Der Gesang des Dodo

von David Quammen

List 60040

976 Seiten, TB

39.90 DM, 2001

Übersetzt von Ulrich Enderwitz

 

 

"Eine Reise durch die Evolution der Inselwelten" lautet der beinahe unspektakuläre Untertitel dieses äußerst voluminösen Sachbuches, das dabei aber problemlos den härtesten Thrillern den Rang abzulaufen imstande ist, wenn der Leser sich bereitwillig auf das Abenteuer dieses Buches einläßt.

 

Eins sei vorweg gesagt: wer sich NICHT für die Natur interessiert, wen es kalt läßt, wozu Menschen fähig sind, wer lange Sätze nicht mag (egal, wie bedeutsam sie für JEDEN Leser sein mögen!) und wer womöglich an der Illusion festhält, daß Zoos oder Naturschutzgebiete als kleine Ausgaben der "natürlichen Umwelt" gute Ideen sind... nun, diese Leute sollten das Buch vielleicht besser nicht lesen.

 

Wer sich hingegen Gedanken über die Zukunft der Welt macht, wer Artenvielfalt für eine erhaltenswerte Größe unseres Planeten hält, wer eventuell ein wenig von Ökologie, Geographie, Genetik, Wissenschaftsgeschichte oder Biographien versteht oder lesen möchte, alle diese potentiellen Leser sind hier gerne gesehen. Kenntnisse in diesen Bereichen mitzubringen, schadet nicht, ist aber nicht unbedingt notwendig. Man muß nicht einmal über mehr als allgemeine Informationen bezüglich Statistik, Wahrscheinlichkeitsrechnung oder Evolutionswissenschaft verfügen. Obwohl das natürlich hilfreich ist, keine Frage. Das Buch läßt sich aber auch so verstehen und, ja, streckenweise genießen.

 

David Quammen ist amerikanischer Sachbuchautor und Schriftsteller, unter anderem hat er für NATIONAL GEOGRAPHIC geschrieben, und liefert mit "Der Gesang des Dodo" ein Werk ab, das seinesgleichen unter all denen, die ich bislang gelesen habe, sucht und so ziemlich einzigartig dasteht. Das will was heißen. Was DIE ZEIT auf dem Umschlagtext konstatiert ("Gleichgültig, wo man zu lesen beginnt, DER GESANG DES DODO fesselt"), stimmt ebenfalls. Ich gebe sonst nichts auf Klappentexte, diesmal habe ich glücklicherweise eine Ausnahme gemacht.

 

Man beginnt zu lesen und findet sich übergangslos in einer Welt wieder, die mit den sechs-unddreißig persischen Bettvorlegern beginnt und im vollkommenen Alptraum endet. Wie, das versteht jetzt keiner? Nun gut, dann folgt jetzt eben ein kleines Zitat aus dem Anfang des Buches, Kapitel 1:

"Fangen wir in den eigenen vier Wänden an. Stellen wir uns als erstes einen schönen persischen Teppich nebst einem Jagdmesser vor. Sagen wir, der Teppich ist 4.00 mal 5.50 Meter groß. Das bedeutet eine Fläche von 22 Quadratmetern Webstoff. Ist das Messer scharf wie eine Rasierklinge? Falls nicht, wird es geschliffen. Wir zerschneiden nun den Teppich in sechsunddreißig gleich große Stücke, lauter Rechtecke von 1.00 mal 0.61 Metern Fläche. Die zerreißende Textur gibt kleine gequälte Geräusche von sich, die wie der unterdrückte Aufschrei entsetzter persischer Weber klingen. Aber was gehen uns die Weber an? Wenn wir mit dem Schneiden fertig sind, messen wir die einzelnen Stücke aus, zählen alles zusammen – und stellen fest, wir haben, bitte schön, nach wie vor rund 22 Quadratmeter erkennbar teppichartigen Stoff. Aber was heißt das? Nennen wir jetzt etwa sechsunddreißig hübsche persische Bettvorleger unser eigen? Nein. Wir haben nichts weiter als drei Dutzend ausgefranste wertlose Bruchstücke, die dabei sind, sich aufzudröseln..."

