Das Mandala des Dalai Lama

Die Abenteuer des Großen Detektivs in Indien und Tibet

Ein Roman von Jamyang Norbu

Basierend auf den Erinnerungen von

Hurree Chunder Mookerjee

C.I.E., F.R.G.S., Rai Bahadur

 

Rezension von Uwe Lammers

 

 

Der 24. April des Jahres 1891 brennt sich dem britischen Arzt Dr. John Watson unvergeßlich in seine Seele ein, denn es ist jener Tag, an dem der lange und unerwartete Abschied von seinem Freund Sherlock Holmes beginnt: An diesem Tag sucht ihn Holmes in seiner Praxis auf und verhält sich bereits höchst eigentümlich. Er sieht sehr erschöpft aus, verschließt sorgsam die Läden des Zimmers, als ob er feindliche Beobachter fürchte, und beginnt Watson eine Geschichte zu erzählen, die dieser kaum zu glauben vermag: die Geschichte eines verbrecherischen Genies, gleichsam eines „Napoleons des Verbrechens“, eines Mannes zudem, der fast unbekannt ist und in London, etwa mit einer giftigen Spinne vergleichbar, in einem gewaltigen Netz sitzt und die Fäden in der Unterwelt zieht. Der Name des Mannes ist James Moriarty, Professor James Moriarty.

 

Holmes ist gewiß, diesen größten Verbrecher, gegen den er jemals gekämpft hat, in die Enge getrieben zu haben, er braucht nur noch ein paar Tage Zeit, und dafür muß er aus London fort. Zusammen mit Watson begibt er sich auf den Kontinent, bis hinauf in die Gebirgsregionen der Schweiz. Und hier, in der Schlucht der Reichenbachfälle, wird Watson durch eine List von seinem Freund fortgelockt. Als er jählings erkennen muß, was der Grund dafür ist, stürzt John Watson verzweifelt zurück zur Schlucht... und kommt zu spät. Alles, was er noch vorfindet, sind Sherlock Holmes´ Spazierstock, eine kleine metallene Tabakdose mit einigen Notizen seines Freundes und schließlich, am Ende des Pfades, zerwühlte Erde. Der Rest ist schwindelerregender, dröhnender Abgrund. Wer hier hinabstürzt, den kann keine Macht der Welt mehr retten.

 

Nach Sherlock Holmes eigenen Worten ist dies der Moment gewesen, in dem er mit Professor Moriarty abrechnete. Eine Abrechnung, die er, wie es scheint, mit dem eigenen Leben bezahlt hat. Man schreibt den Sommer des Jahres 1891, und allein die Zeitungen berichten vom tragischen „Unfalltod“ des großen Detektivs. John Watson hingegen ist wie betäubt, und erst zwei Jahre später wird er aus der Reserve gelockt, als Moriartys Bruder die Geschehnisse bei den Reichenbachfällen verfälschen will, um seinen verbrecherischen Bruder reinzuwaschen.

 

Doch wer vermag das ungläubige Staunen und die atemlose Freude zu beschreiben, als im Frühling des Jahres 1894 sich ein seltsamer weißhaariger Büchernarr in Watsons Praxis buchstäblich im Handumdrehen in niemand Geringeren verwandelt als in den lange totgeglaubten Sherlock Holmes, der offensichtlich blaß und abgemagert, aber doch bei bester Gesundheit ist? Watson jedenfalls fällt prompt in Ohnmacht, wie er bekennt, wohl das erste und einzige Mal in seinem ganzen Leben.

 

Vergleichsweise lakonisch macht Holmes seinem alten Freund klar, dass es für ihn an der Zeit gewesen sei, unterzutauchen. Aber wo um alles in der Welt er denn gesteckt habe? Wie das alles möglich gewesen sei? Dem guten Watson liegen zweifellos tausend Fragen auf der Zunge, indes, sein Freund beantwortet nur wenige davon. Dies ist es im wesentlichen, was er erklärt:

 

„...Ich reiste zwei Jahre durch Tibet, besuchte Lhasa und verbrachte ein paar Tage mit dem Groß-Lama. Vielleicht, mein lieber Watson, haben Sie von der bemerkenswerten Forschungsreise eines Norwegers namens Sigerson gelesen, aber Sie haben sicher nie vermutet, dass es sich dabei um Neuigkeiten von einem Freund handelt...“

 

Wie sollte er auch darauf kommen?

