Was wäre gewesen, wenn?

von Robert Cowley (Hg.)

Knaur 77609

400 Seiten, TB

2002; 8.90 Euro

 

 

Man bezeichnet sie als die geheimste Leidenschaft des Historikers, eine Frage, die so anrüchig scheint, daß jeder, dem man sie unterstellt, davor fast entrüstet zurückschreckt und meint, er stelle sich solch eine Frage nicht. Nein, das wäre unseriös, unwissenschaftlich und entbehre im übrigen jeder Grundlage. Historiker beschäftigten sich doch mit dem, was geschehen ist, nicht mit der Frage Was wäre gewesen, wenn?

Diese Entrüstung ist künstlich.

Jeder Historiker von Namen, den man sich denken kann, hat irgendwo in seinen Werken mehr oder weniger lange Passagen, in denen er sich Gedankenspiele gestattet und ausmalt, was nicht geschehen ist: was wohl hätte geschehen können, wenn jener Feldherr nicht an diesem Tag schlecht geschlafen hätte; wenn er seinen Soldaten eine Ruhepause gegönnt hätte, um sie erst dann in den Kampf zu führen. Die Weltgeschichte könnte anders ausgegangen sein, wenn man bestimmte Dinge getan oder unterlassen hätte. Das geht bei so profanen Dingen wie einem falschen Abendessen los und hört bei verlorenen Nachrichten oder Statusgehabe auf, das der offensichtlichen Logik der Entscheidungen mitunter im Weg steht.

Lange Zeit behandelten die Historiker von Namen dennoch die sogenannte Spekulation, die Frage, "Was wäre gewesen, wenn?" herablassend, geringschätzig. Inzwischen hat sich das Blatt etwas gewendet, ja, es ist ein regelrechter Zweig der Geschichtswissenschaft entstanden, der sich mit kontrafaktischen Geschichtsverläufen beschäftigt (von kontra factum = etwas, das gegen die Tatsachen verstößt bzw. sich nicht ereignet hat). Die einen sprechen von kontrafaktischer Geschichte, andere von "virtueller Geschichte", was dasselbe meint und nur vornehmer klingt.

Bei solchen Untersuchungen wird die Grenze, die Geschichtswissenschaft und Science Fiction trennt, regelmäßig eingerissen. Deshalb ist dieses Gebiet so eminent wichtig für die SF, gewissermaßen ein Feld interdisziplinärer Forschungen. Hier stoßen arrivierte Historiker in die Gefilde der Phantastik vor, in parallele Welten, in alternative Räume, in denen Imperien entstanden, die es nie gab; in denen Reiche untergingen, obwohl sie in unserer Zeit weiterbestanden. Hier starben wichtige Leute früher oder lebten länger, und die sich daraus ergebenden Folgewirkungen sind mitunter von einer extremen Dra-matik.

Robert Cowley, der Gründer des Quarterly Journal of Military History (MHQ), hat sich im Jahre 1999 die Mühe gemacht, ausgehend von dieser geänderten Haltung der Historiker - insbesondere natürlich der Militärhistoriker - Experten zu befragen, was sie als Wendepunkte der Geschichte betrachten würden und wie die Geschichte wohl anders hätte verlaufen können, wenn sie gewissermaßen "am Rad der Zeit drehen könnten".

Herausgekommen ist ein Band mit beeindruckenden und manchmal erschreckend deprimierenden Geschichten, mit Verläufen, die dem halbwegs historisch gebildeten Leser die Haare zu Berge stehen lassen.

Ein paar Beispiele gefällig?

Im Jahre 701 vor Christus stehen die jüdischen Reiche vor der Kapitulation. Eine Stadt nach der anderen fällt an die assyrischen Eroberer unter König Sanherib. Nur eine kleine, unbedeutende Ortschaft namens Jerusalem wehrt sich hartnäckig gegen die Eindringlinge und wird belagert. König Hiskia von Juda vertraut auf seinen Gott Jahwe und auf die Wehrfähigkeit seiner Stadtmauern. Er hat Glück: eine Seuche wütet unter den Belagerern, die daraufhin die Belagerung abbrechen. Sein Kult wird gestärkt und die Keimzelle des heutigen Judentums, Christentums und Islams entsteht.

