Die Schätze von Rande

von John S. Potter jr.

 

Eine Rezension von Uwe Lammers

 

Gelegentlich entdeckt man die interessantesten Schätze eben nicht auf dem Grund des Meeres, sondern im eigenen Bücherregal. So verhielt es sich auch mit diesem im Jahre 2001 antiquarisch gekauften Buch, das gleichwohl durchaus auch mit versunkenen Schätzen auf dem Meeresgrund zu tun hat. Der Leser wird jedoch rasch merken, dass dies nicht eben das Kostbarste ist, auf das man hier treffen kann.

Wir müssen uns auf eine Zeitreise einstellen, um das Buch wirklich würdigen zu können als das, was es ist. Der amerikanische Autor John S. Potter jr. hat es im Verlag Doubleday & Company in New York bereits 1958 publiziert und die – höchstwahrscheinlich gekürzte – Version ist dann 1964 in Braunschweig erschienen, und dies zu einer Zeit, als internationale Standard Buchnummern (ISBN) wohl noch kein Thema waren. Das Buch besitzt jedenfalls keine und ist gewiß nur noch antiquarisch zu erhalten. Es lohnt allerdings durchaus den Versuch, es zu erwerben, wie man noch sehen wird.

 

Alles beginnt mit einem Ausflug nach Mallorca Mitte der 50er Jahre. Der junge Potter (über dessen biografischen Hintergrund man leider sehr wenig erfährt) lernt hier das Tauchen mit der damals noch neuen Aqualunge, die Jacques-Yves Cousteau und sein Kollege Gagnan 1943 entwickelt haben. Begeistert von dieser Erleichterung des Tauchens, wird Potter schwach, als er schließlich bei einem Madridaufenthalt in einem Buch den Satz liest: „Oder nehmt Vigo an der Nordwestküster Spaniens; an Reichtum kommt nichts den Schätzen in dieser Bucht gleich, wo die größte Silberflotte der Geschichte ruht.“

Schatztauchen! Das klingt unglaublich spannend.

Vigo liegt quasi direkt um die Ecke, tauchen kann er auch... und so begeistert sich John S. Potter für die Schatzsuche. Er organisiert eine Gruppe von Gleichgesinnten, holt eine Konzession für die Schatzsuche ein, besorgt sich das technische Equipment und gründet eine Finanzierungsgesellschaft – und los geht das Abenteuer.

Er hat freilich noch keine Ahnung davon, WIE abenteuerlich es werden wird...

 

Die Geschichte selbst, dessen Folgen der junge Amerikaner nachspürt, reicht zurück in die Zeit des spanischen Erbfolgekrieges (1701-1714). Ausgangspunkt ist eine Seeschlacht. Sie fand am 23. Oktober 1702 in der Bucht von Vigo vor der galizischen Küste statt (nach damals gültiger englischer Zeitrechnung am 12. Oktober), und es standen sich auf der einen Seite die spanisch-französische Allianz, auf der anderen eine englisch-niederländische Flotte gegenüber.

Admiral Sir George Rooke und Philipp van Almonde versuchten, die spanische Silberflotte, die in der Bucht von Vigo ankerte, in ihren Besitz zu bringen. Im Verlauf des erbitterten Kampfes gegen die Kommandanten François Louis Rousselet de Chateau-Renault und Manuel de Velasco wurden alle spanisch-französische Schiffe (30 an der Zahl) entweder in Brand geschossen, liefen auf Riffe und sanken bzw. gerieten erobert in die Hand der Angreifer. Mit der Zahl von ca. 800 Toten auf alliierter Seite und rund 2000 Toten auf der Seite der Franzosen und Spanier ist das Gefecht historisch eher klein dimensioniert, es war auch in keiner Weise kriegsentscheidend, da viel von den Schätzen der Silberflotte vor der Attacke auf dem Landweg in Sicherheit gebracht werden konnte.

Dennoch wurde mit den Schiffen viel an Silberschätzen versenkt, und noch Ende des 19. Jahrhunderts konnte der französische Schriftsteller Jules Verne imaginieren, dass sein mythischer Kapitän Nemo einen erheblichen Teil seines Reichtums aus den versunkenen Galeonen in der Bucht von Vigo bezog.

John S. Potter jr. jedenfalls ist 1957 überzeugt davon, dass die Schätze noch auf dem Grund der Bucht liegen (zumindest zum Teil) und man sie sich mit der überlegenen Technik einfach nur noch holen muß. Er fühlt sich den Tauchern früherer Expeditionen, die mit klobigen Helmtaucherausrüstungen mühsam auf dem Grund herumwanken mußten (man vergleiche hierzu etwa die sehr nützlichen Illustrationen von Gustave Doré in den Jules-Verne-Büchern, eben auch in „Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer“), weit überlegen. Und so brechen er und seine Freunde frohgemut auf, nachdem sie ein wenig in Archiven und publizierten Büchern gewühlt haben, voller Elan und Begeisterung, in wenigen Wochen, spätestens Monaten als gemachte, reiche Männer von der Bucht von Vigo zurückzukehren.

Was folgt, ist eine Geschichte erstaunlich vergnüglicher Ernüchterung. Und das ist durchaus kein Widerspruch.