Und damit sind wir mitten im Problem, so abstrus und gespenstisch es auch auf den ersten Blick wirken mag. Wir stecken mitten im Abenteuer, und jedes Wort der Übersetzung dieser Stelle ist klug abgezirkelt und auf den Gesamtkontext abgestimmt. Man wird es beim Lesen mehr und mehr merken – und mehr und mehr grausen.

 

Aus dem eigenen Wohnzimmer, wo wir den Teppich auf so schreckliche Weise mißhandelt haben, bricht Quammen mit uns auf in eine Welt, in der wir auf Bali nach Panthera tigris suchen, uns fragen, warum der Rotfuchs aus dem Nationalpark Bryce Canyon verschwunden ist und den Spuren des legendären Dodo folgen, eines Vogels, der etwa in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts auf der Insel Mauritius vom Menschen ausgerottet wurde, und dessen "Gesang" ein für allemal verschollen ist. Wie so vieles andere.

Wir erfahren, weshalb an einem Ort namens Barro Colorado Island 45 Vogelarten ausgestorben sind, wie Ökosysteme funktionieren und warum, wie Quammen sagt, immer dann, wenn man "ein Stück ab(schneide), (und es) isoliere... (,) schon... ein Prozess der Auflösung einsetzt".

 

David Quammen führt den Leser dabei zunächst zurück zu den Ursprüngen einer Disziplin, die mir selbst auch unbekannt war, der er sich selbst zugehörig fühlt: die Insel-Biogeographie als besondere Unterdisziplin der Biogeographie selbst. Die Frage dieser Disziplin ist es, herauszufinden, warum bestimmte Arten von Lebewesen (Pflanzen und Tiere, manchmal sogar bestimmte Menschengruppen) auf Inseln oder in bestimmten Regionen der Kontinente vorkommen bzw. gerade nicht oder nicht mehr vorkommen, wie sie mit ihrer Umwelt interagieren und was passiert, wenn der Mensch sich dort blicken läßt.

 

Um es kurz zu machen: es ist jedes Mal eine Katastrophe. Meistens nicht mal intendiert, sondern durch guten Willen, Neugierde, Leichtsinn, Naivität oder Ignoranz ausgelöst, aber die Folge ist wie die eines guten, gezielten Schusses ins Herz: stets tödlich. Nur stirbt die Natur nicht ganz so schnell wie die Menschen, meist nicht mal so sichtbar, und die Folgen sind in fast jedem Fall weitaus dramatischer als es sich die Auslöser jemals vorstellen konnten.

Das Buch versammelt eine schier unbeschreibliche Fülle von Beispielen, und jedes einzelne davon ist eine ausgewachsene Tragödie, viele davon sind gänzlich unbekannt, und... jedes Beispiel ist ANDERS. Zu Beginn scheint es dem Leser, daß es kein passendes Muster gibt, keine Gemeinsamkeiten, nichts, was irgendwie auf ein Schema hindeutet, nach dem sich das Aussterben von Arten ereignet.

Anfangs sind auch die Verursacher überzeugt, daß es sich um "Zufälle" handelt, daß die entsprechenden Rassen schon "von vornherein schwach" waren und "aussterben mussten". Es wimmelt von wohlmeinenden Wissenschaftlern, die Inseln und Regenwälder kahlfangen, um die überlebenden Exemplare liebevoll in ihre Heimatländer oder Zoos zu exportieren (wobei allerdings die meisten Tiere auf der Reise bereits sterben oder kurz danach – was natürlich neue Fangaktionen auslöst und die Spezies an den Rand der Vernichtung treibt oder ganz ausrottet).

