Die apokalyptischen Völker Gog und Magog

Einleitung

Die Bibel präsentiert dem Gläubigen eine abgeschlossene Weltgeschichte. Von der Schöpfung über die Auferstehung Jesu bis zum Tag des Jüngsten Gerichts steht die Geschichte festgeschrieben. Sie verläuft nicht in Zyklen, sondern strebt auf ein eschatologisches Ziel zu. Dies ermöglicht es die eigene Zeit in einen gesamt- historischen Zusammenhang einzuordnen. Der Sinn der Geschichte liegt für den Gläubigen in der Offenbarung Gottes.
Dem Gläubigen stellt sich nun die Frage, an welcher Stelle des göttlichen Heilsplans er sich wohl befindet. Die Frage nach dem kommenden Weltende ist, wie die Diskussionen zur letzten Jahrtausendwende gezeigt haben, nicht nur unter Anhängern dubioser Sekten aktuell. So beeinflusst diese Vorstellung auch die Wahrnehmung des Fremden: Die europäischen Gesandten zum Beispiel, die im 13. Jahrhundert zu den Mongolen reisten, versuchten, den Status der Fremden in der christlichen Heilsgeschichte zu bestimmen. Auf diese Weise konnte der eigene Standpunkt im göttlichen Plan und damit die eigene Zukunft ergründet werden.
Für gefährliche und mächtige Völker bot sich die Identifikation mit den apokalyptischen Völkern Gog und Magog an. Diese werden laut Hesekiel und der Offenbarung des Johannes im Gefolge des Antichrist erscheinen und die Gläubigen bedrängen. Schon bei Hesekiel sollen die apokalyptischen Völker aus der Fremde, aus dem fernen Norden kommen. Jemand, der jedoch die ganze Welt erobert hat und daher auch alle Völker gesehen haben muss, ist Alexander der Große wie ihn die Legenden der Antike und des Mittelalters zeigen. Aus diesem Grund ist es auch nicht überraschend, dass die christliche Erzählung von den Gog und Magog in den Sagenkreis des Alexanderromans aufgenommen wurde. Dies führte dazu, dass der Makedonenkönig Teil der christlichen Heilsgeschichte wurde und damit auch in die Berichte des Korans aufgenommen wurde. Im folgenden wird nun dargestellt, wie die apokalyptischen Völker Eingang in das Alte und Neue Testament der christlichen Bibel fanden.

Johannes berichtet in seiner Offenbarung, dass in der letzten Schlacht die Horden des Satan, die Gog und Magog, niedergeworfen werden. Nach diesem Sieg werde das himmlische Jerusalem auf die Erde niederkommen. Die Szene ist auch auf dem monumentalen Wandteppich im Château d'Angers dargestellt, den Jean de Bondol zwischen 1376 und 1379 für Ludwig von Anjou geschaffen hat.

Die Gog und Magog im Alten Testament

Der älteste Beleg für den Namen Magog findet sich im zehnten Kapitel der Genesis. Dort wird im Zuge der Völkertafel ein Sohn Jafets und Enkel Noahs so bezeichnet (10,2). Im Buch Hesekiel, das wahrscheinlich in der Babylonischen Gefangenschaft verfasst wurde, hat sich die Bedeutung des Wortes verschoben: Nun benennt Magog ein Land, indem ein Fürst namens Gog herrscht. Es wird vorausgesagt, dass er mit seinen berittenen Scharen aus dem äußersten Norden kommen und über das Volk Israel herfallen wird:

Und des HERRN Wort geschah zu mir: Du Menschenkind, richte dein Angesicht auf Gog, der im Lande Magog ist und Fürst von Rosch, Meschesch und Tubal, und weissage gegen ihn und sprich: So spricht Gott der HERR: Siehe ich will an dich, Gog, der du bist Fürst von Rosch, Meschesch und Tubal! Siehe, ich will dich herumlenken und dir einen Haken ins Maul legen und will dich ausziehen lassen mit deinem ganzen Heer, mit Ross und Mann, die alle voll gerüstet sind; und sie sind ein großer Heerhaufen, die alle kleine und große Schilde und Schwerter tragen. […]
Darum so weissage, du Menschenkind und sprich zu Gog: So spricht Gott der HERR: Ist’s nicht so? Wenn mein Volk Israel sicher wohnen wird, dann wirst du aufbrechen. Und wirst kommen aus deinem Ort, vom äußersten Norden, du und viele Völker mit dir, alle zu Ross, ein großer Heerhaufen und eine gewaltige Macht, du wirst heraufziehen gegen mein Volk Israel wie eine Wolke, die das Land bedeckt. Am Ende der Zeit wird das geschehen (38,1-4; 14-16).

