Das flammende Kreuz

von Diana Gabaldon

 

Eine Rezension von Uwe Lammers

 

 

Seit Jahren haben die Leser auf die Fortsetzung der Abenteuer von James Alexander Malcolm MacKenzie Fraser (alias Jamie) und Claire Beauchamp Randall Fraser (alias Claire) gewartet, und kaum erschien The Fiery Cross endlich auf Deutsch, jagte es raketengleich an die Spitze der Bestsellercharts hinauf und verharrte dort wochenlang.

 

Ich selbst kaufte mir das Buch aufgrund des stolzen Preises erst im März 2003 und stellte verdutzt fest, dass es sich bereits um die 4. Auflage handelte... Nach der Lektüre des Werkes muß ich gestehen, das Warten hat sich gelohnt, das Geld ist gut investiert und man schmachtet nach der Fortsetzung.

 

Es ist natürlich schwierig, den verschlungenen Fäden der Romanhandlung zu folgen, und auch meine Rezensionen der bisherigen Bände sind über die Jahre verstreut worden. Deshalb möchte ich einleitend, bevor ich zum Inhalt dieses Buches komme, dem Leser ins Gedächtnis zurückrufen, worum es eigentlich in dieser Geschichte ging.

 

Angefangen hat alles mit Feuer und Stein. Dieses Buch handelt im Jahr 1945/1743. Claire Beauchamp, eine junge Ärztin unternimmt mit ihrem Mann, dem Historiker Frank Randall, eine Reise in die schottischen Highlands und gerät hier durch einen magischen Steinkreis unvermittelt ins 18. Jahrhundert, direkt in die Auseinandersetzungen zwischen Schotten und der englischen Krone. Auf der einen Seite sieht sie sich Jack Randall, dem sadistischen Ahnen ihres Ehemannes gegenüber, auf der anderen findet sie in dem jungen Schotten James Fraser einen Mann, der sie innig liebt. Um sie vor Jack Randalls Zugriff zu entziehen, wird sie zu einer Heirat mit Jamie genötigt, aus der sich rasch die Liebe ihres Lebens entwickelt.

 

Während die beiden in den schottischen Highlands zusammenleben, lernt Claire auch die „Hexe“ Geillis Duncan kennen. Claire kann hier nur knapp dem Schicksal um entgehen, als Hexe verbrannt zu werden.

 

Die Auseinandersetzung zwischen Jamie und Randall eskaliert und führt fast zu Jamie Tod. Claire kann dies gerade noch verhindern. Die beiden beschließen danach, Charles Stuart, den schottischen Thronfolger, aufzuhalten, der die vereinigten Clans im Jahre 1746 auf dem Feld von Culloden ins Verderben führen wird. Claire hat nicht vor, jemals in die Gegenwart zurückzukehren, wiewohl sie es könnte.

 

Die geliehene Zeit versetzt den Leser schockartig ins Jahr 1968 und macht ihn mit Claire und ihrer Tochter Brianna vertraut, die definitiv Jamies Kind ist. Claires Mann Frank ist inzwischen gestorben. Sie selbst ist nach Schottland gereist, um ihrer Tochter zu erzählen, wer ihr Vater wirklich ist. Hilfreiche Dienste leistet ihr dabei der junge Historiker Roger MacKenzie-Wakefield, der sich unsterblich in Brianna verliebt.

 

Als sie auf einem Friedhof unvermittelt Jamies Grab entdecken, bricht aus Claire die Vergangenheit heraus - sie erzählt, wie sie mit Jamie 1744 in Frankreich war, um den Kronprätendenten Charles Stuart aufzuhalten, und wie sie beide schließlich in den Strudel des jakobitischen Aufstandes hineingezogen werden. Culloden ist unaufhaltsam. Kurz vor Beginn der Schlacht schickt Jamie seine Frau gegen deren Protest durch den Steinkreis und stürzt sich wieder in den Kampf, um selbst zu sterben. Doch das gelingt ihm nicht. Claire findet das aber erst mit Rogers Hilfe 1968 heraus und hat von diesem Moment an keine ruhige Minute mehr.

 

Der Faden der Erzählung wird in Ferne Ufer wieder aufgenommen. Diesmal ist es ein doppelter: zum einen wird Jamies Schicksal in der Vergangenheit verfolgt, zum anderen Claires, Rogers und Briannas Anstrengungen, auf dokumentarischem Weg herauszufinden, was aus ihm geworden sein könnte.

 

Jamie kehrt auf sein Gut Lallybroch zurück, wird schließlich von den Briten ergriffen und in ein Gefängnis nach Ardsmuir verbannt wird. Hier lernt er den jungen englischen Adeligen Lord John Grey kennen und schließt eine seltsame, folgenschwere Art der Freundschaft mit ihm. Grey ermöglicht ihm Hafterleichterung, nämlich Frondienst auf einem Gut im Lake District. Hier wird Jamie von der Gutstochter Geneva dazu erpreßt, mit ihr zu schlafen, und aus dieser verbotenen Verbindung entspringt Jamies Sohn William, was aber nie bekannt werden darf.