Wäre die Seuche jedoch nicht gekommen, hätte Sanherib Jerusalem eingenommen, wo-möglich ergrimmt über die lange Belagerungszeit seinen Leuten die Plünderung, das Vergewaltigen und Brandschatzen erlaubt und die Bewohner Jerusalems mehr oder minder ausgelöscht. Es gäbe kein Judentum... Man denke munter weiter.

Im Jahre 480 vor Christus sammeln sich die völlig verzweifelten Athener, die schon ihre Stadt aufgegeben haben, zu einer letzten, verzweifelten Kraftanstrengung, um die Streitkräfte der persischen Eroberer unter ihrem König Xerxes in der Bucht von Salamis zu stellen. Doch sie unterliegen, die Seeschlacht ist das Ende der griechischen Flotte, die Perser überrollen ganz Griechenland und machen Stadt um Stadt zu ihrem Vasallen, bis sich kein Widerstand mehr rührt. Die griechische Philosophie mutiert zum religiösen Kult, der sich an persischem Vorbild orientiert. Das Christentum entsteht nie...

Wäre Alexander der Große schon bei seinem ersten Vorstoß nach Persien gestorben - und er war nur sehr knapp am Tode vorbeigekommen, genauer gesagt um einen einzigen Schwerthieb - , dann wäre die makedonisch-griechische Armee wohl in die Flucht geschlagen worden und hätte es nicht mehr gewagt, sich Persien zuzuwenden, sondern ihr Expansionsziel im westlichen Mittelmeer gesucht, in Sizilien. Doch dort erwächst ihnen mit den Karthagern in Nordafrika eine kampfesfreudige Rivalenstreitmacht. Als sich Athen als wiedererstarkte Militärmacht auf dem Peloponnes mit Karthago einen verlustreichen, viele Jahrzehnte dauernden Kleinkrieg leistet, wird dadurch die römische Machtposition gestärkt, bis diese in Griechenland einfallen und Athen belagern. Doch: "Die hartnäckige Weigerung der Athener, sich nach einer langen Belagerung zu ergeben, stellte die Geduld der Römer auf eine harte Probe. Als die Mauern der Stadt schließlich fielen, liefen die römischen Soldaten Amok. Die Bevölkerung wurde massakriert, die Stadt niedergebrannt..."

Man kann sich die Folgen für unsere eigene Geschichte denken.

Im Jahre 1242 überrennen die Mongolen Europa. Zwei große Ritterheere werden mit mongolischer Perfektion so brutal und rücksichtslos niedergemetzelt, daß sie nicht den Hauch einer Chance besitzen (realer Ablauf!). Zehntausende von kampferprobten Reitern finden sich im Sommer des Jahres 1242 vor den Mauern von Wien ein, andere fallen über Breslau her, über Krakau und Belgrad. Und von dort ziehen sie weiter, hinterlassen Scheiterhäufen aus brennenden Städten: Wien, Prag, Buda, Hannover, Venedig, München, Rom... als sich die Horde schließlich zurückzieht, in deren Gefolge Pest und andere Seuchen kamen, liegt ein Kontinent in Trümmern, der sich über Jahrhunderte von dieser kulturschänderischen Barbarei nicht erholen wird. Das Mittelalter verlängert sich um ungezählte Jahrhunderte...

Oder was wäre geschehen, wenn die Azteken den schon gefangengenommenen Eroberer Hernán Cortez in Tenochtitlán am 30. Juni 1521 doch geopfert und sein Herz herausgerissen hätten?

Was hätte passieren können, wenn am 8. August 1588 der Wind anders gestanden hätte und der spanische König ein bißchen weniger starrköpfig gewesen wäre? Hätte Spanien England mit der Armada erobert? Große Gegenwehr war nicht zu erwarten...

Auch die Amerikanische Revolution stand an mindestens dreizehn Punkten unmittelbar vor dem Scheitern, einmal hätte sogar ein Soldat der Gegenseite George Washington bequem und problemlos aus dem Sattel pusten können. Er tat es nur nicht, weil er keinem Menschen in den Rücken schoß (hinterher hat er sich wahrscheinlich über seine Skrupel geärgert).

