Renas Versprechen

von Rena Kornreich Gelissen

Heyne-Sachbuch 611, 328 Seiten

1998, Kostenpunkt: 16.90 DM

Übersetzt von Elfriede Peschel

 

"Ich brauche keine Gedächtnisstütze. Ich weiß, wer ich bin. Ich weiß, was ich war. Ich war im ersten Judentransport nach Auschwitz. Ich war Nummer 1716."

Es gibt Bilder, die sich ins Gedächtnis einbrennen. Es gibt Worte, die unauslöschlich verharren, wenn man sie einmal gelesen hat und sich gegen jedes Vergessen sträuben, so sehr man sich auch bemüht. Und es gibt Geschichten, die so entsetzlich sind, dass man sie nicht für die Wirklichkeit halten KANN, selbst wenn man WEISS, dass sie es waren. Zu diesen Geschichten, diesen Leben, gehört die prägende Erfahrung von Rena Kornreich Gelissen.

Rena wird in der orthodoxen jüdischen Familie als vorletztes von vier Kindern im kleinen Ort Tylicz in Polen, nahe der tschechischen Grenze geboren. Man schreibt das Jahr 1920. Ihre Schwester Danka folgt im Jahr 1922. Bis zum Jahr 1939 ist das verschlafene Nest Tylicz Hinterwäldlerort, verschlafen und unwichtig.

Als die Deutschen Polen überfallen, wird der Ort zur wichtigen Station für deutsche Soldaten, und damit beginnt der Alptraum der Familie Kornreich. Sowohl Rena als auch Danka sind unglücklicherweise ausnehmend gutaussehende Mädchen, und obwohl sie die Schikanen anfangs gut überstehen, die ihnen mit den Judensternen, dem Einkaufen und Verkaufen bei und an nichtjüdische Mitbewohner auferlegt wird, müssen sie 1940, als jüdische Mädchen vergewaltigt werden, schließlich in die Entscheidung ihrer Eltern einwilligen, sie zu Verwandten ins tschechische Bardejov zu schicken.

Auch hier sind sie aber nicht völlig sicher. Die Schwestern trennen sich schweren Herzens, die jüngere Danka wird zu Verwandten in relative Sicherheit nach Bratislava gesandt, an der Grenze zu Österreich. Rena selbst schlüpft bei der Familie Silber in Hummene, nahe Bardejov unter. Die Schwestern bleiben in Briefkontakt.

Als den Familien, die Juden beherbergen, immer stärker zugesetzt wird, beschließt sie, um die Silbers zu retten, sich bei den Deutschen freiwillig zum Arbeitseinsatz in einem Arbeitslager zu melden. Ihre Vorstellung von einem Arbeitslager ist verständlicherweise naiv: "Ein Arbeitslager kann gar nicht so schlimm sein, vor allem nicht, wenn dadurch ihr (der Silbers) Leben gerettet wird. Arbeit macht mir keine angst. Ich weiß, was die Deutschen erwarten: Sauberkeit, Promptheit, Ordnung, alles muß fleckenlos sein. Es wird nicht anders sein als die Arbeit in den Kasernen von Tylicz."

Spätestens als sie mit Dutzenden anderer Frauen eingepfercht in einem Viehwaggon nach Polen gekarrt wird, erhält ihre Vorstellung einen empfindlichen Sprung. Immer noch denkt Rena, die Deutschen seien auf diese Menschenflut nicht vorbereitet, auch in Auschwitz, wo sie landet, sieht alles chaotisch aus, und sie beruhigt sich damit, dass die Ordnung einkehren werde, dass man sie dann ansprechend behandeln würde, wenn erst einmal alles in geordneten Bahnen verliefe. Denn die Deutschen, das weiß sie ja, sind ordentliche Menschen, die Chaos und Schmutz hassen. Sie werden für Ordnung sorgen.

Es ist die Ordnung des Todes.