 

Obwohl John Watson noch zahlreiche der Aberhunderte Fälle des Sherlock Holmes niederschreibt, kommt er nie wieder explizit auf diese zwei fehlenden Jahre im Leben seines Freundes zu sprechen, wiewohl er zweifellos einiges mehr gewußt haben muß, als er den Lesern des Strand Magazine später Glauben machen wollte. Die Leser mußten auf den unwahrscheinlichen Zufall warten, irgendwann einmal durch irgendwen auf Informationen gestoßen zu werden, was wohl in jener Zeit genau geschehen war.

 

Der Zufall kam, als der Tibeter Jamyang Norbu im Oktober 1988 sein Manuskript zu diesem Buch in Dharamsala/Nordindien vorlegte.

 

Schon 1944 geboren, gehörte Norbu zu jener Generation von Indern, die früh mit den Eltern, wohlhabenden Händlern, nach der chinesischen Besetzung Tibet verließ. Er wuchs in Nordindien auf, ging hier zur Schule und lernte unter anderem einen Schatz kennen, von dem er vorher keine Ahnung gehabt hatte: die englische Sprache, die ihm die Werke eines Arthur Conan Doyle und, vor allen Dingen, eines Rudyard Kipling erschloß. Und so erfuhr er auf Umwegen von einem rätselhaften norwegischen Reisenden namens Sigerson, der zu einer Zeit in Tibet gewesen sein sollte, als dort der chinesische Einfluß sehr stark war und jeder Ausländer Kopf und Kragen riskierte. Lhasa selbst galt vollends als verbotene Stadt, in der seit Jahrzehnten niemand aus dem Ausland mehr willkommen gewesen war. Tibet war so abgeschieden von der Welt, als gehöre es gar nicht mehr dazu.

 

Und im Jahre 1892 sollte ein norwegischer Reisender dort gewesen sein? Schwer glaublich.

 

Doch die Mönche in Dharamsala, die 1959 mit dem Dalai Lama ins Exil geflüchtet waren... ihnen war von einer solchen Reise etwas bekannt, wenngleich auch nicht mehr viel. Es schien keine Unterlagen zu geben, jedenfalls keine zugänglichen. Allerdings entsann sich ein Mönch, in den Archiven des Dreizehnten Dalai Lama auf eine kurze Notiz gestoßen zu sein, die davon sprach, es seien in der fraglichen Zeit Reisepapiere für zwei Ausländer ausgestellt worden. Nur an den zweiten erinnerte er sich: er trug den Namen „Hari Chanda“.

 

Norbu war wie vor den Kopf geschlagen, denn dieser Name war ihm beim besten Willen nicht unbekannt – der britische Journalist Rudyard Kipling hatte diesem Mann in dem Roman „Kim“ ein fragwürdiges Denkmal gesetzt: einem Inder in britischen Kolonialdiensten, der im wesentlichen ein recht gemütlicher Spion war, sehr beleibt und etwas tollpatschig im Umgang mit Schußwaffen. In englischer Schreibweise lautete sein voller Name Hurree Chunder Mookerjee, der später Gelehrter wurde und 1928 in Darjeeling in seinem Haus, der Villa Lhasa, starb.

Der Zufall wollte es weiterhin, dass bald darauf ein Erdbeben eine Wand jenes Gebäudes beschädigte und darin eine rostige Metallbüchse zum Vorschein kam, in der sich jener Bericht befand, den Norbu nun in diesem Buch der Öffentlichkeit, mit wenigen Anmerkungen versehen, präsentiert. Jener Bericht, den der gute Hurree beim besten Willen nicht zurückhalten, aber aufgrund der Ereignisse in Tibet, an denen er teilhatte, auch nicht veröffentlichen konnte. Er hatte schließlich Sherlock Holmes sein Ehrenwort gegeben, zeit seines Lebens darüber Stillschweigen zu bewahren.

 

Nun, dies hielt er auch ein.

 

Es war an Norbu, uns Lesern dieses Werk – ergänzt um Karten und ein reiches Glossar indischer und tibetischer Begriffe sowie ausführlicher Literaturangaben zu Doyle und Kipling – zugänglich zu machen. Und dies ist das, was Hurree Chunder Mookerjee einst an der Seite des berühmten Detektivs erlebte:

 

Rudyard Kiplings Artikel im Pioneer vom 15. Juni 1891 über das „Große Spiel“ brachte unvorsichtigerweise eine ganze Abteilung des indischen Geheimdienstes zu Fall. Die Konsequenz bestand unter anderem darin, dass Hurree Chunder Mookerjee von seinem Vorgesetzten „auf Sicherheitsurlaub“ geschickt wurde – bis man ihn zurückbeordert, damit er in Bombay einen Ausländer unter die Lupe nimmt, der sich höchst verdächtig verhält – er reist nicht, wie sonstige weiße Sahibs, mit großem Gepäck, er ignoriert die Dienste Einheimischer und... der hagere, pfeiferauchende Norweger Sigerson, der über geradezu gespenstische, hellseherische Fähigkeiten zu verfügen scheint (zweifellos ist er mit Geistern im Bunde, das sieht man ja sofort, es KANN keine andere Erklärung geben!), wird seinerseits verfolgt!