Die Schilderung des Angriffes Gogs und seiner Scharen hat Parallelen in sumerischen Keilschriftepen wie der Legende von Naram-Sin. Höchstwahrscheinlich hat der jüdische Autor des Buches Hesekiel diese im babylonischen Exil rezipiert und Themen aus ihnen in seinem eigenen Werk verwendet. Zu der Schilderung bei Hesekiel findet sich jedoch auch eine Parallele im Alten Testament. Das Buch Jeremiah, das wahrscheinlich zeitlich vor Hesekiel anzusetzen ist, sagt eine Invasion aus dem Norden voraus. Auch hier werden die Angreifer als berittene Scharen beschrieben (6,22f; 50,41f).
Die Darstellung der Invasion Gogs bei Hesekiel und ähnliche Berichte in mesopotamischen Epen sind als Reflexionen des Kimmerereinfalls unter Sargon von Assyrien (721-705 v. Chr.) oder des Eindringens von Skythen unter der Herrschaft Asarhaddons (680-669 v. Chr.) identifiziert worden. Diese Reitervölker waren über den Pass von Derbend ins Assyrerreich gekommen und hatten verheerenden Schaden angerichtet. Auch der Name Gog soll eine Anlehnung an Gyges, einen König Lydiens in Kleinasien sein. Dieser war zu Tode gekommen, als seine Hauptstadt Sardeis durch kimmerische Truppen kurz nach 650 v. Chr. geplündert wurde.

Der goldene Kamm zeigt skythische Krieger. Er stammt aus dem Solokha Kurgan (Grabhügel) in Zaporizhia Oblast in der östlichen Ukraine. Der Kamm, der Teil der Grabbeigaben eines skythischen Herrschers des vierten Jahrhunderts v. Chr. war, wurde bei Ausgrabungen 1913 entdeckt. Heute befindet er sich in der Eremitage, St. Petersburg.

Die Beschreibung der apokalyptischen Völker als Reiternomaden legt es nahe, dass wirklich eine Beziehung zwischen dem Buch Hesekiel und den Kimmerer- bzw. Skytheneinfällen besteht. Auch wenn der Zeitabstand zwischen den Invasionen im achten und siebten Jahrhundert v. Chr. und dem frühesten möglichen Abfassungs-datum des Buches gegen Mitte des sechsten Jahrhunderts signifikant ist, so ist doch eine Vermittlung dieser Ereignisse durch babylonische Schriften oder jüdische Texte wie Jeremiah anzunehmen.
Auch der jüdische Schriftsteller Flavius Josephus verbindet Magog mit den Skythen: Im ersten Jahrhundert n. Chr., rund 700 Jahre nach der Abfassung des Buches Hesekiel, schreibt er, die Skythen hätten nach ihrem Stammvater Magog früher „Magoger“ geheißen (Ant. 1,6,1). Ob Josephus jedoch wirklich etwas Genaues über die historischen Hintergründe der Beschreibung bei Hesekiel wusste, ist zweifelhaft. Der Zeitabstand zwischen ihm und dem Autor des biblischen Buches scheint zu groß zu sein. Wenn seine Gleichsetzung mit den Skythen zutrifft, ist sie vielmehr auf Parallelen zwischen der alttestamentarischen Völkerbeschreibung und der antiken Ethnographie zurückzuführen. Die Beschreibung, der Armee des Gog als Reiternomaden aus dem Norden, wie sie sich bei Hesekiel findet, muss bei jemandem, der wie Flavius Josephus mit den ethnographischen Schriften der griechischen und römischen Autoren vertraut war, bestimmte Assoziationen hervorrufen: Etwa an die schon mehrfach erwähnten Skythen oder auch an ihre legendären gesetzlosen Nachbarn, die Anthrophagen, die wie ihr Name schon sagt Menschenfleisch essen sollen (z. B. bei Herodot, 4,100; 106).

Durch ihre Identifikation mit legendären Völkern aus den Schriften der antiken Ethnographie wurden den Gog und Magog abstoßende Eigenschaften wie z.B. Kannibalismus nachgesagt. Diese Charakterisierung findet sich auch auf der Ebstorfer Weltkarte (um 1300): Hier hat Alexander die beiden grausigen Völker Gog und Magog eingeschlossen, die der Antichrist im Gefolge haben wird. Sie essen Menschenfleisch und trinken Blut.

