Alexander, die verlorenen Stämme und Dschingis Khan

Die Offenbarung des Pseudo-Methodius zeigt Alexander den Großen als göttliches Werkzeug. In dieser Funktion schließt er die unreinen Völker, zu denen auch die Gog und Magog gehören, im äußersten Norden hinter eisernen Toren ein. Durch ein göttliches Wunder werden diese Tore versiegelt. Erst in der Endzeit sollen die Völker wieder hervorkommen. Diese syrische Apokalypse aus dem siebten Jahrhundert wurde bereits kurz nach ihrer Entstehung ins Lateinische übertragen und war nach der Bibel und den Schriften der Kirchenväter eines der einflussreichsten Werke des abendländischen Mittelalters. Durch ihre weite Verbreitung erfuhr die Prophezeiung des Pseudo-Methodius und ihr Bericht über Alexander den Großen und die unreinen Völker zahlreiche Bearbeitungen. In seiner zwischen 1169 und 1173 vollendeten Historia Scholastica variiert Petrus Comestor die Episode folgendermaßen:

Als er daher zu den Kaspischen Bergen kam, schickten die Söhne der zehn gefangenen Stämme zu ihm Gesandten. Es war ihnen nähmlich verboten herauszukommen. Deshalb verlangten sie von ihm die Möglichkeit hinauszugehen. Als er nach dem Grund ihrer Gefangenschaft fragte, erfuhr er, dass sie offenbar vom Gott Israels abgefallen waren indem sie goldenen Kälbern geopferten hatten und dass durch die Propheten Gott vorausgesagt habe, dass sie aus der Gefangenschaft nicht zurückkehren werden. Deshalb antwortete er, er werde sie noch fester einsperren. Als er den engen Zugang mit Pech verschmierten Steinen verbaute, sah er, dass menschliche Anstregung nicht ausreichte, und deshalb betete er zum Gott Israels, damit er dass Werk vollende. Und die Felswände auf beiden Seiten des Weges kamen zu einander und der Ort war versperrt. [...] Aber zum Ende der Welt hin, werden sie hervorkommen und ein großes Blutbad unter den Menschen anrichten. (Esth. 5,50)

Nun werden die von Alexander eingeschlossenen Völker nicht nur mit den apokalyptischen Völkern Gog und Magog identifiziert, sondern auch mit den verlorenen Stämmen Israels, von denen das zweite Buch Könige (15,29) und das erste Buch Chronik (5,26) des Alten Testaments berichten, sie seien durch die assyrischen Könige Tiglath-Pileser und Salmanassar verschleppt worden. Tatsächlich brüstet sich der assyrische Herrscher Sanherib (704-681 v. Chr.) in seinen Annalen, er habe nach der Einnahme Jerusalems 701 v. Chr. zweihunderttausend Menschen und zahlreiche Tiere als Beute weggeführt.
Es war nun möglich, die von Alexander eingeschlossenen Völker als Gog und Magog oder als die verlorenen Judenstämme oder als beides zu betrachten. Diese Bandbreite an Assoziationen stand als Deutungsmuster zur Verfügung, als sich die Christenheit im 13. Jahrhundert einer neuen Invasion aus dem Osten gegenübersah: der Großreichbildung der Mongolen.

 

In der Episode, in der Alexander die verlorenen Stämme Israels einsperrt, präsentiert Petrus Comestor den Makedonenkönig als Gläubigen, dem Gott durch ein Wunder hilft. Diese Darstellung findet sich auch in dieser Buchillustration, Utrecht, 1430 (Bild: Geheugen van Nederland).

1206 wählte eine Versammlung mongolischer Stammesführer Temudjin als Dschingis Khan zum Großkhan. Durch eine straffe Heeresorganisation und strenge Gesetzgebung legte er die Basis für die Siegeszüge mongolischer Verbände in den folgenden Jahrzehnten. Er sah sich als vom Himmel zur Weltherrschaft erwählt. Bis zu seinem Tode 1227 hatten die mongolischen Heere Nordchina und im Westen das Gebiet von Don, Wolga und Dnjestr erreicht. Das Reich wurde unter den Söhnen Dschingis Khans aufgeteilt. Neuer Großkhan wurde Ögedei. Während er die Eroberungszüge in Nordchina fortsetzte, drangen seine Brüder weiter gen Westen vor.
Für die asiatischen Invasoren bürgerte sich in Europa die Bezeichnung Tartaren ein. Diese geht auf den ostmongolischen Stamm der Tartar zurück. Trotz wiederholter Kritik zeitgenössischer Autoren an dieser Benennung, setzte sie sich wegen ihrer sprachlichen Nähe zum Tartaros, der Hölle, durch. Eine Version des Alexanderromans von Leo von Neapel, die Historia de preliis (J3), die zwischen 1218 und 1236 entstanden ist, greift den Begriff auf und ordnet ihn in die Alexandersage ein:

Hierauf zog Alexander davon und schloss durch seine Macht 22 Könige mit ihren Heeren ein, die auch Tartaren genannt wurden, das sind Gog und Magog, Agetai ... (113)

Damit wurden die Tartaren mit den apokalyptischen Völkern gleichsetzt. Ob dies jedoch eine direkte Reaktion auf das Auftauchen der Mongolen in Osteuropa war, ist wegen der unklaren Datierung des Werkes schwer zu sagen. Auch das auf der Historia de preliis beruhende Alexanderepos des Quilichinus von Spoleto (um 1236) zeigt diese Verbindung zwischen den Tartaren und den Gog und Magog:

Die unreinen Völker, die auch tartarische Scharen genannt werden, schloss der große König an einem festen Ort ein. [...]
Durch magische Künste schloss der große König sie ein, damit die Reiche der Welt nicht durch sie befleckt würden. Diese sind Gog und Magog; ... (Historia Alexandri Magni, S. 77)

Dschingis Khan errichtete das mongolische Großreich. Als die Heere seiner Nachfolger Europa erreichten, wurden sie für die apokalyptischen Völker gehalten. Hier ein Portrait aus der Yuan Dynastie, National Palace Museum, Taipei.

Sollten diese beiden Beispiele für die Belegung des Begriffes mit den apokalyptischen Völkern noch ohne Bezug auf die Feldzüge der Mongolen entstanden sein, so zeigen sie aber was für Vorstellungen über die asiatischen Invasoren am Vorabend des Mongolensturms im Okzident herrschten. In diese Erwartungshaltung trafen nun die ersten Berichte über die mongolischen Feldzüge in Osteuropa.
1235 beschloss der mongolische Quryltai, eine Art Reichsversammlung, einen Westfeldzug. 1237 wurden daraufhin die Kumanen und Wolgabulgaren vernichtend geschlagen. Die daran anschließenden Vorstöße gegen die russischen Fürstentümer reichten schon im folgenden Jahr bis kurz vor Nowgorod. Im Sommer 1239 oder 1240 wurden zwei mongolische Kundschafter in Russland gefangen genommen und dem ungarischen König zum Verhör übergeben. Diese Befragung wurde von einem ungarischen Bischof, möglicherweise Stephan von Waitzen, dem königlichen Kanzler, durchgeführt. Dieser verfasste darüber einen Bericht in Briefform, der in den Annalen von Waverly und der Chronica maiora des Matthaeus Parisiensis erhalten ist. Hier nun die Version aus den Annalen von Waverly:

Annales de Waverleia
De facto Thartareorum vobis scribo […] Quaesivi ubi esset terra illorum ; dixerunt quod erat ultra qosdam montes, et juxta populum qui vocatur Gog ; et ego credo quod ille populus it Gog et Magog. Quaesivi de fide eorum ; et ut breviter dicam, nihil credunt ; sed tamen literas Judæorum habent, et coeperunt eas dicere, quando exierunt ad expugnandum mundum. Quia ipsi credunt expugnare totum mundum. Et literas propias nunquam habuerunt. Quaesivi qui essent illi qui docerunt eos literas; dixerunt, quod sunt quidam homines pallidi qui multum jejunant, et longas vestes portant, et nullos offendunt. Et quia multas circumstantias dixerunt de hominibus istis, qui concordant cum superstitionibus Pharisæorum et Saducæorum, credo illos esse Pharisaeos et Saducæos. Quaesivi utrum discernerent cibos? Dixerunt quod non ; comedunt enim ranas, serpentes, canes, et omnia animantia indifferenter. Quasivi qualiter exierunt de montibus ultra quos erant? Dixerunt quod antecessores sui bene per trescentos annos et plus laboraverunt scindendo arbores et lapides, ut possent exire, antequam exierunt.
(S. 324)

