Alexander, die neuf preux und die Herzöge von Burgund

 

 

Der Marienbrunnen aus dem Jahre 1408 auf dem Braunschweiger Altstadtmarkt wurde im zweiten Weltkrieg schwer beschädigt und zeugt damit auch von den Zerstörungen, die die Stadt im Bombensturm zu erleiden hatte. Im Gegensatz zum Braunschweiger Löwen war er nicht eingelagert, sondern nur mit einer Schutzschicht aus Sand und Brettern verschalt worden. Diese hatte jedoch den Bombenangriffen wenig entgegenzusetzen, sodass die obere Hälfte des Bauwerkes weitestgehend zerstört wurde. Auch das mittlere Becken des Brunnens ist heute auf dem Altstadtmarkt nur noch als Rekonstruktion zu sehen.
Dieses Becken ist umlaufend mit Wappen geschmückt, die durch Inschriften erläutert werden und in vier Abteilungen zu jeweils fünf Wappen eingeteilt sind. Die erste Abteilung beginnt mit dem Schild der Stadt Braunschweig. Darauf folgen vier Wappen die jeweils ein Kamel, ein Hermelinmuster, einen Drachen und ein Pentagramm zeigen. Diese sind mit den Namen [h]ektor, allexa[n]d[er], yulius und r[ex] david versehen. Daran schließen sich in den folgenden Abteilungen die Wappen von yudas, yosue, karolus, r[ex] artus und godevrid an: Alexander erscheint hier als einer der neuf preux, der „Neun Guten Helden“. Die Bedeutung, die diesen in der Ausgestaltung des Marienbrunnens zugebilligt wird, ist daran zu erkennen, dass sie gleich nach dem Wappen der Stadt genannt werden. Erst darauf folgen die Wappen des Deutschen Reiches, der Kurfürsten und der welfischen Linien Braunschweig und Lüneburg.

Das mittlere Becken des Braunschweiger Marienbrunnens: Der geteilte Wappenschild mit dem Hermelinmuster in der oberen Hälfte steht für Alexander den Großen, wie aus der darüber befindlichen Inschrift hervorgeht. Das erste der fünf Wappen mit dem steigenden Löwen repräsentiert die Stadt Braunschweig.

Die neuf preux galten im Mittelalter als historische Personen, die als Verkörperungen ritterlicher Ideale gesehen wurden. Entsprechend der heilsgeschichtlichen Einteilung ante lege (Heidentum), sub lege (Altes Testament) und sub gratia (Neues Testament), waren die neuf preux in drei Kategorien eingeteilt: Zusammen mit dem Trojaner Hektor und dem römischen Feldherrn Gaius Julius Caesar bildete Alexander die Trias der antiken Heiden. Diese wurde ergänzt durch die jüdischen und christlichen Helden. Die jüdischen Heroen waren Josua, der das Heilige Land für das Volk Israel erobert hatte, König David, der Goliath-Bezwinger, und Judas Makkabäus, der das griechische Seleukidenreich besiegen konnte. Als beispielhafte Christen galten der legendäre König Artus, Karl der Große und Gottfried von Bouillon, der 1099 im 1. Kreuzzug Jerusalem erobern konnte. Diese neun Helden wurden oft noch um neun Heldinnen erweitert, die jedoch in ihrer Besetzung stark variierten.

Die älteste figürliche Darstellung der neuf preux befindet sich im Hansasaal des historischen Rathauses zu Köln. Die Figuren, die Teil der prachtvollen Schauwand an der Südseite des Raumes sind, stammen spätestens aus den 30er Jahren des 14. Jahrhunderts.

 

Die erste Kanonisierung der neuf preux findet sich in Jacques de Longuyons Bearbeitung des Alexanderromans Les Voeux du Paon, die er um 1312 für den Lütticher Bischof Thibaut de Bar verfasste. Der Stoff fand schnell weite Verbreitung: noch um 1330 wurde eine Figurengruppe der „Neun Guten Helden“ an der Südseite des Hansasaals des Kölner Rathauses angebracht. In den Jahren 1385-1396 hatte der Magistrat der Stadt Nürnberg den Schönen Brunnen auf dem Marktplatz errichten lassen. Dieser wurde mit Darstellungen der neuf preux und anderer Gestalten wie den vier Evangelisten und den vier lateinischen Kirchenvätern verziert. Wie auch auf dem etwas später errichteten Braunschweiger Marienbrunnen werden die neun guten Helden auf einer Ebene zusammen mit den Kurfürsten des Deutschen Reiches gezeigt. Anläßlich der Neubemalung und Vergoldung der Figuren im Jahre 1587 verfasste Hans Weber ein Gedicht, in dem der Figurenschmuck des Brunnens erläutert wird. Über Alexander den Großen ist dort folgendes zu hören:

Der ander Haid Allexander,
geborn aus Macedonia her,
Die gancze welt bezwungen hatt,
war treu vnnd fromb mit wortt vnd thatt,
mit gifft hat man Im auch vergeben,
So het der fromb geendt sein leben, ...

(zitiert nach Schroeder, S. 163).

Die neuf preux finden sich auch unter den Figuren auf dem Schönen Brunnen in Nürnberg vom Ende des 14. Jahrhunderts. Die Person in der Bildmitte ist der biblische König David, zu erkennen an der Harfe in seiner linken Hand.

In der Literatur wurde das Thema der neuf preux bis ins 17. Jahrhundert immer wieder aufgegriffen. Sie galten als vorbildliche Ritter, ideale Herrscher und fähige Feldherrn. Mit Ausnahme Hektors und vielleicht Artus’ hatten sie sich besonders als Eroberer hervorgetan. Sie waren Leitbilder, an denen sich die Angehörigen der Aristokratie messen konnten. In diesem Zusammenhang ist auch die höfische Rezeption des Alexanderstoffes zu sehen. Der antike Held wurde zur Repräsentation der eigenen Herrschaft vereinnahmt.
Die größte Verehrung der neuf preux und besonders Alexanders des Großen im Spätmittelalter ist am Hof der Herzöge von Burgund auszumachen. Ihr Reich bestand aus zwei Hauptgebieten: Im Norden gehörten zu Burgund die Hauptgebiete der Niederlande mit den prosperierenden Provinzen Brabant und Flandern, im Süden die Franche Comté, die Freigrafschaft Burgund, und das Herzogtum Bourgogne. Durch ihre Besitzungen im Königreich Frankreich standen die Herzöge in Lehnsabhängigkeit zum französischen König. Diese Situation führte dazu, dass die burgundische Politik des 14. und 15. Jahrhunderts auf zwei Ziele ausgerichtet war: Zum einen war dies die politische Unabhängigkeit von Frankreich, zum anderen, die zwei Hauptgebiete ihrer Herrschaft durch territorialen Zugewinn zu verbinden. In dieser Situation bot sich Alexander der Große, der ein riesiges Reich erobert hatte und keinen anderen Herrscher neben sich dulden musste, als Leitbild geradezu an.

 

Eines der Bildmedien herrscherlicher Machtansprüche des Mittelalters waren monumentale Wandteppiche. Als Thema dieser Tapisserien stand der Alexandermythos hoch im Kurs. So ist auch von Philipp dem Kühnen, der von 1363 bis 1404 Burgund regierte, bekannt, dass er 1386 eine Alexandertapisserie kaufte. Sein Enkel Philipp der Gute, Herzog von 1419 bis 1467, erwarb 1459 einen Alexanderteppich aus Tournai, der sich heute im Palazzo Doria Pamphilj in Rom befindet. Alexander ist darauf in prunkvollen Gewändern und Rüstungen ganz nach zeitgenössischem burgundischem Geschmack dargestellt. Auch höfische Szenen, wie die Audienz der Gesandten des Darius oder der Empfang Alexanders durch seine Gefährten nach seiner abenteuerlichen Greifenfahrt erinnern an das burgundische Hofzeremoniell. Durch diese Darstellung des Alexanderstoffes im Kleide der zeitgenössischen Hofmode findet eine Assoziierung der antiken Geschichte mit der Welt des Hofes Philipps des Guten statt. Alexander wird für die burgundische Herrschaftsrepräsentation vereinnahmt.

