Part I: Erwartungen und Überraschungen

Kapitel 1: Das Wetter

 

‚Schreib doch etwas über Island.’ Das hatte ich mir vorgenommen und daran hat mich Christian Frey vor kurzem auch noch einmal erinnert. Worüber aber sollte ich schreiben? Das Semester beginnt erst Anfang September, somit scheidet ein Bericht über Studium, Studenten, Dozenten und das Leben an der Uni weitgehend aus. Auch der Sprachkurs, an dem unter vielen anderen Exchange-Students aus allen Ecken der Welt, vor allem aber Europas, auch ich teilnehme, ist noch nicht so weit fortgeschritten, dass ich ein zutreffendes Gesamtbild zeichnen könnte. Ich muss also ein anderes Thema heranziehen. Was nun läge näher, als meine ganz persönlichen ersten Eindrücke zu schildern und auf die Frage einzugehen, wie man sich Island vorzustellen hat?

 

Denkt man an Island, fallen einem neben all den Geschichten um Wikinger, Fischereigrenzen, Islandpferde und Wale vor allem zwei Dinge ein:

1. Island ist kalt.

2. Island ist teuer.

Beschäftigt man sich dann aus der Ferne etwas näher mit der Insel, so erfährt man schon einiges Erstaunliches. Zunächst ist festzuhalten, dass die Isländer über eine eigenständige Sprache verfügen, woran auch eine lange Fremdherrschaft nichts geändert hat. Außerdem sind sie recht stolz auf ihre Eigenständigkeit. Schließlich wird man noch auf die Fortschrittlichkeit im Bereich der Telekommunikation stoßen. Mit solchen und einigen anderen Informationen gerüstet startete ich also in den Aufenthalt auf der Insel im Nordatlantik – und erlebte nicht wenige Überraschungen. Einige davon waren auf mangelnde Verarbeitung vorhandener Informationen meinerseits zurückzuführen, andere auf das schlichte Fehlen von Informationen.

 

Bei meiner Ankunft hier am 29. Juli um kurz nach elf Uhr Abends konnte ich zunächst feststellen, dass die Sonne noch schien. Jedenfalls bis zu Beginn des Landeanflugs und dem damit verbundenen Unterschreiten der Wolkengrenze. Unterhalb besagter Wolken regnete es nämlich ununterbrochen. Auch an den folgenden Tagen war Regen ein regelmäßiger Begleiter, mal goss es wie aus Eimern, mal nieselte es angesichts fortgesetzten Sonnenscheins beinahe unmerklich aus vorüberziehenden vereinzelten Wolken.

‚Dir gefällt das isländische Wetter nicht? Dann warte bitte fünf Minuten.’ So lautet angeblich ein altes isländisches Sprichwort. Oft trifft es auch zu. Oft, aber eben nicht immer. Heute ist Sonnabend der 14. August 2004 – und der vierte Tag einer Hitzewelle, die Island gerade erlebt. Am Mittwoch kletterte das Thermometer in Reykjavik auf über 24° Celsius. Der wärmste Tag seit Aufzeichnungsbeginn, wie man mir sagte. Der nächste Tag brachte dann, so sagte man mir (ich habe leider kein Thermometer dabei um dies selbst zu prüfen), über 27°. Schon wieder Rekord. Der gestrige Tag begann dann genauso wie seine beiden Vorgänger, endete allerdings mit einer düsteren Wolkendecke. Und heute? Ich sitze in T-Shirt und kurzer Hose im Garten, während ich dies hier tippe. Da die Temperaturen aber durchaus zu anderen Betätigungen einladen, beende ich dieses Kapitel hiermit.

 

Reykjavik den 14.08.2004

Christian Götter