Ramses III: Die Schlacht von Kadesch

von Christian Jacq

 

Eine Rezension von Uwe Lammers

 

 

Um es gleich vorauszuschicken: wer über halbwegs fundierte historische Grundkenntnisse verfügt, wird echte Probleme haben, die zweite Hälfte dieses Romans zu genießen. Mir jedenfalls erging es so. Es gibt Dinge in diesem Buch, die einfach nicht stimmen, andere werden so zielgerichtet verdreht, dass der Genuß des Lesens wirklich auf der Strecke bleiben kann... doch vielleicht sollte ich vorne beginnen.

 

Dies ist der dritte Teil der fünfteiligen Romanbiografie des legendären Pharao Ramses des Großen, der mehr als sechzig Jahre auf dem Thron Ägyptens saß, fast beispiellose Bauwerke entstehen ließ und viele seiner zahlreichen Kinder überlebt hat. Zu Beginn dieses Buches ist er jedoch erst im fünften Regierungsjahr angelangt, das er bis zum Ende des Romans nicht verlassen wird. Schon ganz zu Beginn formiert sich eine Phalanx von Gegnern bedrohlich um Ramses, und das Herz dieser Gefahr strahlt vom anatolischen Hochland aus.

 

Dort, wo heute die Türkei liegt, besteht zu dieser Zeit das zweite Großreich der Antike, das hethitische Imperium, das jahrhundertelang völlig vergessen war und erst in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts allmählich neu entdeckt wurde. In die Öffentlichkeit ist es eigentlich erst gedrungen im Zuge der bundesweiten TROIA-Ausstellung in den vergangenen Jahren, u. a. auch in Braunschweig.

 

Die Hethiter, ein rätselhaftes Kriegervolk, dessen Untergang nach wie vor schleierhaft ist, stellt in der Romanbiografie des Ägyptologen Christian Jacq den großen Konterpart des strahlenden Ägypten dar. Hier Ägypten als Hort der Kultur, der feinen Sitten, der quasi-demokratischen Mitbestimmung und der rechtlichen Sicherheit, dort die Hethiter mit finsterer Autokratie, blutigen, archaischen Riten, militärischem Drill, Heimtücke, Hinterhältigkeit und barbarischen Intrigen... dies ist das Schwarzweißmuster, das sofort auffällt, als die Blende erstmals ins Reich Hatti umschaltet. Dieses Schwarzweißmuster geht bis in die karge, wilde Landschaft hinein, bis zum stürmischen, eisigen Wetter und den Erkältungskrankheiten. Nein, glaube niemand, ich übertriebe. Jacq tut das.

 

Die Hethiter und die Ägypter ringen mal diplomatisch, mal militärisch um die Vorherrschaft in jenem Landstrich, der später einmal Levante heißen wird, vornehmlich im späteren Syrien und dem Libanon (die dort noch nicht so heißen, aber natürlich von Jacq und den Übersetzerinnen dennoch schon so genannt werden - nicht unbedingt ein historisches Vorgehen). Als die Hethiter offenkundig beginnen, in den Libanon einzumarschieren und ägyptische Dörfer zu plündern und zu brandschatzen, sieht sich Ramses gezwungen, das Heer darauf vorzubereiten, gegen die gefürchteten, „unbesiegbaren“ Hethiter zu marschieren.

 

Während er das tut, wird er von anderer Seite attackiert: sein entmachteter Bruder Chenar, der alte Intrigant, spinnt Verschwörungen gegen ihn und scheut sich nicht einmal, direkt Kontakt mit einem hethitischen Spionagenetz aufzunehmen. Ja, nicht einmal vor schwarzer Magie schreckt er zurück. Die Intrigen und die kurvenreiche, detektivische Suche nach den inneren Feinden nimmt einen großen Teil des Romans ein.

 

Schließlich jedoch muß sich Ramses ein Herz fassen und die Armee mobilisieren, um die Entscheidung in einer Schlacht mit den Hethitern zu suchen, die direkt am Rande beider Machtbereiche fallen wird, bei der hethitischen Festung von Kadesch, wo die beiden Militärmaschinerien mit ohrenbetäubendem Lärm aufeinanderprallen und Tausende von Soldaten sterben. Dabei tragen die Hethiter das Überraschungsmoment davon und die Ägypter stürmen panisch in die Flucht, einzig Ramses und sein treuer, zahmer Löwe „Schlächter“ stehen allein gegen die Flut der feindlichen Soldaten, als das Wunder geschieht...

 

Nun ja, man mag von dem Roman halten, was man möchte, aber wenn ich bislang noch schwankte zwischen „mag ich den Jacq jetzt oder nicht“, so ist die Sache inzwischen ziemlich eindeutig. In diesem Roman bezieht der Ägyptologe so klar politisch Stellung, verwendet dermaßen Klischees und verbiegt schließlich auch noch die historische Authentizität, um seine Romanbiografie zu schönen, dass es mir wirklich zeitweise fast den Magen verdarb. Nur ein paar Bemerkungen dazu:

 

Ramses ist, das lässt sich in jeder seriösen Biografie und in jedem wissenschaftlichen Artikel über ihn nachlesen, ein Mann, der legendär viele Nachkommen, direkte Nachkommen, wohlgemerkt, gehabt hat, gezeugt mit einer Vielzahl von Frauen und Nebenfrauen. Hier gerät Jacq das erste Mal ins Schleudern, denn ein wesentliches Element seines Romanzyklus ist die „unsterbliche Liebe“ zwischen Ramses und seiner Gemahlin Nefertari. Wie lässt sich das mit der Nachkommenschar vereinbaren, die eher nahelegt, dass der große Pharao ein ziemlich geiler Bock gewesen ist, der jedem Frauenrock hinterherlief? Ganz einfach: gar nicht.