Die Offenbarung des Johannes

Wie Flavius Josephus, so schrieb auch der Verfasser der Johannesoffenbarung im ersten nachchristlichen Jahrhundert unter dem Einfluss der Zerstörung des Jerusalemer Tempels. Dieser war während der Eroberung der Stadt durch römische Truppen 70 n. Chr. ein Opfer der Flammen geworden. Bei Johannes, der von der neueren Forschung nicht mehr mit dem Lieblingsjünger Jesu gleichgesetzt wird, werden die Namen Gog und Magog als Bezeichnungen für zwei apokalyptische Völker gebraucht:

… Und wenn die tausend Jahre vollendet sind, wird der Satan losgelassen werden aus seinem Gefängnis und wird ausziehen, zu verführen die Völker an den vier Enden der Erde, Gog und Magog, und sie zum Kampf zu sammeln; deren Zahl ist wie der Sand am Meer. Und sie stiegen herauf auf die Ebene der Erde und umringten das Heerlager der Heiligen und die geliebte Stadt. Und es fiel Feuer von Gott aus dem Himmel und verzehrte sie. Und der Teufel, der sie verführte, ward geworfen in den feurigen Pfuhl ... (20,7-10)

Die Johannesoffenbarung verbindet das Alte Testament mit jüdisch-apokalyptischer Literatur und mythischen Erzählungen des antiken Mittelmeerraums. Schon Thukydides schreibt über das Volk der Skythen sie seien zwar unzivilisiert, würden aber an Anzahl und militärischen Ressourcen von niemandem überboten (2,97,5f). Ob eine direkte Beeinflussung des Verfassers der Johannesapokalypse durch die Darstellung der als wild empfundenen Völker in der antiken Ethnographie statt fand, ist nicht zu sagen. Für den in der griechischen und römischen Literatur bewanderten Rezipienten ergaben sich so aber zusätzlich zu den Informationen im Buch Hesekiel neue Anknüpfungspunkte zu anderen antiken Völkerbeschreibungen.
Mit der Aufnahme der Völker Gog und Magog in das Neue Testament wurden diese zu festen Begriffen in der christlichen Welt- und Heilsgeschichte. Somit konnten sie auch zu Kategorien oder Deutungsmustern der Fremderfahrung werden. Gerade in Bedrängnis bot es sich an, die übermächtigen Feinde mit den Scharen des Satans zu identifizieren. Denn wie aussichtslos die Lage auch erscheinen mochte, die Gleichsetzung des Gegners mit den apokalyptischen Völkern gab dem Gläubigen die Hoffnung, am Ende doch siegreich zu sein. Aus diesem Grund kam diese Wahrnehmungsstrategie auch zum Einsatz als das nun christliche Imperium Romanum im dritten Jahrhundert n. Chr. durch die Scharen der Völkerwanderung bedroht wurde (siehe hier).

 

Empfohlene Literatur:

 

Anderson, Andrew Runni: Alexander’s Gate, Gog and Magog, and the inclosed nations, Cambridge (Mass.) 1932.

 

Astour, Michael C.: „Ezekiel's Prophecy of Gog and the Cuthean Legend of Naram-Sin“ in: Journal of Biblical Literature 95:4. (1976), S. 567-579.

 

Beile, Rüdiger: Zwischenruf aus Patmos. Der zeitgeschichtliche Rahmen der Johannes-Apokalypse und seine Folgen. Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der Philosophischen Fakultät der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, 2002.

 

Bøe, Sverre: Gog and Magog. Ezekiel 38-39 as Pre-text for Revelation 19,17-21 and 20,7-10, Tübingen 2001 (=Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament. 2. Reihe, Bd. 135).

 

Fredriksen, Paula: „Apocalypse and Redemption in Early Christianity. From John of Patmos to Augustine of Hippo“ in: Vigiliae Christianae 45:2 (1991), S. 151-183.

 

Gurjewitsch, Aaron J.: Das Weltbild des mittelalterlichen Menschen, München 1982.

 

Klopprogge, Axel: Ursprung und Ausprägung des abendländischen Mongolenbildes im 13. Jahrhundert. Ein Versuch zur Ideengeschichte des Mittelalters, Wiesbaden 1993.

 

Münkler, Marina: Erfahrung des Fremden. Die Beschreibung Ostasiens in den Augenzeugenberichten des 13. und 14. Jahrhunderts, Berlin 2000.

 

Nissen, Hans J.: Geschichte Altvorderasiens, München 1999 (=OGG 25).

 

Parker, Viktor: „Bemerkungen zu den Zügen der Kimmerer und der Skythen durch Vorderasien“ in: Klio 77 (1995), S. 7-34.

 

Scherb, Victor: „Assimilating Giants: The Appropriation of Gog and Magog in Medieval and Early Modern England“ in: Journal of Medieval and Early Modern Studies 32:1 (2002), S. 59-84.

 

Sharon, Diane M.: „A Biblical Parallel to a Sumerian Temple Hymn? Ezekiel 40– 48 and Gudea“ in: Janes 24 (1996), S. 99-109.

 

Waldenfells, Bernhard: Der Stachel des Fremden, Frankfurt 21991.

 

Abbildungsnachweis:

 

Das himmlische Jerusalem auf der Apokalypsetapisserie im Château d'Angers, Quelle: Wikipedia.

 

Kamm aus dem Solokha Kurgan, Quelle: Wikipedia.

 

Die apokalyptischen Völker Gog und Magog auf der Ebstorfer Weltkarte, Quelle: Wikipedia.

 



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TL