Napoleon ist natürlich ein beliebtes Ziel der Spekulation, das ist auch in diesem Band so. Ebenso die abenteuerliche Geschichte des amerikanischen Bürgerkriegs, wobei besonders das Szenario "Vietnam in Amerika, 1865" von beklemmender Faszination ist, wenn man sich ein bißchen mit spanischer Geschichte zu napoleonischer Zeit auskennt - denn hier tobte 1809 ein langjähriger, blutiger Guerillakrieg, der schließlich drei Fünftel von Napoleons Armee, einige hunderttausend Mann also, band und seinen Vorstoß nach Moskau schwächte. Und wenn man dann noch weiß, daß der deutsche General Gneisenau ernsthaft erwog, im Jahre 1806 nach der Niederlage gegen Napoleon in Preußen einen Volkskrieg zu führen...

Unter der Überschrift "Bitte keine Zigarre", die ich nicht verstand, findet man ein knapp zweiseitiges Szenario, das so unglaublich war, daß ich es dreimal lesen mußte. Ich konnte es einfach nicht glauben: im November des Jahres 1889 befindet sich in Berlin-Charlottenburg Buffalo Bills Wildwest-Show, und der Höhepunkt der Show ist Annie Oakleys Zielschießen. Auf ihre scherzhafte Frage, wer aus dem Publikum nach vorne kommen wolle, um sich die Asche von der Zigarre schießen zu lassen, springt auf einmal ein junger, drahtiger Mann in schneidiger Uniform aus der königlichen Loge: Kaiser Wilhelm II., der erst seit einem Jahr auf dem Thron Deutschlands sitzt. Niemand kann ihn zurückhalten.

Es geht gut, Annies Hand zittert nicht. Aber wenn sie statt der Zigarre seinen Kopf getroffen hätte...

Der brillante Militärhistoriker John Keegan beschreibt, wie Adolf Hitler den Zweiten Weltkrieg hätte gewinnen können - indem er sich dem Nahen Osten zuwandte und die Ölquellen eroberte.

Es wird vom Scheitern des D-Day in der Normandie 1944 gesprochen.

Robert Cowley diskutiert die atemberaubende Möglichkeit eines von den Russen rasch noch besetzten Hokkaido, so daß nicht nur Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg geteilt gewesen wäre, sondern auch Japan. Was die gesamte Geschichte in dieser Welt-region komplett umgekrempelt hätte.

Und Robert L. O’Connell erzählt davon, wie wir Europäer und Weltbürger Anfang November 1983 um Haaresbreite einem nuklearen Krieg der Supermächte entgangen sind...

 

Der Möglichkeiten sind viele, und hier sind Dutzende von Visionen, von alternativen Handlungsszenarien und Entscheidungen aufgeführt, von denen viele in Katastrophen, manche aber auch wieder zurück in die reale Geschichte münden. Sehr plausibel und nüchtern wird hier Szenario um Szenario entworfen, um den geschichtskundigen Leser schaudern zu machen. Doch der SPIEGEL macht es sich zu einfach, wenn er auf dem Klappentext schreibt, es sei "angenehm gruselige Lektüre".

Es ist mehr.

Man lernt viel über die Geschichte im allgemeinen und ihre Wendepunkte im besonderen. Man lernt zudem sehr viele Personen mit all ihren Schwächen und Stärken kennen und bekommt ein Gespür dafür, wieviel in unserem Leben und der menschlichen Geschichte doch vom blanken Zufall diktiert wird. Eine Kugel, die einen Menschen tötet, kann Jahrhunderte verändern. Unter anderem. Es gibt aber auch viele weitere Möglichkeiten, Geschichte umzuschreiben.

Für Phantasten ist dieses Buch fraglos eine ganz erstaunliche Quelle unzähliger Geschichten-Ideen, und jeder, der sich ein bißchen für Geschichte interessiert, sollte sich hierin vertiefen. Er wird sehr bereichert aus diesen Seiten hervorgehen!

 

 

Uwe Lammers

Braunschweig, den 16. November 2002