Die Annalen von Waverly
Ich schreibe Euch über die Tartaren [...] Ich fragte sie, wo ihr Land sei; sie sagten, dass es hinter Bergen sei und ganz in der Nähe eines Volkes, das Gog genannt werde; und ich glaube dass dieses Volk die Gog und Magog sind. Ich fragte sie nach ihrem Glauben; und um es kurz zu sagen, sie glauben an nichts; aber dennoch benutzen sie jüdische Buchstaben, und sie fingen an, diese zu nutzen, als sie zum Erobern aufgebrochen sind, weil sie selbst meinen, die ganze Welt zu erobern. Und andere Buchstaben hatten sie niemals. Ich fragte, wer die seien, die ihnen diese Buchstaben beigebracht hätten; sie sagten, es seien bleiche Menschen gewesen, die viel fasten, lange Gewänder tragen und niemanden verletzen. Und weil sie viel über jene Männer sagten, das mit den Bräuchen der Pharisäer und Sadduzäer übereinstimmt, glaube ich, dass jene Pharisäer und Sadduzäer sind. Ich fragte, ob sie Speisen ablehnen würden? Sie sagten, dass dem nicht so sei; sie würden Frosche, Schlangen, Hunde und alle Geschöpfe ohne Unterschied verzehren. Ich fragte, wie sie aus den Bergen herausgekommen wären, hinter denen sie gewesen waren? Sie sagten, dass ihre Vorfahren mehr als dreihundert Jahre lang ein Bresche durch Bäume und Gestein geschlagen hätten, um herauszukommen, bevor sie hervorkamen.
 

Als Reiternomaden passten die Mongolen gut zum tradierten Bild der apokalyptischen Völker. Hier eine Darstellung in der Universalgeschichte Gami' at-tawarich die Raschid ad-Din (1247-1318) für die Ilkhane verfasste.

Hinter den Mitteilungen der Gefangenen erkennt man zahlreiche korrekte Informationen vom Altaigebirge bis zu den buddhistischen Mönchen, die den Mongolen einige Jahrzehnte zuvor das uigurische Alphabet gebracht hatten. Doch sobald der ungarische Bischof Gog hört, schiebt sich zwischen die sachlichen Fragen und Antworten der Filter der Apokalypse. Die Befragung erfolgt nun vor der Folie der Offenbarung des Pseudo-Methodius, aufgrund derer die Antworten interpretiert und neue Fragen formuliert werden. Die Befragten werden zu Angehörigen eines der Völker, die zusammen mit Gog und Magog von Alexander eingeschlossen worden waren. Dazu passt auch, dass sie aufgebrochen seien, die Welt zu erobern. Als der Bischof auf die Schrift der Uiguren trifft hält er diese für Hebräisch. Dementsprechend müssen die Männer, die sie vermittelt haben Sadduzäer oder Pharisäer sein. Schließlich war es seit der Historia Scholastica des Petrus Comestor bekannt, dass auch die verlorenen Judenstämme von Alexander eingeschlossen worden waren. Die abscheulichen Essgewohnheiten der unreinen Völker vor Augen, ist der ungarische Bischof veranlasst seine Gefangenen nach ihren Speisen zu fragen. Ihre Antwort, sie äßen alles, sogar Frösche, Hunde und Schlangen, muss ihn noch bestätigt haben. Nun fragt er sich, wie denn die Völker nur aus ihrem Gefängnis entkommen konnten, wo Alexander der Große sie doch so sicher eingeschlossen hatte. Doch die Erklärung, ihre Vorfahren hätten dreihundert Jahre gebraucht um herauszukommen, scheint ihm völlig plausibel zu sein.
Besonders bemerkenswert ist die Tatsache, dass dieses Verhör nicht im Schrecken der Invasionszeit stattfand: Erts im Frühjahr 1241 drangen mongolische Verbände Batus, eines Enkels des Dschingis Khans, nach Polen und Schlesien vor. Am 9. April wurde ein polnisches Heer unter der Führung des Herzogs Heinrich von Schlesien bei Liegnitz vernichtend geschlagen. Am 11. April besiegten andere Truppen das Heer des ungarischen Königs Bela IV. und verwüsteten ganz Ungarn östlich der Donau. Mongolische Spähtrupps drangen bis über Wien hinaus vor. Obwohl der Bischof von all diesen Schrecken noch nichts wusste, wurde das Verhör durch seine aus der Offenbarung des Pseudo-Methodius gebildeten endzeitlichen Vorstellungen bestimmt. Dies zeigt deutlich die Gegenwart der eschatologischen Erwartung als geographisch-historische Kategorie der Fremderfahrung.
Durch den plötzlichen Tod des Großkhans Ögedei im Dezember 1241 zogen sich die mongolischen Heere aus Mitteleuropa zurück: Ihr Anführer Batu Khan wurde nun durch die Streitigkeiten um die Nachfolge Ögedeis voll in Anspruch genommen. Doch auch nach dem Ende des Mongolensturms in Europa wurde die Diskussion um die Herkunft der Invasoren in der bekannten Form weitergeführt. So sieht sich der dominikanische Missionar Ricculdus a Monte Crucis, der am Ende des 13. Jahrhunderts den Nahen Osten bereiste, gezwungen, die Abkunft der Mongolen von den verlorenen Stämmen Israels in seinem Reisebericht zu diskutieren:

Und viele meinen, dass sie (die Mongolen) die zehn Stämme Israels sind, die in Gefangenschaft gewesen sind. [...]
Als die Weltherrschaft durch Alexander an die Griechen fiel, hat Alexander selbst durch ein Wunder die Berge verschlossen, damit sie (die jüdischen Stämme) auf keine Weise entkommen konnten. Josephus und Methodius sagen aber, dass sie in der Endzeit hervorkommen und ein großes Blutbad unter den Menschen anrichten werden. Und deshalb glauben viele, sie seien die plündernden Tartaren, die plötzlich erschienen sind, ...
Dafür gibt es zwei Argumente: Denn sie hassen Alexander ganz besonders und können nicht friedlich seinen Namen hören. Zweitens weil ihre Schrift dem Chaldäischen sehr ähnlich ist, woher die Juden zuerst gekommen waren, und das Chaldäische ist dem verwandten Jüdischen äußerst ähnlich. Dagegen spricht ein bedeutendes Argument: Sie scheinen keine Kenntnis von Moses, dem Auszug aus Ägypten noch dem Priesteramt zu haben; und sie scheinen sich auch in Bezug auf ihr Äußeres und ihre Sitten von den Juden und den übrigen Völkern der Welt zu unterscheiden. Sie selbst sagten, dass sie von den Gog und Magog abstammen würden. Weshalb auch gesagt wird, dass Mogoli eine korrupte Form von Magogoli sei. Methodius sagt aber, dass Alexander zusammen mit den gefangenen Söhnen der Juden die Gog und Magog eingesperrt habe, ein unreines Volk, und viele andere, und dass sie ein großes Blutbad unter den Menschen anrichten werden. Die Lösung hierzu lasse ich offen. (10,35-48)

Auch wenn Ricculdus behauptet, sich nicht festlegen zu wollen, so scheint er doch die Verbindung der Mongolen mit den jüdischen Stämmen und den apokalyptischen Völkern skeptisch zu sehen. Will man seinen Worten glauben, so gehörte er mit dieser Sichtweise jedoch zu einer Minderheit unter seinen Zeitgenossen. Auffällig ist ebenfalls, dass Ricculdus behauptet, bei Methodius stehe auch beschrieben, wie Alexander der Große die zehn Stämme Israels einschließt. Diese gehören jedoch nicht zum Kanon der unreinen Vökker, wie ihn die Offenbarung des Pseudo-Methodius kennt. Die Bearbeitungen des Werkes durch mittelalterliche Autoren wie z.B. Petrus Comestor haben den Inhalt des Originals überlagert. Auch Begebenheiten, die gar nicht in der ursprünglich syrischen Apokalypse vorkommen, wurden so mit dem bekannten Werk verbunden.
Die Berichte über die verlorenen Judenstämme als Gog und Magog blieben aber auch nach der Zeit des Mongolensturms populär. So fand diese Geschichte auch Eingang in die fabelhafte Erzählung der Reisen des Sir John Mandeville, die zwischen 1357 und 1371 verfasst wurde. Hierin berichtet der Autor zu den kaspischen Bergen:

In diesen Bergen sind die zehn Stämme der Juden eingeschlossen, diese Menschen heißen Goth und Magoth and sie dürfen auf keiner Seite hinaus. Dort wurden 22 Könige mit ihren Völkern, die in den Bergen Skythiens lebten, eingeschlossen. Dort trieb König Alexander sie in diese Berge, und dort versuchte er sie durch menschliches Werk einzuschließen. Aber als er sah, dass er es nicht tun konnte, es nicht beenden konnte, betete er zum Gott der Natur, dass er beende, was er begonnen hatte. Und es war so, dass er ein Heide war und nicht wert Gehör zu finden. Und dennoch brachte Gott in seiner Barmherzigkeit die Berge zusammen, so dass alle, die dort lebten, durch hohe Berge fest eingeschlossen waren, …
Und trotzdem sagt man, dass sie zur Zeit des Antichristen herauskommen werden and dass sie ein großes Blutbad unter den Christen anrichten werden. Und deshalb lernen alle Juden, die in allen Ländern leben, Hebräisch in der Hoffnung, dass wenn die anderen Juden herauskommen, sie deren Sprache verstehen können, um sie zur Christenheit zu bringen, um die Christenmenschen zu zerstören. (Kap. 29)

Der Autor der Reisen des Sir John Mandeville wandelt die Gleichsetzung der verlorenen Stämme Israels mit den apokalyptischen Völkern Gog und Magog in eine antisjudaistische Verschwörungstheorie um. Er behauptet, dass die Juden in der Diaspora die Vernichtung ihrer christlichen Mitmenschen planen würden. Sie würden nur auf den Tag warten, an dem ihre Glaubensbrüder aus ihrem Gefängnis entkommen, um gemeinsam mit diesen ein Massaker an den Christen zu verüben. Anstatt eines äußeren Gegners ist hier ein vermuteter Feind im Innern, die jüdischen Diasporagemeinden, der Anstoß, die Einschließung der unreinen Völker durch Alexander zu schildern. Anstatt Trost im Angesicht eines übermächtigen Feindes zu spenden, wird diese Geschichte hervorgeholt, um irrationale Ängste gegenüber einer Minderheit weiter zu schüren. Doch schon zur Zeit der Abfassung der Reisen des Sir John Mandeville sah sich die europäische Christenheit einem neuen Feind aus dem Osten gegenüber: den türkischen Heeren des Osmanischen Reiches.

Sultan Süleyman der Prächtige unterwarf Ungarn für das Osmanische Reich. 1529 belagerten seine Truppen Wien: Europa sah sich erneut einem mächtigen Gegner aus dem Osten gegenüber. Hier ist er auf einem zeitgössischen Gemälde dargestellt, um 1530, Kunsthistorisches Museum, Wien.

Die apokalyptischen Völker wurden abermals zur Deutung der Fremden genutzt als einhundert Jahre nach dem Mongolensturm neue Truppen asiatischer Reiternomaden in den Osten Europas vordrangen: der türkische Stamm der Ogusen, die nach einem ihrer Führer, Osman I., als Osmanen bekannt geworden sind. Unter Murat I. wurde Adrianopel erobert und ab 1366 zur Residenz der osmanischen Herrscher. 1389 wurde ein serbisches Heer auf dem Amselfeld vernichtend geschlagen und Serbien fiel unter die Kontrolle des Sultans. Am 29. Mai 1453 wurde schließlich Konstantinopel und damit das oströmische Reich erobert.
Durch dieses Ereignis wurde in Europa der Ruf nach einem neuen Kreuzzug gegen die Türken laut. Bereits im September des selben Jahres rief Papst Nikolaus V. zu einem neuen Kreuzzug zur Rückgewinnung Konstantinopels auf. In seiner Rede stellte er den Kampf gegen den Türken mit dem Kampf gegen den Antichristen der Apokalypse gleich. Diese Politik verfolgte auch sein Nachfolger Pius II. Dessen erneuter Aufruf zum Kreuzzug aus dem Jahre 1459 blieb jedoch wie die Versuche seines Vorgängers ohne großen Erfolg: Kaiser Friedrich III. und dem französischen König Karl VII. fehlten die finanziellen Mittel für ein solches Unternehmen. Letzterer hatte noch unter den Folgen des Hundertjährigen Krieges gegen England zu leiden. Der englische Hof war durch die Rosenkriege mit seinen eigenen Problemen beschäftigt. Die Wahrnehmung der Osmanen durch Pius ist in dessen Kosmograhie aus dieser Zeit erkennbar:

Die Türken … haben im asiatischen Skythien, … gegenüber den „Brüsten des Nordens“ ihre heimatlichen Sitze. Sie sind ein wildes und schändliches Volk, unzüchtig in jeder Form der Hurerei, und verzehren, was die Übrigen verabscheuen, das Fleisch von Zugtieren, Wölfen, Geiern und, was das betrifft schaudert es Dich noch mehr, menschliche Todgeburten. (S. 383f)

Die Beschreibung wird durch die Offenbarung des Pseudo-Methodius bestimmt. Ihr Wohngebiet bei den „Brüsten des Nordens“ und ihre widerwärtigen Essgewohnheiten zeigen die Türken als die unreinen Völker, die Alexander im Kaukasus eingeschlossen haben soll. Sie sind die Gog und Magog, das Gefolge des Antichristen, die am Ende der Zeit von den Christen besiegt werden.
Der Fall Konstantinopels war jedoch nicht das Ende der türkischen Eroberungen: Ende August 1526 wurde ein Aufgebot der Ungarn unter König Ludwig II. vernichtend geschlagen. In der Folge dieser Schlacht wurde ganz Ungarn von den Osmanen beherrscht. 1529 standen sie zum ersten Mal vor Wien. Zur selben Zeit saß der Reformator Martin Luther an der Überarbeitung seiner Übersetzung des Neuen Testamentes. In seinem Vorwort zur Offenbarung des Johannes bespricht er auch das 20. Kapitel dieses Buches, in dem das endzeitliche Auftauchen der Gog und Magog im Gefolge des Antichristen geschildert wird:

Jnn des nu solchs alles gehet, kompt jm xx. Capitel auch her zu der letze tranck, Gog vnd Magog, der Turcke, die roten Juden, welche der Satan, so vor tausent iaren gefangen gewest ist, vnd nach tausent iaren widder los worden, bringet, Aber sie sollen mit jm auch bald jnn den feurigen pful …

Ganz in der Tradition des Petrus Comestor setzt auch Luther die aktuellen Feinde der Christenheit mit den apokalyptischen Völkern und den Juden, die Alexander der Große eingeschlossen haben soll, gleich.

Ganz in mittelalterlicher Tradition stehend setzt Martin Luther die Türken mit den Gog und Magog und den verlorenen Stämmen der Juden gleich. Im Jahr 1529, als die osmanischen Truppen vor Wien standen, portraitierte ihn Lucas Cranach der Ältere.

Auch nach dem Tode des Reformators im Jahre 1546 wurde die Identifizierung der Türken als die apokalyptischen Völker Gog und Magog von den deutschen Protestanten zur heilsgeschichtlichen Einordnung der Gegenwart genutzt. Dies zeigt sich z.B. in den Predigten Heinrich Efferhens, der als lutherahnischer Prediger um 1570 im württenbergischen Raum tätig war:

Da nuhn jemand fraget: Wer diser Gog / oder diß volck sey / welcher der Herr so hoch erhebt / unnd gleichsam zu eim haupt uber Mesech und Thubal / auch anderer voelcker erhoecht hat: So gibt die erfarung selbs uns zuverstehen / das es die Tuercken seyen / welche von den enden gegen Mitternacht erstlich gegen Morgen oder der Sonnen auffgang außgezogen seind / unnd nit allein in den laendern gegen Morgen un Mittag / sond‘ auch gege Niedergang gelege gewaltiglich herrsche / und fuernemlich gewalt habe. Damit wir aber gewiß und eigentlich wissen moegen / daß diß volck / welches der Prophet Gog nennet / die Tuercken seyen: So muessen wir erwegen / wie und welcher gestalt alles das jehnig / So der Prophet von Gog weissaget / an den Tuercken erfuellet werde [...] Erstlich wird die wohnung Gogs gesezt in dem land magog / welches [...] ligt in dem Mehrern Asia gegen mitternacht / um die gegne bey Mesech oder Mosoch. Und schreibt Herodotus / daß dasselbig land die Tyrcken (τυρχαι welche wir Tuercken nennen) ein Scythisch volck eingenommen hab. Solches bezeuget auch Pomponius Mela / und Plinius.