Aber auch zahlreiche Handschriften mit Bearbeitungen des Alexanderstoffes fanden ihren Weg in die burgundische Hofbibliothek: 1398 schickte Philipp der Kühne Sultan Bejazit I. eine Histoire du roy Alexandre et le graigneur partie de sa vie et de ses conquestes, um seinen Sohn und weitere Burgunder freizubekommen. Diese hatten am Türkenkreuzzug Kaiser Sigismunds teilgenommen, der am 28. September 1396 bei Nikopolis in Nordbulgarien in einer schweren Niederlage geendet hatte. Schon 1389 waren die Serben den Osmanen in der Schlacht auf dem Amselfeld (Kosovo) unterlegen gewesen. Nun standen auch Bulgarien und die Walachei unter der Herrschaft des Sultans.
Die Bedrohung durch die Türken sollte auch in den folgenden hundert Jahren die Alexanderrezeption am burgundischen Hof prägen: In dem Alexanderzyklus des Teppichs im Palazzo Doria Pamphilj wird der Makedone und damit auch Philipp der Gute als Bezwinger des Orients gezeigt, der auch gegen Türken zu Felde zieht. Die Eroberung Konstantinopels am 29. Mai 1453 durch Mehmet II. verschärfte die Wahrnehmung der Türkengefahr auch im westlichen Europa. Rufe nach einem neuen Kreuzzug wurden laut.

Philipp der Gute regierte von 1419 bis zum seinem Tode 1467 das Herzogtum Burgund. Auf diesem Gemälde seines Zeitgenossens Rogier van der Weydens trägt er die Collane (Halskette) des Ritterordens vom Goldenen Vlies, den er im Jahr 1430 gegründet hatte.

In Sinne dieser Kreuzzugsstimmung veranstaltete Philipp am 17. Februar 1454 sein berühmtes Fasanenfest. Hierbei ließ er im Palais du Rihour in Lille ein außergewöhnlich prunkvolles Festmahl ausrichten. Unter anderem wurden dabei 28 Musikanten in einer gigantischen Fleischpastete präsentiert. Auf dem Höhepunkt des Banketts wurde eine Frau auf einem Elefanten hereingeführt. Als Personifikation der Ecclesia, der christlichen Kirche, klagte sie ihre Pein, welche sie von den Türken zu erleiden habe. Daraufhin rief Philipp der Gute seine Gäste zur Teilnahme an einem neuen Kreuzzug nach Konstantinopel auf. Hierzu ließ er einen mit Gold geschmückten Fasan hereinbringen. Dieser war mit den Insignien des Ritterordens vom Goldenen Vlies, den Philipp bereits 1430 gegründet hatte, ausgestattet. Auf diesen Fasan gaben die Kreuzfahrer ihre Kreuzzugsgelübde ab. Durch diese Form des Gelübdes stellte Philipp sein Handeln erneut in die Tradition des Alexandermythos.
Der Schwur auf den Fasan spiegelte die Erzählung vom Schwur auf den Pfau wieder, wie sie z.B. namensgebend für Jacques de Longuyons Les Voeux du Paon (die Gelübde des Pfaus) war. In dieser Episode, die im 13. Jahrhundert Eingang in den französischen Alexanderroman fand, kommt Alexander nach der Eroberung von Tyros auf Bitten eines gewissen Casamus dessen Verbündeten bzw. Verwandten zur Hilfe. Diese werden in ihrer Stadt Epheson vom indischen König Clarus und dessen Söhnen belagert. Der Inder möchte dadurch die Hand der schönen Fesonas erlangen. Während der Belagerung kommt es zu einem Bankett in der Stadt, an dem auch Porus, ein gefangener Sohn des Clarus, teilnimmt. Hierbei leisten die Anwesenden mit Hinblick auf die bevorstehende Schlacht Gelübde auf einen Pfau. Porus schwört z.B., einem bestimmten Gegner im Zweikampf dessen Pferd zu rauben.

Jean Wauquelin präsentiert eines seiner Werke dem Herzog Philipp dem Guten. Dieser wird von einem seiner Söhne und mehrerer weiterer Mitglieder des Ordens vom Goldenen Vlies begleitet. Buchmalerei von Rogier van der Weyden um 1450.

