Golgatha live

oder

Das fünfte Testament

von Gore Vidal

 

Eine Rezension von Uwe Lammers

 

Man kennt das ja, selbst wenn man nur halbwegs christlich gebildet ist: Golgatha, der Hinrichtungshügel bei Jerusalem, auf dem 33 nach Christi Geburt (christlicher Zeitrechnung) Jesus von Nazareth durch die Römer hingerichtet wurde, womit die ganze Story von der jüdischen Sektenabspaltung, die sich später als Christentum wirkungsmächtig etablierte, eigentlich anfing. Leider ist die Sachlage nicht mehr ganz so klar, wie sie einmal schien, und das bekommt die Hauptperson der Geschichte rasch heraus – und gerät buchstäblich in Teufels Küche.

Thessaloniki, Kleinasien, im Jahre 96 nach Christus: der Bischof Timotheus (Freunde nennen ihn „Tim“), der relativ kurz vor seinem Tod beruflich gut etabliert ist, bekommt völlig unerwartet Besuch aus der Zukunft, genauer gesagt: vom Ende des 20. Jahrhunderts durch einen Dr. Cutler von General Electric. Er kommt nur als Hologramm, das ist schon richtig, aber was er zu sagen hat, entwickelt schnell ein übles Eigenleben:

Am Ende des 20. Jahrhunderts treibt ein Hacker sein Unwesen, der ebenso wie Cutler und General Electric über die Möglichkeit zu verfügen scheint, in den Zeiten zu reisen und dabei munter Manipulationen vollführt. Insbesondere löscht er alle Unterlagen über die Evangelien, beeinflußt Zeitzeugen, redet ihnen andere Dinge ein und ist darum dabei, die Wurzeln des Christentums auszulöschen. Die einzige Chance, das unverfälschte Christentum und die wahre göttliche Botschaft für alle Zeiten zu sichern, sagt Dr. Cutler ihm, bestehe darin, dass ein unbeeinflußter Zeitzeuge, nämlich Bischof Timotheus, seine Lebenserinnerungen an die Jahre mit dem Heiligen Paulus (manche Leute nannten ihn zu Lebzeiten „Solly“, was er nicht komisch fand und mit Steptanzeinlagen kompensierte) aufzeichne und alles, was er von den Evangelisten (beispielsweise Markus, dessen Manuskripte er einst gesehen hat, bevor diese später zum Markus-Evangelium wurden; das originale Markus-Evangelium wird später durch den Hacker geschreddert), in einem separaten Manuskript sicher hinterlegt, damit es im Jahre 2000 oder 2001 gefunden und als einzige authentische Quelle für den Fortbestand der christlichen Überlieferung dienen kann.

Das ist schon verwirrend genug für den armen Tim, aber es kommt noch schlimmer: er erhält nämlich einen Fernseher, der durch die Jahrtausende hindurch das volle moderne amerikanische Fernsehprogramm empfangen kann, mit Baseball, den Teleevangelisten wie Billy Graham, den Fernsehserien L.A. Law, allen Soaps, Softpornos und was man sich nur vorstellen kann. Und das wirkt sich drastisch auf das aus, was Timmy niederschreibt.

In seinen Erinnerungen sprintet er folgerichtig durch die Jahrzehnte, macht Stippvisiten in Jerusalem, scharwenzelt in Rom um Nero herum, dessen Ruf angeblich viel schlimmer sei, als es in Wahrheit gewesen wäre... und natürlich vergnügt sich der jüngere Timotheus, der als Bettgefährte des Heiligen Paulus fungiert, auch mit zahlreichen hübschen Mädels, was ihm bei seinem Aussehen (engelhaften blonden Locken und kornblumenblauen Augen) nicht schwerfällt.

Noch schlimmer: Es tauchen weitere Besucher auf, etwa ein Mann namens Chet von NBC, der unbedingt möchte, dass Timotheus nach Golgatha zurückreist, um dort die Ereignisse um Christi Kreuzigung live für die amerikanischen Zuschauer am Ende des 20. Jahrhunderts moderiert, ein paar Zeitzeugenbefragungen vornimmt, etwa mit Maria Magdalena, usw.

Unter den Besuchern befindet sich leider auch ein zweiter, etwas älterer Dr. Cutler, der im Clinch mit seinem jüngeren alter Ego liegt; es erscheint zudem eine fanatische Frau aus der Zukunft, die sich selbst für den Messias schlechthin hält, ganz zu schweigen von Shirley McLaine (ohne Witz!). Und dann ist da noch ein undurchsichtiger Jude aus der Zukunft namens Marvin Wasserstein, der seine ganz eigene zionistische Suppe kocht...

 

Das Buch ist 1992 beim Verlag Random House in New York erschienen, und ich muß ganz ehrlich sagen, es verblüfft mich sehr, dass daraufhin das Verlagsgebäude nicht abgefackelt oder der Verlag in den Konkurs getrieben wurde. Gore Vidal, bekannt als bärbeißiger Kritiker des amerikanischen Regierungslagers (egal, welche Regierung, obwohl er bevorzugt die Republikaner aufs Korn nimmt) zieht hier so garstig vom Leder, dass selbst nichtamerikanischen Lesern die Spucke wegbleibt: ob er sich mit Time Warner anlegt, mit General Electric, ob er über Teleevangelisten spottet, den biblischen Hauptprotagonisten Sodomie oder reichlich praktizierte Homosexualität nachsagt und schildert; ob er Jesus als merkantilistisch orientierten Wirtschaftsrevoluzzer schildert oder Juden als Terroristen darstellt... es gibt überall Ecken und Kanten, zum Teil solche, die den Leser ungläubig kichern lassen.

Strukturell ist dieser wahrlich rotzfrech erzählte und übersetzte Roman ein Science Fiction-Roman reinsten Wassers, da gibt es nichts zu sagen. Zugleich ist er politisch brisant, moralisch empörend, religiös zumindest... sagen wir... unanständig. Man schaue sich nur mal die Art und Weise an, wie Vidal die Sache im Garten Gethsemane schildert oder wie er Timmy in Pontius Pilatus´ Loge in Caesarea versetzt, um beim Pferderennen... ach nein, das erzähle ich besser nicht, sonst ist doch schon zuviel verraten. Ich sage auch nichts von Timmys besessener Leidenschaft für Baseball... ja, ich glaube, es war Baseball. Ganz zu schweigen von diesen ständigen Einblendungen von CNN...

Wer den Roman antiquarisch erstehen kann, sollte sich wirklich auf einen Wirklichkeitstrip gefaßt machen, der es echt in sich hat. Das Mitbringen von ein bißchen Kenntnis in neutestamentarischer Geschichte kann dabei durchaus nicht schaden. Aber ansonsten... ehrlich, Leute, ich habe keine Ahnung, wie Vidal die Publikation dieses Werkes zustande gebracht hat und das noch überlebte. Wirklich nicht. Und der Plot des Buches! Gütiger Himmel! Japaner...!

Nein, wer das verstehen möchte, muß es lesen. Es lohnt sich wirklich.

 

 

Uwe Lammers

Braunschweig, den 26. April 2007