Es wimmelt von Menschen, die der festen Überzeugung sind, Tiere KÖNNTEN gar nicht aussterben, weil es ja so viele von ihnen gäbe (makabre Beispiele dafür sind die Riesenschildkröten im Indischen Ozean oder, noch schlimmer, die Nordamerikanische Wandertaube, an der Quammen einen regelrechten Vernichtungskrieg beschreibt – bis diese in die Milliarden Individuen gehenden Vögelschwärme plötzlich verschwunden sind. Ausgerottet...!).

 

Wir treffen bei der Lektüre auf alte Bekannte (z. B. auf Charles Darwin und James Cook) und auf weniger bekannte Personen (Alfred Russell Wallace wäre hier zu nennen, dessen abenteuerliches Leben allein das ganze Buch rettete! Aber er ist nur der Anfang der Geschichte) und auf Leute, die wir niemals kennenlernen mögen und gottlob wohl auch nicht mehr kennenlernen werden (ich nenne nur kurz den Missionar George Augustus Williamson auf Tasmanien und die sehr ehrenwerten und völlig skrupellosen Ärzte Stokell und Crowther, die selbst davor nicht zurückscheuen, eine Leiche auszubuddeln und auszuschlachten – so geschehen im Jahre 1869. Sie wurden dafür übrigens NICHT zur Rechenschaft gezogen).

 

Wir lernen weiterhin bezaubernde Vögel ohne Füße kennen, Wölfe mit Beuteln, leibhaftige Drachen, die manchmal recht blutrünstige Gelüste entwickeln, wir treffen auf zahme Tauben, die von Menschen zu Tausenden nächtens von ihren Nistästen geschlagen werden und auf gedankenlos eingeführte Malariamücken. Und viele, viele Wesen, von denen wir noch niemals etwas hörten, und bei denen wir häufig das Gefühl haben werden, wie gerne wir sie doch kennengelernt hätten... Leider alle ausgestorben. Verursacher: mehr oder weniger immer der Mensch.

So kann man lernen, den Menschen zu schätzen – oder zu hassen. Dass wir zur selben Spezies gehören, nun ja, das ist ein bedauerlicher Fehler. Ich wäre auch lieber ein Baum.

 

Wir finden bei der Frage, warum auf Guam unzählige heimische Vogelarten aussterben, rätselratende Wissenschaftler, die "DDT" schreien, aber keine Beweise finden... und eine Explosion von Schlangen und großen, schwarzen Spinnen. Des Rätsels wirkliche Lösung kräuselte mir ehrlich die Nackenhaare.

Und es ist die Rede von "Isolaten" und "Stichproben", von Reservationen, von Populationsgrößen und davon, daß das Artensterben von den Inseln im 20. Jahrhundert grassierend auf das Festland übergreift!

 

Ja, wer das Buch liest, weiß schon recht bald, warum das so ist, warum es gar nicht anders sein KANN. Doch wie Quammen selbst zugibt: er hat kein Patentrezept anzubieten, er weiß nur, was passiert, beschreibt es und warnt.

Seine Warnung ist, zugegeben, etwas drastisch, aber leider sehr realistisch: "Überall auf der Erde führt die Menschheit Krieg gegen andere Arten, gegen die Wildheit der Wildnis, gegen die Blutröte der Zähne und Klauen der Natur. Der Sieg ist der Menschheit sicher. Die einzige offene Frage ist, wie hart die Friedensbedingungen sein werden... In dem Maße..., wie das umgebende Land sich verändert, wird Wae Wuul (ein Reservat für Komodo-Warane in Indonesien) aufhören, Teil eines zusammenhängenden Ökosystems zu sein, das größer und reichhaltiger ist als es selbst. Das Gebiet wird keine Stichprobe mehr sein; es wird sich in ein Isolat verwandeln."

In eine Insel.

Und auf Inseln sind Arten verstärkt dem Artensterben ausgesetzt, verarmen und gehen meist ziemlich jämmerlich zugrunde, insbesondere dann, wenn der Mensch ihnen zusetzt.