Diese Erzählung vom Gelübde des Pfaus hatte auch Jean Wauquelin in seine Alexanderkompilation aufgenommen, die er vor 1448 für Philipps Vetter Jean II de Bourgogne, comte d’Etampes, verfasst hatte. Darin erklärte er Alexander zum roy et seigneur par sa proesche de toutte la terre d’Orient et d’Occident (159,5f) und behauptete, dass die burgundischen Gebiete Teil des Alexanderreiches gewesen seien. Ein illustriertes Manuskript dieses Werkes befand sich auch in der herzoglichen Bibliothek. Auch andere Bearbeitungen des Pfauenstoffes, wie die Fortsetzungen des Les Voeux du Paon – Jean Brisebarre de Douais Restor du Paon und Jean de le Motes Parfait du Paon – waren dort zu finden.
Mit dem Fasanenbankett vereinnahmte Philipp der Gute ein weiteres Mal den Alexandermythos, um sich selbst als tugendhaften und vorbildlichen Ritter, sowie als Vorkämpfer und Retter des Christentums zu präsentieren. Zu einem Kreuzzug sollt es übrigens dann doch nicht kommen: Kaiser Friedrich III. und dem französischen König Karl VII. fehlten die finanziellen Mittel für ein solches Unternehmen. Letzterer hatte noch unter den Folgen des Hundertjährigen Krieges gegen England zu leiden. Der englische Hof war durch die Rosenkriege mit seinen eigenen Problemen beschäftigt.

 

Die Identifikation der burgundischen Herzöge mit den neuf preux und Alexander dem Große endete nicht mit dem Tode Philipps des Guten im Jahre 1467. Jean Molinet zeigt den Verstorbenen in Le Throsne d’Honneur im Kreis der neun Recken unter denen er als Triumphator und zehnter Held den Ehrenplatz einnimmt. Vasco da Lucena bezeichnet in seiner Übersetzung der Alexandergeschichte des Curtius Rufus ins Französische, die er 1468 vollendete, die Vorfahren des Herzogs als Alexandre de leurs temps und Philipp selbst als Alexandre du nostre. Noch weiter geht der Portugiese jedoch in Bezug auf dessen Sohn Karl den Kühnen, dem die Übersetzung zugedacht ist: Diesem sagt er nach, dass, wenn Alexander wieder auf die Welt käme, er sich Karl als Vorbild nehmen würde. Dementsprechend große Ansprüche stellte er an den neuen Herzog von Burgund:

En oultre s’il n’a point samblé difficle à Alexandre de conquester tout Orient pour saouler le vain appetit de sa gloire, il m’est advis que moins difficile devroit sembler à un bon prince christien icelui conquester pour le reduire à la foy de Jhesu Crist, ...(P. Paris, Mss. franç., II, p. 281, zitiert nach Doutrepont, S. 183).

Wenn es für Alexander nicht schwierig gewesen sei, so Vasco da Lucena, den gesamten Orient nur aus Ruhmsucht zu erobern, dann müsste es doch für einen christlichen Fürsten umso leichter sein, diese Länder im Auftrag Jesu Christi zu erringen: Karl sollte als zweiter Alexander in den Osten ziehen. Dass Alexander Jerusalem besucht habe, behauptete schon der jüdische Autor Flavius Josephus (1. Jh. n. Chr.), dessen Werke im christlichen Mittelalter weit verbreitet waren. Die Legende fand ebenfalls Eingang in die jüdische Version des Alexanderromans. Auch die Standardenzyklopädie des Mittelalters, die Etymologiae Isidors von Sevilla wusste zu berichten, dass Alexander die heilige Stadt eingenommen habe (V,39,21). Einem anderen der neuf preux, dem Namensvetter des Herzogs, Karl dem Großen, wurde im Mittelalter ebenfalls nachgesagt, Jerusalem erreicht zu haben. Auch in Konstantinopel soll er gewesen sein. Dort habe sich ihm der byzantinische Kaiser als Vasall unterworfen. Ein Beispiel für diesen Glauben ist das epische Gedicht Voyage de Charlemagne à Jérusalem et à Constatinople, das im 15. Jahrhundert zwei neue Bearbeitungen fand. Karl der Kühne selbst stellte sich auch gerne in diese Tradition und präsentierte sich als Vorkämpfer der Christenheit. Als er vom Mainzer Erzbischof am Namen des Kaisers um Hilfe im Krieg gegen die Türken gebeten wurde, ließ er die Gesandten extra für seine Antwort in einen anderen Raum bringen. Dort versprach er vor der Kulisse einer Alexandertapisserie seinen Beistand gegen die Türken.

Karl der Kühne in prunkvoller Rüstung auf einem anonymen Gemälde aus dem frühen 16. Jahrhundert, heute im Musée du Palais des Ducs de Bourgogne, Dijon.

