Der Ruf der Trommel

von Diana Gabaldon

 

Eine Rezension von Uwe Lammers

 

 

Claire Beauchamp Fraser Randall hat alles aufgegeben, was sie besass: ihren Posten als Ärztin in Boston, ihr Haus, alle Bekannten – und sogar ihre knapp 20jährige Tochter Brianna, die erst jetzt, im Jahr 1968, davon erfahren hat, dass ihr Vater Frank Randall alles andere als ihr Vater war. Der war vielmehr ein schottischer Highlander namens James Alexander Malcolm MacKenzie Fraser – geboren im Jahre des Herrn 1721.

 

Zwanzig Jahre lang glaubte Claire, Jamie sei auf dem Schlachtfeld von Culloden im April 1746 gestorben. Doch als sie mit Brianna nach Franks Tod Schottland besucht, um ihrer Tochter die wahre Heimat ihres richtigen Vaters nahezubringen und ihr alles darüber zu erklären, stossen der Historiker Roger MacKenzie Wakefield und die beiden Frauen auf die erschütternde Tatsache, dass Jamie Culloden überlebt hat. Schliesslich, nach monatelangem Zaudern und Zögern gibt Claire alles auf und folgt dem Ruf ihres Herzens durch den magischen Steinkreis in die Vergangenheit, zurück in die Arme ihres über alles geliebten Jamie und in scheinbare Sicherheit.

Ihr Weg führt sie schliesslich gemeinsam zu den Westindischen Inseln und in die Kolonie North Carolina. Brianna bleibt in der Obhut des in sie verliebten Roger Wakefield zurück.

 

Schiffbrüchig und nahezu mittellos, abgesehen von einigen Juwelen, machen sich in der Vergangenheit Claire, Jamie und seine wenigen Gefährten im Frühjahr 1767 auf, die Plantage River Run zu erreichen. Es ist ein Anwesen des Cameron-Clans, der entfernt mit dem MacKenzie-Clan verwandt ist, zu dem auch Jamies Mutter gehörte.

 

Auf dem Weg jedoch kreuzen sie auf höchst fatale Weise die Spur des englischen Abenteurers Stephen Bonnet, der Claire unter anderem die Juwelen und ihren goldenen Ehering raubt, den, der sie noch an Frank Randall erinnert, ihren Ehemann der Gegenwart. So kommen sie wirklich mittellos in River Run an. Und hier wird Jamie prompt von der äusserst geschäftstüchtigen und blinden alten Jocasta Cameron eingespannt, da sie einen Erben für die Plantage sucht - und zuvor jemanden, den sie kommandieren kann.

 

Doch Claires Ehemann ist nicht aus solchem Holz geschnitzt. Stur, wie ein Fraser nun einmal ist, umgeht er dieses Umgarnen und siedelt sich mit Claire und seinen wenigen Getreuen weit im unerschlossenen Hinterland an, wo er sein eigenes Anwesen schafft, das sich Fraser‘s Ridge nennt.

 

In der Gegenwart schliesst Brianna unterdessen ihre Ausbildung in den Staaten ab, Roger Wakefield hingegen beginnt mit seiner Tätigkeit als Historiker in Oxford. Die gemeinsame Annäherung ist sehr zaghaft, weil Brianna immer noch ihrer Mutter hinterhertrauert und sich schrecklich allein fühlt. Anfangs ist die schier Angst beider vor dem furchtbaren Steinkreis auf dem Craigh na Dun nahe Inverness gross genug, doch mit der Zeit forschen beide nach dem Schicksal Claires und Jamies, bleiben jedoch erfolglos.

 

Roger Wakefield ist sogar rasch davon überzeugt, dass er sie verlieren wird, wenn sie nicht bald die Suche aufgibt. Im Herbst 1970 entdeckt er durch einen reinen Zufall einen Zeitungsartikel, der ihm schieres Entsetzen einflösst: die Information, dass auf einer Farm namens Frasers Ridge in North Carolina James MacKenzie Fraser und seine Frau Claire im Jahre 1776 bei einem verheerenden Brand ums Leben gekommen sind... und er beschliesst instinktiv, Brianna diese Nachricht zu verschweigen, weil er ahnt, dass sie dadurch ihre Angst vor dem Steinkreis verlieren wird, nur um ihren Eltern das Leben zu retten, um sie zu warnen.