 

In der Gegenwart des Jahres 1968 fahnden Claire und ihre Begleiter nach Jamies Spuren und entdecken schließlich jemanden namens A. Malcolm, einen Drucker in Edinburgh. Bangend beschließt Claire, erneut in die Vergangenheit zu gehen. Brianna bleibt in Rogers Obhut zurück.

Claire findet in der Tat ihren Geliebten wieder und taucht auf der Stelle in sein abenteuerliches Leben ein, das voll ist von Geheimnissen und Halbwahrheiten, die sich in den vergangenen zwanzig Jahren angesammelt haben. Als schließlich durch Jamies Verschulden sein Neffe Ian in die Gewalt von Piraten gerät, werden Jamie und Claire dadurch genötigt, ihnen zu den Westindischen Inseln zu folgen. Hier stoßen sie unvermittelt auf die längst totgeglaubte Geillis Duncan. Im Anschluß an diese Auseinandersetzung stranden die Helden in den nordamerikanischen Kolonien.

 

 

Der vierte Band des Zyklus, langsamer dahinströmend als die rasanten ersten drei Bände, heißt Der Ruf der Trommel und ist von vornherein als der Beginn einer neuen „Ära“ in Gabaldons Kosmos zu erkennen. Neue Netzwerke und neue Personen beginnen eine wichtige Rolle zu spielen, die sich eigentlich erst sehr spät im 4. Band bzw. sogar erst im 5. Band richtig entfalten.

Jamie und Claire, fast mittellos, aber zum Glück mit Geillis Duncans Edelsteinen versehen, versuchen in North Carolina, sich zu Jamies Tante Jocasta Cameron durchzuschlagen, die eine Plantage namens River Run im Hinterland von North Carolina betreibt. Auf den ersten Blick kommt es Claires Mann Jamie gelegen, als der Gouverneur Tryon in New Bern ihm eine Landkonzession anbietet. Der Haken daran ist, dass solche Konzessionen nur an treue Protestanten abgegeben werden, nicht an Katholiken wie Jamie. Indem der Gouverneur dies großzügig ignoriert, hat er Jamie in der Hand, wenn dieser die Offerte annimmt.

 

Auf dem Weg nach River Run werden Jamie und Claire von Flußpiraten überfallen, die ihnen die Edelsteine abnehmen - und Claires goldenen Ehering (den von ihrem Mann Frank Randall). Der Räuber ist ein irischer Hasardeur namens Stephen Bonnet, dem sie dummerweise die Flucht vor dem Galgen ermöglicht haben. Jamie schwört ihm Rache und macht sich zugleich heftige Vorwürfe.

 

In River Run angelangt, müssen sie entdecken, dass Tante Jocasta blind ist und ihr Gut von Offizieren der britischen Marine begierig beäugt wird. Jamie soll als Verwalter dienen, zieht es aber vor, lieber Gouverneur Tryons Offerte anzunehmen und siedelt sich im Hinterland an, wo er im Gebirge einen Wohnsitz namens Fraser’s Ridge begründet.

 

In der Parallelhandlung der Gegenwart der frühen 1970er Jahre - Brianna hat in den USA inzwischen ihre Schulausbildung beendet, Roger ist Privatdozent in Oxford - wächst die Beziehung zwischen ihnen allmählich zusammen. Doch Claires Tochter kann ihre Mutter nicht vergessen und fahndet nach ihrem Verbleib in der Vergangenheit. Als sie entdeckt, dass Jamie und Claire im Jahre 1776 bei einem Brand auf Fraser’s Ridge umkommen werden, hält sie nichts mehr in der Gegenwart. Voller Verzweiflung durchschreitet Brianna selbst den Steinkreis und kommt 1769 in der Vergangenheit heraus. Roger, der diesen Hinweis auf das Jahr 1776 ebenfalls entdeckt und ihr verschwiegen hat, folgt ihr.

 

Sie treffen sich in einer Hafenstadt in North Carolina und schlafen miteinander, doch unmittelbar darauf haben sie eine Auseinandersetzung, die die beiden trennt. Wenig später entdeckt Brianna einen Seemann, der den Ehering ihrer Mutter trägt - Stephen Bonnet. Es gelingt ihr zwar, ihn zurückzuholen, aber sie wird von Bonnet vergewaltigt. Als sie wenig später auf ihre Eltern trifft, verschweigt sie das - doch ihre Dienerin Lizzie hat das mitbekommen.