Karl hatte jedoch alle Hände voll zu tun, sein Herrschaftsgebiet durch Feldzüge weiter auszubauen: Durch die Eroberung Lothringens und Savoyens sollte das karolingische Lotharingien wieder erstehen. Bis zu seinem Tode bemühte er sich – schlussendlich vergeblich – Burgund zu einem unabhängigen Königreich zu machen. Doch auch für diese Politik eignete sich Alexander der Große als Leitbild. Der Eroberer eines Weltreiches war das ideale Vorbild für den auf Expansion und Alleinherrschaft bedachten Karl. Die Assoziation mit König Alexander bestimmte auch die Wahrnehmung des Herzogs durch seine Zeitgenossen: Konrad Stolle vermerkte in seiner Thüringisch-Erfurterischen Chronik:

Man saget, das der herzoge von Burgundien gesprochen had, Iß mogen nicht mehir gesin jn der werlt, wann drye hern, der sie einer in deme himmele, das sy got, Einer in der helle, das sie der tufel Lucifer, vnd einer uff der erden, das wolle her sy, got habe on dor mete vorsehen, das er die welt vndir sich bringe sulle, also koningk Alexander gethon hat, vnd gesprochen hat, Alexander sie eyn heide gewest vnnd habe die gantze werlt jn xij jarn vnder sich gebracht vnd gewunnen, vnd habe nicht also fele geldes vnd silbers vnd volks gehabt, als her habe… (S. 61).

Karls unentwegtes Streben nach Ausweitung der burgundischen Macht scheiterte schließlich am 5. Januar 1477 auf einem Schlachtfeld bei Nancy. Sein Heer unterlag den vereinigten lothringischen und eidgenössischen Truppen. Am nächsten Morgen wurde die nackte Leiche des Herzogs, von Wölfen angefressen, in einem Tümpel gefunden. Dieses unrühmliche Ende des begeisterten Alexandernachahmers stellte in den Augen seiner Zeitgenossen auch das von ihm vorgelebte Heldenideal in Frage: Der feste Glaube an die eigene Tugend und Überlegenheit und das damit verbundene, unaufhörliche Expansionsstreben waren am Ende an der Macht der Schicksalsgöttin Fortuna gescheitert. So vermerkte der Straßburger Chronist Conrad Pfettisheim zum Jahr 1477:

Des großen Alexanders Buch / das ließ er sich vorlesen / Er wär’s auch gern gewesen. / Herzog Karl, den stach man tot / Er lag nun da ganz ohne Macht / im Elend wie ein ander / So endet in derselben Nacht / der andere Alexander …(zitiert nach Loschelder, S. 341).

Von den Gegnern Karls des Kühnen wurde seine imitatio Alexandri als Übermut ausgelegt und war nach seinem Tode Anlass zu Hohn und Spott. In seiner Chronik der Burgunderkriege schreibt der Schweizer Diebold Schilling:

Er schatzt sich kung Allexander glich; / er wolt bezwingen alle rich, / das want got in kurzer stund; / ein wis man lass im wesen kund: / es ist gefellet mit dem strit / gros übermut in kurzer zit! (Bd.2, S.121).

Nach der Niederlage Herzogs Karls des Kühnen in der Schlacht bei Grandson am 2. März 1476 wird das burgundische Lager von eidgenössische Truppen geplündert, Berner Chronik 1483.

Wie das Reich Alexanders des Großen den Tod seines Begründers nicht lange überdauern sollte, so endeten auch alle Träume von einem burgundischen Reich mit dem Tode Karls des Kühnen. Weil er keinen Thronfolger hinterließ, wurden seine Besitzungen zwischen dem französischen Königshaus und den Habsburgern aufgeteilt. Kaiser Friedrich III. gelang es dabei, den Löwenanteil für seine Dynastie zu beanspruchen: Als Karl nach der Niederlage bei Grandson in Bedrängnis geraten war, hatte ihm Friedrich die Zusage einer Heirat zwischen der burgundischen Erbin Maria und dem habsburgischen Thronfolger Maximilian I. abgetrotzt. Diesen Anspruch konnte er gegenüber dem französischen König durchsetzen, der aus der burgundischen Erbmasse nur die Picardie und das Herzogtum Bourgogne erhielt. Friedrich, der sich aus den Kämpfen so weit wie möglich herausgehalten hatte, war damit der eigentliche Gewinner dieses Konflikts – entsprechend dem berühmten dictum: Bella gerant alii, tu felix Austria nube.

