Die Gog und Magog, die Goten und die Kirchenväter Ambrosius, Hieronymus und Augustinus

Im vierten nachchristlichen Jahrhundert war das Christentum zur Staatsreligion im römischen Imperium aufgestiegen. Gleichzeitig wurde das Reich im Zuge der Völkerwanderung von zahlreichen äußeren Feinden bedrängt. Diese Situation provozierte geradezu den Vergleich mit den endzeitlichen Vorstellungen der Bibel: das Imperium Romanum als das „Heerlager der Heiligen“ (Off.,20,9) und Roms Feinde als die Heerscharen des Antichrist.
Dem Druck der Hunnen ausweichend erschienen 376 gotische Verbände an der Donaugrenze und verlangten die Aufnahme ins Imperium. Die Verhandlungen zogen sich in die Länge und über Versorgungsprobleme kam es zu Streitigkeiten, die zum offenen Kampf führten. Die Goten und verbündete Stämme plünderten daraufhin den Balkanraum. Nach mehren Gefechten stellte sich der oströmische Kaiser Valens am 9. August 378 bei Adrianopel einer Allianz aus West- und Ostgoten, Taifalen, sowie hunnischen und alanischen Verbänden zur entscheidenden Schlacht. Die Römer erlitten eine vernichtende Niederlage; Kaiser Valens fiel. Dies war der Anfang vom Ende des Imperiums. Die Donaugrenze, und damit der Balkan als Verbindungsglied zwischen der westlichen und östlichen Reichshälfte, konnte nie wieder vollständig unter römische Kontrolle gebracht werden. Immer neue Barbarenkontinente drangen durch diese Bresche auf das Reichsgebiet vor.

Der oströmische Kaiser Valens verlor 378 bei Adrianopel sowohl die Schlacht als auch sein Leben im Kampf gegen die gotischen Invasoren. Hier sein Portrait auf einem Sesterz. Die Umschrift lautet: D[ominus] N[oster] Valens P[ius] F[elix] AUG[ustus].

Im Eindruck dieser Katastrophe wandte sich der Mailänder Bischof Ambrosius mit seiner Abhandlung Über den christlichen Glauben an Valens Neffen, den seit 375 als weströmischen Kaiser residierenden Gratian:

Geh, geschützt durch den Schild des Glaubens, gegürtet mit dem Schwert des Heiligen Geistes; Geh zum Sieg, versprochen von alters her, vorhergesagt durch eine Eingebung Gottes.
Denn Hesekiel hat damals schon die Dezimierung unseres Volkes und den Gotenkrieg vorhergesagt: Darum so weissage, du Menschenkind und sprich zu Gog. [...]
Dieser Gog ist der Gote, dessen Kommen wir schon gesehen haben, und der zukünftige Sieg über diesen ist uns versprochen gemäß des Wortes Gottes. (2,16,136ff)

Er deutet den Kampf gegen die Goten als die Prophezeiung Hesekiels. Durch die Gleichsetzung der einfallenden Barbaren mit den Scharen des Satans ist die Niederlage weniger schlimm. Auch wenn man vernichtend geschlagen wurde, am Ende werden die christlichen Heere siegen, denn so steht es geschrieben. Die Einordnung der Schlacht in die christliche Eschatologie hat also eine tröstende Funktion.

Ambrosius, der einflussreiche Bischof von Mailand setzte nach der Niederlage bei Adrianopel die Heere der Goten mit den apokalyptischen Völkern Gog und Magog gleich. In der von ihm errichteten Basilika St. Ambrogio in Mailand ist er auf einem Mosaik verewigt.

Die Ansicht des Ambrosius traf jedoch nicht nur auf Zustimmung. In den Questiones Hebraicae in libro Geneseos seines Zeitgenossen Hieronymus wird Zweifel und Kritik an der Gleichsetzung von Goten und Gog und Magog deutlich:

Ich weiß, dass jemand unlängst die Gog und Magog in die Geschichte der Goten, die durch unser Land ziehen, eingefügt hat. Ob es wohl war ist, wird das Ende des Kampfes erweisen. Und mit Sicherheit pflegten früher alle Gebildeten, die Goten eher Geten als Gog und Magog zu nennen. (10,2)

Auch der Kirchenvater Augustin nimmt in seinem zwischen 412 und 426 n. Chr. entstandenen Werk De civitate dei grundsätzlich zu der Frage der Identifikation barbarischer Völker mit den Gog und Magog Stellung:

Unter den beiden Völkern nämlich, die hier als Gog und Magog auftreten, sind nicht irgendwelche barbarischen Völker irgendwo auf Erden zu verstehen, etwa die Geten und Massageten, wie manche vermuten wegen der Gleichheit der Anfangsbuchstaben, und ebensowenig irgendwelche anderen fremden Völker außerhalb des römischen Machtbereiches; ... (20,11)