 

Wochen später erscheint Roger, der sich inzwischen nur noch MacKenzie nennt, auf Fraser’s Ridge. Brianna ist inzwischen schwanger, weiß aber nicht, ob von Bonnet oder von ihm - und Lizzie erzählt James Fraser ängstlich, dass Brianna von „MacKenzie“ vergewaltigt worden sei.

Jamie dreht durch und schlägt Roger zusammen, ohne ihm Gelegenheit zur Erklärung zu geben. Anschließend verkauft er Roger an die Indianer. Als Brianna und Claire davon Monate später (!) durch einen Zufall erfahren, stürzt für alle schier die Welt ein. Jamie, Claire und Ian brechen im tiefsten Winter des Jahres 1770 auf, um Roger zurückzuholen. Das gelingt auch, aber dafür bleibt Ian bei den Indianern zurück und heiratet dort ein Mädchen, in das er sich verliebt hat.

 

Unterdessen hat Brianna noch eine Begegnung mit Stephen Bonnet, die zudem beinahe zum Tode von Lord John Grey führt. Als das Kind dann endlich zur Welt kommt, ist es ein gesunder Junge, der den Namen Jeremiah (Jemmy) bekommt. Er wird von Roger als sein eigener angenommen, die Familienharmonie scheint wiederhergestellt zu sein.

 

Doch unter der Oberfläche brodeln die Konflikte - es gibt aufständische Siedler, die sogenannten Regulatoren, der verbrecherische Stephen Bonnet treibt nach wie vor sein Unwesen, die neue Verbindung zwischen Roger und Brianna ist instabil, und die erpresserischen Beziehungen des Gouverneurs Tryon hängen in der Schwebe und können jederzeit zum Damoklesschwert werden, das sie alle vernichtet.

 

Zu diesem Zeitpunkt schwirrte den Lesern der Kopf, und sie hungerten nach der Fortsetzung, denn so konnte man sie doch nicht im Leeren hängen lassen. Der Schluß des vierten Bandes war das Gathering der Clans am Mount Helicon am 18. Oktober 1770, und mittendrin brach sie ab. Es war klar erkennbar, dass der Verlag mal wieder gesagt hatte: Diana, es ist genug, mehr paßt nicht zwischen die Buchdeckel! Und die Leser knirschten mit den Zähnen, hilflos, nägelkauend.

 

Diana schuf Abhilfe mit einem Buch, das sie als Kompendium zu ihrem Zyklus schuf. Der magische Steinkreis klärte die begierigen Leser im gewohnt-ironischen Gabaldon-Stil auf, wie ihr Zyklus eigentlich entstanden war, wie sie auf die Namen kam, brachte ein umfangreiches Verzeichnis der Darsteller, umfassende Kurzwiedergabe der ersten vier Romane und schließlich furchterregende Ausblicke auf die Zukunft, die zu diesem Zeitpunkt in zwei weiteren Bänden bestand. Zudem wies das Werk den interessierten Lesern den Zugang zum Internet, wo man auf der Gabaldon-Homepage und zahlreichen assoziierten Fan-Homepages noch mehr über Jamie, Claire, Lallybroch, Fraser’s Ridge, die Highlands allgemein, Schotten im allgemeinen und die Jakobiten erfahren konnte.

 

Aber seit Ende 2001 hieß es: Hungern. Hungern und Dürsten nach dem nächsten Gabaldon-Roman mit dem Titel The Fiery Cross. Und erst im Spätsommer 2002 hatte das Warten ein Ende.

 

Anfangsblende von Band 5: Gathering am Mount Helicon, North Carolina, Ende Oktober 1770. Zwei Jahre lang haben Jamie und Claire und ihre wenigen Gefährten auf Fraser’s Ridge keine Zeit gefunden, sich zum Gathering einzufinden. Doch diesmal gibt es gute Gründe. Hier soll beispielsweise ein Priester auftauchen, der zwei Eheschließungen vorzunehmen hat - die von Jocasta Cameron und Duncan Innes und die von Roger MacKenzie und Brianna Fraser. Zugleich sollen Kinder getauft und gesegnet werden...

 

Aber es gibt Schwierigkeiten. Schottische Soldaten im Dienste der Engländer marschieren auf, der Priester wird unter fadenscheinigen Argumenten unmittelbar vor der Trauungszeremonie entführt, und es bedarf einiger Pfiffigkeit, zumindest eine der Trauungen stattfinden zu lassen.