Empfohlene Literatur:

 

Deuchler, Florens: „Heldenkult im Mittelalter: Alexander der Grosse“ in: M. Bridges, J.Ch. Bürgel (Eds.): The Problematics of Power. Eastern and Western Representations of Alexander the Great, Berlin et al.: Peter Lang 1996 (=Schweizer Asiatische Studien. Monograhien, Bd. 22), p.15-26

 

Doutrepont, Georges: La Littérature Française a la Cour des Ducs de Bourgogne. Philippe Le Hardi – Jean Sans Peur – Philippe Le Bon – Charles Le Téméraire, Genf : Slatkine Reprints 1970.

 

Franke, Birgit: „Herrscher über Himmel und Erde. Alexander der Große und die Herzöge von Burgund“, in: Marbuger Jahrbuch für Kunstwissenschaft, 27 (2000), p. 121-169.

 

Kump, Werner: „Der Brunnen auf dem Altstadtmarkt zu Braunschweig“ in: Erich Walter Lotz et al.: Der Brunnen auf dem Altstadtmarkt zu Braunschweig, Braunschweig 1951, p. 9-47.

 

Loschelder, Josef: „Karls des Kühnen Bild in der Dichtung“ in: Joseph Lange, Wilhelm Treue, Helmut Gilliam et al.: Neuss, Burgund und das Reich, Neuss 1975, S. 337-369 (=Schriftenreihe des Stadtarchivs Neuss, Bd. 6).

 

Müller, Heribert: Kreuzzugspläne und Kreuzzugspolitik des Herzogs Philipp des Guten, Göttingen 1993 (=Schriftenreihe der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaft, Bd. 51).

 

Rauch, Ivo; Täube, Dagmar; Westermann-Angerhausen, Hiltrud: Die gute Regierung. Vorbilder der Politik im Mittelalter, Köln 2000.

 

Schilling, Diebold: Die Berner Chronik, herausgegeben von Gustav Tobler, Bern 1901.

 

Schroeder, Horst: Der Topos der Nine Worthies in Literatur und bildender Kunst, Göttingen 1971.

 

Spies, Gerd: „Der Braunschweiger Brunnen auf dem Altstadtmarkt“ in: Erhard Metz, Gerd Spies (Hrsg.): Der Braunschweiger Brunnen auf dem Altstadtmarkt, Braunschweig 1988, p. 9-142

 

Stolle, Konrad: Thüringisch-Erfurterische Chronik, herausgegeben von Ludwig Friedrich Hesse, Stuttgart 1854.

 

Wauquelin, Jean: Les Faicts et les conquestes d’Alexandre le Grand, herausgegeben von Sandrine Hériché, Genève 2000.

 

Weismann, Heinrich:Alexander, Gedicht des zwölften Jahrhunderts vom Paffen Lamprecht. Urtext und Übersetzung nebst geschichtlichen und sprachlichen Erläuterungen, sowie der vollständigen Übersetzung des Pseude-Kallisthenes und umfassenden Auszügen aus den lateinischen, französischen, englischen, persischen und türkischen Alexanderlider. Bd. : Übersetung des Pseudo Kallisthenes nebts den Auszügen, Frankfurt a. M. 1850.

Abbildungsnachweis:

 

Das mittlere Becken des Braunschweiger Marienbrunnens, Quelle: Autor.

 

Die neuf preux im Hansasaal des historischen Rathauses in Köln, Quelle: Wikipedia

 

Die neuf preux auf dem Schönen Brunnen in Nürnberg, Quelle: Wikipedia

 

Alexandertapisserie Philipps des Guten aus Tournai, Quelle: Palazzo del Principe.

 

Gemälde Philipps des Guten von Rogier van der Weyden, Quelle: Wikipedia

 

Jean Wauquelin präsentiert eines seiner Werke dem Herzog Philipp dem Guten. Buchmalerei von Rogier van der Weyden um 1450, Quelle: Wikipedia.

 

Karl der Kühne in prunkvoller Rüstung auf einem anonymen Gemälde aus dem frühen 16. Jahrhundert, Quelle: Wikipedia.

 

Eidgenössische Truppen nach der Schlacht bei Grandson, Berner Chronik 1483, Quelle: Wikipedia.

 




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