 

Roger ist fest davon überzeugt, dass sich die Geschichte nicht ändern lassen wird. Er hat genügend Beispiele vor Augen, nicht zuletzt das von Claire, die versuchte, Charles Stuart aufzuhalten und die Schlacht von Culloden zu verhindern. Alles war letzten Endes vergebens. Die Zeit läßt sich nicht ändern.

 

Roger unterschätzt allerdings Briannas Fraser-Temperament. Erst, als ihre Umzugskisten in Oxford landen, zusammen mit einer unverfänglich klingenden Nachricht, da begreift er panisch, dass sie allein weitergesucht hat und offensichtlich dieselbe Information über den Tod ihrer Eltern entdeckte. Und nun ist sie durch den Steinkreis in die Vergangenheit gereist, um genau das zu tun, was er befürchtet hat: ihre Eltern wiederzufinden und zu vor den Gefahren der Zukunft zu warnen.

 

Gänzlich überstürzt folgt Roger ihr in die Vergangenheit – und findet sich in dem Sog von Ereignissen wieder, denen er in keiner Weise gewachsen ist. Ehe sich der Historiker versieht, gerät er in Lebensgefahr und die grösste Gefahr für ihn geht von einem Mann aus, der blind vor Hass ist: von James Alexander Malcolm MacKenzie Fraser...

 

Auch der vierte Band der Highland-Saga von Diana Gabaldon besticht wieder durch die Parallelität von Handlungssträngen in zwei Jahrhunderten, und man lernt sehr rasch eine Menge über das 18. Jahrhundert, wie es sich in den nordamerikanische Kolonien Georgia und North Carolina dargestellt hat. Überwältigend sind nach wie vor die Naturbeschreibungen, von der neuen Übersetzerin Barbara Schnell – die von da ab die einzige Übersetzerin bleiben wird – faszinierend ins Deutsche übertragen. Es tauchen eine Reihe interessanter Charaktere auf, die aber trotz der epischen Länge des Buches nicht so hervorgehoben werden, wie es der Fall hätte sein können. Auch fehlt, von Brianna und Roger abgesehen, jede ausführliche Ausbreitung einzelner Personen. Die bekannten erhalten ein paar neue Facetten, werden etwas zugeschliffen, aber im Endeffekt bleiben sie, wie sie sind.

 

Das Buch zerfasert sich ab der Mitte allmählich und driftet, immer noch spannend und gut lesbar, nun doch an der Oberfläche entlang. Der neckende Wortwitz, der die ersten drei Bände auszeichnete, ebbt spürbar ab, doch es ist nicht erkennbar, ob das nur an der einzelnen Übersetzerin liegt, die das Pensum von bislang drei Übersetzerinnen zu leisten hat (und notwendigerweise unter Zeitdruck etwas erlahmt) oder ob die Autorin etwas der Elan im Stich gelassen hat.

 

Vieles wirkt ein wenig hastig und flüchtig, insbesondere in der zweiten Hälfte des Buches. Sonst jedoch ist es nach wie vor ein ausgesprochen lesbarer Roman, der denjenigen, der schon die ersten drei Bände des Zyklus verschlang, in seinen Bann zu schlagen vermag. Nur stimmt das Etikett "Highlandsaga" bald nicht mehr. Schliesslich spielt dieser Roman schon weitgehend in Amerika. Und ein fünfter Band wird folgen. Schliesslich ist die Handlung erst im Jahr 1771 angelangt. Sie wird - mindestens – bis 1776 reichen. Hier darf man sich wohl auf solche Ereignisse wie die Boston Tea Party, den Kontinentalkongress und ähnliche Dinge freuen, die die amerikanische Geschichte in den Anfangsjahren der Unabhängigkeitsbestrebungen stark geprägt haben.

 

In vielerlei Hinsicht hat dieser Roman daher viel mit „Feuer und Stein“, dem ersten Band des Zyklus, gemeinsam. Er bereitet auf interessante Weise den Boden für weitere Aktionen vor, nur eben gründlicher und behäbiger als damals. Vielleicht liegt's auch daran, dass die gute Autorin Amerikanerin ist und primär für amerikanisches Publikum schreibt. Und nun in der amerikanischen Geschichte ist, auf bekanntem Terrain.

 

Man darf wohl weiter gespannt sein.