übertrieben scheint, sich aber angesichts derartiger Schauspiele schon einmal bemerkbar machen darf. Für einen kurzen Moment dachte ich also bei mir: ‚Jetzt habe ich alles gesehen.’

 

 Tatsächlich war die Weiterfahrt recht unspektakulär, was vor allem auch daran lag, dass es schnell dunkel wurde. Der nächste Tag begann dann am Ufer des Mývatn, also des ‚Mückenwassers’, eines großen Sees und beliebten Touristenziels. Von dort fuhren wir in Richtung Westen, auf eine kleinere, von Rot- und Gelbtönen geprägte und völlig leblos wirkende Bergkette zu. Von der Passhöhe blickten wir dann auf eine Ebene, deren weit über 50 Kilometer entfernt liegendes Ende von einer weiteren Bergkette begrenzt wurde – und die tiefschwarz unter dem blauen Himmel lag. Bevor wir aber der Straße in die dunkle Weite folgten, stoppten wir am Fuß der rötlichen Berge in einem Solfatargebiet voller brodelnder Schlammlöcher, dampfender Felsen und lebloser Erde. Und als ich dort inmitten des erdrückenden Schwefelgeruchs der zischenden Dampfwolken stand, schob sich schon wieder dieser offensiv-endgültige Erlebnisqualifikationsgedanke in mein Bewusstsein: ‚Jetzt habe ich alles gesehen.’ Obwohl ich mir im Nachhinein nicht mehr sicher bin, ob er nicht eher ‚Jetzt habe ich alles gerochen’ lautete. Da wir jedenfalls genug gerochen hatten, setzten wir unsere Fahrt fort.

 

Das nächste Ziel war der größte Wasserfall Europas (laut Reiseführer zumindest) – der Dettifoss. Der Weg dorthin führt durch die bereits erwähnte schwarze Ebene, in der sich bei näherer Betrachtung allerdings einiges an Bodenbewuchs und auch hin und wieder eine Gruppe Schafe fand. Nach über vierzig Kilometern zweigt dann von der Ringstraße eine Schotterpiste in Richtung Norden ab. Nach einer halbstündigen Rüttelpartie zeichnete sich dann die Schlucht ab, die von dem durch die Ebene fließenden ‚Jökulsá á Fjöllum’ in das weichere Gestein geschliffen wurde, und bald darauf sahen wir die über der Schlucht wabernde Gischtwolke des Dettifoss. Dieser ist nur einer von vier Wasserfällen in besagter Schlucht, aber – wie bereits erwähnt – der größte. In einer einzigen Stufe stürzt sich das Wasser 44 Meter zwischen den Felswänden hinab, die Luft ist von schwebenden Wassertropfen erfüllt, die sich am Gestein beiderseits des Dettifoss niederschlagen und in unzähligen Kleinstwasserfällen hinabrinnen. Dreht dann der Wind kann man den Eindruck erhalten in einem plötzlichen Regenguss zu stehen, und über all dem dröhnt das fallende Wasser so laut, dass ich den schon bekannten Gedanken diesmal beinahe überhört hätte: ‚Jetzt habe ich alles gesehen.’

 

Mir war klar, dass ich diesen Gedanken, so abstrus es auch sei, nicht das letzte Mal gedacht haben würde, als wir bereits wieder in unseren Autos saßen und auf Vulkankrater und bizarre Lavaformationen zusteuerten.

 

Reykjavik den 06.09.2004

Christian Götter