 

Das Buch ist insgesamt ein Credo für Vernunft im Umgang mit der Natur, und dafür, Maß zu halten, insbesondere aber den Menschen ein komplexes Netzwerk an Informationen zur Verfügung zu stellen, um ihnen Wirkungszusammenhänge aufzuzeigen, die leicht über Generationen gesehen werden müssen, um sie überhaupt zu erkennen. Wer das versteht und willens ist, sich darauf einzulassen, wird eine ungeheuerliche Fülle an Informationen und Zusammenhängen vorfinden und lernen, und es wird ihn fraglos immer stärker frösteln lassen. Die ausgezeichnete Übersetzung von Ulrich Enderwitz trägt dazu bei, das Buch zu einer höchst faszinierenden Köstlichkeit werden zu lassen.

 

Vom Standpunkt jener Menschen, die der Ansicht sind, der Mensch an sich sei gut und KÖNNE doch der Natur, von der er lebt, gar nichts Böses antun, und der weiterhin denkt, wenn man sich der Natur nur FREUNDLICH nähert, könne auch gar nichts GESCHEHEN, vom Standpunkt dieser beneidenswerten Leute ist Quammens Buch ein unausgesetzter, fortdauernder, sich permanent verschärfender Alptraum, der deshalb um so schlimmer ist, weil er die Wahrheit sagt. Und die Wahrheit wird nun einmal nicht dadurch erträglicher, daß man sie ignoriert. Ich fürchte, diese optimistischen Leser werden nach der beendeten Lektüre unter Alpträumen zu leiden haben, ihnen wird das Buch wie Blei im Magen liegen und sehr unbekömmlich sein.

Wahrheit schmeckt meistens ziemlich bitter.

 

Ich sagte mir schon recht früh, daß jenes geflügelte Wort stimmte, das ich einmal gehört hatte: "Je mehr ich vom Menschen erfahre, desto mehr liebe ich die Tiere!" Wohl wahr. Aber auch das hilft nicht sehr viel weiter. Man muß umdenken und abstrahieren können. So etwa:

 

David Quammen deutet es nur an und spricht es nicht explizit aus, aber es schwingt implizit in seinen Sätzen stets mit, mal mehr, mal weniger: Inseln sind nicht NUR Metaphern. Sie sind auf eine schreckliche Weise ein Paradigma für unsere ganze Welt. Denn jenseits einer Insel, beispielsweise jenseits des hawaiischen Archipels, herrscht über Hunderte, ja, Tausende von Quadratkilometern nur Salzwasser, ein Element, das für die meisten Lebewesen tödlich ist.

Jenseits der irdischen Atmosphäre gibt es auf LICHTJAHRESDISTANZEN nichts als leblose Steinwüsten und eisige kosmische Vakuumkälte. Die Erde, kommt dem Science Fiction kennenden Leser grausig zu Bewußtsein, die Erde ist eine INSEL.

Und was passiert, wenn auf einer Insel, die völlig isoliert ist, eine Raubtierpopulation (nichts anderes, bitte schön, sind Menschen letzten Endes) absolut die Oberhand gewinnt, stellt er an verschiedenen Beispielen höchst drastisch dar. Erst rotten diese Tiere ihre Beutetiere aus. Dann erleiden sie einen Populationseinbruch. Und wenn weiterhin noch ökologische Katastrophen hinzukommen, haben wir einen hausgemachten Genozid, einen Selbst-Genozid sozusagen. Das Ende vom Lied ist die totale Verwüstung und das Aussterben der "Raubtier-rasse".

 

Sagte irgendwer, dieses Buch ginge uns nichts an? Es wäre nicht interessant?

Gut. Ganz, wie ihr meint.

Aber dann soll keiner behaupten, daß uns niemand gewarnt hat...

 

 

Uwe Lammers

Braunschweig, den 21. August 2001