 

Die spanische Provinz Galizien Mitte der 50er Jahre – der Diktator Franco ist noch an der Macht – , wo die Bucht von Vigo nun einmal liegt, ist, vorsichtig formuliert, alles andere als fortschrittlich oder auch nur aufgeschlossen dem Fremden gegenüber. Vom ersten Moment an muß der tatendurstige Schatzsucher das begreifen:

Es gibt Probleme mit dem Zoll, der seine „ausländische“ Ausrüstung nicht passieren lassen möchte, auch erweisen sich die Straßen als schlaglochübersäte Pisten, manchmal nicht mehr als bessere, unbefestigte Feldwege, die oftmals – ohne eine Art von Geländer – am schwindelerregenden Abgrund vorbeiführen. Der Gegenverkehr ist ebenfalls gewöhnungsbedürftig: Maulesel, Viehherden und gelegentlich altersschwache Busse überwiegen (ich überlasse dem Leser das Vergnügen, zu lesen, was über die motorisierte Technik hier geschrieben wird – „abenteuerlich“ wird der Sache eigentlich nicht mehr gerecht, das ist schon ein Stück heftiger). In den Dörfern Galiziens rennen munter Kinder und Tiere über die Straßen, ohne sich um Autos zu scheren, und gelegentlich bleibt Potter in Menschenaufläufen stecken. Wenn er nicht Störenfried ist, dann ist er „Sensation“. Das hat seine guten wie schlechten Seiten.

Die Begrüßung an der Bucht ist ähnlich unerwartet: das wichtigste Wort hier lautet „mañana“, was man auch mit „patiencia“ oder „Geduld“ übersetzen könnte. Und die Menschen hier sind arm. Arm und mißtrauisch. Beides erweist sich als ungeahntes Hindernis für die Schatzsuche. Wer – wie der naive Potter – glaubt, mit Geld könne man gewiß und selbstverständlich die Hilfsbereitschaft oder Auskunftsfreudigkeit der Bewohner anfachen, macht die verblüffende Entdeckung, dass diese Freigebigkeit ganz andere Reaktionen auslöst.

Man dreht ihm etwa ein untaugliches Schiff mit einem noch unbrauchbareren Motor an. Von der Crew ganz zu schweigen, die eigentlich nicht zu verwenden ist (aber wegen der Arbeitsschutzbestimmungen, das erfährt Potter schnell, ist es fast unmöglich, der Crew zu kündigen! Er versucht es natürlich trotzdem). Die Fischer sind aus interessanten Gründen wenig bereit, ihm zu helfen, die Technik versagt immer wieder, die Schiffe, die doch einfach so auf dem Grund der Bucht liegen sollen, scheinen sich versteckt zu haben, das Wasser ist eisig kalt und überaus schlammig...

 

Man kann sich kaum eine abenteuerlichere Geschichte vorstellen als das Panorama, das John S. Potter jr. hier entwirft und vor dem jugendlichen Leserpublikum (denn das Buch ist ja schließlich bei Westermann in der Jugendbuchreihe erschienen) ausbreitet. Es ist ein mächtig unterhaltsames Garn, das den Leser des öfteren vor Unglauben in lautes Lachen ausbrechen läßt und vor allen Dingen zwei Dinge zeigt:

 

Wie oberflächlich und naiv der Autor anfangs an die Expedition heranging, zum anderen aber auch, wie faszinierend provinziell und doch zugleich mit gewisser Bauernschläue die Bevölkerung vor Ort die lang währende Anwesenheit der Ausländer hinnimmt, sie teils buchstäblich „ausnimmt“, dann aber auch wieder eine seltsame Form von schrulligem Respekt entwickelt. Die Beziehung zwischen dem Tauchteam und der Ortsbevölkerung wandelt sich auf bemerkenswerte, höchst amüsante Weise, und es ist einfach ein Mordsvergnügen, das nachzulesen.

Gewiß, wer auf Gold und Silber aus ist, wird vielleicht enttäuscht aus dem Buch wieder auftauchen. Dasselbe mag den Lesern widerfahren, die sich brennend für die Seeschlacht von Vigo interessieren.1 Und wer mehr über das Schicksal des in diesem Buch genannten britischen Admiral Clowdisley Shovell erfahren möchte, der sei auf das Dava Sobels ausgezeichnetes Buch „Längengrad“2 verwiesen. Doch wie erwähnt, man wird durch andere Arten von Schätzen und vergnüglichen Schilderungen alltagsgeschichtlicher Art mehr als entschädigt.

Ein wenig bedauerlich ist indes, dass der Verlag meinte, er müsse den Titel des Buches abändern (vielleicht, um vor ungerechtfertigten Erwartungen geschützt zu sein). Aber das Buch nach der doch wenig bekannten „Straße von Rande“, einem Verbindungsstück der Bucht von Vigo zur Bucht von San Símon, zu benennen, war doch wenigstens etwas unglücklich. Zumal erhebliche Teile des Buches gar nicht von Rande handeln. Und auf dem Umschlag etwas von „Tiefseetauchern“ zu murmeln, wobei aus der Handlung klar hervorgeht, dass unterhalb von 50 Metern das Tauchen mit der damals handelsüblichen Aqualunge nur unter höchster Lebensgefahr möglich ist, das grenzt schon an Fehlinformation.

Ansonsten jedoch ist es ein sehr amüsantes, unterhaltsames Buch, das zur Lektüre empfohlen werden kann. Kurzweil ist garantiert.

 

 

 

Uwe Lammers

Braunschweig, 14. Februar 2007