 

Da sich ein imperialer Casanova schlecht als „Gutmensch“ macht, gibt Ramses kurzerhand einen Erlaß heraus, der alle Schülerinnen und Schüler, die mit Ramses´ Kindern zur Schule gehen, zu „Kindern des Ramses“ macht. Elegant und dümmlich zugleich. Gleichwohl, gerade noch erträglich.

 

Das Schwarzweißbild der Hethiter machte mir als nächstes zu schaffen. Zu schnell wurde klar, dass Jacq hier offenbar den Stalinismus in die anatolischen Bergtäler verlagert hat. Mit preußischem Drill, ständigem kriegslüsternem Rasseln usw. Neckischerweise sind alle Botschaften, die er hier hethitischerseits zitieren lässt, überaus positiv und freundlich. Jacqs Interpretation: natürlich reiner Ausfluß hethitischer Bosheit und Doppelzüngigkeit! Historische Tatsachen hingegen sind rar und sprechen nicht direkt dafür, dass die Hethiter ein reines Kriegervolk gewesen sind, das immerzu nur nach dem frucht- und schatzreichen Ägypten geschielt hat. Hier bekommt die historische Treue schon eine Menge Risse ab.

 

Christian Jacq bekennt sich hier eindringlich zu einem zentralistischen Staat, der die Kultur und gute Lebensart liebt (warum nur meint man hier automatisch Frankreich zu erkennen? Weshalb ähnelt Ramses so sehr einem autokratischen französischen Staatspräsidenten? Und wieso kennt man diese durchorganisierte ägyptische Bürokratie wohl so gut von Paris...? Rätsel über Rätsel). Außerdem ist er sichtlich ein scharfer Antikommunist und verharrt gedanklich noch ziemlich stark im Kalten Krieg. Das macht weite Teile der zweiten Romanhälfte ungenießbar.

 

Ab Seite 392 aber packte mich dann wirklich das Grausen, spätestens an der Stelle, wo Ramses ausruft: „Mein Vater, warum hast du mich verlassen?“ Selbst Leute, die die BIBEL nicht so gut kennen, dürften diesen Ausruf von JESUS CHRISTUS wohl schon mal gehört haben. Hier stellt Jacq (und/oder die Übersetzerin) Ramses in eine Linie mit Jesus selbst, und das ist dann doch wirklich harter Tobak. Als er dann jedoch fortfährt, die Schlacht zu beschreiben, die wirklich legendär geworden ist - eingemeißelt auf den Wänden im Totentempel zu Abu Simbel - , wird er zum eiskalten Geschichtsfälscher!

 

Das muß ich erklären.

 

Lange Zeit ging die Geschichtswissenschaft nach der Entzifferung der Hieroglyphen durch Champollion im 19. Jahrhundert davon aus, dass die Inschriften der Pharaonen die Wahrheit sagen. Das galt insbesondere von dem gewaltigen Sieg des Pharao Ramses über die Hethiter. Kein Wunder: die Hethiter waren nur aus spärlichen Anmerkungen in der Bibel noch bekannt, und man hielt sie für einen bedeutungslosen Bergstamm.

 

Als sich jedoch im frühen 20. Jahrhundert herauskristallisierte, wer sie wirklich waren, wurde Skepsis wach. Und die heutige Ägyptologie ist felsenfest davon überzeugt, dass die Inschrift in Abu Simbel schlichte Propaganda ist, ja, man hat sogar die Schlachtverläufe in Kadesch nachgezeichnet und herausbekommen, dass Ramses nach allen verfügbaren Informationen keineswegs einen überwältigenden Sieg davongetragen hat, sondern dümmlich in einen Hinterhalt lief und einen schmählichen Friedensvertrag mit den Herren von Hatti aushandeln mußte - einen Vertrag freilich, den er nachher in seiner Heimat als eigenen Sieg herausstellte, um sich vor dem Volk und der Priesterschaft keine Blöße zu geben und innenpolitisch unangreifbar zu werden.

 

Christian Jacq lässt Ramses siegen.

 

Ich verabscheue Geschichtsfälschung, und wenn ich je eine gesehen habe, ist es diese hier. Vor allen Dingen ist sie so durchsichtig: Ramses ist der „Held“ dieser Biografie, er muß „positiv“ dargestellt werden, „siegreich“ und „moralisch überlegen“, alle negativen Eigenschaften müssen von ihm abgestreift werden, ob das der Realität entspricht oder nicht... und hier läuft der Autor in die Dogmatismus-Falle und entkommt ihr nicht mehr.

 

Ich werde also die restlichen beiden Romane noch lesen, aber irgendwie kann ich nicht mehr glauben, dass ich sie noch sonderlich zu genießen imstande sein werde. Und das Urteil eines meiner guten Freunde bewahrheitet sich außerdem auch noch: Christian Jacq ist wirklich kein guter Stilist, nein, nicht einmal das. Da pflege ich mich an andere Lektüre zu halten...