Kaum heimgekehrt vom Gathering folgt die nächste Heimsuchung: Jamie wird sowohl von den Regulatoren umworben als auch von dem Gouverneur unmißverständlich aufgefordert, eine Miliz aufzustellen, um gegebenenfalls gegen die Regulatoren in den Kampf zu ziehen - unter englischer Flagge. Letzteres kann er leider nicht ablehnen, ohne seine wirtschaftliche Existenz zu ruinieren. Er steckt in der Klemme, und so reiten also Roger MacKenzie und er durch die Gegend und trommeln wehrfähige Männer zusammen. Es soll nicht erwähnt werden, was dabei noch alles geschieht, sondern lediglich, dass es schließlich tatsächlich zum Ernstfall kommt - zum sogenannten Regulatoren-Krieg und zur Schlacht am Alamance-River.

 

Mitten zwischen all diesen Ereignissen kommt es zu abenteuerlichen Begegnungen mit Sturmwaisen, schwarzen Sklaven, Bären, Geistern und anderen eigenwilligen Dingen. Menschen, von denen man glaubte, sie würden keine Rolle mehr spielen, bringen sich sehr nachhaltig in Erinnerung und sorgen zum Teil für lebensbedrohliche Geschehnisse. Intrigen, Vergiftungen, Mordanschläge und ähnliches wechseln sich mit Unfällen, dem riskanten Leben in der Wildnis und vielerlei privaten Katastrophen und amüsanten Ereignissen ab. Es wird dem Leser ebensowenig langweilig wie den Protagonisten, die sich bald ein ruhigeres Leben ersehnen...

 

Und als sich das Buch allmählich auf den Schluß zubewegt und es um Stephen Bonnet, einen eiskalten Mordplan, russische Wildschweine und Verschwörer geht, wird es noch einmal unbeschreiblich erschreckend. Nein, ich rede nicht vom Franzosengold. Ich rede nicht einmal von Daniel Rawlings, jenem Arzt, dessen Chirurgentasche Claire geerbt hat.

 

Denkt an Otterzahn und hört auf zu hoffen, dass die Geschichte mit der Zeitveränderung ein für allemal mit dem Ende von Band 2 gestorben ist. Sie ist es nicht. Nicht im mindesten.

Und gegen Ende des leider wieder sehr abrupt endenden Buches (Diana war fraglos auch hier wesentlich weiter voraus als die Handlung sich zwischen diese beiden Buchdeckel pressen ließ) ist erneut alles offen. Die Zukunft. Die Vergangenheit. Und dem Leser schwirrt der Kopf.

Er denkt an Regulatoren, an Indianer, an Zeitreisende, an Lord John Grey, an Stephen Bonnet, an Philip Wylie, an Russen und einen schottischen Söldner, an das Franzosengold und an vieles andere. Und die Zukunft ist offen wie nie zuvor...

 

Es ist überaus beeindruckend, wie Diana Gabaldon es gelingt, die Fäden ihrer Handlung immer feiner zu verweben und ein so intensives Netzwerk herauszubilden, dass man sich fast wie im wirklichen Leben fühlen kann, wo die Beziehungen ähnlich komplex und manchmal noch komplizierter sind. Allerdings - und das muß ihr hier ebenfalls attestiert werden - allerdings bringt Diana dermaßen viele neue Personen ins Spiel, insbesondere zu Beginn beim Gathering, dass man rasch den Überblick verlieren kann.

 

So liebevoll sie auch die Struktur der Fraserschen Großfamilie herausarbeitet (allmählich ist es nicht mehr anders zu bezeichnen), so lebendig sie das Heranreifen des kleinen Jemmy beschreibt (der am Ende des Buches noch mal für einen richtig heftigen Schock sorgt, aber wahrhaftig), so rasch geht der Überblick verloren. Es ist daher sehr ratsam, vor der Lektüre dieses Romans wenigstens noch einmal den vierten Band zu lesen oder, wie ich es getan habe, alle vier noch einmal zu genießen. Anderenfalls steht man sehr schnell ziemlich tief im finsteren Wald und kommt permanent ins Schleudern.

 

Wahr ist leider auch, dass die besten Bücher stets zu dünn sind, egal, wie dick sie eigentlich ausfallen. Und die über 1200 Seiten Lesestoff entschwinden viel zu rasch vor den hungrigen Augen. Es lohnt sich aber, das Buch langsamer zu lesen (also nicht direkt 100 Seiten oder mehr pro Tag - so sehr man sich dagegen wehren muß, weiterzulesen). Nur so erschließen sich subtile Kleinigkeiten, nur so kann man das Buch allmählich sacken lassen. Und das ist es wert.

 

Wartet auf die Taschenbuchversion, wenn ihr meint, es ertragen zu können. Ich versichere euch, mir fällt es von Roman zu Roman bei Gabaldon schwerer. Und dies ist, bei aller „Trivialität“, wie man sagen könnte, in meinen Augen wirklich gute Literatur. Lebendig, kraftvoll, einfallsreich, humorgesättigt... einfach Gute-Laune-Lektüre.

 

Lest und ihr werdet das Buch lieben.