Part I: Erwartungen und Überraschungen

Kapitel 2: Ganz wie zu Hause

 

Nachdem ich in meinem vorigen Bericht vom sommerlichen Wetter hier in Reykjavik berichtet habe und selbiges noch am Abend gleich wieder verschwand, möchte ich zu diesem Thema jetzt lieber schweigen. Stattdessen werde ich ein paar irgendwie heimisch wirkende Eindrücke wiedergeben, die Reykjavik und das Leben in der isländischen Hauptstadt in diesen ersten Wochen bei mir hinterlassen haben.

 

Auf der Fahrt vom internationalen Flughafen in Keflavik (sprich: Keplawiek) nach Reykjavik hatte ich zunächst den Eindruck, in einer Ecke der Welt zu sein, in der kaum irgendetwas wie 'daheim' sein könnte. Der Bus wurde von Windböen hin und her geschaukelt, der Regen wurde derart gegen die Scheiben gedrückt, dass man kaum einmal einen Blick nach draußen werfen konnte – und wenn das doch gelang sah man weite, schwarze Geröllwüsten wohin man auch blickte. Dann aber spielte der Radiosender, den der Busfahrer gewählt hatte, die auch bei uns bekannten amerikanischen Rock- und Pop-Stücke der letzten 40 Jahre – grob geschätzt. Von da an begann ich darauf zu achten, ob sich nicht noch mehr Ähnlichkeiten finden lassen würden.

 

Und tatsächlich entdeckte ich einige. Beispielsweise im Straßenverkehr. Am ersten Wochenende hier hatte ich zunächst den Eindruck, hier wäre alles viel gelassener, die Straßen frei und die Kraftfahrer und –innen entspannter. Das aber lag schlicht und einfach daran, dass das Wochenende von einem Feiertag gekrönt wurde und sich im Grunde kein einziger Einheimischer in der Stadt aufhielt. Schon in der nächsten Woche konnte ich mehrmals beobachten, wie abbiegende Autofahrer dezent akustisch darauf hingewiesen wurden, dass eine Lücke im Gegenverkehr sicher groß genug oder die Ampel bereits umgesprungen sei. Ganz wie zu Hause. Nur, dass ich die Szene hier nicht gestresst im Auto sondern schmunzelnd am Straßenrand erleben durfte.

 

Aber es ist natürlich nicht nur der Straßenverkehr, der an zu Hause erinnert. Bei einem Spaziergang im botanischen Garten der Stadt zum Beispiel, wurde ich von zwei Herren in Anzug angesprochen. Sie schienen meinen sehr entspannten Gesichtsausdruck (ich pausierte gerade auf einer Bank in der Sonne) wahrscheinlich für einen gelangweilten gehalten zu haben und wollten mir aus dieser Misere helfen. Also boten sie mir kostenlos und beinahe unverbindlich eine Zeitschrift namens ‚Watchtower’ an. Ich lehnte dankend ab. Ganz wie zu Hause.

 

Schließlich möchte ich noch etwas erwähnen, dass hier in Island um keinen Deut anders ist als bei uns in Deutschland: Meine Handschrift. Die Menschen weigern sich, meine von Hand verfassten Texte korrekt zu verstehen. Das führt nicht nur zu Korrekturen bei Hausaufgaben im Sprachkurs, sondern auch dazu, dass ich nicht länger aus Braunschweig stamme. Meine Heimatstadt laut den hiesigen Behörden ist Braundsweg. Gut das zu wissen. Ich schließe also mit der Hoffnung, dass diese Zeilen hier dem Leser weniger Interpretationsspielraum aufbürden.

 

Reykjavik den 28.08.2004

Christian Götter