Die Türken werden mit den apokalyptischen Völkern des Alten Testaments identifiziert. Ihre Gefahr wird durch ihre Stellung im göttlichen Heilsplan verständlich gemacht. Dabei finden sich auch Verbindungen zur antiken Ethnographie und diese schwingen nicht nur unterschwellig mit, sondern werden explizit genannt. Doktor Efferhen ordnet die Türken in das Weltbild ein, das ihm maßgeblich durch die Bibel vorgegeben wird. Um diese Einordnung zu stützen, scheut er jedoch auch nicht davor zurück, sich auf die Autoren der heidnischen Antike zu berufen.
Mit Bezug auf Martin Luther sieht der Prediger die Macht der Türken in der Sünde der Christen:

Darumb sagt D. Luther: So sehen wir hie am ende deß 39 Capitels [des Buch Hesekiels] / wer den Tuercken so groß unnd maechtig gemacht hat / wer ihm sovil und grossen sieg gibt / Nicht fuerwahr seine Menge oder macht / sonder unsere suende sagt der text / die haben Gottes zorn erweckt / und sein angesicht vor uns verborgen / und den Gog so graewlich lassen wueten.

Eine ähnliche Sicht zeigt sich auch im Untertitel des Werkes die Weck-Glock des Hannoveranischen Pfarrers David Rupert Erythropel (1556-1626):

Kuendlicher Bericht in was Noth und Bedraengnuß Teutschland um der Suende willen / durch Gog und Magog / das ißt / dem Tuercken / kommen werde.

Die Stärke der Türken liegt also nicht in ihnen selbst, sondern sie ist ihnen von Gott gegeben, um die Christen wegen ihrer Sünden zu strafen. Damit liegt auch die Abwendung der Gefahr in der Hand der Gläubigen. Die Gleichsetzung der Türken mit den Gog und Magog bietet also auch in diesem Fall Grund zur Hoffnung. Nicht nur steht der letztendliche Sieg über die apokalyptischen Völker schon fest, sondern die Macht der Feinde ist durch die eigene Sündigkeit bedingt. Möglicherweise kann man sich selbst bessern und damit die Gegner schwächen.
In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts ist jedoch eine Veränderung festzustellen: Auch wenn die apokalyptischen Völker weiterhin als Kategorie der Fremderfahrung zur Verfügung stehen, so ist die Geschichte über die Einschließung der unreinen Völker durch Alexander den Große aus den Deutungen verschwunden. Der Makedone hat seinen Status als gottesfürchtiger König und Werkzeug Gottes, den ihm die Apokalypsen der ausgehenden Antike zugeschrieben hatten, wieder verloren. Bereits in den Reisen des Sir John Mandeville wird er als Heide identifiziert, der es eigentlich nicht verdient hat, bei Gott Gehör zu finden. Auch wenn Heinrich Efferhen es offensichtlich als legitim betrachtet, neben Martin Luther auch die antiken heidnischen Ethnographen zur Auslegung der Bibel heranzuziehen, so ist es doch eben nur diese Schrift, die als Grundlage zur Erklärung der Gegenwart benutzt wird. Die außertestamentarischen Apokalypsen wie die Offenbarung des Pseudo-Methodius und deren Held, der gläubige Makedonenkönig Alexander, haben ihre Wirkmächtigkeit verloren.

 

Empfohlene Literatur:

 

Anderson, Andrew Runni: Alexander’s Gate, Gog and Magog, and the inclosed nations, Cambridge (Mass.) 1932.

 

Bezzola, Gian Andri: Die Mongolen in abendländischer Sicht [1220-1270]. Ein Beitrag zur Frage der Völkerbegegnungen, Bern 1974.

 

Cary, George: „Alexander the Great in Mediaevel Theology“ in: Journal of Warburg and Courtauld Institutes 17 (1954), S. 98-114.

 

Cross, Samuel H.: „The earliest allusions in Slavic literature to the Revelations of Pseudo-Methodius“, in: Speculum 4 (1929).