 

Ist dieser Sigerson also ein Spion? Aber für wen? Oder was um alles in der Welt macht er in Indien? Zumal mit nicht viel mehr als einem Kasten, der verdächtig nach einem Geigenkasten aussieht? Warum auch trifft er sich heimlich mit Captain E. Strickland, Esq.? Und schließlich: weshalb sollte der Empfangschef eines Hotels versuchen, auf grauenhafte Weise einen Mann umzubringen, den er niemals zuvor gesehen hat – eben jenen Norweger Sigerson?

 

All das geschieht, und jählings wird Hurree in ein Geheimnis hineingezogen, das es eigentlich gar nicht geben kann. Es dreht sich um den angesehenen Colonel Sebastian Moran, um eine tödliche, nahezu lautlose Waffe, um den Roten Tod, der die Opfer zu einem dramatischen, unaufhaltsamen Sterben verdammt, und dann ist da schließlich noch der dringende Wunsch Sherlock Holmes´, das verbotene Land Tibet aufzusuchen.

 

Sowohl Strickland als auch Hurree versuchen ihn davon abzubringen, und eine Zeitlang scheint das auch wirklich zu glücken. Schließlich ist Tibet absolut verbotenes Gebiet, niemand, der kein Tibeter ist, kann dort hinein. Selbst Inder haben – wie Hurree unangenehm am eigenen Leibe erleben mußte – erhebliche Probleme!

 

Aber die Mörder sind und bleiben weiter auf Holmes´ Fersen, und Sherlock Holmes ist niemand, der sich von seinen Zielen ablenken läßt. Als schließlich auch noch eine förmliche Einladung an den großen Detektiv und seinen Begleiter und Bewacher Hurree Chunder Mookerjee ergeht, dem Dalai Lama Beistand zu leisten, kann Holmes nichts mehr zurückhalten: weder reißende Flüsse, Steinschlag, meuchelmordende Thugs, Attentäter oder chinesische Soldaten können ihn davor zurückschrecken lassen, Tibet aufzusuchen.

 

Hier aber geraten die Gefährten erst recht ins Räderwerk der großen Politik und der zum Teil wirklich übernatürlichen Intrigen. Es geht um das Rätsel des Mandalas des Dalai Lama, um einen abtrünnigen Lama, der in den Diensten Beijings steht... und schließlich führt die Fährte bis zu jenem rätselumwobenen Eispalast von Shambala, dessen Tor sich nur einmal in fünfzig Jahren öffnet...

 

Für die Leser, die vertraut sind mit den Abenteuern des berühmtesten Detektivs der viktorianischen Zeit, ist dieses Buch gleichsam eine Offenbarung. Der sehr in feine und wunderbare Details gehende Autor Jamyang Norbu erweckt die Welt des viktorianischen Indien mit einer Intensität wieder zu neuem Leben, dass man meint, die Menschen zu sehen, durch die prächtigen Gänge der Hotels zu streifen und mit Holmes und Hurree zusammen über die eisigen, felsigen Pässe des Himalaya zu reiten. Wer weiß schon, dass die Bahnabteile in Indien damals keine Zentralgänge besaßen (zum Schutz gegen Diebstahl), sondern jedes Abteil über eine Tür verfügte, die nach draußen ging? Wer weiß schon um die anatomischen Wunderlichkeiten des Hirudinea himalayaca giganticus? Und so weiter und so fort...

 

Als Tibeter bringt Norbu außerdem eine feinsinnige, tiefe Kenntnis der indischen und tibetischen Mythologie mit, die sich in vielerlei Weise bemerkbar macht, zudem noch ein ausgezeichnetes Wissen über seine Heimat und die Hauptstadt Lhasa (inklusive ein schön gestalteter Stadtplan von Lhasa aus dem Jahre 1892). Wüßte man es nicht besser, könnte man sich als Leser und als Historiker durchaus täuschen lassen, so geschickt ist das Garn von Trug und Realität gewoben worden.

 

Natürlich macht Norbu Anleihen, das ist unumgänglich.