Rena lernt in den nächsten Wochen, kahlgeschoren und ohne Unterwäsche in unbequeme, unzulängliche Kleidung gezwängt - die Kleidung erschossener sowjetischer Kriegsgefangener, die in den nächsten Monaten zu Hunderten nacheinander liquidiert werden, um Platz für jüdische KZ-Häftlinge zu machen - , dass die Blockwarte und die Arbeitsgruppenleiterinnen einstige Prostituierte und Mörderinnen sind und kaum weniger grausam als die SS-Bewacherinnen agieren.

Eine entsetzliche Leidenszeit beginnt, und sie wünscht sich nichts mehr, als dass ihre Schwester Danka in Sicherheit sei. Dass sie niemals in dieses oder ein ähnliches Lager kommt.

Und dann taucht sie auf einmal bei einem Transport auf. 

"Ich packe ihre zarten Schultern. Sie sieht mir einen Augenblick lang in die Augen, entsetzt und verängstigt angesichts dieser Fremden. Der Klumpen in meinem Magen wird fest - sie erkennt mein Gesicht nicht. Dann wirft sie schluchzend ihre Arme um meinen Hals. 'Rena!' stammelt sie... Ihr Gesicht macht mir Angst. Ihre Augen schauen ins Leere. 'Warum bist du hierhergekommen?' 'Weil du hier bist.' Ihre Stimme ist so naiv, so jung..."

Und von da an hat Rena eine Sorge neben dem reinen nackten Überleben mehr: sie muß auch dafür sorgen, dass ihre Schwester überlebt, die jeden Lebensmut zu verlieren beginnt und schließlich krank wird. Da gibt sie ihrer Schwester das Versprechen: "Ich bringe dich zu unseren Eltern zurück und sage ihnen: seht ihr, ich habe auf sie aufgepaßt, wie ich es versprochen habe."

Doch bevor sie das schafft, muß sie mit Danka durch die Hölle von Auschwitz.

Drei Jahre und einundvierzig Tage lang...

Es gibt Bücher, die kann man nicht erzählen, die muß man einfach erleben.

Dies ist eines davon.

Die Sprache wird unwillkürlich schlichter, nüchterner, fassungsloser, wenn man liest, was Menschen Menschen anzutun imstande sind. Wenn man erleben muß, wie Menschen zu Zahlen degradiert werden und sich der Verstand ins Reich des Wahns flüchtet, um überhaupt zu überleben. Und wenn man dann noch erkennt, dass dies nicht, ich betone: nicht das Ende jedweder Solidarität bedeutet, ja, dass es durchaus noch lichte Momente gibt, die Kraft spenden, dann wird dem Leser und Rezensenten schwindelig vor Emotion.

Es ist ein gutes, ein emotionales Buch, ein Dokument der Unmenschlichkeit und jener zarten Pflänzchen, die Rena und Danka Kornreich hießen, neunzehn und siebzehn Jahre jung, als sie durch die Hölle gingen. Es lohnt sich, mit ihnen zu leiden.

Man lernt fürs Leben.

Ergänzend dazu ist als Sachbuch, das die Struktur und die Situation  innerhalb des Konzentrationslagers analysiert und in intensiverer Tiefe darstellt, sehr zu empfehlen:

Die Ordnung des Terrors von Wolfgang Sofsky, Fischer Geschichte 13427, 400 Seiten, 1997, Kostenpunkt: 19.90 DM

Dies ist jenseits jedes guten Horror-Romans. Denn hier schaudert man nicht nur über die Möglichkeit, sondern man WEISS, dass es Wirklichkeit war. Und wenn etwas an dem Wort dran ist, dass die schrecklichsten Dinge in der realen Welt passieren, dann ist dies hier für den Phantasten wahrlich die passendste Nahrung, die man sich vorstellen kann. Anti-Eskapismus-Literatur.

 

Uwe Lammers

Braunschweig, den 24. Juni 2000