 

Diesner, Hans-Joachim: Isidor von Sevilla und das westgotische Spanien, Berlin 1977 (=Abhandlungen der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig phil.-his. Abt. Bd. 67,3).

 

Fried, Johannes: „Auf der Suche nach der Wirklichkeit. Die Mongolen und die europäische Erfahrungswissenschaft im 13. Jahrhundert“, in: HZ 243 (1986).

 

Glöckenjan, Hansgerd, James R. Sweeney: Der Mongolensturm. Berichte von Augenzeugen und Zeitgenossen 1235-1250, Graz / Wien / Köln 1985.

 

Höfert, Almut: Den Feind beschreiben : "Türkengefahr" und europäisches Wissen über das Osmanische Reich 1450 - 1600, Frankfurt am Main 2003.

 

Klein, Michael: Geschichtsdenken und Ständekritik

in apokalyptischer Perspektive. Martin Luthers Meinungs- und Wissensbildung zur ‚Türkenfrage’ auf dem Hintergrund der osmanischen Expansion und im Kontext der reformatorischen Bewegung, Universität Hagen 2004.

 

Klopprogge, Axel: Ursprung und Ausprägung des abendländischen Mongolenbildes im 13. Jahrhundert. Ein Versuch zur Ideengeschichte des Mittelalters, Wiesbaden 1993.

 

Quinto, Ricardo: „Petrus Comestor“ in: LMA Bd. 6, coll. 1967f.

 

Schmieder, Felicitas: Europa und die Fremden. Die Mongolen im Urteil des Abendlandes vom 13. bis in das 15. Jahrhundert, Sigmaringen 1994 (=Beiträge zur Geschichte und Quellenkunde des Mittelalters Bd. 16).

 

Westrem, Scott D.: „Against Gog and Magog“ in: Sylvia Tomasch, Sealy Gilles: Text and Territory: Geographical Imagination in the European Middle Ages, Philadelphia 1998, S. 54ff.

 

 

Quellen:

 

Petrus Comestor in: Migne PL 198 coll. 1045-1720.

 

Historia de preliis J3 in: Quilichus de Spoleto. Historia Alexandri Magni, ed. W. Kirsch, Skopie 1971, pp. 259- 337.

 

Quilichinus von Spoleto in: Anderson, Andrew Runni: Alexander’s Gate, Gog and Magog, and the inclosed nations, Cambridge (Mas) 1932, S. 77f.

 

Annales de Waverleia in: RS 36,2, S. 129-411.

 

Ricculdus a Monte Crucis in: Anderson, Andrew Runni: Alexander’s Gate, Gog and Magog, and the inclosed nations, Cambridge (Mas) 1932, S. 67.

 

Reisen des Sir John Mandeville in: The Project Gutenberg EBook of The Travels of Sir John Mandeville, transcribed from the 1900 Macmillan and Co. edition by David Price.

 

Pius II., Cosmographia in: Almut Höfert: Den Feind beschreiben : "Türkengefahr" und europäisches Wissen über das Osmanische Reich 1450 - 1600, Frankfurt am Main 2003, S. 187.

 

Martin Luther: Vorrede auff die offenbarung Sanct Johannis (1530) in: Wikisource.

 

Efferhen, Heinrich in: Id.: Christenliche Predigten auß dem XXXVIII. und XXXIX. Capitel Ezechiels. Von Gog unnd Magog oder dem Tuercken, Strassburg 1571.

 

Erythropel, David Rupert in: Id.: Weck-Glock. Darinnen die schlaffende Teutschen wider die wachende Tuercken auffgewecket werden, Frankfurt am Main 1595.

 

Abbildungsnachweis:

 

Alexander und die Zehn Stämme in einer Buchillustration, Utrecht, 1430, Quelle: Geheugen van Nederland.

 

Portrait Dschingis Khans, Yuan Dynasty, National Palace Museum, Taipei, Quelle: Wikipedia.

 

Mongolische Reiter in der Universalgeschichte Gami' at-tawarich des Raschid ad-Din, Quelle: Wikipedia.

 

Sultan Süleyman der Prächtige, Quelle: Wikipedia.

 

Portrait Luthers von Lucas Cranach dem Älteren, Quelle: Wikipedia.



Kritik ist ausdrücklich erwünscht! Bitte an Alexander@gibs.info.

 

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