 

Einige Anspielungen gehen offen auf den Tibetreisenden Sven Hedin zurück. Vieles weitere hat er wahrscheinlich von Rudyard Kipling entlehnt (den ich selbst nicht gelesen habe), einiges erkennbar aus Doyles Werken selbst genommen und hier geschickt eingefügt. Dennoch – die immer wieder beeindruckenden, auf reiner Beobachtung und logischem Schließen beruhenden Beweise des Sherlock Holmes entfalten auch hier ihre geradezu hypnotische Wirkung und machen einen Gutteil des Romans aus. Weiteres Vergnügen kann man aus dem Verhalten und der Innenreflexion des Ich-Erzählers Mookerjee ziehen.

 

So erhält man als Käufer des Buches ein Werk, das sich so flüssig und gefällig lesen läßt, dass man sich zwingen muß, es mal ein paar Stunden ruhen zu lassen. Der Strom der Erzählung ist zwar durchaus ein gelassener, aber doch deutlich dramatischer als in den ursprünglichen Stories des „Kanons“, den Norbu mit deutlicher Ironie als „Heilige Schriften“ bezeichnet, also jene 56 Geschichten, die Sir Arthur Conan Doyle um Sherlock Holmes schrieb.

 

Und so ist auch jener kleine Fauxpas relativ zu Beginn, der nur einem aufmerksamen Leser auffallen wird, zu verschmerzen, wiewohl er Puristen säuerlich dreinschauen lassen wird. Um was für einen Fauxpas handelt es sich? Nun, es ist ein zeitliches Problem. Es sagt nämlich Strickland im dritten Kapitel: „Wir wurden von London über den Professor [Moriarty] und seine Bande informiert. Außerdem habe ich eine recht eindrucksvolle Geschichte über die ganze Affäre im Strand Magazine gelesen.“ Da aber dort zu diesem Zeitpunkt lediglich die Berichte von John Watson über Sherlock Holmes´ Abenteuer gedruckt werden, kann sich diese Bemerkung nur auf die Geschichte „Sein letzter Fall“ beziehen. Doch schreibt Watson dort selbst: „Ich hatte mir... vorgenommen, es dabei bewenden zu lassen und den Vorfall, der vor zwei Jahren eine Lücke in mein Leben gerissen hat, welche ich heute noch in fast ungeschwächtem Maße empfinde, nicht in den Kreis meiner Darstellung zu ziehen...“

 

Aus diesen Worten geht klar hervor, dass Watson diesen Fall erst im Laufe des Jahres 1893 an die Öffentlichkeit dringen läßt. Es ist mithin unmöglich, dass die Kenntnis dieser Zusammenhänge bereits zwei Jahre zuvor nach Indien gedrungen ist. Natürlich könnte man wieder Mycroft Holmes bemühen, Sherlocks nicht minder genialen und einflußreichen Bruder... aber ich denke, das wäre unstatthaft. Man kann ihn nicht für alles verantwortlich machen.

 

Sieht man von diesem kleinen Schnitzer ab und der vielleicht etwas zu stark im letzten Fünftel des Buches bemühten metaphysischen Intervention, dann läßt sich von Norbus Werk sagen, dass es einfach ein Hochgenuß ist und zweifelsohne zu den faszinierendsten und liebenswürdigsten Sherlockiana gehört, die ich kenne. Und wer weiß, vielleicht kommt dereinst noch einmal jemand aus dem Orient oder aus Afrika, um über Sherlock Holmes´ weitere Abenteuer zu schreiben. Über welche? Ach, lassen wir doch den Meister noch einmal selbst zu Worte kommen. Denn als er aus Tibet zurückkommt, geht Holmes nicht sogleich nach London zurück, wahrhaftig nicht. Vielmehr „wanderte ich durch Persien, machte einen Abstecher nach Mekka und stattete in Khartum dem Kalifen einen kurzen, aber interessanten Besuch ab, dessen Ergebnisse ich im Foreign Office veröffentlicht habe...“ Von seinem Aufenthalt in Frankreich und seinen chemischen Experimenten dort schweige ich an dieser Stelle.

 

Es gibt nichts mehr über Sherlock Holmes zu berichten? Freunde, die ihr das glaubt, ihr habt nur die Geschichten nicht richtig gelesen – dort gilt es auch weiterhin, zwischen den Zeilen zu suchen und die Aberhunderte von Fällen und Fakten herauszulesen, die von Watson nur angedeutet wurden. Oder – in Unkenntnis ihrer Existenz – nicht mal das.

 

Sherlock Holmes´ Leben bleibt also spannend. Es lohnt eine Wiederentdeckung.