Die apokalyptischen Völker seien nicht irgendwo außerhalb des römischen Reiches zu suchen, sondern sie lebten über die ganze Erde verteilt und aus ihnen werde der Satan zum Endkampf hervortreten.
Die Ablehnung einer Deutung der Feinde des römischen Reiches als die Gog und Magog der Johannesoffenbarung, wie sie bei Hieronymus und Augustin zum Ausdruck kommt, zeigt aber, dass die Sichtweise des Ambrosius nicht singulär war. Selbst ein Schüler des Augustinus, der Bischof von Karthago Quodvultdeus, setzt in seinem Werk Liber de promissionibus die Gog und Magog mit den Goten und Mauren gleich (4,13,22). Und noch Isidor schreibt im neunten Buch seiner Etymologiae, an denen er bis zu seinem Tod 636 arbeitete, dass weithin angenommen werde, dass die Goten und Skythen von Magog abstammen würden (9,2,27). Damit wiederholt er eine Sicht, die Flavius Josephus schon über fünfhundert Jahre zuvor in seinen Jüdischen Altertümern vertreten hatte (1,6,1).
Die Nennung der Skythen führt uns wieder zu Hieronymus. In seinen Kommentaren zum Buch Hesekiel nimmt er auch Abstand zu deren Identifikation mit den apokalyptischen Völkern:

Die Juden und unsere Judaisten meinen also, das Volk Gog seien die Skythen, die Unmenschlichen und Unzählbaren, die sich jenseits des Kaukasus und den Maoetischen Sümpfen nahe des Kaspischen Meeres bis nach Indien hin erstrecken. (11,38)

Ob der Kirchenvater hiermit direkt auf die Darstellung des Flavius Josephus und deren Rezipienten eingeht ist unklar. Es zeigt jedoch, dass es nach Meinung des Hieronymus im jüdischen Bereich eine Gruppe gab, die eine Gleichsetzung der Skythen mit den Gog und Magog befürwortete, und Gleichgesinnte unter den Christen gefunden hatte. Diese waren so präsent, dass sich Hieronymus gezwungen sah, zu ihrer Ansicht Stellung zu nehmen.
Die Beschreibung der Skythen als unmenschlich und unzählbar (immanes et innumeralis) zeigt eine klare Parallele zur Offenbarung des Johannes aber auch zu antiken Völkerbeschreibungen. In diese Richtung weist auch die geographische Einordnung, die Hieronymus gibt. Mit diesem Gebiet hinter dem Kaukasus war eine Erzähltradition heidnischen Ursprungs verbunden, die auch Hieronymus kannte:

Plötzlich liefen Boten hin und her und der ganze Osten bebte vor Angst. Denn es kam die Nachricht, dass die Hunnen vom Maeotis, aus dem Gebiet zwischen dem eisigen Tanais und den unmenschlichen Massagten, wo Alexander die wilden Völker hinter dem Kaukasus eingeschlossen hatte, hervorbrechen, … (ep. 77,8)

In den Schluchten des Kaukasus soll Alexander der Große ein Tor errichtet haben. Dieses sollte die wilden Völker, die hinter dem Gebirge lebten daran hindern, in die zivilisierten Länder einzufallen. Die Gleichsetzung dieser Wilden mit den apokalyptischen Völkern sollte jedoch erst am Ende der Antike zu Beginn des siebten Jahrhnunderts n. Chr. geschehen (siehe hier).

Ab der ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts wurden die Goten zum arianischen Christentum bekehrt. Der prachtvollste Beweis für diese Konversion ist der Codex Argenteus aus dem sechsten Jahrhundert n. Chr. Diese Handschrift ist mit Silber- und Goldtinte auf Purpurpapier geschrieben. Sie beinhaltet Teile der Evangelien nach der gotischen Bibelübersetzung des Bischofs Wulfila (311–383).

 

Empfohlene Literatur:

 

Anderson, Andrew Runni: Alexander’s Gate, Gog and Magog, and the inclosed nations, Cambridge (Mass.) 1932.

 

Demandt, Alexander: Die Spätantike: römische Geschichte von Diocletian bis Justinian 284- 565 n. Chr. , München 1989.

 

Diesner, Hans-Joachim: Isidor von Sevilla und das westgotische Spanien, Berlin 1977 (=Abhandlungen der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig phil.-his. Abt. Bd. 67,3).

 

Durant, Will: Weltreiche des Glaubens, Köln 1985 (=Kulturgeschichte der Menschheit Bd. 5).

 

Fredriksen, Paula: „Apocalypse and Redemption in Early Christianity. From John of Patmos to Augustine of Hippo“ in: Vigiliae Christianae 45:2 (1991), S. 151-183.

 

Klopprogge, Axel: Ursprung und Ausprägung des abendländischen Mongolenbildes im 13. Jahrhundert. Ein Versuch zur Ideengeschichte des Mittelalters, Wiesbaden 1993.

 

Schmieder, Felicitas: Europa und die Fremden. Die Mongolen im Urteil des Abendlandes vom 13. bis in das 15. Jahrhundert, Sigmaringen 1994 (=Beiträge zur Geschichte und Quellenkunde des Mittelalters Bd. 16).

 

Abbildungsnachweis:

 

Sesterz des Kaiser Valens, Quelle: Wikipedia

 

Ambrosius von Mailand, Mosaik in St. Ambrogio, Mailand, Quelle: Wikipedia

 

Seite aus dem Codex Argenteus, Quelle: Wikipedia

 



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TL